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Der Israelit · 1915-12-02 · Heft 50 (2.12.1915) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 50 (2.12.1915)
Date
1915-12-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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PB w VW I. ^)ez«nder 1915 _ rechte Verständnis haben kann, weil in ihm zu einem kleinen Teil das verwirklicht ist, was den Inhalt seiner Sabbat ruhe ansmacht. Das ist nur eins von vielen Beispielen, die man beibringen könnte. Auch die Missionstätigkeit ist in England letzten Endes von dem Geist echter Frömmigkeit getragen, wenn sie auch« uns nickt immer behagen, mag und so wenig Erfolge speziell die Judenmission trotz der unerschöpflichen Mittel zu verzeichnen hat. Was ist allein ans dem Gebiete der Bibelverbreitung geschehen und in wieviel Hunderte von Sprachen ist das heilige Buch übersetzt worden und in erster Reihe von den Engländern allen Völkern, selbst den kleinsten Stämmen der Erde/übermittelt worden. Und noch eins wollen wir nicht vergessen, daß oies.- Mission sich nie mit Blut befleckt hat und wie rein sie dasteht gegenüber den Greueln, die die Inquisition in Südamerika und Indien verübt, gegenüber den Perbrechen, welche die griechisch-katholische Kirche Rußlands bei der Unter orückung der Sekten aus sich geladen. Aber wie der „Adel verpflichtet", so in noch viel höherem Maße die Frömmigkeit. Es ist bekannt, daß auch im Leben des Einzelnen eine moralische Verirrung viel schwerer beurteilt wird, wenn es sich um einen Menschen handelt, dessen theoretische Ueberzeugung und praktische Lebensführung von der Religion beherrscht wird. Das eine Beispiel wird von allen, die der Religion feindlich gegenüberstehen oder sich von ihren Forderungen gern befreien möchten, verallgemeinert uno als willkommener Beweis getrommen, daß oie Moral völlig unabhängig ist von "der Religion, ja, daß die Religion doch nur eine sehr geringe Bedeutung für das Leben des Menschen haben kann, wenn sie nicht imstande ist, veredelnd auf ihn zu wirken und ihn vor Ausschreitungen za schützen. Es ist hier nicht der Ort, die Fehler in diesen Gedankengängen aufzudecken, s.'e sind auu einmal vorhanden und.haben mehr dazu beigetraaen ,den Wert der Religion in den Augen ms Volkes herabzusetzen als alle naturwissensche.stlichen Hypothesen. und populäre malerialistischc Ausilärungsliteratur. Das ist ja der ureigk-l ste Ci n >cjfiM' rn $Vcp ffes DU'H ‘^P! der Entweihung des göttlichen Namens, wie ihn nufere Alten geprägt. „Was ist eine Entweihung des göttlichen Namens" fragt einer der Talrnundweisen, und antwortet : „Wenn ich z. B. Fleisch kaufe und es nicht sofort bezahle" (Jonta 80 a). Und kürzer und schärfer kann das nicht zum Ausdruck kommen, als..in dem Spruch: „Ein jüdischer Gelehrter (das Vorbild und Muster im Missen von der Thora und in der Frömmigkeit), der mit einem Fleck auf seinem Gewand umhergeht, hat den Tod verdient." (Sabb. 114a). Mas von Einzelnen, das gilt auch von den Völkern. Und darum fällt (auf England die Haupt-, ja die alleinige Schuld der durch diesen Weltkrieg ins Riesenm'aß gehenden Entweihung des göttlichen Namens. Wir haben in einem früheren Artikel versucht, die Schuld Englands an oem Ausbruch des Krieges auf das rechte Maß zurückzuführew). Aber das wird keine Verteidigung von dem Sch-uldkonto Englands löschen können, daß es — mögen die Motive immer sein, welrbe sie wollen -- diesen Krieg seit langem vorbereitet und in diesem ungeheuerlichen Umfange verursacht hat. Und für Ehillul Haschem gilt der Satz, es' kommt nicht aus die Gesinnung an, sondern allein auf die Wirkung. Und welche Mittel, den richtigen Sachverhalt zu verschleiern, England auch bisher angewandt hat, es kommt' die Zeit, wo alle Knlturvölekr der Wahrheit, inne werden, wo alle edlen Menschen ans dem weiten Erdenrund den Fluch aussprechen über die ruchlosen Urheber des großen Menschenschlachtens und wo die Frömmigkeit Englands zum Spruch und Gleichnis wird fiir jeden, der die Hoheit der Religion herabzusetzen sucht und der Name Gottes des Heiligen in den Staub gezerrt wird, weil das Volk, das draußen in der großen Welt am meisten berufen und geschäftig *) „Das große Hassen" oben S. 57 ff. _«kt Asraelü. war, ihn preisend zu verkünden, ihn am tiefsten Entwürdigt hat. Daß alle Vertreter einer ernsten das Leben beherrschenden Religiosität jede Gemeinschaft mit England werden ablehnen, ja sich seiner werden schämen müssen, das ist feine größte, nie zu sühnende .Schuld. „Wann liegt eine Entweihung des göttlichen Namens vor, wenn man von Einem Dinge erzählt, über die die Greichstrebenden sich schämen müssen. (Joma 80a). Der TalMund, wir erwähnten es schon oben, zählt die verschiedenen Möglichkeiten aus, durch die dem Schuldbeladenen Sühne wird, aber Ehillul Haschem, so meint er, vermag allein der Too zu sühnen, wie Jesajah es gekündet: „Nimmer findet diese eure Schuld Sühne, ehe ihr sterbet, so spricht Gott der Herr der Heerscharen'^). Es ist, dieser Gedanke liegt hier zugrunde, nicht so wie bei anderen Verbrechen, die durch, Leiden abgebüßt und durch tiefe Reue aus der Welt getilgt werden können. Die Wirkungen gehen ins UngemeKene und sie können nur als abgeschwächt gelten, wenn der nicht mehr vorbanden ist, der diese Schuld auf sich geladen hat, wenn vor aller Augen kund geworden ist. ^aß Gott seiner nicht spotten läßt. Darum führt uns auch unser jüdisches Denken zu der Ueberzeugung, daß Englands große Schuld nur mit dem Tode gesühnt werden kann, dem Tod, wie ihn ein Volk stirbt, das von so unermeßlicher Größe war, das seine Wurzeln überall auf der Welt so tief in das Erdreich gegraben, dem Tod des allmählichen Absterbens und Niederganges. Es bedarf keiner Sehergabe, um England dies Schicksal vorauszusagen., Wie unendlich verschlungen auch die Probleme sind, welche dieser Krieg und sein Ausgang der Welt aufgibt, das ist nach diesem halben Kriegsjahr jedem klar, auch unseren Feinden, wenn sie sich auch gegenseitig darüber hinwegzutäuschen suchen, daß es für das Hauptrefultat nur zwei Möglichkeiten gibt: ein Sieg der Zentralmächte, oder das Ringen geht unentschieden aus und der alte Besitzstand hex Völker bleibt gewahrt. Auch in dem letzteren unwahrscheinlichen Falle würde Deutschland, das einer ganzen Welt zu trotzen vermochte, an äußerem' Ansehen und innerer Kraft einen Ausstieg erleben, wie der Staat Friedrichs des Großen unmittelbar nach dem siebenjährigen Kriege. Es wird und muß das aus Kosten Englands geschehen; das aber bedeutet für die britische Weltherrschaft der Anfang vom Ende.. Sic sog ihre Kraft aus dem Glauben an ihre märchenhafte Macht ,und Größe. - Ein Volk, das Mit zwei großen Reichen im Bunde und unter der wohlwollenden Neutralität der anderen Völker, Deutschland nicht hat niederringen können, hat für immer den Nimbus des Mlbezwingers verloren. Wie ein Schauer der Ehrfurcht vvr unserem Volke überkommt es uns, daß Deutschland in erster Reihe dazu berufen ist, das große Strafgericht zu vollziehen. Der Ehrfurcht, daß es das erwählte Werkzeug sein soll in der Hand der richtenden Vorsehung, die auch den Völkern ihr Schicksal zumißt und wägt. Aber auch der Furcht, ob wir uns der großen Aufgabe würdig erweisen werden. Und die Prophetenworte werden in uns lebendig, die ovn den großen Reichen erzählen, die Gott zur Zuchtrmte seines Zornes - auserkoren und die Er wieder verworfen, weil sie glaubten, sie hätten „aus eigener Kraft und durch die Erfolge ihrer Wissenschaft das Große vollsührt"^). dlvch geht durch die Seele des Volkes wie seiner Führer der Zug demütiger, gottergebender Frömmigkeit, iwch lebt in der überwiegenden Mehrheit das Bewußtsein so manch begangenen Unrechts, noch herrscht der feste Vorsatz zu sühnen, was' an Schuld und Fehl sich angehäuft, die Fundamente des künfttgen politischen Lebens zu gründen auf Wahrheit und Gerechtigkeit. Wird die seelische Erhebung von Dauer sein? Schlechtigkeit und Charakterschwäche sind nun ein- *) Jef. 22, 14. s) Jesaja 10, 13. 9h. 80 gfftg » ] mal das Erbteil vieler Menschen, und es wäre töricht, sich der Hoffnung hinzugeben, daß der l Trieb zum Bösen, der nach der Bibel dem j Menschen herzen eingepflanzt, mit Stumpf und j Stlet auszurottzen sein wird. Furchtbar aber j wäre bet Gedanke, daß die (Ströme $Ötut£ um* \ sonst oder nur um des Ländererwerbs willen | uno der Erweiterung der Märkte geflossen sein! sollten, daß aus diesem gewaltigsten aller Kriege j nicht auch den geistigen Werten und darunter dem höchsten dieser Werte, dem Glauben, ein dauernder Gewinn zufließen sollte. Und mögen die Menschen noch so sehr gefehlt haben in der Entweihung des göttlichen Namens, Gott hat — j nach dem tiefen Worte Ezechiels*) — Mitleid ] mit seinem heiligen Namen, es m uß eine Period? j kommen, in der Gott wieder geheiligt wird in ) der Mitte der Erdenbewohner.! Me Welt soll nach dem stolzen Ausspruch! eines Mchters noch einmal an deutschem Wesen - genesen. Er meinte nicht Roß' und Reisige, nicht 1 die großen Mörser und die besten Unterseeboote, - sondern den deutschen Geist, der im Denken, i Fühlen und Handeln ernst und tief die Aufgaben ’ der Welt kraftvoll erfaßt und zu Ende führt und j der. noch webt und lebt in den Gedanken an das z Ueberirdische. Wenn, dies Dichterwort zur Wahr- \ heit wird, wenn Deutschland nicht nur dereinst mit \ der größeren Zahl von Menschen prunken kann, \ die es erschlagen und gefangen, wenn es den 1 neuen Geist und das neue .Hierzu), die es jetzt erj worben, sich für die Dauer bewahrt, wenn dann! die Völker nicht nur die besten Waffen und Maj schirren, die unzerstörbarsten Stoffe und unentj behrlichsten Heilmittel, nicht nur die haltbarsten! wissenschaftlichen Theorien und die beste Musik! aus unserem Lande gewinnen, sondern für ihre f Charaktereigenschaften und ihre sittlichen Ideale j für ihren religiösen Glauben sich den Deutj scheu zum Vorbild nehmen, dann ist die große Entweihung des göttlichen Namens, deren wir setzt j Zeugen sind, gesühnt, weil diese Entweihung nur j ein Durchgangspunkt war fiir eine umfassende! und erhöhte Heiligung Gottes. j * * * | Das ist unser Wunsch und unsere Hofs- | nung. Zur Verwirklichung sind wir selbst berufen. f Wir bürgen alle füreinander und innerhalb des' \ großen Volksverbandes die einzelnen Gruppen. Wir Juden sind der Ueberzeugung, daß uns für die Heiligung des göttlichen Namens noch eine be- \ sondere Aufgabe zugefallen. Um wieviel mehr muß unser Streben darauf gerichtet sein, an der! Erreichung dieses Zieles den größten Anteil zu I nehmen. Eng und kleinlich ist die Anschauung, | daß diese Heiligung nur zu messen ist an der Mn-; zahl derer, die im Kriege gefallen oder die das Eiserne Kreuz für ihre Tapferkeit errungen. Ge-' wiß auch das ist Kididusch Haschem, eine Heiligung des göttlichen Namens, und keine genüge, denn sie ist mit Leben und Leiden bezahlt. Alber noch größer und schwerer ist die Aufgabe, für die Zurückgebliebenen, in dieser Zeit, da ein wunder- - barer Idealismus alle Seelen durchzieht,' in jeder Handlung, in jedem Wort, in jeder Geberde, Gottes Namen zu heiligen, auch das Geringste zu meiden, daß unsere Glaubensgenossen sich auch nur Eines unter uns schämen müßten. Es kommt die Zeit, da die Begeisterung verflogen, der ) Burgfriede aufgehoben und der Kampf der po- '■ litischen Parteien wieder begonnen. Heil uns) wenn wir von gerechten Beurteilern dann die Worte hören dürfen: Ja, es ist das Volk Gottes, das Israel, dessen Er sich rühmen darf.; i 4) Ez. 36, 21. J 5) Ez. 36, 26.

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