Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-12-02 · Heft 50 (2.12.1915) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 50 (2.12.1915)
Date
1915-12-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448555--67851-2488766
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JtT9. 11. Jahrgang. MonatZ-veilage zum „Mein" Verantwortliche Redaktion: Rabbiner Df* B. CQoVf in Köln. Der Verein für die jiid. Interessen Rheinlands im Kriegsjahr 1915. Unsere vorjährige Hoffnung, in diesem Jahre unsere Gemeinden und Etnzelmitglieder zur gewohnten ordentlichen Mitgliederversammlung unter dem Zeichen des Friedens wieder zusammenrufen zu können, hat sich leider nicht erfüllt. So müssen wir denn auf diesem Wege unseren Mitgliedern und Freunden Bericht von unseren Bestrebungen im Laufe des Jahres geben und von dem, was sich innerhalb unserer Verwaltung ereignet hat. Unser allverehrter Rendant Herr Hanauer in Euskirchen, auf dessen Anregung unser Verein begründet wurde, und der seit dem Bestehen des Vereins die Kassenverwaltung geführt hat, sah sich aus Gesundheitsrücksichten veranlaßt, die Geschäfte abzugeben. Mit Eifer und Hingabe lag er den Arbeiten des Vereins ob und wie ein Vater sein Kind hegt, ist ihm das Wohl seiner Schöpfung ans Herz gewachsen. Möge es ihm in wtedergewonnener Frische vergönnt sein, noch eine lange Reihe von Jahren sich an der Wirksamkeit des Vereins und dem Aufblühen seiner ideellen und materiellen Kraft zu freuen/ dann genießt er den Dank, der reichlich lohnt. Immer mehr Freunde und Mitarbeiter wurden zu den Waffen gerufen und immer mehr lichtet sich der Kreis derer, die emsige und treue Förderer unserer Sache gewesen sind. Möge ihre Tätigkeit und Opferfreudigkeit, die sie den Zielen unseres Vereins, die mit den heiligsten Anliegen des Judentums gleichbedeutend sind, widmeten, sie als verdienstliches Werk begleiten, und möge es ihnen und uns vergönnt sein, in rüstiger Gesundheit in großen und schönen Friedenszeiten mit gutem Erfolg unsere gemeinsame Arbeit im Dienste der Thora, die das Wohl ter Gesamt-Menschheit zum Kulturziel setzt, bald sortführen zu dürfen. Leider haben wir in den letzten Wochen das Opfer zweier treuer Stützen und hoffnungsvoller Mitarbeiter, die in jugendlichen Jahren ihr wertvolles Leben der menschlichen Grausamkeit zum Opfer bringen mußten, zu beklagen. Am 5. Oktober erlag Emanuel Wolf einer schweren Krankheit in einem Feldlazarett des östlichen Kriegsschauplatzes. Mit ihm ging ein. Mann dahin, der mit unverwirrbarem Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit gewiffenhafte Rechtschaffenheit des Handelns und unerschütterliche Stärke des Beharrens auf dem Standpunkt des für wahr Erkannten verband. jFür Ehren war er nicht empfänglich, Drohungen schreckten ihn nicht. Nur vor seinem Gewissen wollte er seine Rechtfertigung oblegen, vor ihm Prüfte er 'jeden Schritt, bevor er ihn unternahm. Nur Sachlichkeit ließ ihn die Entscheidung treffen, drum war er auch ein wirklicher Freund seinen Freunden. Auf ihn konnte man bauen, wie auf festen Grund. Und doch wußte er diese Strenge gegen sich selbst mit AAlbe in der Beurteilung anderer zu vereinen und sich dadurch die Hochachtung anders Denkender und die Liebe anders Handelnder zu gewinnen. EmanuelWolf gehörte zu jenen jungen Angestellten, die dazu berufen sind, heute im eigenem jüdischen Kreise durch Peinlichste Pflichterfüllung gegen das jüdische Gesetz und musterhafte Wahrnehmung der Interessen ihres Arbeitgebers — einen Kiddusch-Hascheim — in edelstem Sinne zu machen. Ueber seine freie Zeit war er — nach seiner jüdischen Anschauung — nicht Herr. Sie galt pflichtgemäß dem Thorastudtum. Schon hatte er einen stattlichen Kreis von jüngeren dem gleichen Ideal huldigenden Leuten allwöchentlich um sich versammelt, denen er von seinem Wissen mitteilte. Mit diesen seinen jungen Freunden verliert natürlich die Familie ein teures Mitglied, dessen nie versagender Humor und dessen hervorragend poetische Ader so manche ernste Stunde zu erheitern und frohe Gelegenheit zu weihen und zu heben verstand. Seine glanzvolle Feder stellte er häufig in den Dienst dieses unseres Bereinsorganes und mit seiner kraftvollen Beredsamkeit fesselte er manchmal seine Zuhörer in den Gemeinden unseres Verbandes. Dort tat sein Wort doppelte Wirkung. Begleitete es doch seine Persönlichkeit mit der Eindringlichkeit der Ehrlichkeit. Ein Mann des praktischen Berufes, der sein Wort lebt, überzeugt den Zuhörer im Bewußsetn, daß der Redner unter gleichen Sorgen und Kämpfen, Wie er selbst, sein Judentum verwirklicht. Weil er die Not der jüdischen kaufmännischen Angestellten mitfühlte, wurde in seine Hand die Stellenvermittlung der den Schabbos feiernden jungen Leute gelegt und diesem wichtigsten Problem der Gegenwart widmete er seine noch frei gebliebenen Minuten. In den Annalen unseres Vereins wird sein Name drum mit unauslöschlichen Schrtftzügen eingetragen bleiben, wie derjenige des wenige Wochen nach ihm auf galizifchem Boden an den Folgen einer schweren Verwundung verstorbenen Henry Kreutzer. Auch er war ein Muster eines wahrhaft jüdischen jungen Mannes. Wenige wissen was sie ihm zu verdanken haben. Als es bei Ausbruch des Weltkrieges für unseren Verein galt, feine inzwischen bekannt gewordene, so überaus segensreich wirkende Soldatenfürsorge ins Leben zu rufen und gewisse Schwierigkeiten und Hemmnisse zu überwinden waren, da war Henry Kreutzer es, der zwanzigjährige Jüngling, der im Feuer seiner jüdischen Begeisterung, in der Kraft seines hohen Pflichtbewußtseins die schon verloren geglaubte Sache rettete. Begünstigt durch seine aristokratische Erscheinung, wußte er mit angeborenem vornehmen Takt, mit Klugheit und Umsicht, mit Tatkraft und Gewandtheit die notwendige Grundlage für eine Organisation zu schassen, die seitdem ununterbrochen zu Gunsten unserer tapferen jüdischen Helden wirkt, dem Gesunden Kraft und Mut, den Kranken und Verwundeten Trost und Liebe spendet. Wenn es sein Geschick auch gefügt hat, daß er der Segnungen seiner eigenen Schöpfung nicht teilhaftig werden konnte, so hat doch sicherlich auf seinem Schmerzenslager das Bewußtsein ihm, dem Selbstlosen und stets Zufriedenen, eine beseeligende Genugtung gewährt, daß die Leiden anderer durch seine Tätigkeit verringert wurden. Möge er den Lohn für sein kurzes, aber inhaltreiches Leben in der Welt des ewigen Friedens genießen. Sein Andenken hoffen wir mit Steinen verewigen zu können, die er selbst aus dem granitenen Felsen der Thorawtssenschaft gehauen, indem er seine Tag und Nacht betätigte Liebe zur Thorawissenschaft dadurch krönte, daß ein Gedankenblitz von ihm genügte, um Helles Licht über ein Gebiet zu verbreiten, das dem engen Kreise der Fachgelehrten bisher die größten Schwierigkeiten bereitete. Wir aber rufen trauernd aus: pstn bv San Weh um solchen Verlust, der nicht leicht zu ersetzen ist. Möge das Andenken an diese Auserlesenen uns und unsere Jugend anetfern, ihnen gleich zu werden, dann sind sie nicht umsonst gestorben, wie sie nicht umsonst gelebt haben. Angesichts der schmerzensreichen Tagesereignisse ist keine Zeit, sich dem Schmerze hinzugeben. Helfen, lindern, mildern muß der Inhalt unseres Strebens sein. Wir hatten schon im vorigen Bericht angedeutet, daß mit der Provinzial-Verwaltung Unterhandlungen angeknüpft waren, die inzwischen zu einem befriedigenden Abschluß gelangt sind. Es handelte sich dabei um Folgendes. Wir hatten gelegentlich eines prakttschen Falles in Erfahrung gebracht, daß diejenigen unbemittelten Patienten der Hellanstalten der Provinz, welche dortselbst sterben und deren Leichen nicht in die Heimat zurückbefördert werden, aus dem Anstaltsfriedhof beerdigt werden. Wir setzten uns daher mit den Anstalten ins Benehmen und traten gleichzeitig mit den benachbarten Gemeinden, die zum Teil unserm Verein angehören, in Verbindung, damit für dieZukunft die Beerdigung derLeichen der jüdischen Anstalts-Insassen auf demFriedhof der jüdischen Nachbargemetnden erfolgen könne, wenn eine Beförderung in die Heimat unmöglich ist. Die Kosten hierfür mußten wir auf unsere Kaffe übernehmen und werden wir zur Aufbringung derselben ein besonderes Konto eröffnen müssen. Jedenfalls wird diesen Toten in Zukunft eine ewige Ruhe gewährleistet. Auch ein R i t u a l b a d konnten wir wiederum Herrichten. Im Frühjahr des Jahres konnte in Hamm a. d. Sieg ein solches der Benutzung übergeben werden. In Coblenz wurde unmittelbar nach den Herbstseiertagen unter unserer Mitwirkung ein MittagStisch eröffnet, der in erster Reihe den dort in Garnison sich befindlichen gesetzestreuen jüdischen Soldaten zu Gute kommt. Unausgesetzt und in immer steigendem Maße nahm uns die im Vordergrund des Interesses stehende Soldatenfürsorge in Anspruch. Manche Zweige der sonstigen regelmäßigen Tätigkeit — besonders die wissenschaftliche und literarische — mußten hinter die Notwendigkeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.