Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1895)
- Date
- 1895-01-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 Zeitungsnachrichten ttttb Correspoudeuzen Deutschland. Frankfurt a. M., 31. Dez. Bet den gestrigen Ergänzunaswahlen zum Vorstand und Ausschuß der Israelitischen Religionsgesellschaft wurden in den Vorstand Herr Dr. Rosenbaum mit 117 Stimmen, E. Schwarzschild mit 45 Stimmen gewählt, 10 Stimmen waren zersplittert. Bei der Ausschutzwahl erhielten Herr M. Schwarzschild 151 Stimmen, Herr Louis Feist 84 Stimmen; 60 Stimmen erhielt Herr Dr. Israel Roos. Eine in den Kreisen der isr. Religionsgesellschüft überaus bekannte Persönlichkeit, so zu sagen ein Stück Allfrankfurt, Rabbi Nathan Avler n"y ist dahingegangen. Er bekleidete das Amt eines Chasan und Gcmeindeschreibers und erreichte ein Alter von 82 Jahren. Auf dem israelitischen Friedhof wurden desien sterblichen Ueberreste heute Vormittag unter zahlreicher Betheiligung begraben. Vierzig Jahre lang hatte er im Dienste der Gemeinde gestanden. Vor zwei Jahren, als er sein Amt niederlegte, ehrte man ihn mit vielen Ovationen. Auch der Vorstand der Religionsaesellschaft erschien damals bei ihm mit sinnigen Geschenken. Der Dahingeschicdene war der zweite Sohn des früheren Frankfurter Dajan mino -tysn und ein Jehudi im wahrsten Sinne des Wortes. In der Vollkraft seines Mannesalters soll er eine imponirend starke Stimme besessen haben. Seine Vorleiungen aus der Thora (Latnen) waren bis zuletzt von einer Exactität in Bezug auf Grammatik und Mafforah, die weit und breit ihresgleichen nicht hatten. Da konnte man deutlich jedes Etznachtho von jedem Sofpoßuk unterscheiden. Sein Vater war s. Z. auch Delegirter der hiesigen jüdischen Gemeinde auf dem von Napoleon einberufenen großen Synhedrion; sein Neffe ist Oberrabbtner Dr. Adler in London. Schotten, 30. Dez. Geehrter Herr Redakteur! Ihre Correspondenz a u s G t e ß e n in Nr. 101 Ihres gesch. Blattes veranlaßt mich, Sie um Aufnahme folgender Erklärung freundl. zu ersuchen. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß ein Lehrer wegen Vornahme einer Trauung Gegenstand einer Beschwerde des Herrn Rabbiner Dr. Levy-Gießen bei einem Großherzl. Kreisamie oder einer anderen Großherzl. Behörde wird, auch bin ich nicht der erste und einzige, der dazu Veranlassung gab, mehrere meiner Vorgänger hier in Schotten, viele andere Lehrer in Oberheffen, sogar einige Rabbiner können darüber ein Liedchen singen. Ich halte es für überflü'sig. auf diese Beschwerden, in welchen die sechs Mark Dimissortalgebühren eine Hauptrolle spielen, näher einzugchen, da dieselben mit dem Kern derSache wenig zu thun hoben und in der Regel durch Auszahlung der bewußten sech s M ark erledigt werden; auch würde eine Besprechung der ungezählten Eingaben und Beschwerden, die mit der Amtsthättgkeit des H. Dr. L., vor .etwa 65 Jahren beginnen, zu weit führen. Eine klassische Stelle einer solchen Eingabe kann ich jedoch nicht unerwähnt lassen; dieselbe lautet etwa wie folgt: „Die Judenlehrer sind meistens unwissende Menschen, die keine Bildung besitzen und auch die nöthtgen Kenntnisse nicht haben, um eine Trauung vornehmen zu können; auch haben sie kein Geld, um sich die zur Erlangung dieser Kenntnisse nöthtgen Bücher anschaffen zu können." Was sagen dazu meine w. College», bei denen H. Dr. Levy sich immer als größter Freund und Beschützer der Lehrer gertert? So viel Kenntnisse, wie H. Dr. L. besitzen wir wohl nicht, aber so viel Bildung haben wir doch, daß wir uns scheuen, eine solche Sprache mit dem richtigen Namen zu bezeichnen. Geld macht nicht glücklich und wenn wir nicht viel haben, so brauchen wir uns dessen nicht zu schämen; aber das ist gewiß, — wenn alle unsere Freunde eine so liebevolle Gesinnung für uns hätten, wie Dr. L., so wäre es um unsere Kaffen noch viel schlechter bestellt. Und nun zur Hauptsache. „Die von mir getrauten Paare „sind in alter, streng ritueller Weise „getraut und leben fort und fort in „jüdscher Ehe." n*D. Zur Beruhigung Ihres Correspondenten möge ferner dienen, daß ich die Trauungen vorgenommen habe, nachdem ich mir durch eine Anfrage bei meinem hochverehrten Lehrer, Herrn Rabbiner Dr. Plato in Köln Gewißheit darüber verschafft, daß es mir religionsgesetzlich erlaubt sei, eine Trauung vorzunehmen. Herr Rabbiner Dr. Plato kennt mich und ist in der Lage, meine Fähigkeit und Würdigkeit zu beurtheilen und dieses Urtheil ist mir und vielen Anderen vollkommen maßgebend. Dahinaegen spreche ich dem Einsender jener Correspondenz jede Berechtigung und Befähigung ab, über mich und meine Thätgkeit ein »Urtheil zu fällen, sein Gebaren ist, gelinde bezeichnet, eine Anmaßung und scheint er nicht einmal den Muth zu haben, seine Anschuldigungen zu vertreten. Das Curiosum Ihres Gewährsmannes, der seine ganze Wissenschaft doch nur vom Rabbiner in Gießen haben kann, beweist, wie sehr H. Dr. L. bekannt und vertraut ist mit den Einrichtungen und Zuständen der Gemeinden seines Landes, wie sehr ihm deren Wohl und Wehe am Herzen liegt.