Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1895)
- Date
- 1895-01-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 halb verfrüht ist, sich ungemessenen Hoffnungen hinzugeben. Aber eins kann doch als gewiß htngestellt werden, daß der Czar entschlossen ist, alle seine Unterthanen, gleichviel welcher Confession, vor ungerechter Willkür zu schützen. Das ist aber unter den bestehenden Verhältnissen ein Fortschritt zum Guten, den wir dankerfüllten Herzens registriren. In Ungarn hat die vollständige, rückhaltlose Aufnahme der jüdischen Staatsbürger in den Verband aller anderen Bürger, die sogenannte Receptton nicht die Zustimmung deS Magnatenhauses erhalten. Man hofft bet einer nochmaligen Behandlung einen besseren Erfolg. Wir waren und sind der Ansicht, daß die Erregung, welche diese Angelegenheit in Ungarn hervorgerufen hat, in keinem Verhältniß zu ihrer Tragweite steht. Die ganze Vorlage hat mehr formelle als wirkliche Bedeutung. Es hat ursprünglich nicht an Stimmen gefehlt, besonders in besonnenen, orthodoxen Kreisen, welche die Ablehnung der Vorlage für nichts weniger als ein Unglück ansahen, und eine ruhige Erwägung der einschlägigen Verhältnisse wird dieser Auffassung nicht jede Berechtigung absprechen. In Deutschland und spectell in Preußen ist die antisemitische Strömung nach wie vor bemüht die Emancipation der Juden und die guten interconfessionellen Beziehungen zwischen Juden und Christen zu beseitigen. Obwohl die Giftsaat, welche diese Aufwiegler mit vollen Händen unter die Massen gestreut, vielfach große Kreise ergriffen und bedenkliche Früchte gezeitigt hat, so ist doch auch hier eine offenkundige Wendung zum Besseren nicht zu verkennen. Mehr und mehr bricht sich doch in allen gebildeten und einer vernünftigen Erwägung zugänglichen Kreisen die Ueberzeugung Bahn, daß diese Elemente ein noch mehr staatsals judengefährliches Treiben entfalten. Dabei bringt jeder Tag neue Enthüllungen über die Zerfahrenheit und Uneinigkeit dieser Judenfeinde unter sich, die selbst der instinktive Haß gegen alles, was Juden und Judenthum betrifft, nur nothdürstig zusammenhält. Von den Häuptlingen und den lautesten Rufern im Streit wird regelmäßig alle 2—3 Monate einer durch den Strafrichter unschädlich gemacht, dem sie durch ihre Scham- und Sittenlofigkeit in immer kürzeren Zwischenräumen verfallen. Verblendete und verlockte Wortführer, die sich für die unlautere Mache gewinnen ließen, und dabei den letzten Funken Ehrgefühl nicht verloren haben, kehren dem wüsten Treiben voll Ekel den Rücken und plaudern die discret sten Interna so indiscret in Zeitungen und Broschüren aus, daß die Hauptfaiseure bereits in der öffentlichen Meinung moralisch gerichtet sind. — Wichtiger als dieser an und für sich ja unvermeidliche Niedergang solcher Niederträchtigkeit und ihrer Partisane ist der Umstand, daß sich nunmehr auch ein deutscher Gerichtshof (Hannover) gefunden hat, der die systematisch betriebene Verleumdung und Verächtlichmachung der jüdischen Bekenntnißnißschriften als strafbar erklärt hat. In Frankreich hat einverhältnißmäßig geringfügiger Umstand eine große Erregung innerhalb der dortigen Judenheit hervorgerufen. Ein höherer jüdischer Offizier ist in den letzten Monaten des abgelaufenen Jahres wegen Verdachts der Auslieferung eines geheimen, den französischen Staat bloßstellenden Schriftstücks an einen fremden Staat verhaftet worden. Der Offizier wurde von dem Gerichte einstimmig für schuldig befunden und zu empfindlichen Strafen verurthetlt. Dieser Vorgang erregt nun in ungewöhnlicher Weise die Gemüther. Der Judenhaß ist so in geschäftiger Weise bemüht, aus diesem Vorgang Kapital für seine Sache zu schlagen, daß diese Rührigkeit die Frage nahe legt, ob es sich nicht bei der ganzen Angelegenheit, um eine fein eingefädelte Mystifikation handelt, welcher dieser Offizier zum Opfer fiel. Eine große Anzahl deutscher Blätter sprachen es geradezu aus, daß das scharfe Urtheil in diesem Prozesse seine Spitze geradezu gegen Deutschland richte und zwar aus politischen Rücksichten. - Alle aber, welche die soziale und politische Stellung und das hohe Ansehen des verurtheilten Offiziers kennen, haben seine Schuldigsprechung für unmöglich gehalten und sie kopfschüttelnd htngenommen. Da die Verhandlung wegen ihres politischen Charakters unter Ausschluß der Oeffentltchkett erfolgte, so sind alle nur auf Vermuthungen angewiesen. Bis die Zukunft den Schleier lüften wird, der auf diesem Vorgang lagert, leiden unsere Glaubensgenossen in Frankreich unter einem Vorurtheil, das dieselben um so schmerzlicher berührt, als gerade ihr Patriotismus sich immer und überall so glänzend bewährt hat, daß sie sich über solche Machinationen erhaben glauben dursten, die eine große Gesammtheit für das Unrecht eines Einzelnen verantwortlich machen möchten. Eine unbefangene Erwägung wird fich in dem vorliegenden Falle sagen müssen, daß die Indignation gegen den I u d e n, der eines solchen Vertrauensbruchs fähig sein soll, im Grunde genommen eine hohe Anerkennung der französischen Judenheit enthält. Diese Aufregung hat doch nur einen Sinn, wenn man voraussetzt, daß hier ein Jude etwas gethan hat oder gethan haben soll, was man sonst nicht von einem Juden erwartet; in der That, hoffen wir zuversichtlich von der nächsten Zukunft, daß sie mit Gottes Hilfe Licht in daS räthfelhafte Vorkommniß bringen wird.