Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1895)
- Date
- 1895-01-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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f&VPF '■3TJ 26 btflcn Einschränkungen und Bedrückungen der Juden dem Handel und der Industrie des Landes tiefe Wunden geschlagen haben, wie Moskau, Petersburg, Kiew, Charkow und die anderen großen Handelscentren in ihrem Wohlstände zurückgehen, seit man überall angefangen hat, die Juden, die sich auf diesen Gebieten als ein überaus nützliches Element bewährt haben, zurückzudrängen. Die Personen welche es fertig gebracht haben, aus Moskau, Riga u. s. w. Tausende von Juden nach dem „jüdischen Ansiedlungsrayon abzuschieben", waren sich wohl bewußt, daß die Klagen der hier geschädigten russischen Bevölkerung nicht bis zu den Stufen des Thrones gelangen würden. Man ging deshalb achtlos darüber hinweg, daß der ganze russische Süden, der Kaukasus, die Krim, Polen die Judenpolitik mit sehr bitteren Gefühlen verfolgte, und fühlte sich vollständig dadurch gedeckt, daß auch die Commisston in Petersburg, welche zur Regelung der Judenfrage eingesetzt war, immer noch weitere Maßregeln zur Einschränkung der Juden plante. Die Arbeiten der Commission waren immer sehr einseitig, und man hörte nichtdavon, daß dieselbe wirkliche Kenner des jüdischen Volkes und des jüdischen Lebens zu Rathe gezogen hatte. Dem Blicke Nikolaus' II. sind alle diese Erscheinungen nicht entgangen, und wenn auch die Abstellung aller Mißstände, welche die bisherige Judenpolitik gezeitigt hat, ein sehr schwieriges Unternehmen ist, so ist doch nicht zu zweifeln, daß der neue Czar vor keinen Schwierigkeiten zurückschreckt, wenn es sich darum handelt, auszuführen, was er den Jntereffen des Landes für zuträglich hält. Die hohe Finanzwelt, welche es stets mit Bedauern gesehen hat, daß Rußland durch seine Judenpolitik die eigenen Interessen des Landes schädigt, scheint ebenfalls der Ansicht zu sein, daß gewisse Garantien für eine nahe bevorstehende Aenderung dieser Politik vorliegen. So erklärt sich auch das ganz außerordentliche Interesse, das allgemein der neuen russischen Anleihe entgegengebracht wird, in der Ueberzeugung, daß die Kräfte des Staates merklich wachsen müssen, wenn die neue Politik einige Millionen zufriedener und glücklicher Unterthanen mehr schafft und diesen die Möglichkeit gibt, an der Entwicklung des Landes thätigen Antheil zu nehmen. > Vermischtes. < Dr. Böckel in Marburg hat zu Weihnachten, wie die „%t. Z'gberichtet, einige Wagen voll antisemitischer Broschüren und Flugblätter an einen jüdischen Papierhändler als Maculatur zum Einstampfen verkauft. Herr Dr. Rahmer in Magdeburg zeigt per Circular an, daß seine „Israelitische Wochenschrift, Allgemeine Zeitung des Judenthums" zu erscheinen aufhört. Mannheim, 24. Dez. Die hiesige israelitische Gemeinde hat Herrn Dr. Ludwig Rosenthal, bisher Prediger in Spandau, zum Rabbiner an der Klaussynagoge ernannt- Herr Dr. R. ist Schüler des Berliner Rabbiner-Seminars. Dem Rabbiner WittelShöfer, früher in Floß, jetzt in Fürth, B., wurde vom Ministerium gestattet, sein Rabbinat von Fürth aus zu verwalten. Aus Belbert wird berichtet: Ein nicht stark genug zu rügendes Vorkommniß, welches in diesen Tagen von einer Anzahl halbwüchsiger Burschen bei Gelegenheit der Beerdigung der Wittwe I. Isaak auf dem israelitischen Friedhofe verübt worden ist, haben wir leider heut zu verzeichnen. AlS sich der Leichenkondukt dem Friedhof näherte, wurden von den erwähnten Burschen mehrfach höhnende Zurufe, wie „Jud. hep, hep!" ausgestoßen. Einer der Burschen, auf einem Baum sitzend, that sich besonders hervor, indem er den amtirenden Rabbiner bei der Grabrede öfters durch Zurufe unterbrach und auch auf einer Mundharmonika spielte. Die Ermahnungen Erwachsener, sich ruhig zu verhalten, fruchteten nichts. Die Entrüstung über dieses Vorkommniß ist unter der Bürgerschaft allgemein. Die Namen einiger Hauptübelthäter sind bereit; ermittelt, die Sache auch zur Anzeige gebracht, und werden die rüden Burschen wohl mit einer exemplarischen Strafe belegt werden. — In einem Rundschreiben an die Landesämter hat die Regierung zu Wiesbaden mitgetheilt, daß sie zur Beseitigung der Beschwerde israelit scher Lehrer wegen verweigerter oder ungenügender Gehaltsauszahlung beim Ausscheiden aus einer Stelle künftig nur solch: Verträge mit Lehrern genehmigen werde, welche die ausdrückliche Bestimmung enthalten, daß das Gehalt in halb- oder vierteljährlichen Raten vorausbezahlt wird. Von den 16,500 Mark, welche für das Rechnungsjahr 1894/95 durch den Provinzialausschuh der Provinz Hannover für das jüdische Schul- und Synagogenwesen ausgeworfen wurden, haben das Lehrerseminar zu Hannover 7500 Mark, die einzelnen Synag-Gemeinden 6i77.50 Mark und die im Amte befindlichen Lehrer 2722.50 Mark Unterstützungen resp. Dienstalterszulagen erhalten. ("1) Wien, 26. Dez. Gemäß dem Testamente seines verstorbenen Vaters, das die Clausel enthält, falls seine Enkel zum Christenthume übertreten sollten, so habe er für hiesige wohlthatige Institute eme Million Gulden zu spenden, sollte nun Baron Hermann Königswarter. mit dem gleichzeitig auch dessen Sohn Armin die Taufe empfangen hat, diesen Betrag den Armen widmen. Der Baron weigert sich jedoch entschieden dies zu thun, indem er sich darauf beruft, daß es im Testamente seines sel. VaterS ausdrücklich heißt. „Wenn sein Enkel übertreten sollte". Dieser sei aber gar nicht übergetreten, da er doch noch ein kleines Kind von sechs Jahren ist, nur sein Vater habe ihn taufen lassen, und finde daher genannte Clausel auf ihn keine Anwendung. Die Angelegenheit wird daher jetzt vor's Gericht kommen, damit es darüber entscheide, ob hier der Wortlaut des Testaments oder dessen Geist maßgebend sei. Jedenfalls werden die Armen noch lange auf die Auszahlung der Million warten müssen. Herr Max Friedmann, Vo-steher der isr. Cultusgemeinde in Tavolcsan (Ungarn) hat 20 Schüler und Talmudjünger der min ’p’iriD und cninn rn'17' auf eigne Kosten mit Winteranzügm versehen. M. G. Feuilleton. Uur eine Tochter? Erzählung von H. Berger. 8.) (Alle Rechte Vorbehalten. Am folgenden Tage zur festgesetzten Stunde erschien Willy bei dem Freiherrn. Dieser war erstaunt, als sich der junge Mann ihm vor stellte, denn aus dem engbrüstigen Knaben, aus dem schwächlichen Jüngling war ein großer, starker Mann geworden, der mit Selbstbewußtsein auftrat und keiner Aufsicht, keiner Führung und Leitung mehr bedurfte. „Sie haben mich zu sich beschieden, Excellenz," sagte er, nachdem er sich vorgestellt hatte. „Ich leiste Ihrer freundlichen Einladung Folge und stelle mich Ihnen zur Verfügung. Womit kann ich Ihnen dienen, was wünschen Sie von mir?"