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Der Israelit · 1895-01-03 · Heft 1 (3.1.1895) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 1 (3.1.1895)
Date
1895-01-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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3 Diese betrübenden Erfahrungen, so schmerzlich ste auch die zunächst davon Betroffenen berühren mögen, haben doch allseitig wenigstens das Eine, nicht zu unterschätzende Gute gehabt, daß ste unseren Brüdern und Schwestern die Ueberzeugung beibringen, wie schwach und schwankend das Rohr ist, auf welches sie sich stützen, wenn ste in der Gunst der Menge ihren alleinigen Halt und ihre ausschließliche Stütze suchen. Diese Sucht, eS allen anderen gleich zu thun, Hit die davon Erfüllten von Tag zu Tag mehr von dem Einzigen abgelenkt, was uns Stab und Stütze in den Tagen des Glücks und Leids ist, nämlich von Gott und seinem Gesetze. Wir haben erst in den letzten Nummern des vorigen Jahrgangs eine ergreifende Schilderung der jüdisch-religiösen Zustände gerade in Paris gebracht. Unsere mit irdischen Gütern gesegneten Glaubensgenoffen würden es sich gern gewiß Millionen kosten laffen, wenn sie Licht in die erwähnten dunklen Vorgänge bringen könnten, durch welche man ihrem Patriotismus einen Makel anhaften zu können glaubt. Aber für den Nothschrei der verwahrlosten jüdischen Jugend haben sie kein Ohr und noch weniger eine offene Hand, um die wenigen Tausende zu bewilligen, die für Abstellung dieses Nothstandes hinreichend wären! Während allenthalben der neu entfachte Judenhaß seine Opfer das verlassene, heilige Vätererbe wieder aufsuchen läßt, um dort den Trost und die Zuversicht zu suchen, die sie in vergangenen Zeiten, unter ähnlichen Verhältniffen, so reichlich gewährten, macht sich in Paris kaum eine leise Regung nach dieser Seite hin bemerkltch. In Wien tauchen heute fast täglich neue nra Restaurants und jüdische Hotels aus, weil die Wogen des Judenhasses so hoch gehen, daß es den jüdischen Gästen an ntchtjüdischen Tafeln unbehaglich geworden ist. Wenn auch das nntco der meisten dieser Veranstaltungen ein höchst fragwürdiges ist, so kann man doch nicht leugnen, daß die Erscheinung, wie diese Verhältnisse dort einmal liegen, einen großen Fortschritt zum Guten bedeuten. In Frankfurt a. M., wo vor mehreren Decennien die treibenden Elemente der offiziellen jüdischen Gemeinde einen wahrhaften Kreuzzug gegen das überlieferte Judenthum führten, wo man mit Polizetgewalt diejenigen verjagte, die beim Studium des Talmud betroffen wurden, protestiren heute Mitglieder derselben jüdischen Gemeinde, gegen das Ansinnen ihrer Schulleitung den Unterricht am Sonntag ausfallen zu laffen und den Sabbat unter die Schultage aufzunehmen! Wir könnten ganze Spalten mit ähnlichen Wahrnehmungen Men, aber ste drängen sich jedem so von selbst auf, daß wir uns aus diesen Hinweis beschränken dürfen. Um so verantwortungsvoller ist aber die Lässigkeit und Gleichgiltigkeit, die selbst in einer so bewegten Zeit sich nicht entschließt, die Conseguenzen zu ziehen, die doch so ungemein nahe liegen. Die Schwere dieser Verantwortlichkeit veranschaulicht der Ausspruch eines Weisen im Midrasch tn unserem Wochenabschnttt. — Als Joseph sich seinen Brüdern zu erkennen gegeben hatte, erzählt die Thora: rasto brus irm myt> vnx 1^2* vb\ „Seine Brüder konnten ihm nicht antworten, denn ste waren von seinem Antlitze betroffen." Dazu heißt es im Midrasch: in nrra^nn qvd in »1« )ro «2« noa by tdi r,\-i O'v2«? hv 120p *pv pn dvo vb .T2XJ7 xintp hd 'Ov in« ^>2 N'21'1 N"2P.1 eotto mrouia „Abba Kohen Bardela sagte: Weh' uns vor dem Tage der Zurechtweisung, weh uns vor dem Tage des Gerichts. Joseph war doch der kleinsten einer unter den Stämmen und die Brüder konnten seiner Zurechtweisung nicht Stand halten; wenn erst der Heilige, gepriesen sei Er, komme, und jeden, dem entsprechend, wie er ist, zurechtweisen wird, um wie viel mehr." Die Erklärer finden die Gruppirung auffallend, welche erst von einem Tage der Zurechtweisung und dann erst von einem Tage des Gerichtes spricht. Wir hätten die umgekehrte Reihenfolge erwarten sollen, da ja von dem Ausfall des Gerichtstags es erst abhängt, ob und in welchem Maaße die Verurtheilung eine Zurechtweisung erfordert. Es dürfte aber hier von jener Zurechtweisung und Ermahnung die Rede sein, zu welcher sich alle Fügungen Gottes gestalten, die seine Vaterliebe vorausschickt, um uns zur Rückkehr und zur Besinnung zu führen. Wenn wir dafür blind und taub waren und uns nicht bestimmen ließen, ihnen einen Einfluß auf unser Leben zu gestatten, so mögen wir bangend der Stunde entgegenbltcken, in welcher Gott nicht mehr als Mahner, sondern als rächender Richter seiner gekränkten Wahrheit einschreitet. Der or npoinn, diese Zeiten der Zurechtweisung geben dem pn or, der Zeit, in welcher Gott mit uns zu Gericht geht, erst ihren verantwortungsvollen Ernst, .pn oi'v nnmn qvd ub »w Weh uns, wenn wir solche Zeiten der Mahnung unbeachtet htngehen ließen, wehe uns dann vor dem Tage des Gerichts! Wir leben in solchen rornn 'o>, in solcher Zeit der Zurechtweisung, tn welcher jeder Tag ein Mahner und Prediger wird, der uns auf unseren verlassenen Posten zurückrust. Folgen wir diesem Ruf, damit wir ohne Bangen dem pn or, der Zeit des Gerichts, entgegen blicken dürfen.

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