Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-01-07 · Heft 2 (7.1.1895) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 2 (7.1.1895)
Date
1895-01-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448562--39967-2488858
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

25 Persönlichkeiten, wie eS Ihren Lesern erinnerlich sein wird, in vielen Fällen sehr ehrend ausgezeichnet. Also Rubin ist auch eine alte conservative Gemeinde und wird dem gelehrten strebsamen Rabbiner ein dankbares Feld zur weiteren segensreichen Thätigkeit bieten. In Bistritz und Umgebung wird jedenfalls der Abgang des Herrn Rabbiners Horovitz sehr bedauert werden. England. London, 29. Dezember. Der Jewish Chronicle" läßt sich, wie bereits kurz gemeldet, von seinem St. Petersburger Berichterstatter über die Ansichten der höchsten russischen Kreise bezüglich der geplanten Befferung der Lage der russischen Juden aufklären. Der Berichterstatter schreibt: „Ich bin überzeugt davon, daß im Augenblick eine höchst günstige Stimmung in der Umgebung des Zaren herrscht. In der That versicherten mich Persönlichkeiten, die einen hohen gesellschaftlichen Rang bekleiden und bedeutenden politischen Einfluß besitzen, daß eine „starke Agitation" in einflußreichen Kreisen besteht, um die die Juden drückenden Beschränkungen aufzuheben. Mein Bekannter sprach aber voller Bitterkeit über die Londoner Entrüstungsversammlungen. Diese haben der Sache der Juden in Rußland mehr geschadet, als alle antisemitischen Hetzereien zusammengenommen. Die Juden im westlichen Europa sollten etwas mehr Geduld entfalten. Sie sollten etwas mehr Vertrauen zu den guten Absichten der russischen Regierung hegen. Sie werden finden, daß diese sich ebenso darnach sehnt, die berechtigten Wünsche ihrer Glaubensgenossen zu erfüllen. In der That wurde schon im letzten Jahre der geheime Befehl ertheilt, die strenge Handhabung gewisser Gesetze zu mildern, und jetzt sollen die Konzessionen noch weiter gehen. Wir wollen weiter gehen, als nur den Juden gleiche Rechte wie ihren russischen Mitbürgern zu verleihen. Wir wollen sie achtungswerth machen und ihre Wohlfahrt heben. Die Frage ist eine riesige. Ein bloßer Ukas über Gleichberechtigung würde nichts nützen. Gegenwärtig wünscht Jeder, daß der Anfang gemacht wird." Frankreich. Paris, 1. Januar. Die Pariser Antisemiten haben unter Führung ihres Häuptlings Marquis de Moräs am Samstag im Arbeiterviertel La Billette ein antisemitisches Meeting abgehalten, welches sich aus zweitausend ^^rantzaio äs Graues« oder Vollblutfranzosen zusammenfktzte. Eine von diesen Zweitausend angenommene an Casimir-Perier gerichtete Entschließung verlangt, daß die Regierung 1) die Prägung des Silbers fretgebe; 2) daß sie die Bestimmungen aushebe, welche die französische Handelsmarine durch Begünstigung der fremden Flagge töte: 3) daß in Algerien und in Africa überhaupt Frankreich mit dem Islam Hand in Hand gehe; 4) daß die Söhne Abdel-Kaders nach Algerien heimkehren dürfen; 5) daß das „Anonymat für Grundbesitz" nicht länger geduldet werde; 6) daß den Juden das französische Bürgerrecht, dessen sie sich unwürdig gezeigt hätten, entzogen werde. Von der Errichtung staatlich subventionirter Scheiterhaufen wird vorderhand noch abgesehen, fügt die Straß. Post hinzu. Türkei. B. Korrstantirropel, 10. Dezember. In Anwesenheit des Sultans und seines HofeS wird in den nächsten Tagen hier ein seltenes religiöses Fest stattfinden. Bekanntlich hat unser menschenfreundlicher Herrscher n"T vor einigen Jahren gelobt, in der Nähe seines Palastes ein Asyl für alle gebrechliche Greise ohne Unterschied der Nationalität und Confessio» errichten zu lassen, in welchem dieselben nicht nur gänzlich versorgt, sondern auch streng rituell verpflegt werden sollen. Das Asyl soll zugleich auch drei Gotteshäuser, ein mohamedanisches, ein christliches und ein israelitisches erhalten, so daß die Insassen dieses Asyls Gott nach den Vorschriften ihrer Religion verehren werden können. Der Bau dieses Asyls ist nun vollendet und wird es nächster Tage schon seiner humanen Bestimmung übergeben werden. Zahlreiche arme und kränkliche Israeliten freuen sich darauf, daß sie in ihren alten Tagen von den Lebenssorgen befreit sein werden. Rußland. Petersburg, 18. Dezember. Die „Judenfrage", welche bisher nur aufgerollt wurde, wenn es galt, neue Beschränkungen gegen die russischen Unterthanen jüdischen Glaubens einzuführen, kommt anscheinend wieder in Fluß, aber in einem ganz andern Sinne als bisher. Diese Empfindung hat sich auch bereits der administrativen Kreise bemächtigt, für welche der Erlaß deS Ministers des Innern, daß die schon verfügte Ausweisung aller Juden, welche näher als 50 Werst zur Grenze leben, zu ststiren sei, ein sehr deutlicher Fingerzeig gewesen ist. Schon damit ist außerordentlich viel gewonnen. An und für sich sind schon die Gesetze, welche den Juden den Aufenthalt in bestimmten Theilen des Reiches verbieten, welche ihnen gewisse ErwerbSzweige entweder ganz verschließen oder nur unter sehr erschwerenden Bedingungen offnen, schlimm genug, aber noch schlimmer als alle diese Gesetze war die Kunst, mit der die Gesetzesbestimmungen von den unteren Verwaltungsorganen interpretirt wurden. Diese unteren Verwaltungsorgane, welche in der Ueberzeugung lebten, daß die Centralregierung stark judenfeindlich gesinnt sei, kamen schließlich zu der Ansicht, daß gegen den Juden Alles erlaubt sei, und so hat oft genug die ganze Existenz vieler jüdischen Familien von der Willkür^eineS kleinen Polizei-Beamten abgehangen. Nunmehr hat sich das Gottlob geändert. Heute ist e» möglich, dem Czar ein wahres Bild davon zu entrollen, wie die bestän-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.