Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1895)
- Date
- 1895-01-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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6 den bekannten Zwecken des Vereins dienen soll, erforderliche Kapital bereits vorhanden sei. Die Kosten für das Gebäude find auf 140.000 Schilling festgesetzt. Von bekannten Wohlthätern find zu diesem Zwecke größere Summen gespendet worden. So gab Herr Raphael 30.000 Schilling, Makotto 10,000, Lord Rothschild 5000 u. s. w. Amerika. Avenue C, Ecke der Achten Straße, in New- Dork wohnt der ehemalige Metzger Mayer der vor vielen Jahren au8 Deutschland eingewandert ist. Der Patriarch ist hundert und drei Jahre alt. Vorletzten Sonntag hatte er die Gevatterschaft bet seinem achttägigen Urenkel. Er ißt, trinkt, schläft, geht und spricht wie ein kräftiger Achtziger. vermischtes. Eger. Der hiesige Turnverein besteht seit ca. 25 Jahren, die achtbarsten jüdischen Einwohner gehören seit dessen Bestand demselben an und hat sich der Verein bis vor kurzer Zeit nur dem Turnen gewidmet und von jeder politischen oder religiösen Parteistellung ferne gehalten. Bor einiger Zeit jedoch wurden etliche junge und ältere Leute in den Turnrath gewählt, die unter dem Einfluffe der Wiener Antisemitenführer stehen und die es dahin brachten, daß in den letzten Monaten die jüdischen Bewerber, worunter sich hochachtbare, intelligente Leute befanden, nicht mehr in dem Turnverein ausgenommen wurden. Um diesem Vorgehen den Schein der Legalität zu verleihen, wurde vorgeschlagen, daß der Turnverein aus dem Oberegerer Gauverbande austrete und dem Egerländer Gauverbande, zu welchem die Turnvereine Asch, Roßbach und Haslau gehören und deren Satzungen die Bestimmung enthalten, daß Juden nicht ausgenommen werden, beitrete. Bei der hiezu abgehaltenen Generalversammlung hatten die Antisemiten alle ihre Streitkräfte aufgeboten, während die Liberalen nur 25 Mann stark vertreten waren. Bei der Abstimmung wurde der Antrag auf Aenderung der Statuten angenommen. Daraufhin legte Landtagsabgeordneter Dr. Schücker sofort seine Stelle als Turnrath nieder, ihm folgten Herr Dr. Ernst und Gasdirector Moll, welch Letzterer seit 25 Jahren die Stelle des Sprechwarts im Turnverein bekleidete und dem man erst vor wenigen Monaten wegen seiner Verdienste um den Verein Ovationen brachte. Aerri l l e ton. Uur eine Tochter? Erzählung von H. Berger. 7.) (Alle Rechte Vorbehalten. Der Mutter und der Schwester kam das Benehmen Willys etwas etgenthümlich vor. Sie wußten keinen Grund und fanden keine Erklärung für dasselbe. Der Vater forderte endlich Willy auf, noch einmal mit ihm auf sein Arbeitszimmer zu gehen, und verließ, von Willy begleitet, den Saal. In seinem Arbeitszimmer angekommen *) Neu eingetretene Abonnenten erhalten die Anfänge dieser Erzählung auf Wunsch gratis und franco zugesandt. machte der Anwalt seinem Sohne Borwürfe über sein Benehmen und fragte ihn, weshalb dieses so sonderbar sei. „Ach," entgegegnete Willy, „Du hast mich gestern Abend aus meinem Himmel herabgestürzt, hast mir die Eltern mit einem Worte geraubt und mich zum elenden Bettler gemacht und ich sollte deßhalb nicht traurig sein?" „Was sind das für unsinnige Reden!" polterte der Anwalt heraus. „Ich war verpflichtet Dir diese Mittheilungen zu machen; es geschah nur in Deinem eigenen Jntereffe und irgend welche Aenderung in unserem gegenseitigen Verhältniß wurde dadurch nicht herbeigeführt. Du bleibst und bist nach wie vor unser Sohn." „O, wenn ich das noch denken könnte, wäre Alles gut. Seitdem Du aber mit grausamer Hand den Schleier vor meinen Augen weggeriffen hast, seitdem ich weiß, daß ich kein Recht habe, Anspruch auf Eure Liebe zu machen; daß ich sie als Almosen betrachten muß, das Eure Güte der elterlichen Waise täglich und stündlich spendet, seitdem bin ich unglücklich, tief unglücklich," „Seitdem bist Du unglücklich? Armer, bedauernswerther Mensch! Was andere Waisen als das größte Glück empfinden würden, wonach sie vergebens lechzen, wieder durstende Hirsch nach Master, das ist Dir in reichstem Maße zugefallen, und Du fühlst Dich unglücklich? Unsere Liebe, die Du unverdient genossen, ist der Grund Deines Unglücks? Ich will Dich nicht für so schlecht, so undankbar halten, und nehme an, Du seiest krank. Mit Kranken aber darf man nicht rechten. Hoffentlich kommst Du in Berlin bald zur Einsicht, wie Du mich — die Mutter und Anvy wissen von Allem nichts — gekränkt hast. Ich will es zu vergessen suchen, und gebe Dir zum Abschied noch die Mahnung mit auf den Weg: Vergiß bei Deinen Studien die Thora nicht; an ihrer Hand wirst Du glücklich werden." Und seinem Pflegesohn näher tretend, legte er seine beiden Hände auf dessen Haupt und sagte mit bebender Stimme: „Es segne Dich der Ewige und behüte Dich, es erleuchte der Ewige Dein Antlitz und sei Dir gnädig, es wende der Ewige sein Antlitz Dir zu und gebe Dir Frieden. Amen! Amen! Amen!" Die Stimme des Anwaltes war in ein leises Schluchzen übergegangen und in seinen Augen schimmerten Thränen. Der Anblick des weinenden Pflegevaters erschütterte Willy. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und barg sein Gesicht in seinen Händen.