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Der Israelit · 1895-01-03 · Heft 1 (3.1.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 1 (3.1.1895)
Date
1895-01-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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7 Nach einiger Zeit erhob er sich, trat zu dem am Fenster stehenden Vater und sagte: „Vergib mir, Vater, ich habe vielleicht Unrecht gethau. Ich will versuchen, mich in die neuen Verhältnisse zu finden, um dankbar zu sein." Dann ersatzte er die Hand deS edlen Mannes, drückte einen heißen Kuß darauf und eilte fort. Der Anwalt sah ihm betrübt nach und betete: „O, Herr Vater aller Waisen, lehr' ihn Deine Wege erkennen, daß er Gnade finde vor Deinen Augen." Der Abschied von der Mutter und der Schwester war für Willy auch nicht leicht, schweren Herzens saß er in dem Zuge, der ihn in rasender Eile der Reichshauptstadt entgegenführte. * ch * Herr von Gilsa saß in dem luxuriös ausgestatteten Wohnzimmer seiner prachtvollen Junggesellenwohnung in der Leipzigerstraße in Berlin und sah die Tagesblätter durch. Er hatte sein Domizil nach der Reichshauptstadt verlegt, weil ste nach seiner Ansicht das Centrum des geistigen und wissenschaftlichen Lebens der deutschen Nation geworden war, von dem entfernt, er nicht leben wollte. Hier fand sein reger, rastlos strebender Geist genügend Anregung zu freier, wissenschaftlicher Thätigkett, hier fand er das Material für seine Studien ohne große Mühe beisammen, und konnte seinen Umgang wählen. Seine Abkunft und seine Stellung öffneten ihm die besten und exlufivsten Kreise, aber er lebte sich und seinen^Liebhabereien und hatte sehr wenig Verkehr. Eine alte treue Haushälterin und ein erprobter Diener bildeten das ganze Personal, welches mit ihm die große prachtvolle Etage in der Leipzigerstraße bewohnte. Herr v. Gilsa ist von der Lektüre der Zeitungen nicht besonders erbaut, denn ärgerlich wirft er dieselbe beiseite und sagt: „Es muß eine epidemische Geisteskrankheit unter den Menschen jetzt grasfiren, sonst könnte ich mir den Antisemitismus, diesen Auswuchs der Cultnr unserer Zeit, nicht erklären. Und daß gerade die Thierschutzvereine sich zum Träger dieser Krankheit machen, ist eigentlich eine Ironie des Schicksals. Sachsen, die freie Schweiz haben sich zu Handlangern der Antisemiten gebrauchen lassen, haben ein Schächtverbot erlassen, das deutsche Reich soll sich mit der Prüfung der Geheimgesetze der Juden befassen — ha, ha, ha, man könnte darüber lachen, wenn es nicht so furchtbar ernst wäre." Hier wurde der Freiherr unterbrochen. Der Diener trat ein und brachte auf einem silbernen Servirbrette die mit der Post gekommenen Briefschaften. Der Freiherr ließ ste einzeln durch .die Finger gleiten und legte sie dann uneröffnet zur Seite. Sie mochten nichts Interessantes enthalten. Jetzt hielt er jedoch einen Brief in der Hand, las den Namen des Absenders und schob das silberne Paptermesser in das Couvert und öffnete es, indem er sagte: „Von Dr. Pretortus; das ist ein seltenes Ereignitz und ich bin begierig zu erfahren, welcher Veranlassung ich diese Epistel verdanke." Er zog den Brief aus dem Couvert, setzte siin Pince-nez zurecht und begann zu lesen. Je weiter er las, um so ernster wurde seine Miene. Er las den Brief zum zweiten Male, er las ihn ein drittes Mal, schüttelte sein Haupt und sagte: „Was ich befürchtet habe, scheint einaetreten zu jein. Es ist eine Dummheit, wenn ein Ehepaar selbst keine Kinder hat, fremde Kinder zu adoptireu. Das sind immer Kuckukseter, die man sich ins eigene Nest legt. Man schafft sich Aergcr und Verdruß an fremden Kindern, da einem die eigenen nicht genug bereiten. Der Willy schien freilich eine Ausnahme zu machen. Zwei Jahre schon studtrt er hier und hat noch nicht Zeit gefunden, mich, den Freund seiner Pflegeeltern auszusuchen. Auch zu Hause ist er zu dieser Zeit noch nicht gewesen und gibt nur dürftige Nachrichten über sich. Hat eine Preisaufgabe de: Fakultät gelöst und den voetor honoris cansa erhalten. Freund Pretortus ist um seinen Pflegesohn in Bezug auf Moral und Religion besorgt, hat von einigen hiesigen mit ihm befreundeten Glaubensgenossen in dieser Beziehung beunruhigende Nachrichten erhalten; seine väterlichen Ermahnungen und die seiner hies. isr. Freunde haben nichts gefruchtet, und nun wünscht er meine Intervention, von mir einem Christen, der aus dem positiven Standpunkte seiner Religion steht; vielleicht würden meine Worte, als von unbethetligter und daher unparteiischer Seite kommend, einen guten Erfolg erzielen und den Herrn Studenten zu seiner religiösen Pflicht zurückrufen. Ich möchte das sehr bezweifeln; aber ich will um meines Freundes Willen den Versuch machen. Ich soll ihn einmal aufsuchen und nach dem Rechten sehen. Nun, vorerst soll der junge Mann seine Antrittsvisite bei mir machen, dann wollen wir sehen, warum er den besorgten Alten so selten schreibt und sie so selten besucht." Er nahm eine mit der freiherrlichen Krone geschmückte Karte, schrieb darauf eine Einladung für den folgenden Mittag und adressirte dieselbe an die ihm von dem Anwalt angegebene Adresse Willys. Willy wohnte bei einer Offizierswittwe in der Rosenthalerftratze. Die Wittwe und ihre beiden bildhübschen Töchter hatten es verstanden, ihm seine Bude angenehm zu machen,^.so daß er, als er mit dem Zwiespalt in seiner Seele dort ankam,

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