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Der Israelit · 1895-01-03 · Heft 1 (3.1.1895) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 1 (3.1.1895)
Date
1895-01-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXTI. Jahrgang. Erste Seilage M M 1 des „Israelit". Leitender Artikel. Der Antiskwillsmus in Oesterreich im Zayre 1894. Wien, 3i. Dezember. Das Musterland nach dem Geschmacke der antisemitischen Internationale war im Jahre 1894 leider unser Vaterland. Auf österreichischem Booen konnte sie sich ausbreiten und oft, ohne erst Widerstand bewältigen zu müssen, wichtige Positionen einnehmen. Diese Erfolge verdankte sie nicht so sehr ihrer eigenen Wirksamkeit und Entschlossenheit, als vielmehr besonderen Umständen, die ibren Eroberungszug begünstigten. Der eigentliche Werth der antisemitischen Internationale zeigte sich auch bei uns im öffentlichen Liben, im Parlamente und namentlich im Gerichtssaale. Wir sahen, daß der Racenhaß selbst vor solchen Humanitären Einrichtungen, wie es die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft ist, nicht Halt machte, vernahmen in der Volksvertretung Reden und Anfragen, welche nur von der Absicht geleitet waren, Partetgegner zu verunglimpfen und zu schädigen, und schließlich lernten wir einige Kämpfer gegen die semitisch-liberale Corruptton und für die arisch-christliche Ehrlichkeit näher kennen, als sie dem Richter Rede und Antwort stehen mußten. Ob es diesen Vertretern der antisemitischen Internationale übel erging und sie im Criminal als „Opfer des römischen Rechtes" verbleiben mußten, oder ob sie, wie der von den Geschwornen in Korneuburg zur freudigen Ueberraschung seiner anmuthsvollen Wirthschafterin freigesprochene Pfarrer von Schrick, das Gerichtsgebäude unter Ovationen verließen — für die Beurtheilung ihrer Grundsätze und die Weise, in welcher sie dieselben zur Durchführung bringen, kann Mißgeschick oder unerwartetes Glück keinen Unterschied bilden. Man weiß es nun genau, sagt das „Freie Blatt", dem wir diese Betrachtung entnehmen, was von so manchen auf der Parlamentstribüne mit eherner Stirne vorgcbrachten Beschuldigungen zu halten ist; die Geider und Scherzer sowie ihre Beweggründe kennt Jedermann, der auch nur einigermaßen den Vorgängen im an.isemittschen Lager Beachtung schenkt. Wenn trotzdem die Antisemiten bei Wahlkämpfen siegen, so ist dies zumeist nicht nur auf die beklagenswerthe Lässigkeit der Liberalen, sondern in noch höherem Grade auf die geheime Unterstützung jener „Conservativen" zurückzuführen , welche, ängstlich bedacht auf die Wahrung ihres Besitzstandes, in der antisemitischen Bewegung, so sehr sie ihnen in vielen Punkten mißfällt, eine Garantie für die Sicherstellung reactionärer Pläne erblicken. Ungeachtet der Eoalttion ist nur zu häufig zwischen der Sprache des „Deutschen Volksblattes" und jener, welche das „Vaterland" führt, nicht der geringste Unterschied wahrzunehmen. Die fürstblschöflichen Consistorten in Lmz und Graz wehren sich zwar gegen antisemitische Einbrüche in jene Territorien, welche sie nach wie vor ausschließlich beherrschen zu können glauben, aber gegenüber den Angriffen antisemitischer Strettschaaren auf die Liberalen beobachten die „conservatwen" Coalittonsgenossen höchstens wohlwollende Neutralität. In einzelnen Fällen sind auch die sich christlich geberdenden Antisemitenhäupltnge mächtig genug, die Thetlnahme kirchlicher Würdenträger an ihren Actionen zu erzwingen. Nrcht aus freien Stücken scheint die Kirche die Bewilligung zur Verherrlichung der Lueger-Feier ertheilt zu haben, und bei dem N ederösterreichischen Katholikentage machten Kirchenfürsten und fromme Aristokraten sicherlich nur gute Miene zum bösen Spiel. Zeitungsnachrichten und Correspondenzeu. Deutschland. Berlin, im Dezember. Zu einer großen Versammlung hatte der Vorstand dcs Centralvereins für die Interessen der jüdischen Gemeinde seine Mitglieder in den Saal des Vereins junger Kaufleute eingeladen. Auf der Tagesordnung standen: 1. Antrag, hervorgegangen aus der gemeinschaftlichen Berathung sämmtlicher Bezirksvorstände. 2. Bericht über den Etat und die unter Aufsicht des Gemeindevorstands stehenden Institutionen. 3. Gemeinde- Angelegenheiten und Diskussion. Nachdem die Versammlung eröffnet worden und das Protokoll zur Verlesung gebracht worden war, erthetlte der Vorsitzende Jul. Oppenheim dem Antragsteller Herrn Sega! zur Begründung des Antrags das Wort. Segal, welcher den Antrag eingebracht hatte, der Vorstand dcs Centralvereins möge an den Vorstand der Gemeinde die Petition richten, die bestehenden kleineren Reltgtonsgesellschaften und noch zu bildenden kleineren Reltgionsgemeinden ausreichend zu unterstützen, morivtrte diesen Antrag mit dem Mangel an Synagogen. Die Feiertage lieferten den Beweis für die Nothwendigkeit derselben, er wolle auf das Unwürdige der zu den Feiertagen in Ball-Sälen arrangtrten Gottesdienste nicht ausführlich eingehen, es empöre aber sein religiöses Gefühl, zur heiligsten Zeit des Jahres in einem Saal die Andacht verrichten zu müffen, in welchem vorher und später der

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