Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1915-12-02 · Heft 50 (2.12.1915) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 50 (2.12.1915)
Date
1915-12-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448506-2448555--67845-2488760
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

iVUVUlfl'JW t Dezember ISIS Grundlage basierender Geschichte gewinnen konnte. Halevy fiel 'somit eine doppelt riesige Ausgabe &u, eine negative und .ine positive, die Zertrümmerung des alten, nrch außen hin stolz prangenden Baues' und di-' Aufführung eines neuen, bleibenden Werkes. Halevy löste diese d)p- Peltc Aufgabe Mit einer Gründlichkeit und Meisterschaft, wie sie nur von einer solch Phänomenalen Geistesgröße vorausgesetzt werden konnten. Er entfernte alles, was Voreingenommenheit und Mittelmäßigkeit bisher geschaffen hat, mit der Wurzel und errichtete von neuem ein grandio'es geschichtliches Gebäude, das in all seinen Gängen und Kammern von wnnd"rba em Lichte durchflutet wird. Da wird nirgends mehr mit Be > Mutungen und Kombinationen operiert. mögen sie Noch so geistreich sein, sondern überall nur mit festgefügter Wissenschaft. Was im ^D. Har." gesagt wird, sind nur Tatsachen, handgreifliche lebendige Tatsachen, die mit unwiderstehlicher Ueberzeugungskraft zu uns sprechen, da sie st.sts durch eine kontinuierliche Kette von ineinanoetfließenden, lichtvollen Beweisen erhärtet werden, welche entweder nebenherkaufen, oder, was in den allermeisten Fällen geschieht, in den Lösungen der Probleme inplizite gegeben sind. Daher das einzig dastehende Faktum, daß bis heute kein einziger grundlegender Satz im „D. Har." von der Kritik auch nur angetastet wurde. Nur an Einzelheiten wagte sich die Kritik heran, nicht aber an fundamentale Sätze. Dieses entscheidende Faktum ist es wiederum auch, das alle Unbefangenen jedweder Schattierung und Richtung zwingt, den Forschungen des „D. Har." bestimmt den Vorzug einzuräumen, wie wir es, neben zahlreichen anderen, auch bei dem schon in unserem vorigen Artikel erwähnten Professor Bacher fanden. der in der Grätz'schen und Geiger'schm Schule zu den Autoritäten zählt. Bacher ist nft sogar konsequent genug, um selbst seine eigenea Forschungen, die sich natürlich in öeit alten Bahnen bewegen, zu Gunsten des „D. Har." fallen za lassen. Rur vollendeter Wahn kann sich dem törichten Glauben hingeben, daß man durch das kleinliche Mittel hämischer Reden so offenbare Tatsachen aus der Welt schaffen könne. (Forts, folgt.) Sie Entweihung des göttlichen Namens.*) Man hört allgemein die Ansicht vertreten, daß dieser Krieg eine Erneuerung des religiösen *) Ans „Der Weltkrieg im Lichte des Judentums" Von Dr. I. Wohlgemuth (Verlag des Jefchurun, Berlin.) Der JSraeltt.__ Empfindens zuwege gebracht, daß er dem Glauben wieder eine kaum erhoffte Stärkung verliehen hat, und die prinzipiellen Gegner der positiven Religionen haben sogar mehrfach ihrer Furcht Ausdruck gegeben, es würde eine reaktionäre Welle die von ihrem Standpunkt sehr unerwünschte Folge dieses Kneues sein. Ist dem wirklich so? Freilich, wenn man v.iit Feuer buch die Religion definiert als oie Furcht vor den Göttern, in ihrer Verehrung nichts anderes sicht als die Versuche, die drohender. Mächte zu beschwichtigen, dann kann man die Steigerung des Besuches der Gotteshäuser als Maßstab nehmen für die wachsende Macht r.cligiöscr Gefühle. Aber es ist doch nur eine sehr niedrige Glaubensstuse, welche die einnehmen, die aus Angst und Sorge um teure Angehörige in der Verzweiflung gleichsam zu dem letzten Strohhalm greisen, zu dem Glauben ihrer Kindheit. Wo der starke, der innige, unerschütterliche Glaube nicht schon vorher den Menschen erfüllte, da wird diese Erhebung zum Höchsten nur eine vorübergehende sein. Ist die Gefahr vorüber, dann ist die rettende Hand der Gottheit baL vergessen, und hat mau dem Leid den Zoll ge.'ahlt, bann tritt die Resignation an die Stelle des Glaubens oder gar Empörung gegen den Gott, der dies hat zulassen können und dem man blasvhemisch das Dasein abspricht. Viel höher ist die Wirkung einzuschätzen, die der neuerwachte Idealismus indirekt auf das religiöse Empfinden übt. Eine so völlige Verleugnung des eigenen Selbst, eine so allgemeine Hingabe an das Ganze, wie wir sie in unserem Vaterland erleben, macht ihren Einfluß ans alle materialistischen Neigungen geltend, läßt ihm unzö.zuges, was er für bedeutsam ansah, in seiner Nichtigkeit erscheinen und hebt ihn unwillkürlich in eine Sphäre, in der er wieder den rechten Blick für die Ewigkeitswerte des Lebens gewinnt. Wer wollte leugnen, daß in Deutschland in diesem Sinne die Religion wieder an Boden gewonnen hat. Aber Deutschland ist nicht die Welt, und die Religion ist bisher immer noch international. Wir können uns nicht wundern, daß die Regierung und die Geistlichkeit in Rußland von dem „russischen Gort" spricht, müssen es aber als eine bedauerliche Entgleisung ansehen, daß auch in Deutschland — nach Zeitungsberichten wenigstens — von dem deutschen Gott die Rede war. Und wenn wir nun von einer solch höheren Warte aus fragen, welcher Gewinn erwächst der Religion ans diesem Weltkriege an sich, dann können wir zunächst, nach dein augenblicklichen Stande nur antworten: das Resultat ist vor der Hand eine ungeheuerliche Entweihung des göttlichen Namens. Ro. 50 Sette S nirrr SlSn die Entweihung des göttlichen Nameus gilt nach jüdischer Auffassung als das schwerste aller Verbrechen, die gegen Gott begangen werden können. Es gibt keine Todsünde, sie nicht durch aufrichtige Reue und Buße verbunden mit schweren Leiden, die über den Menschen kommen, als ausgelöscht gilt. Für die Entweihung des göttlichen Namens kann nur :'c»- Tod die endgültige Sühne bringend. Dieser Entweihung des göttlichen Namens haben sich dieienigen schuldig' gemacht, die diesen Krieg here.usbeschworen und in Formen rühren, die mit ihrer eigenen religiösen Vorstellung nicht in Eingang zu bringen sind. Wir reden hier nur von den subjektiv-reli- '.Vvö’cr. Anschauungen der kriegführenden Völker uns lassen unsere jüdische Anschauung zunächst beiseite. Es handelt sich um christliche Völker, die das Christentum als die absolute Religion betrachten, als die Religion, zu der alle anderen Religionen nur die Vorstufen find. Ziel und Zweck des Weltgeschehens ist auch nach ihnen, wie cs in unserem Menugebet heißt, daß „die Welt ihre Ordnung begründe durch die Herrschaft, des Allmächtigen" „dein Reich komme auf Erden" ,n,'6 das; die Menschen, in erster Reihe die Christen und nur durch diese und von ihnen bekehrt?mj geleitet die andere Menschheit, das Gottesr eich im Laufe der Zeiten verwirklichen sollen. Und nun versetzen tvir uns eiundal in die Seele derer, die diesen: Kampfe zusehen, zunächst in die aller ''Nichtchristen, die doch erzogen^ und cmporqchoben werden sollen. Wir selbst schließen uns als Juden aus, wir sind ja nun einmal sck-vn ans den Zeiten der Bibel her „ein Hartnäckiges Volk", an dem seit Jahrtausenden alle Bekehrungsversuche scheiterten. Was wohl die Muhammedaner und Buddhisten, was die kultivierten und unkultivierten heidnischen Volker wolck von der christlichen Zivilisation denken mögen, jener „herrlichsten und reifsten Blüte, zu lzdie Menschheit unter dem Zeichen des Kreuzes sich entfaltet" haben soll. Sie haben ja den Wert dieser Segnungen schon früher oft genug am eigenen Leibe erfahren, wenn die kolonisierenden Völker Europas Greuel auf Greuel häuften, ab r wie alles an diesem Kriege von gigan- 1 \ Bergt. Maimvnides sülch. Theschubah I 4. - Lazarus hat in seiner „Ethik des Judentums" I. 2. 21 liiifl S. 197 die hohe Bedeutung des Begriffes ctrn tpnp der „Heiligung des göttlichen Namens" hervorgehoben, es ober verabsäumt, aus den Korrelatbegriff des crn Wn hinzuweksen.WAber erst der Umstand. daß *>1^ als ein solch ungeheuerliches Verbrechen angesehen wird, macht uns klar, eine welch hohe Stufe der einnimmt, 'der ctpn Vnpv iw Zwischen Verbrechen und positiver Tugend muß eine breite Kluft liegen, uvrt .«mp ist ein Besonderes, eine hihrc Tugend, aber nicht Pflicht, deren Verletzung strafbar wäre. aber wie immer. Erscheinen wir in unserer Hoffnung als Schwärmer, so wird deshalb das jüdische Heldentum nicht geringer werden. Schließlich, ist der Jude gewöhnt, das dienende Licht zu sein und in dem Segen, der von ihm für die Gesamtheit ausgeht, den herrlichsten Lohn zu finden. Daß unter unfern jüdischen Kämpfern eS auch an solche« nicht fehlt, die trotz der unsäglichsten Schwierigkeiten doch die Thorasatzungen üben und sich so des Schutzes versehen, den der Herr seinen Getreuen verheißt, ist ein neuer und beglückender Beweis für die unverwüstliche Kraft unserer religiösen Gemeinschaft. Bet den Strahlen der Ehanuckahflammen mögen wir dem Herrn danken für die Kraft, mit der er uus am Sinai ausgerüstet und uns befähigt hat, unter Opfern und Entbehrungen, unter Stümpfen und Widerwärtigkeiten von unserm Lichte zu spenden. So wird auch unsere Hoffnung und unser Vertrauen für ein glückliches Gelingen unserer deutschen Sache wachsen, deren Sieg schließlich nicht ihr allein zum Segen gereichen wird. Das „dienende Licht" aber, das wir benutzen dürfen, «ollen wir vor allem als Mahner zur Pflicht und Ausgabe wirken lassen, dann leuchtet dauernd sein Glanz in unferm Herzen fort. „« M... e Offizier!?" Eck In einem Berliner Blatte entwirft Matz Troll folgendes Genrebildchen aus Polen: C Jüd...e Offizier!? Noch heute sehe ich die freudig leuchtenden Wiulz der kleinen, schwarzäugigen Jüdin von KrasnosiNc, als ich mit ihr mir den Preis eines halben Paketes leicht-russischen Tabaks feilschte und dabei zu ihr ipr Mdhisch sagte: > Zwei Mark wollen. mm Se haben for »o e bißchen Tabak, wo da» ganze Pakci möv zwei Mark kost. Zwei Mark... Le .vollen bemogeln e daitschcn Juden, wo sich kost der Tabak in Friedenszeit nor i Mark?" „E Jüd... e daitfchcr Offizier!? Werd ick,^iv-en gäben den Tabak for eine Markstück, weil fe find c daiticker Jüd ... e Offizier!" - Und freudig, leicht wie eine Ma^elle, chrang sie durch den kleinen .silcintramlaDen an die Xiiie, Die Hir Stube führte. Wie wenn das fiendwste Ereignis der Wett eingetreten fei, rief ste hell in die kleine niedere Ladenstübe: „E daitfcher Jüd ... e Offizier.'?" Beide Flügel der Türe öffneten sich sperrangelweit und heraus traten freudig bewegt Mutter, Barer nebst zahlreichen Kindern, um mich mit großen, neugierigen Augen zu bestaunen... wie die größte Sehenswürdigkeit des zwanzigsten Jahrhunderts, wie eine 'Attraktion in Eastans Panoptikum. In Bialyslok: Von der Ortskommandantur wurde nur zum Ucbernachten ein Zimmer in einem hübschen Hotel in der Nikolaistraße angewiesen. In Bialystvk find alle .Hotels in jüdischem Besitz. Fast alle find sehe sauber und ziemlich modern eingerichtet. Ein junger Mann, bornehm angezogen, nrate mir in seiner Funktion als Lrtspolizist' das Quartier. Er tat es im Auftrag der Ortskvmmandanrnr, dre ihm zum Zeichen feines Amtes und feiner Würde mit einer grün-weiß gestreiften 'Armbinde .ruszestartet hatte. Der Wirt sagte sofort, als er mich sah, die Worte: „Es tut mer leid, alle Zimmer fein bernimnren Schon wollte ich mich sang- und klanglos cnthmzn, als mein Begleiter hilfreich cfoanli; .: - •'" - „Na, Moritz... Du wirst doch noch haben i gutes Ammer für e dazitschen Offizier... c Jüd??" „E dcitfchen Offizier... e Jüd?!" war die erstaunte Antwort. „No, selbstverständlich hob ich ä Zimmer for Sie... e feines Zimmer... Zimmer Numero eins!" Fünf Minuten später faß ich mitten im „garen Zimmer" des Wirtes... Tie ganze Familie um nrich Ijcnriir: Vater, Mutter, das 17 jährige Tvchrnv ihut, das 8 Jahre alte Böhnchen und eine Reihe von Verwandten und Bekannten des Hanfes. Ans aller 'Augen leuchtete mir die freudvolle Antwort n:it dem Frage- und Ausrufungszeichen entgegen: „E Jüd... e Offizier?.'"' Und wir tranken Tee, aßen Mazzes dazu und rauchten famose ruffifche Zigaretten, die der Vater des Hauses bereitwilligst hermnreichte. Dabei plauderten wir in der angenehmsten Form über alles mögliche: Selbstverständlich zuerst über den .u'rieg, über die Herrschaft der Rasten in der Stadt, schließlich über .irunst, deutsche und russische Literatur und über die bevorstehenden jüdischen Feiertage ... 'Neujahr ... Laubhütten. Sv habe ich in diesem netten Familienkreise einen der schönsten Abende im polnischen Feldzug erlebt. Uno w könnte ich noch so manches ähnliche Erlebnis schildern, das immer wieder ausklang in der staunenden Frage: „E Jüd ...' e Offizier'.?" (Alte Holzsynagoge«.) Ir, der Historischen Gestllschast zu Posen hielt am wienätag Professor Tr. Grotte den angekündiaten Bortrag über „Holzivnagogen des östlichen Iwgsschanplatzes und die <§£*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.