Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1895)
- Date
- 1895-01-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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beste Einvernehmen zwischen dem eingesessenen, egyptischen Volke und dem eingewanderten Stamm der Hebräer. Als aber die ursprünglich Eingewanderten gestorben und ihre bereits in Egypten geborenen zahlreichen Nachkommen an Stelle der Alten getreten waren, da trat das Bewußtsein in einem fremden Lande zu leben ganz in den Hintergrund. Im Vollgenuß aller bürgerlichen Rechte, befreundet und verbrüdert mit den Herren brs Ärnidrtz, Ergriffen sie die Mahnung der Heimgegangenen Alten nicht mehr, Egypten nicht als ihre eigentliche Heimath zu betrachten. Sie belächelten wohl die Eingezogenheit ihrer altmodischen Väter, die noch nicht wie sie, die fortgeschrittenen Jüngern, auf der Höhe der Zeit gestanden und sich daher auf die ihnen in grauer, längst überwundener Vergangenheit einmal angewiesene Provinz Gosen beschränkten. Die Schranke, welche die Weisheit der Väter gezogen, dünkte ihnen eine drückende, unnütze Feffel. Sie wollten die ihnen angebotene Freiheit voll und ganz genießen, es duldete sie nicht länger in ihrem Judenviertel, in dem exclusiven Gosen; sie regten sich, — nn*'). Der Erfolg der neuen Bewegung sprach für dieselbe. Statt einer einzigen Provinz stand nun das ganze Land der Intelligenz und Tätigkeit der neuen Generation offen. Der auf das freiwillige Ghetto bisher beschränkten Regsamkeit bot sich nun das langgestreckte Nilland als reiches, lohnendes Versuchsfeld. Die freie Entfaltung der bisher eingezwängten Kräfte erfüllte reichlich alle an sie geknüpften Erwartungen, die erhöhte Thätigkeit machte ihre Unternehmer reich und groß; auf isnr»i, folgte conseguent *m. Der Reichthum weckte das Selbstbewußtsein — ioxy»i — in der eigenen, und den — Neid in der Brust der Egypter. Sie waren reich und mächtig und machten aus ihrem Reichthum so wenig da Geheimniß wie aus ihrer Thätigkeit, mit der sie ihn erworben. Sie hatten sich ihres Reichthums nicht zu schämen; er war redich verdient, es haftete ihm kein Makel an. Ihr Vermögen — ind — vermehrte sich durch Anlage ihres Kapitals ix» *ino3 ioxjn. Aber wenn die Art und Weife ihres Erwerbs irgendwie unlauter gewesen wäre, so hätte man sich wahrlich nicht gescheut, dies ihnen vorzuhalten. So aber erhob man, als es sich später um Ausnahmsgesetze gegen die Hebräer handelte, nicht etwa einen Vorwurf gegen den Erwerb, sondern gegen den Besitz ihres ReichthumS. Der damals schon alte verleumderische Vorwurf, den der König der Philister bereits Jsak entgegengeschleudert hatte: „die Juden saugen das Land aus;" „geh von uns fort, du bist von uns reich geworden (1. B. M, Cap. 26, V. 16), wurde von den Egyptern adoptirt. DaS Losungswort zur ersten Verfügung des israelitischen Volkes lautete: .1)00 mryn 21 »43 *9 N4N „Seht, das Judenvolk ist von uns so groß und reich gewogen!" Nicht weil sie es verdienten, sondern well sie verdienten, haßte man damals schon die Juden. Selten hat sich vielleicht je das Verlassen der eingefallenen Weise schwerer gerächt, als an der ersten in Egypten geborenen jüdischen Generation. Deßhalb mußte der Erlöser zuerst das muthwillig zerrissene Band mit den Alten aufs neue knöpfen, und der war der wahre Erlöser, der die verkannten Alten wieder in ihr Recht einsetzt. Sie griff er zuerst heraus, und nur von ihrer Mitwirkung versprach er sich einen Erfolg für sein Erlösungswerk. Brauchen wir die Parallele für uns und unsere Zeit erst noch auszuführen? Schon eine zweite und fast eine dritte Generation wächst in dem verhängnisvollen Irrwahn heran, als müßten wir mit unfern Altvordern brechen, um volle bürgerliche und politische Freiheit zu erlangen. Sich von unseren großen Altvordern emancipirt und sie überwunden und als antiquirt zu erklären, das war der Lockruf, mit welchem die falschen, neuen Mesiasse unserer Zeit die Erlösung und Befreiung von allem Wahn und Vorurtheil mit kecker Sicherheit verkündeten. Und wie haben sie sich verrechnet! In ihrer frivolen Vermessenheit hatten sie die Stirne das ganze alte, einzige, historische Judenthum für abgesetzt zu erklären und ein funkelnagelneues Salon-Judenthum an seine Stelle zu setzen! Reform-Judenthum nannten sie ihre Modereligion und köderten die Masse durch die trügerische Vorspiegelung, wenn erst unsere Gotteshäuser durch außerjüdische Culte entweiht, wenn unser Familienleben erst entgeistigt und entgöttltcht, wenn unserer Jugend erst die Geringschätzung der Alten und ihrer Weisheit eingeimpft sei, dann würden alle Schranken und Scheidewände fallen, welche heute noch Juden und Nichtjuden trennen! Wie haben sie sich kläglich verrechnet! Sie haben die Erlösung uns nicht nur nicht gebracht, sondern sie selber sind das eigentliche Stichblatt des Judenhaffes derart geworden, daß sich Niemand mehr als Reformjude zu bekennen wagt, und von dem ganzen einst so pathetisch verkündeten Reformjudenthum sprechen heute nur noch die Antisemiten, als der einzigen fadenscheinigen Verbrämung für ihren blinden Judenhaß. Daß die Abdekretirung unserer großen Altvordern uns die Erlösung nicht bringt, das hat unsere Zeit bewiesen. DaS ist einer der I wenigen Lichtpunkte, die selbst unserer trüben Gegenwart nicht fehlen. Jede neue Erfahrung, jedes neuen Tages bestätigt auch für unsere Zeit