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Der Israelit · 1915-12-02 · Heft 50 (2.12.1915) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 50 (2.12.1915)
Date
1915-12-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 R». 50_ rischem AuÄmaß ist, so ist noch niemals der Wioerspruch zwischen Theorie und Praxis!, zwischen Lehre und Leben ein so ungeheuerlicher gewesen. Von einem unserer Fürstensöhne tmrd erzählt, er habe einem Krieger, der im Zivilberuf an der Universität Völkerrecht lehrt, gesagt, er müsse unbedingt bei seiner ersten Vorlesung nach dem Kriege zugegen sein, das Bergniigen ließe er sich nicht entgehen. Ich glaube, müsse ebenso vergnüglich sein, zu hören, wie nach dem Kriege die Missionare die armen verirrten Heidenseelen von der Einzigartigkeit ihrer Religion zu überzeugen suchen, wie sie allein es vermöge, die wahre Liebe in das Herz der Menschenkinder zu pflanzen und die Menschheit der Vollendung entgegenzusuhren. Und wie steht es mit dem denkenden Christen selbst, der als Neutraler nicht befangen ist, oder wenn er auch einer der streiteirden Parteien angchört, sich die Fähigkeit bewahrt hat, wenigstens von Zeit zu -Öeit auf sich selbst zu besinnen? Steigt ihm die Schamröte nicht ins Besicht bei dem Anblick, den jetzt die vielgerühmte christliche Kultur gewährt? Vermag er den Anspruch noch ausrechtzuerhalten, daß das Christentum an sich veredelnd wirkt? Angesichts des Umstandes, daß ein christliches Volk die Wilden ans ein anderes Volk hetzt, daß Kulturvölker Mit einem Volk der niedrigsten Kultur sich verbünden, uM das Volk, das in Wissenschaft und Kunst, in Kultur und letzten Endes auf dem ureigensten Gebiete ihrer eigenen Religion Unvergängliches geschaffen, zu vernichten und auszurotten. Ta die Schäm zu den Hunden entflohen ist und das Recht überall auf dem weiten Erdenrund mit Füßen getreten wird. Da Mit eiserner Stirn die Lüge herrscht, und in feiger Raubgier „die yteutmtm", bie niäjt einmal Opfer des eigenen Blutes für neuen Ländercrwerb bringen wollen, darauf lauern, wer von den Gegnern zuerst verblutet, um mit vlxi* geschwächter Kraft dann die Pranken in den zerfetzten Leib des Ueberwnndeten zu schlagen. Da die Heuchelei einen niemals geahnten Umfang curgenontmm und der Führer eines großen Volkes die Gotteslästerung wagen darf, sein Volk ein gottgesegnetes' zu nennen, sein Volk, das mit dem Munde für den Frieden ist, aber durch! seine Waffenlieferungen allein die Fortdauer des' Krieges ermöglicht. Wird er wirklich den Mut finden, auf die Japaner als Heiden verächtlich herakzusehen, denen gegenüber wir Deutsche einen sehr natürlichen Zorn empfinden, weil wir so gar nicht sehen, wie wir ihnen beikommen können, dis aber von all unseren Feinden sich am anstuändigsteir benommen haben. Sie nahmen sich glojch am Anfang des Krieges ohne Verleumdung und Verfolgung des Deutschtums, was sie bekommen konnten, zahlten dafür mit erklecklichen Der ISraeltt. Opfern"an Gut und Mut, und Machten nur der europäischen Forderung der Heuchelei das Zugeständnis, uns als Grund dafür anzugeben, daß n ir den Frieden im Osten stören könnten. Bedarf es der ausdrücklichen Versicherung, daß wir mit ganzer Seele den Schmerz Mitempfinden, den die aufrichtigen Bekenner der christlichen Religion angesichts dieses allgemeinen Zusammenbruchs ihrer Hoffnungen und Ansprüche crfiillt. „Haben wir doch alle einen Gott, hat uns doch ein Vater geschaffen". Nicht nur „in Israel bürgt einer für den astdern", sondern alle Religionen sind solidarisch, der Tiefstand der einen ist das Leid der anderen. Für uns> die wir unsere Religion nicht als die aNeinseligmachende ansehen, nach 'deren Auffassung den: Christentum die Aufgabe zugefallcn ist, einen großen Teil der Welt dem Glauben an den einen Gott zuzusühven, bedeutet diese Erniedrigung der Bekenner des Christentums ganz in gleicher Weise eine Entweihung des göttlichen NmNens. Und Mit ihüen sind wir' der Meinung, daß die göttliche Strafe unfehlbar jene treffen muß, die sich dieser Todsünde schuldig gemacht. Es kann nicht oft genug wiederholt werden, welches Glück dem deutschen Volke und seinen Verbündeten, nun auch der Türkei, zuteil geworden, daß sie in diesem Weltkrieg die Angegriffenen find, die in der Notwehr handeln. Daß wir alle den Kampf um unser Dasein führen und ihn nur deshalb begonnen haben, das ist so geschichtskunpig, daß es von unseren Feinden im Lager der Kriegführenden und der Neutralen unter dem Zwang der Kriegspsychose wohl bestritten werden kann, aber jedem^ auch dem erbittersten Gegner, früher oder später zum Bewußtsein kommen muß. So können wir frohen Sinnes es aussprechen: Unsere Hände haben nicht das Blut vergossen, wir haben keinen Anteil au der ungeheuerlichen Entweihung des göttlichen Namens. Wen von unseren Feinden die schwerste Schuld an der Entfachung des Weltbrands trifft, das bleibe hier unerörtert. Wir haben das Nötige darüber in einem früheren Artikel gesagt. Von der Schuld des Dirn SlSn kann man ab» r m eigentlichen Sinne weder bei Rußland noch bei Frankreich sprechen. Rußland steht dazu auf einer zu niedrigen Stufe und Frankreich ist zu atheistisch. Wir haben es schon einmal gesagt daß wir in allen unseren Erörterungen niemals oie Masse des Volkes unklugen, die zur Schlachtbank geführt wurde. Immer haben, wir es nur mit den Führern, den Treibern zu tun. Und die entmenschte Horde der^ Großfürstenpartzei und des ganzen mit ihr zusammenhängenden Tschin an dem Maßstab zu messen, sie hätten sich an 2. Dezrmbrr der Idee des Göttlichen versündigt, wäre mehr als lächerlich. Ebensowenig sind die Politiker in Frankreich für die Entwürdigung religiöser Ideale verantwortlich zu m!ach>en. Man erwartet von Männern, denen der Glaube an Gott und Göttliches längst geschwunden, nichts anderes, als daß sie ein Opfer jeder menschlichen Leidenschaft werden und im gegebenen Augenblick rücksichtslos das tun, was allein ihrem Nutzen oder dem vermeintlichen Wohl ihres Landes dient. Aber Eugtuud! das fromme EnglandTenn es ist ein frommes Land. Wir können immer noch nicht einsehen, daß es patriotische Pflicht ist, unseren stärksten undgewaltigstell Feind, den niedergerungen zu haben, wenn mx§ der endgültige Sieg beschieden ist, unser höchster Ruhm sein wird, den Rivalen, der ein W<ltreich gegründet, wie es nie gewesen und nach menschlichem Ermessen nie mehr sein wird, der dies Weltreich in Zähigkeit und Klugheit aufgebaut und durch sein seines Verständnis für die Bedürfnisse, die Anschauungen, die Religionen der unzähligen Völker so fest gegründet, -daß alle Glieder ineinandergreisen und der überall lodernde Weltürano kaum tu die entferntesten Säume einen Funken zu werfen vermag — daß es patriotische Vsiicht ist, diesem Feind in jeder Beziehung die Ehre abzuschneiden. Es ist ein srumMes Land. Nicht von der Frömmigkeit, die im Denken und Fühlen bis auf den! tiefsten Grund geht und Führer der Menschheit hervorbringt, aber immerhin ooch von einer Frömmigkeit, der die Religion kein leerer Schein und oik sich nicht mit der Erbauung durch eine Sonntagspredigt begnügt sondern ihr Leben auch in den Dienst der Religion zu stellen sucht. Des sind Zeugen die Politiker und Gelehrten, die es hervorgebrachl, des sind Zeugen unzählige Literaturwerke, die moralischen Wochenschriften früherer Perioden, das kann noch heute jeder bezeugen, der mit Engländern auf ihrem heimischen Boden in näheren Verkehr getreten. Da wird uns von der Heuchelei, dem spezifisch englischen Cant erzählt, wie er z. B. in der Beobachtung und der Umgehung der staatlich streng regulierten Sonntagsruhe zutage tritt. Ais ob nicht auch auf nuferem SBoben ein gut Teil dieser Heuchelei sich breit gemacht, da bie höheren Stände recht pünktlich ihren Sonntugsgottesdienst absolviert, sonst aber in ihrem Privatleben sich so ziemlich alles gestatten uno nur kräftig geschrieen, dem' Volke müsse die Religion erhalten bleiben. Was wissen die Herrschaften, deren Erbitterung über beit englischen Sonntag zumeist daher stammt, weil sie nicht rechtzeitig haben fahren, telegraphieren und vor allem haben trinekn können, von dem englischen Sonntag, wie er das Haus des Bürgers verklärt, für den auch nur der fromme Jude das nagoge in Kurnik". Die Maertie ist für den Historiker ein bis jetzt nur wenig betretenes Gebiet und die Berichte der Denkmalkommifsion zu Ärakau enlbatten nur das Material aus Galizien, locrrig über Rusiifch-Polen. Das wenige Material ist w ,^ch nur m polnischer Sprache vorhanden. Die jüdische Bevölkerung Polens ist bekanntlich aus Deutschland eingewandert und hat drei Dinge mitgebracht, Sprache, Tracht und Kunst. Bezüglich der letzteren, jo führt oer Redner aus, sei es ganz eigenartig, in den Motiven Anklänge an den romanischen und frühgotrichea Baustil zu finden, ein Beweis, daß damals diese Baukunst in Deutschland vorherrschte. Fremde Einflüsse haben dann diese romanische und frühgvtifche Kunst umgewandelt. Bei oberflächlicher Betrachtung dieser Holzbaracken fragt man sich, ob hier von Kunst die Rede sein könne? Kothe hat an der Synagoge?.rr Kurnik nichts Besonderes gefunden, ebenso anfangs der Vortragende, der aber bei eingehender Besichtigung zu. anderen Ergebnissen kam. Besonders angerezt hat ihn der Portikus an der Westseite. Die Shnagage ist 1767 von der seit 1754 bestehenden Schneiderinnung in Kurnik erbaut. Wie Redner an Lichtbildern nachwics, hat der gleiche Baumeister die Synagoge zu Kurnik und Lutomiersk erbaut. Für die Erläuterung der Malerei in den Synagogen zeigte der Vortragende Beispiele aus dem östlichen Polen, wobei er zugleich den Einfluß des Orients nachwies. Prof. Arrtonrewrcz hat festgestellt, daß die Armenier von Kouftantiuopel her durch Bulgarien, Serbien, Ungarn bis Lcmoerg gekommen sind. Dort herrschten in der Ätarcu*i neben den beliebten Motiven (Weintraube, Wtinblatt und Granatapfel) auch Tiermotive vor. . Dis Stoffe nun, die die Armenier im Handel mitbrachten, haben mit ihren Mustern befrmMend auf di« Ghetto- «aler etngewirkt. So find Dkgenven des Gerechten in der Tiermalerei symbolisiert durch den Panther, Hirsch, Adler und Löwen; auch viele Malerscherze finden sich darunter. Redner erwähnt die Holzwnagoge in Rzeszow, die übrigens in den Besitz des dotngcn katholischen Pfarrers übergegangen -st, tc>; sie aus Pietät erhält und sich mit Stolz Lyuagogeubrsitzcr nennt. Weiter nach Westen finden sich jüdische Sakralbauten aus Fachwerk, wie z. B. in Deutsch- Krone, die an gute deutsche Vorbilder erinnert, dgl. die Synagogen in Pinne und Rakwitz. Die Synagoo.enbaukunst in Deutschland ist sehr alt, weist aber nur zwei bedeutende Formen auf, nämlich in Worms und Prag. Die während der Kreuzzüge auswandernden Juden fanden u. a. eine Zuflucht im Jagiellonenteichc, und zur Zeit Johann Sobieskis lebte die .välfte aller europäischen Juden in Polen. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts sind dann hier Verfolgungen der Juden eingetreten, die der ruhigen und gedeihlichen Entwicklung des jüdischen Lebens ein Ziel geletzt haben. Es kam der Rückstrom der Juden ans Polen nach Deutschland, und daher rühren, wie Redner an Lichtbildern zeigte, die einfachen Breitersynagogen im Westen Deutschlands her, die äußerlich unbedeutend s'nd, im Innern jedoch eine ebenso beachtenswerte Maleret aufweisen wie in Polen. (Die Spaniolen in Saloniki.) In der Bevölkerung Salonikis sind die Spaniolen oder Sesardim. iuie die „spanischen. Juden" sich selber nennen, das regsamste Element. Sie sollen ungefähr zwei Dcttrcl der Bevölkerungszahl Salonikis ausmachen. D.ch einer alten Ueberlieserung sollen die Sefardim im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, als nach der Vertreibung der Mauren oie Unduldsamkeit der Kastiiianer sich auch gegen die Juden richtete, nach der Levante ausgewandert sein. Jedenfalls sprechM' heute noch' ein verdorbenes Spanisch, das ungefähr so mir hebräischen Sprachelcmenten durchsetzt ist, wie das ursprünglich fränkische Deutsch der russisch-polnischen Juden. Zum Teil scheinen sie auch aus Portugal gekommen zu sein. Der Name Sefardim bedeutet nur „die aus HZperien Eiugewanderren." Die Spaniolen sind vielleicht noch vor der Eroberung der Balkauhalbiusel durch die Osmancn nach Saloniki gekommen. Ein Teil trat später zum Islam über. I» Saloniki bestand schon eine ältere jüdische Kolonie. die sich jedoch mit dem Sefardim verschmolzen und auck. ihre Sprache, das Spanische, angenommen zu haben scheint. Sie gehören dort fast allen Berufszweigen an, und viele von ihnen haben es zu bedeutendem Reichtum gebracht. Sie tragen ihre chertümliche Tracht, ein Gewand von bunter ^eide, das ihnen bis zu den Füßen reicht, darüber die offene, maurische Jacke, in der Regel über diesen Kleidungsstückcil noch den Kaftan, der bei den Wohlhabenden mit feinem Pelzwerk verbrämt ist. Gewöhnlich bedeckt ein Turban das Haupt des Spaniolen, nur das zunge Geschlecht trägt zuweilen schon den Fes. Ein färben< prächtiger Schal wird breit um die Hüften gelegt. Die Frauen tragen zum großen Teil.noch eine merkwürdig an die Moden des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts gemahnende Kleidung. Aus dem Kopfe sitzt ein Schmuckwerk, oft aus Gold und eckten Perlen ober Edelsteinen; davon laufen grüne, gestickte Bänder aus, die frei über die Schultern flattern oder ams Kinn .gelegt werden. Die Jüngeren kleiden sich bereits »II» franca, das heißt nach westeuropäischem, meist Wiener Modsgeschmack. Di Schönheit der SpautoUtttten wird viel gepriesen. Ein besonders fesselndes Kapitel bildet die ulte, sehr eigentümliche Musik der Spanwien, die zeitweilig auch aus die «bend-

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