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Der Israelit · 1895-01-07 · Heft 2 (7.1.1895) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 2 (7.1.1895)
Date
1895-01-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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27 Das freie, burschikose Auftreten des jungen Mannes berührte den Freiherrn unangenehm. Ein bescheidenes Wesen hätte er lieber an ihm gesehen. „Nehmen Sie vorerst Platz, Herr Doctor," sagte der Freiherr in seiner höflich seinen, verbindlichen Weise. „Nennen Sie mich nicht Doctor," entgegnete Willy laut, „nennen Sie mich Willy und „Du" wie früher." „Lassen wir cs bitte bei meiner Anrede. Ich bin erstaunt, wie Sie sich in der Z?lt, in der ich Sie nicht gesehen, körperlich entwickelt haben. Ich habe von Ihrem Herrn Papa den Auftrag erhalten, mich einmal nach Ihnen umzusehen, da Sie so selten etwas von sich hören lassen." Willy erröthete, als er den Blick des Freiherrn forschend auf sich gerichtet sah und zögerte kurz, ehe er antwortete. „Mein Studium," sagte er dann, „läßt mir so wenig Zeit zur Privatcorrespondenz. „Der Ausdruck scheint Ew. Excellenz nicht zu gefallen, also sagen wir statt desselben: für Familienbriefe." „So viel Zeit findet ein braver Sohn immer, um die Eltern von seinem Ergehen zu benachrichtigen." „Excellenz mögen Recht haben, und ich wage nicht zu widersprechen." „Nun, weßhalb finden Sie nicht Zeit, an die Eltern zu schreibend" „Mein Brief würde meine Eltern nicht erreichen, und Herrn Dr. Pretorius nebst Familie, von denen Ew. Excellenz wohl sprechen, habe ich so oft geschrieben, so oft mich mein Herz dazu aufforderte." Der Freiherr sprang bet diesen Worten auf und lief erregt im Zimmer hin und her. Standen die Sachen so? Dann waren ja die Befürchtungen, die er dem Anwalt gegen die Adoption eines fremden Kindes geäußert hatte, noch früher eingetreten als man hätte erwarten sollen! Aber was war vorgefallend Er wollte hören, ob vielleicht ein Mißverständniß oder sonst ein unerwartetes Ereigniß die Harmonie zwischen dem Studenten und seinen Pflegeeltern gestört habe. Er sagte deßhalb in merklich kühlerem Tone: „Ich meine, Herr Dr. Pretorius und seine Frau hätten wie Eltern an Ihnen gehandelt und dürften die Liebe und Hochachtung von Ihnen beanspruchen, die ein Kind seinen Eltern schuldet." „Wie man's nehmen will. Die Sache hat, wie jede andere, ihre zwei Seiten und —" „Nein, mein Herr," sagte erregt der Freiherr; „für mich wie für jeden anderen Menscheu von Gefühl hat diese Sache rur eine Sette. Sie schulden meinen Freunden, Ihren Eltern unbegrenzte Dankbarkeit für all die Liebe und Güte, mit welcher dieselben Sie in Ihrer Kindheit umgaben." „Es mag wohl sein, daß ein Gefühlsmensch so denken wird; aber ich bin eine praktische Natur und bin Jurist; das hält mich von jeder Gefühlsduselei fern." „So verdienen Sie sich Ihren Unterhalt wohl schon selbst d" „Nein, Excellenz; noch erhalte ich meine Monatswechsel von Herrn Dr. Pretorius und werde von demselben so lange sorgenlos gestellt werden hinsichtlich meiner Einkünfte, bis ich auf eigenen Füßen stehen kann." „Ei, ei und Sie halten es mit Ihren Grundsätzen vereinbar, sich noch weiter von meinem Freunde ernähren zu lassend" „Warum nicht d Das sind ja doch nur die Consequenzen seiner Handlungen; wer A gesagt bat, muß auch B sagen. Hätte er mich in der Sphäre, in der ich geboren wurde, gelassen, so hätte er jetzt nicht nöthig —" „Mir deucht, mein Herr," unterbrach ihn der Freiherr unwillig, „wir schließen unsere unerquickliche Unterhaltung. Ich weiß ja jetzt, was ich Ihrem Herrn Papa zu berichten habe." Der Freiherr machte eine steife Verbeugung vor Willy und ging in das Nebenzimmer. Willy war entlassen. Er war wüthend über die Art und Weise des Fretherrn und stürmte aus der Wohnung auf die Straße. Der Freiherr hatte ihn tödtlich beleidigt und er wollte ihn zur Rechenschaft ziehen, wollte ihn zum Zweikampf fordern auf Tod und Leben. * * In dem Hause des Anwaltes hatte stch im Laufe der Zeit vieles verändert. Anny war zur jungen Dame herangewachsen und entzückte durch ihre Schönheit, ihr liebenswürdiges Wesen und ihren Geist alle, mit denen sie verkehrte. Sie besaß eine feine Bildung, seltenes Wissen und war eine Künstlerin auf dem Piano. Wenn sie in traulicher Dämmerstunde ihrer Phantasie auf dem Klavier freien Lauf ließ, so hörten die kunstverständigen Eltern gerne zu und träumten stch oft zurück in die eigene Jugendzeit. Eine besondere Gabe hatte Anny, und das war die, die alten Synagogalgesänge nach dem Gehöre spielen zu können und es klang jedesmal anheimelnd, traulich, wenn ihre Phantasie in eine solche Melodie überging und sie mit ihrer hübschen Altstimme der Melodie die Worte verlieh, die in der Synagoge nach dieser Weise gesungen werden. Dann traten den Eltern oft die Thränen in die Augen und sie weinten und

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