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Der Israelit · 1915-12-09 · Heft 51 (9.12.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 51 (9.12.1915)
Date
1915-12-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Wette S Sk. vi Kulturanschauung des Verfassers (Kotteks) mehr als rückständig ist." Elbogen scheint selbst gefühlt zu haben, daß eine so schwerwiegende Behauptung dringend eines Beweises bedarf. Er fährt daher unmittelbar darauf „zur Kennzeichnung des Buches" nur eine Probe aus Seite 302 ain f,Spünien, Frankreich und England hatten die Juden vertrieben, Italien vergewaltigte sie geistig, Deutschland knechtete sie körperlich, Polen gab ihnen Freiheit und mit ihr erhob sich der Geist Israels zu herzerfreuender Höhe." Wer ein Buch — meint Elbogen von Kottek — mit solcher Sprache und solcher Anschauung für -iö Schule empfiehlt, versündigt sich an unsrer Jugend! „Solange die Feder auf Erden im Dienste der Wahrheit oder der Lüge geführt wird, ist vielleicht keine .... kolossalere Täuschung geschrieben worden", als die eben zitierten Sätze von Elbogen. Dieser stammende Protest, welchen einst Rabbiner Hirsch gegen die Fantasien eines Grätz erhoben hat, ist heute bei dem Jünger von Grätz, der mit den gleichen Waffen kämpft, noch genau so aktuell. Nie und nimmer hatten wir es für möglich gehalten, daß eine eklatante Irreführung in so seibrwußiem Tone und mit einer so ungeniert zur Schau getragenen, hoch- «ufwallenden, sittlichen Entrüstung deklamiert werden konnte, wie es uns hier bet Elbogen begegnet. Auf Seite 302, der Elbogen seine Probe entnimmt, steht die Darstellung Kotteks im Beginr des 16. Jahrhunderts. Jeder nur halbwegs unterrichtete Laie weiß, daß um diese Zeit und noch weit darüber hinaus die Verhättnifse in Europa genau so lagen, wie sie Kottek in den paar Sätzen so prägnant charakterisiert. Jeder nur halbwegs informierte Laie weiß, daß um diese Zeit in West- und Südeuropa Ströme jüdischen Blutes geflossen sind, daß dagegen in Polen und der Türkei, wenigstens nach den damaligen Begriffen wahrhaft ideale Zustande herrschten, in deren Folge sich der Geist Israels wirklich zu herzerfreuender Höhe erhob. Was für einen Sinn hat es nun, angesichts solch bekannter geschichtlicher Tatsachen von Rückschritts- oder Fortschrittsbestrebungen eines Verfassers zu sprechen? Ja noch mehr. Grätz, der doch. für Elbogen die maßgebendste geschichtliche Autorität ist, äußert sich über den Beginn des 16. Jahrhunderts, sowohl inbezug auf Westeuropa, wie auch tnbetreff Polens genau im gleichen Sinne, wie Kottek, da die Quellen jener Zeit eine so beredte Sprache führen, daß divergierende Meinungen gar nicht Platz greifen können. Ist nun auch nur einen Augenblick der Gedanke zulässig, daß Elbogen die Ausführungen von Grätz über die in Frage kommende »er MrarM. Zelt nicht kennt? Diese Mögltchteit ist doch völlig ausgeschloffen. Es bleibt daher gar kein anderer Ausweg üdrtg, als daß Elbogen in kluger Berechnung gerade diese Sätze gewählt hat, da sie in der erregten patriotischen Stimmung unserer Zeit, wie keine anderen geeignet sind, das patriotische Gefühl der ahnungslosen Leser zu verletzen und sie ganz scheu zu machen. Die ahnungslosen Leser können nie und nimmer auf den Gedanken kommen, daß sich Kottek in seiner Darstellung auf Jg>. 3Q2 im Beginn des 16. Jahrhunderts befindet 1 Wie wird der deutsche Leser vor einem Werke zurückschrecken, deffen Verfasser so weltfremd war, daß er Polen, ausgerechnet Polen, das manchem als der Inbegriff der „Rückständigkeit" erscheint, Deutschland als Muster hjnstellt. Auf diesen äußeren Effekt spekulierte Elbogen, wenn er in scheinbar heiligem Zorn ausruft: „Wer ein Buch mit solcher Sprache und solcher Anschauung für die Schute empfiehlt, versündigt sich an unserer Jugend." Versetzen wir uns oaher ganz flüchtig in jene Zeit und halten wir uns dabei strikte an Grätz, der doch für Elbogen als oberste geschichtliche Instanz gilt. Spanien, beginnt seit dem Jahre 1,361, in welchem der fanatische Pöbel siebzig blühenden Gemeinden einen jähen Untergang bereitet hatte, eine wahre Hölle für die Juden zu werden. Es löste beinahe von da an ein Gemetzel das andere ab. Bald war es die eine, bald die andere meinde, bald mehrere GeMeindeü zugleich, welche zum Schauplatze für blutige Exzessen gemacht wurden. 1480 wird die Inquisition eingeführt, welche sich eigentlich gegen die Marannen richtete, aber doch beinahe unmittelbar bte Austreibung sämtlicher Juden aus Spanien zur Folge hatte. Der finstere Torquemada, seit 1483 Großinquisitor, wollte nämlich die Maraünen des starken religiösen Rückhaltes, welchen ihnen die Juden boten, berauben, und drang daher mit Ungestüm auf die gänzliche Entfernung der letzteren aus dem Lande. Nach anfänglichem Sträuben gab der König im Jahre 1492 nach und erließ ein dahingehendes Dekret. Vier Monate nach Bekanntmachung des Dekrets befand sich kein Jude auf spanischem Boden mehr. Kurz darauf erreicht die Juden Portugals Pas gleiche Los. Nachdem ihre Reihen durch schwere blutige Verfolgungen stark gelichtet waren, mußten auch sie den Wanderstab ergreifen, um sich eine neue Heimat zu suchen (1496.) Frankreich ging mit der Vertreibung der Juden um ein ganzes Jahrhundert (1394), England um volle zwei Jahrhunderte (1290) voraus. In beiden Ländern wiederholte sich so ziemlich das gleiche, traurige Schauspiel. Zuerst eine lange Kette von unsäglichen Plackereien und in Pausen 'S. Dezember ISIS wiederkehrenden furchtbaren Metzeleien, die sich manchmal, wie 1320 in Frankreich, auf ganze Gemeinden erstreckten, dann die völlige Ausweisung. In England wurden erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts Juden wieder zugelassen. In Italien war die Behandlung der Juden nicht in allen Gegenden die gleiche. Wenn aber Kottek über Italien sagt, daß die Juden dort geistig vergewaltigt worden seien, so hat er mehr die Konfiskationen und Verbrennungen des Talmuds im Auge, die in Italien häufig ftattfanden und zu einer bedenklichen Abnahme des Thorastudiüms führten. Noch im ordnete der Papst Julius III. eine erneut- Verbrennung Des T^muds an, didi-z. mal mit einer nie dagewesenett, erslyrc«c.—.. Gründlichkeit durchqeführt wurde. „Die Juden aller katholischen Länder waren in Verzweiflung, sie waren durch die Konfiskation auch solcher rabbinischer Schriften beraubt, welche die Vorschriften des religiösen Lebens enthalten, und worin vom Christentum nicht ein Wort bd& kommt." (Grätz B. 9, S. 334.) In Deutschland durchlebten die Juden die schaurigste Zeit^ um die Mitte des 14. Jahrhunderts als der schwarze Tod ausbrach, welcher den vierten Teil Europas hinwegraffte. Es tauchte das Gerücht auf, daß die Juden durch Vergiftung der Brunnen die Pest verschuldet hatten und sofort setzten blutige Verfolgungen gegen sie ein, Zuerst in Frankreich, dann in Spanien, zuletzt in Deutschland. Jedoch „nirgends ist die Vertilgung der Juden mit mehr Gründlichkeit und Erbitterung betrieben worden, als in dem heiligen römisch deutschen Reiche, als wären ble Deutschen froh gewesen, eine Gelegenheit gefunden zu haben, ihren tiefen Ingrimm ungestraft an der ihnen verhaßten Nation befriedigen zu können." (Das. B. 7, S. 333.) Fast sämtliche Gemeinden Deutschlands und der Schweiz wurden damals zerstört. Wer sich nicht rechtzeitig flüchten oder verstecken könnte, wurde dem Flammentode übergeben. Ein Dezennium darauf rief man die Flüchtlinge unter leidlichen Bedingungen zurücki Die Schonzeit war jedoch nicht von langer Dauer. Bereits in den achtziger Jahren des 14. Jahrhunderts glich Franken und Schwaben von neuem" einem Blutfelde. (Kohut, Geschichte d. deutschen Juden, S. 318.) Nicht besser sah es im 15. Jahrhundert aus. In den zwanziger Jahren des 15. Jahrhunderts wurden von den Söldnerscharen des Kaisers Sigismund, welche gegen die Hussiten zogen, die Gemeinden der Rhetngegend, Thüringens und Bayerns dem Erdboden gleichgemacht, in den fünfziger Jahren, auf Betreiben des italienischen Dominikanermönchs Kapistrano, die schlesischen Gemeinden heimaesucht. In den Kleines Jeuilleton. Was das Lichtlein erzählt... (Ans einem Chanukkah-Bortrag im Frankfurter Mekor Cbajim ) Die bilden die natürliche Brücke zwischen Einst cnn a'B'E undZJetzt mn Noch nie verstanden wir es so tief, wie heute. So wie alle Unglücklichen den gleichen Leidenszug im Gesichte tragen, so weisen alle Zeiten leidvollen Menfchenerlebens fast die gleiche Physiognomie auf. Was sich „in jenen Tagen" ereignet, es ist, sogar bis auf kleine Einzelheiten, ein getreues Spiegelbild der Jetztzeit. Ringsumher von Feinden umgeben war das kleine Juda, bedroht und bedrängt und gbgeschnitten von allem Weltverkehr, dem „Feinde, der Seuche, dem Schwerte, dem Hunger und dem Kummer" preisgegeben. Wie der Midrasch zu erzählen weiß, haue der Syrer verfügt, daß allen jüdischen Haustieren eine öffentliche Absage ihrer Besitzer an den Gott Israels ins Horn geprägt werden muhte. Die Folge war die Abschaffung alles Hornviehes aus den jüdischen Stallungen und völliger Mangel an Milch und Fleisch. Es fehlte an Arbeitstieren und der Boden Palästinas lag brach, sodatz die Teuerung bald von gänzlicher Hungersnot abgelöst wurde. Jndetz fluteten die Feindesscharen von allen Seiten ins. Land, „Narren", sprachen deren Führer siegestrunken, „wie lange wollt ihr noch der Uebermacht in wahnwitziger Selbstvernichtung trotzen, wie lange noch zögern, euch uns und unserer reichen Kultur zu vrMen? Pertraut ihr etwa auf euren alten Gott, dak er uns, wie dazumal, das fündige Geschlecht, durch eine Flut vernichtet, oder in den Meereswogen ein Grab bereitet, oder, gleich dem Heere Sanheribs, durch den Nachtangriff der Engelscharen zur Strecke bringt? Lagt doch eure alten Träume und kommt herüber, wo euch Freiheit, Friede und Freude in einem Matze winkt, wie sie euch die Starrheit eures alten Glaubens nie gegönnt hat!" Da rang sich ein Seufzer, der Seufzer eines ganzen Volkes zum Himmel hinauf: „Nicht um unserer willen Gott, nicht für uns, sondern deinem Namen gib Ehre, wegen deiner Liede und Treue. Warum sollten die Heiden höhnen dürfen: wo ist ihr Gott?" Und das Echo brachte die Antwort: „Nicht läht Gott von seinem Volke und nicht verläßt er fein Erb:.'" So begann damals die Hilfe. Ueber Nacht, wie das Unheil gekommen war. Und da sollten wir heute die Sprache des Lichtleins nicht hören und verstehen, dah „der Wunder erwiesen hat unseren Vätern in. jenen Tagen, sic auch kraftvoll vollsühren wird in dieser Zeit?!-" Wir danken &ott in unserem a’wrr ^p-Gebet nicht allein für die Wunder der Befreiung, sondern zuletzt auch ^p, für die Kämpfe. Sind es doch diese Kämpfe, die uns erst den Besitz des Wiedererrungenen so lieb und wer machen. Sind nicht beispielsweise Städte und Dörfer der deutschen Heimat, die wir früher nicht einmal dem Namen nach gekannt haben, heute Gegenstand unseres täglichen Sorgens und Höffens, Lieb und heilig ist uns unsere geistige Heimat im Laufe der Geschichte geworden durch den endlosen blutigen Kampf, den wir für sie führten und führen. 7MND } ip di6p d&dj bxiL" rffiDP nao fo vnn'2. Je mehr Tränen und Seufzer uns ein abaerunaen. umso enaer Moses erbittet sich als letzte Gnade, nicht nur bas gelobte Land von der Ferne zu schauen, sondern auch einen Blick in die fernsten Generationen tun zu dürfest» um vom Zukunftsschicksal seiner Thora UNd seines Volkes etwas zu erfahren. Gott willfahrt ihm den Wunsch und Moses sieht in einen hellbeleuchteten Raum, in dem üch Tausende zu Füßen eines Meisters drängen. „Rabbi Akibn", flüsterte ihm Goit ins Ohr, „horch, wie er den Jüngern mein Wort verkündet". Moses hörte, verstand aber nichts. „Es ist m e i n e und deine Thora", belehrte Gott den scheidenden Führer, „es ist 4>ie alte Lehr, wie du sie dem Volke vermittelt, der der Rabbi, ohne sie.in ihrem Grundwesen irgend umzstgestalten, nur neue leuchtende Kronen ünssetzt." Und wieder horchte MoseS, und nun erkannte er feine alte Thora auch in diesem neuen strahlenden Kleide. „So zeige mir denn" flehte Moses, „den Lohn dieses begnadeten Interpreten meines Wortes". Wieder durfte Moses in der Generationen weite Folge blicken: Paukenschlag und Trommelwirbel, es drängt sich das Volk durch die alten römischen Gassen zum Markte, wo eine Flamme hell auflodert. Von rohen Händen römischer Henkersknechte wird unter Gejohle des lüsternen Volkes der Todgeweihte dem flammenden Scheiterhaufen entgegengezerrt. Moses sieht dem Manne ins Auge und schreit entsetzt auf: war das nicht der gleiche Rabbi Akiba, zu deffen Füßen sich gestern erst tausende Jünger drängten? Das die Thora und das ihr Lohn'?!" „Siehe recht", antwortete Gott. Und nun konnte Moses das seelische Entzücken im ^verklärt leuchtenden Antlitz des Rabbi wahrnehmen und den größten Moment seines Erdenwallens, da er das andern gelehrte Wort. “I&M 722 mit dem Herzblut besiegeln durfte, innerlich miterleben. „Hierin die Gewähr für die sHüüunader ehrettetkvLsbre, in hem Lei'

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