Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 52 (16.12.1915)
- Date
- 1915-12-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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IS. Dezember 1916 Steuermänner „für das talmudische Meer" bewähren sollten. Umfassende Gelehrsamkeit und erstaunlicher Scharfsinn waren unter den Talmudbefiissenen Polens auf eine überraschende Weife verbunden, und jeder, den die Natur nicht vernachlässigte, oder chm allen Geist vorenthalten hat, verlegte sich aus die Erforschung des Talmuds (das. S. 435) .... sodaß nach und nach fast sämtliche polnische Juden talmudkundig und sogar rabblnatsbefähigt wurden." (S. 443.) Daß bei einem so intensiven geistigen Leben auch die profanen Wissenschaften eifrige Förderer finden mußten, ist nur allzuselbstverständlich. Besonders interesiant ist in dieser Hinsicht ein Rundschreiben, das an alle polnischen Gemeinden versandt wurde und die Aufforderung enthielt, daß man sich auch der profanen Wissenschaften annehmen möge. In einer Zeit also, wo es unter den Maffen Europas 99 Prozent Analphabeten gab, bestrebte man sich bei den Juden Polens, eine Art Schulzwang für profanes Wissen einzuführen. Das Rundschreiben hatte auch sichtlichen Erfolg. Die christlichen Schulen in Polen wurden von jüdischen Knaben und Jünglingen sehr stark in Anspruch genommen (das. 434) und eine große Anzahl noch Höherstrebender suchte sich Eingang in die einzige Landesuniversität, in Krakau, zu verschaffen, um dort ihr Wissen zu vervollständigen. Freilich, der Zutritt zur Universität wurde ihnen versagt, da sie mit der Zeit einen kirchlichen Charakter annahm. Solchergestalt war das Leben der Juden in Polen und im Westen, wie Süden Europas beim Anbruch des 16. Jahrhunderts, nicht nach dem „mehr als rückständigen" Kottek, sondern nach der Elbogenschen Autorität Grätz. Im Westen und Süden Europas ein wahres Jammertal voll des schaurigsten Elends und des in Strömen vergoffenen unschuldigen jüdischen Blutes, in Polen dagegen Lebensmut und Freude, ungehemmte Entfaltung jüdischer Eigenart und ungeahnter Aufschwung jüdischen Geistes. Sprache und Anschauung eines Verfassers, ob „mehr als rückständig", oder hyperfortschnttlich, können an diesen nüchternen, von der Geschichte doppelt und dreifach beglaubigten Tatsachen nicht das geringste ändern. Auch Grätz muß das damalige West- und Südeuropa, welches unaufhörlich blutige Orgien unter den unglücklichen Juden gefeiert hatte, aufs nachdrücklichste verdammen, und auch Grätz muß in glühenden Worten das Lob des damaligen Polen singen, das den Juden Schutz und Freiheit gewährte, unter deren Auspizien sich alle ihre materiellen und geistigen Kräfte ungestört entwickeln konnten. Die Sprache und Anschauung von Kottek decken sich somit, in unserem Falle, ganz genau mit der Sprache Der Israelit. und Anschauung von Grätz. Was will nun Elbogen mit seinem haßgetränkten Zusatz, daß ein Jeder sich an unserer Jugend versündige, der ein Buch mitsolcher Sprache und solcher Anschauung für die Schule empfiehlt? Hat sich hier Kottek denn anders geäußert als Grätz, oder als wie sich jeder andere Verfasser angesichts solch bekannter geschichtlicher Tatsachen, äußern muß? Man trifft durchaus daö richtige, wenn man sagt, daß sich Elbogen durch diesen unqualifizierbaren Angriff sein eigenes vernichtendes Urteil gesprochen hat. Wir wollen hiermit einstweilen schließen, behalten uns aber vor, eventuell, auf die anderen Punkte, welche Elbogen in seiner Entgegnung erwähnt, noch zurückzukommen. Schon heute den Elbogenschen Angriffen Punkt für Punkt nachzugehen, halten wir für durchaus nicht notwendig. Dann sprechen wir es ganz offen und ehrlich aus. Was Elbogen so aus aller Fassung bringt, was ihn zum zweiten Male auf den Plan rief, und zu so verletzenden Ausfällen verleitet hat, ist nicht etwa der unwesentliche Umstand, daß Kottek eine geschichtliche Persönlichkeit mehr oder weniger ausführlich gewürdigt hat, wie es Elbogen in seiner ersten Rezension verwirft, oder daß das Register des Kottekfchen Buches mehr oder weniger korrekt ist, wie es Elbogen in seinem zweiten Artikel mit Leidenschaftlichkeit hervorkehrt. Nein, solche Lappalien, solche Mängel, ob vorhanden, oder nicht, hätten Elbogen aus seinem dreizehnjährigen tiefen Schlafe nicht so jäh aufzuscheuchen vermocht. Was ihn plötzlich so wild gemacht hat, daS ist vielmehr das neue System und der neue Geist des Kottekfchen Buches. Daß Kottek dem Fort, schritte huldigt und demgemäß die modernen Forschungen Halevys adoptiert hat, daß Kottek ferner dem wahren unverfälschten Judentum, welches die Weiß und Konsorten in jahrelanger Uebung entstellt und verzerrt und schon völlig beiseite geschoben zu haben glaubten, seine ursprüngliche, hehre Gestatt wiedergegeben hat, oder, sprechen wir das gefürchtete Wort ohne jede Umschreibung aus, daß Kottek sein Buch im Sinne der von mm und nno« geschrieben hat, das, nur daS ist es, was Elbogen, der an diesen neuartigen Anblick nicht gewöhnt ist, so sehr entsetzt und sein Gleichgewicht in so bedenklichem Maße ins Wanken gebracht hat. Wir haben daher, sowohl in unserer ersten, wie auch in diesem Artikel diese beiden Kernpunkte ganz besonders in den Vordergrund gerückt und glauben, daß die Sachlage für jeden Unbefangenen zur Genüge geklärt ist. fa. fit «eite ß Aeue Aicher. II. Ein Tiefblickender, dem es gegeben ist. Erschautes und Erlebtes in der kurzen, konzentrierten Form des Duvchgeavbeiteten auszusprechen, har Friedrich Naumann mit seinem „Mitteleuropa"*) die wohlverdiente Beachtung in den weitesten Kreisen gefunden. Wir finden darin auch ein paar bedeutsame Worte über die Aussichten der anttsemittschen Bewegung und die! Gestaltung der Judenfrage nqch dem Kriege. Einen politischen Erfolg der antisemitischen Bestrebungen befürchtet Naumann um so weniger, j als im deutschen wie im österreichischen Heere j jüdische Soldaten während des Krieges ~ ihre j Pflicht getan haben wie jeder andere und ihre j Staätsbürgerlichkeit wie alle anderen in vielen Fällen mit dem Tode bekräftigten. Nach dem? Krieg? müsse Schluß gemacht werden mit allen z gegenseifigen Verhetzungen, denn im Hintergrund j liegt der gemeinsame Schützengraben. Das sei j politisch ebensoviel wert als die Taufe. Me Ju- I densrage sei mehr soziale Frage als Nattoj nalitätenfrage im engeren Sinne des Wortes, denn nirgends in Mitteleuropa kann ,der Lude für sich allein .staatbildend austreten wollen. Mag seine zionistische Richtung auch das Judentum im ganzen als Politische Macht innerhalb der Weltpolitik erfassen und in Palästina einen Mittelpunkt jüdischer Gesamtwirkungen suchen, so berühre doch dieses den inneren Zustand der rmtteleuropäischen Großstaaten nur sehr indirekt. Man könne und werde diese internationale Erscheinung in unsere politischen Berechnungen cinsi'tzen, wenn man an den türkischen Orient herangeht, vielleicht auch, wenn man der westlichen Gebiete Rußlands gedenken wird, aber weder im Deutschen Reiche noch in Oesterreich-Ungarn handele es sich um jüdische Sprachenfragen, Herrschastsfragen und Parteifragen im größeren Stil. Das sei alles örtlich, höchstens provinziell. Was bser der Jude mit Nicht verlange, ist bürgerliche Anerkennung, nicht mehr! Daß die Juden in diesem entsetzlichsten aller Kriege die Feuerprobe bestanden und sich hxr bürgerlichen Anerkennung würdig gezeigt, dafür bedarf es für Leute von der Geistesart Friedrich Naumanns keiner Beweise. Wo'es aber später nötig sein sollte, Zeugen jüdischen Heldentums I anzuführen, wird man unter den ungezählten Loldatengräbern auch auf das des Leutnant Sender Hinweisen. Ihm sind von Freunden ein paar schöne wehmutsvolle Blätter „Mitteleuropa" von Friedrich Naumann. Verlag Georg Reimer, Berlin. Ihre vielen Briefe. Sie bilden den einzigen Auneg- SchabboS hier draußen für uns. Ob im Schützengraben, ob im Ruhequartier, lesen wir, d. h. meine jüdischen Kameraden und ich, sie mit der gleichen Kawonoh. Selbst in den fo heißen Tagen der letzten so kläglich in die Brüche gegangenen Joffrefchen Offensive vertiefte ich mich sofort nach Empfang in Ihre Lektüre. Man denkt dabei an die schönen Mikro-Borträge der Frankfurter jüdischen Jugendoereine. Und dann kommt einem der Gedanke an Ihre schönen Freitag-Abende. Im vorigen Winter war ich noch mit Ihnen alle zusammen und jetzt — Im Geiste sitze ich jeden Freitag- Abend bei Ihnen, höre die schönen Thorahworte Ihrer werten Dozenten und unseren schönen Semirausgefang. „Jaum se lejisroel auro wesimcho" klingt es. Und wir hier draußen-. So stand ich letzten Freitag Abend, so um die Zeit, wo bei Ihnen der Tee und die Plätzchen serviert werden, mit meiner Korporalschaft im Graben, jeder mit dem Spaten bewaffnet. Vom Himmel schneits und regnets durcheinander. Am Tage hatte der Franzmann wieder einen Wutanfaü gehabt. Er hatte wie wütend geschaffen. Einige eingefallenen Stellen des Grabens zeugten davon. Aber sonst war das Ergebnis vollständig negativ. Wir hatten keinerlei Verluste aufzuweisen. Das Schlimmste war aber der Schlamm, der uns bis über die Knöchel ging. Es war furchtbar schwer zu arbeiten, da der Schlamm am Spaten hasten blieb und kaum war eS möglich, die Erde über die Deckung zu bringen. ES ist ziemlich ruhig, richtige SchabboS-Menucho. Bon Zeit zu Zelt steigen hüben und drüben Leuchtkugeln empor. Dann heißt es, den Spaten herunter, damit der Feind nichts merkt. Da geht es auf einmal, fo um die Zeit, wo bet Ihnen der Schtr hamalaus angefttmmt wird: Ratsch bum, ratsch um u. f. w. wohl fünf Minuten lang. Jetzt ist die fabbatitche Ruhe vorbei. Unsere Arttllerte antwortet. Halt, klingt daS Gautzen der BelloS und dumpf mischt sich darein das Rollen der schweren Artillerie. Dann wird es wieder ruhig. Jetzt hat der Franzmann n ch Arbeit bekommen. Leuchtkugeln steigen auf und beleuchten auf Sekunden den Umkreis. Chazaus halailo ist schon lange vorbei, als wir in unsere Stellung zurückkehren. Nun beginnt für mich die SchabboS Menucho, denn wir brauchen erst Mauze SchabboS wieder zum Schanzen. Um 9 Uhr vormittags muß ich zum Furier für meine Korporalfchafr Lebensmittel und Post empfangen. Sie bringt mir neben mancherlei Grützen und Paketen auS der Heimat — Ihren Schabbos-Brief — meinen Auneg-SchabboS. Doppelt und dreifach hoffen wir auf die Erfüllung der JakabSwünfche, wir hier draußen im Felde. Am meisten betet jeder um die Erfüllung deS 4. Wunsches - „W'schawtem bscholaum el beS awichem". ES grüßt Sie Alle bestens Ihr * * * H. W. Gestern Nachmittag dachte ich über etwas nach: meinen Aufenthalt im Lazarett oder auch: der Jude im Lazarett. Was und wie wird da nicht fo gur gesorgt für verwundete und kranke Soldaten. Freund oder Feind! Alles ist und soll aber auch gleich sein. Im Elbinger Lazarett kann flch gewiß niemand beklagen. Soviel ich von Soldaten erfahren konnte, ist es überall, im kleinen wre im großen Lazarett, fein gemütlich. Kost, Pflege und sonstige Annehmlichkeiten, alles vorbildlich. Auch der Geistliche darf nicht sehlenkatholische und protestantische Mannschaften haben wenigstens einmal in der Woche eine kleine Predigt. Es fehlt auch nicht an Lesestoff beider Bekenntnisse. Mir als Jude ist im Lazarett gewöhnlich etwas Unjüdffches zum lesen in die Hände gefallen. Am Sonntag, wenn der Geistliche kam und sich die Leute im Saal versammelten und der Rebe andächtig lauschten war ich der einzige, der nicht zugegen war. Wer war nun schuld daran, daß ich nichtjüdisches lesen, hören ober sehen konnte? Die Lazarettenverwaltung gewiß nicht. Ganz gewiß ist es auch in andern Städten so. DaS sollte nicht fein. Richtjuden sollen auch sehen, daß für jüdische Soldaten gesorgt wird. Hier wäre nun eine schöne Aufgabe zu erfüllen, überall, wo sich Krankenhäuser und Lazarette befinden, könnten sich einige freiwillige Leute auS der jüdischen Gemeinde znsammentun und auf irgend eine Art, je nach Bedarf, paffende jüdische Lektüre den Genesenden verschaffen. Also die Gründung einer Bibliothek für kranke und verwundete Soldaten jüdischen Glaubens. Selbstverständlich darf auch der Geistliche nicht fehlen! Wer wM da milhelfen - (Wir verweisen aus die „Lazarettbücherei der „Freien Bereinigung" und der„A. J.Jugend- Organisation". D. Red.) Sans nyio Europa-. Daß der Dichter der Chanukahhymne an den Weltkrieg gedacht und jedem der kriegführenden Mächte ein Wort gewidmet, erfahren wir auS dem Munde eines geistreichen Interpreten im Feuilleton beS Krakauer „Hamrzpoh": England:'Wien 1« riip 2 (DasGeld ist mein ußland: rmon nx& n2vv pan mb (ES bereitet Schlachten unter dem eigenen Volke im Austrage des Zaren, des wütenden. Serbien: td ps»2 npc: njntP nun. (In Kummer geht meine Kraft zu Ende.) Frankreich und Belgien: wrn nur rro? nv-v tows. (Hart und bitter ist das Leben im Dienste deenglischen Reiches.)