Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-12-16 · Heft 52 (16.12.1915) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 52 (16.12.1915)
Date
1915-12-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448557--67876-2488793
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

fcn Fsvnltt. teile S Nr. 52 sitzen und weit davon entfernt sind, sich das" rntgeheuere Unglück irgendwie zu nutze zu machen. Der Kulturkampf des modernen Judentums gegen den Geist, der in den meisten „Jeschiwoth" herrschte, hatte in Wirklichkeit niemals das Ziel, diese „Jeschiwoth" ohne weiteres aus denr Leben des jüdischen Volkes auszustreichen/und dieser iimuc Kampf kann und darf auch jetzt nicht, nach kriegerr'chcm Muster, mit der Vernichtung der Jesirswoth entschieden, sondern das Alte muh zuerst sorgfältig wrederhergesteltt werden. Kein wirklicher Kenner der Verhältnisse wird es daher erstaunlich finden, daß gerade das moderne Judentum, das am wenigstrn Veranlagung dazu hätte, sich für die Erhaltung der ,jeschiwoth" einzusetzen, ihren katastrophalen Zusammenbruch aufs schmerzlichste empfunden hat. Dann heißt es weiter: Es° ist nicht recht, den leidenden Gegner, lvenn man ihm Hilfe leistet, an die ehemalige oder auch gegenwärtige Feindschaft zu erinnern, und die russischen Zionisten und Hebraisten haben sich nichts dergleichen zu Schulden kommen lassen. Uns aber, die wir aus der Ferne urteilen, wird es gestattet sein, in Erinnerung zu bringen, daß dieselben ,.Jcschiwotb", denen die Moskauer „Freunde der neulnöräischen Literatur" jetzt Hilfe zu leisten suchen, einst diese Literatur mit dem „Eherem" belegt haben, und datz die meisten don ihnen noch bis zum heutigen Tage das strenge Verbot aufrecht erhalten, in eine hebräische Tageszeitung hineinzuschauen. Jä, die „Jefchiwa" zu Kvwno, deren Wiederherstellung sich die Zionisten jetzt znr Ausgabe gemacht haben, hat sogar den 20. Tamus, an dem Herzl dahingeschieden ist, für einen Festtag erklärt! In ihrem Haß gegen die Zionisten gingen die führenden Kreise der „Jeschiworh" manchmal soweit, daß sie Freundschaft mit den Asiimilanten schloffen, um vereinigt beit gemeinsamen Feind — dos moderne nationale Judentum - zu bekämpfen. Vielleicht wird diese echt „jüdische Rache" der nationalen Juden, die sich hock über die kleinlichen Machenschaften so mancher ..Inch'" N'rrh"polrtiker zu stellen verstehen, wo es die Existenz der „Jeschiwoth" gilt, und die ihre subjektiven Sympathien und Antipathien zurückstellen können, ivenn .'s sich nicht mehr um eine Erneuerung, sondern eine Vernichtung der Jeschiwoth handelt — vielleicht wird diest Rache manche Kreise des Judentums erkennen lehren, wo der wahre Rückhalt für ihr Volkstum zu finden ist." Wir wollen die peinliche Empfindung, die dieses Gemisch von posierendem Edelmut um« schlecht verhüllter Schadenfreude auslöst, um der Sache willen unterdrücken. Nur die seine ethische Unterscheidung zwischen den ru sfischen Zionisten, die bei ihrem Hilsswerk den leidenden Gegner nicht an seine Sünden erinneril dürfen und dem deutschen Parteiorgan, dem die Lieferung dieser unvermeidlichen Würze des edlen Werkes zufällt, sei künst.gen Ethikern des Weltkrieges zur freundlichen Beachtung empfohlen. Was aber durchaus nicht unausgesprochen bleiben darf, das ist die ungeheu re Gefah r, die hier dem Thoraiudentum droht, wenn der Plan der russischen Zionisten auch nur teilweise Wirklichkeit wird. Denn daß es sich bei dieser Rettung des Jeschiwos in der Tat um ihre Eroberung handelt, daß die gewaltige geistige Triebkraft, die in den Thorahochschulen selbst mu in ihrer volkstümlichen Schätzung liegt, hier ganz fachte auf die Mühlen des zionistischen Parte-Organismus geleitet werden soll — das w'rd uni)' auch dein Naivsten klar sein. Es ist natürlich das gute Recht der Zionisten, die sich ja als die besseren, tiefer schürfenden und klarer denkenden Juden betrachten, um die Herrschaft über di ' Seelen mit dem Aufgebot aller Kraft und aller erlaubten äußeren Machtmittel zu ringen, und lvenn es ihr Ideal ist, an dielStellefdertallcs beherrschenden religiösen Idee die mmder „einseitige" nationale auchinder Irsch?- w a zu setzen, warum sollten sie nicht dielgute'Gelegenheit benützen, die eine nie erlebte Hilflosigkeit der thorabeflisienen Kreise ihnen in diesen! Augenblicke bietet? Nur ist es von höchster Bedeutung, daß die Situation in den Kreisen des Thorajudentums aller Länder klar erkannt und entsprechend gewertet wird. Man kennt Herrn Sokolows Borliebe für oic „schwermütigen Rügen" tveltfremder Beshamidrasch-Jnsassen — ihm ist das ganze Milieu d.r Jefchiwa und des Bes-Hamidrasch ein außerordentlich gut benutzbarer romantischer Zauberspuk, den man in den Dienst der nationalen Politik stellen und unvermerkt zur Verherrlichung d.r religionsfeindlichsten Ideale verwenden kann. Uno man braucht nur an das Jafsaer Gymnsasium und die sonstige jungsüdische Pädagogik zu denken, um einen Vorgeschmack zu haben, wie die mrt Namen und Würde der alten Jefchiwa n m k l e i d e t e nationale „Hochschule der Thora" anssehen wird. Und darin liegt das objektiv Unmoralische des russisch-zionistischen Jeschiwa^Hilfswertes. Wir möchten nicht mißverstanden werden. Es liegt uns fern zu bestreiten, daß es auch unter den ganz gesetz-entfremdeten russischen Zionisten eine Menge Leute geben mag, die voll ehrlicher Liebe des Idealismus ihrer Jeschiwa- Zeit gedenken und die, ohne alle Nebenabsicht, gern ihren Obolus dafür opfern, daß in Wolosin und Telsch neues Leben aus Ruinen blühe. Aber der Zionismus als Partei, und die ,,'Chöwewe Sphas Ewer" als Organisation haben vor dem Forum der religiösen und sittlichen Wahrhaftigkeit kein Recht dazu, in dieser /Zeit der Not, den Wiederaufbau der Jeschiwos führend in die Hand zu nehmen. Sie ^müßten sich dabei entweder an der ehrlichen -Frömmigkeit der Thoratreuen, oder aber an ihren eigenen Kulturidealerr versündigen. Beides war? ebenso entwürdigend für sie, wie für ihre Gegner.. PWWWWiWipWHHI. J _16 Dezember 1916 Recht und Pflicht zur Rettung der Thorawissenschaft der Jeschiwos obliegt in erster .Reihe denen, die im Semen unb Erfüllen per Thora — unbeschadet aller naturnotwendigen Entwicklung der Lebensformen — die oberste Nationalaufgabe der jüdischen Gesamtheit erblicken. Recht — aber auch Pflicht! Und wehe uns..wenn die thoratreue Judenheit, welche Schwierigkeiten auch erwachsen,' welche Opfer es auch gälte, dieser Pflicht vergessen sollte. Sie wird es sicherlich nicht, und sie wird dankbar jede jüdische Hand ergreifen, die ohne politische Nebenabsichten um der Thora willen — wie das alte Losungswort lautet — dabei helfen will. f Der Kampf Legen Kotteks Geschichtsbuch. Von Dr. S. Halevy. III. Das ist das markerschütternde Bild, welches uns West- und Südeuropa beim Anbruch des 16. Jahrhunderts bietet. Wie so ganz anders lagen damals die Dinge in Polen. Nicht nur die ansässigen Juden genosien volle Freiheit, sondern auch die heimatlosen Flüchtlinge, welche in jener Zeit aus allen Ländern Europas vertrieben wurden und in Polen ein Asyl suchten. „Polen" sagt Grätz B. 8, S. 199 „war nämlich seit langer Zeit eine Zufluchtsstätte für alle gehetzten, verfolgten und mühebeladenen Juden geworden. Die Verbannten aus Deutschland, Oesterreich und Ungarn fanden an der Weichsel eine günstige Aufnahme. Die günstigen Privilegien, welche ihnen der Herzog Boleslaw erteilt und der König Kasimir erneuert und bekräftigt hatte, waren noch immer (um 1450) in Kraft." Jnbezug auf das 16. Jahrhundert fährt Grätz B. 9, S. 429 fort: „Polen war daher auch in diesem Jahrhundert (16) wieder ein zweites Babylonien für die Juden, wo sie im Ganzen und Großen von blutigen Verfolgungen geschützt waren, einige von ihnen eS zu einer gewissen Stellung bringen konnten und sie ihre Eigenart ungehemmt entfalten konnten." Die Folgen dieser so überaus segensreichen politischen Zustände für das geistige Leben auf allen Gebieten waren unermeßliche. In allererster Linie nahm das Thorastudium einen ungeahnten Aufschwung. „Es schien, als ob die tiefen breiten Falten des Talmuds erst in Polen ihr rechtes Verständnis, ihre vollständige Durchdringung und Würdigung finden sollten. Es schien, als wenn sich erst dort die richtige^ Ueberzeugung hegen, ihrem vollen Berständniffe zu begegnen, wenn er ihnen zum Abschied das Trostwort widmete: „Gott ists, der Euch einst wieder bedenken wird!" Wie anders bei Geschlechtern der kommenden Jahrhunderte! Sie schlug der Druck der Aegyptifchen Tvrannei so sehr in Feffeln, datz sie (2. B. M. Kap. 6, V. 0), aus Moschehs erste Ankündigung der nahenden Erlösung „vor Geisteskürze und hartem Dienste" nicht hörten. Ihnen mutzte zuerst die Last vom Nacken schwinden, sie mutzten zuerst als sreie Menschen wieder aufgerichtet dastehen, bevor ihre Gedanken sich wieder in voller Klarheit zum Ueberirdischen ausschwlngen konnten. Daher wählte Josepli im Hinblick auf diese Generation die Wortfolge: „Wieder bedenken wird Euch Gott." Ist einmal die Erlösung da, so haben sie alle in ihrer Brust Gott wiedergefunden. So gab Joseph der ganzen Geschlecht, das nach Gottes Ratschluh in Aegypten verharren sollte, bis zu seiner Befreiung das Geleitwort. Der Gedanke, mit dem es beginnt und in welchen es, nachdem es so feinsinnig das zu erwartende Elend gestreift, trostreich ausklingt, ist der erhebende Hinweis auf Gott! Kleines Feuilleton. Aus Feldpostbriefen. In Ruhestellung, 17. November 1915 Lieber Mekor Ehajim^Berein! Mit wachsender Freude lese ich die 8 Monat«, die ich jetzt . hier draußen im Felde wette. Zosephs Abschied. Von Willy Wolf in Cöln. Josephs Abschiedsstunde hatte geschlagen. Selber Herrscher in mächtigem Reiche, muhte er feine Familie im Bewußtsein verlosten, datz fie und ihre Nachkommen der egypttfchen Herrschaft unterworfen fein würden. Freilich ein niederdrückender Gedanke, dem aber die seit Abraham überlieferte Berheitzun, der einstigen Erlösung die Wage hielt. Sie war in Joseph so lebendia. datz er sie zum Gegenstände seiner letzten Ansprache an feine Brüder machte und dem Elende, dastihrer^nach seinem Heimgange wartete, keinen Ausdruck gab. „Ich sterbe — und Gott wird Euch wieder bedenken und Euch aus diesem Lande heraufführen zu dem Lande, das er Abraham, Jzchak nnd Jakob zu. geschworen"/mit diesen schlichten, vielsagenden Worten nahm er von seinen Brüdern Abschied und unterlieh es in feinfühliger Weise, den Druck, der aus der Zwischenzeit^lasten werde, auszumalen. Was sollte er auch in der ernsten Stunde seines Weggangs ihren - Sinn beschweren? Es genügte ja der Hinweis auf kommende ^lösung, her ihren Leben-mulstnhtte, in jeglichem Ge chicke, das sie treffen möge, geduldig auszuharren. Der Mann mit dem scharfen Sinn und weitblickenden Auge war aber von dem Gedanken durchdrungen, datz fein letztes Wort nicht allein feinen Brüder» galt, die fein Sterbelager umstanden, sondern auch den zukünftigen Geschlechtern, für die in Wirklichkeit die Golusletden in Aegypten bestimmt waren. Für fie, die er in Vers 25 als „Kinder Israels" anredet, hatte er noch den besonderen Wunsch, sie möchten beim Auszuge aus Aegypten seine Gebeine mit hinaufnehmen. Auch ihnen sichert er die Verwirklichung der alten Berheitzung zu, datz Gott sich ihrer einst zum Guten erinnern werde, kleidet aber diese Wahrheit nicht, wie oben in seiner Ansprache an die Brüder, in die Worte: „Gott wird Euch wieder bedenken"; vielmehr in den Spruch: „Wieder bedenken wird Euch Goli". Die Worte selbst, welche die Erlösung künden, sind also stets die gleichen, für die damalige Gegenwart und die zukünftige« Geschlechter. Nur in der Wortstellung zeigt sich ein seiner Unterschied, indem Joseph in der Rede an die Brüder Gott der Erlösung und in der für die Zukunft berechneten Bitte umgekehrt die Erlösung Gott voranstellte. Auf diesen Wechsel des Wortlauts hat Rabbi Josef Wolf Tyr die Aufmerksamkeit gelenkt und eine treffliche Erklärung gegeben. Die BAider, fo meinte der genannte Erklärer, hatten noch selbst erlebt, wie Gott mit ihrem Vater Jakob gesprochen und ihn sein Leben lang fichthar geleitet. Die zu AbrahamS Zeiten begonnenen Wundertaten Gottes, die schlietzlich in ihrem denkwürdigen Zusammentreffen mit Joseph! und ihrer Ernährung durch Gottesschutz in den Jahren der Hungersnot gipfelten, waren ihrem Geiste so gegen- - wärtig, datz daS GottrSbewutztfein in ihrem Innenleben die Oberhand hatte. So konnte Joseph die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.