Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 50 (2.12.1915)
- Date
- 1915-12-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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»er Ksraeltt. 9. Dezember l«1ö «eite 9 fta. : _ unserer Jugend äußerst besorgt sei. Trotz dieses selbstlosen, geradezu rührenden Motives, dem wir sein erneutes Auftreten verdanken, bleibt er seiner alten Methode, die es weniger auf sachliche Gründe, als auf eine Verunglimpfung -es Gegners absteht, auch hier getreu. Gleich anfangs spricht er von einer „Verirrung" Kotteks, da er sich die Forschungen des „kritiklosen" Halevy zu eigen gemacht habe. In diesem Blumenstile geht es munter weiter. Welches Armutszeugnis stellt sich derjenige aus, der einen Halevy „kritiklos" nennt. Halevy, der doch von Freund und Feind als Meister der Kritik gefeiert wird, der durch seine Geistesschärfe auf jedem Blatte des „D. Har." seine Vorgänger, welche bis dahin als Heroen galten, ad absurdum führt und in dem positiven Teil seiner Arbeit ein kritisches Genie an den Tag legt, das Freund und Feind in Erstaunen setzt. So sagt z. B. Dr. S. Bernfeld, Berlin, ein Mann, der in den Kreisen Elbogens zum radikalsten Flügel gehört, in Nr. 34 des in Rußland erscheinenden hebräischen Tageblattes „Hasman" Jahrgang 1904; „So oft wir Gelegenheit haben, uns mit seinen Forschungen (Halevys) zu befassen, bewundern wir immer von neuem seinen scharfen Blick . . . Alles, was Rappoport, Frankel, Grätz, Weiß und ihre Anhänger auf diesem Gebiete (historischem) geschrieben haben, ist im Vergleich zu dem, was Halevy geschrieben hat, genau so, wie leeres Geschwätz gegen wissenschaftliche Forschung." Das ist das lakonische Urteil eines Mannes, der sich durch Parteirücksichten sein klares Denken nicht trüben läßt. Nur Elbogen bleibt es Vorbehalten, der wissenschaftlichen Wahrheit zum Trotze, das große Verdienst Kotteks, das er sich auf den Boden der Halevyschen Forschungen erworben hat, eine Verirrung zu nennen. Indes sehen wir uns an der Hand des „D. Har." diese Verirrung etwas näher au. Elbogen hat uns über die Art der Verirrungen völlig im Unklaren gelaffen. Wir sind daher ganz aus uns selbst angewiesen. Versuchen wir nun, uns in den Gedankengang Elbogens hineinzuarbeiten, um uns das Wesen der Verirrungen näher definieren zu können. Wenn wir Elbogen recht verliehen, so hat Kottek wohl eine schwere Verantwortung auf sich geladen, daß er nicht, in völliger Uebereinstimmung mit Gratz, in einem Kapitel seiner Geschichte den Patriarchen Rabban Gamliel in Jabne im Jahre 117 sterben läßt und das nächstfolgende Kapitel auf der Grundlage aufbaut, daß der Sohn Rabban Gamliels, Rabban Simon, im Jahre 135 sechs Jahre alt gewesen sei, daß also der Sohn ganze 18 Jahre nach dem Tode des Vaters 6 J.-'hre gezählt habe („D. Har.","B. 2, S. 4.) Kottek machte sich ferner eines schweren Vergehens schuldig, daß er nicht so naiv war, wie Frankel, der, ohne natürlich den Unsinn selbst gemerkt zu haben, den Rabbi Nassia I., 113 Jahre die Patriarchenwürde bekleiden läßt (das. S. 31.) Oder Kottek beging einen unverzeihlichen Fehler, daß er nicht mit Grätz in großen Lettern die Peruschtm zu Landesverrätern stempelt, obgleich das harmlose Kapitel bet JosephuS, welches Grätz als einzige Quelle für seine Behauptung angibt, auch nicht einmal beiläufig den Namen Peruschim erwähnt „(D. Har." B. Io, S. 486.) Oder Kottek versündigte sich ohne Zweifel schwer, daß er nicht den gleich tragikomischen Einfall hatte wie Geiger, der die Kutäer (EWD), Sadduzäer und Karäer als die eigentlichen treuen Hüter der jüdischen Tradition preist (das. S. 433.) Verweilen wir doch bet diesem Punkte etwas länger, da er so gut geeignet ist, die merkwürdigen „Verirrungen" Kotteks augenfällig zu illustrieren. Geiger erklärt in tiefstem, sachlichstem Ernste, daß nicht die Peruschim, wie irrtümlich geglaubt werde, sondern die Kutäer, Sadduzäer und Karäer die wahren Anhänger der jüdischen Ueberlteferung seien. Als schlagenden Beweis für seine groteske Behauptung führt er den Umstand an, daß die Peruschim das Kochen und Bocken an den Feiertagen für erlaubt hielten. Die Thora, so fährt Geiger fort, stelle die Feiertage auch in dieser Hinsicht dem Sabbate gleich und erlaube nirgends das Kochen an den Feiertagen. Im Sinne der Thora verbieten auch die Sadduzäer, Karäer und Kutäer das Kochen an den Feiertagen. Die Peruschim aber setzen sich über das Verbot der Thora hinweg, doch blos aus dem Grunde, da sie diese Neuerung für unumgänglich erachtet hätten. Zwar heißt eS in der Thora (B. 2,12,16) inbezug auf das Peffachseft: „Nur was gegessen wird für irgend eine Person, das allein darf bereitet werden bei euch." Doch diese Erlaubnis beziehe die Thsra, nach Auffassung der Sadduzäer und Karäer, nur auf das Peffachlamm, das trotz der Heiligkeit der Feiertage gebraten werden dürfe, nicht aber auf die Familie, für die das Kochen an den Feiertagen, gleich allen anderen Arbeitsverrichtungen, streng verboten sei. „Das alles", bemerkt dazu Halevy, ,,ist ganz richtig, nur eiueu kleinen Fehler begingen Geiger und seine Genossen, die Kutäer und Koräer, daß sie nämlich die erste Hälfte des Verses, ans den sie sich stützen, gar nicht gesehen haben. Geiger hält es für möglich, daß ein so allgemein gehaltener Satz in oer Thora- „Nur was gegessen wird ftir irgend eine Person, das allein darf bereitet werden bei Euch" nur die Erlaubnis aussprechc, das Pessachlamm zu braten, dagegen aber das Kochen für die Familie verbiet'. Er hat aber ganz übersehen, daß im gleich?!? Verse auch der siebente Tag des Pessachfestes wähnt ist, an dein doch kein Pessachlamm vorhanden ist. In diesem Verse heißt es nämlich: „Ain ersten Tage (des Pessach) ist heiliges Fest und am siebenten Tage ist heiliges Fest, irgend eine Arbeit darf nicht verrichtet tverden, nur lvas gegessen tvird für irgend eine Person, das allein darf bereitet werden bei euch." Die Thora spricht es demnach, tvie inan sieht, ganz klar ans, daß der siebente Tag und der erste Tag genau den gleichen Charakter tragen. Bon beiden heißt >'<?: „irgend eine Arbeit darf an ihnen nicht verrichtet werden" und von beiden wiederum: „nur was gegessen wird für irgend eine Person, das allein darf bei Euch bereitet werden". Wenn nun auch Geiger und die Kutim oie sinnlose Behauptung ausstellen konnten, daß ein so allgemein gehaltener Satz nur das Braten des PessachlammeS erlaube, dagegen aber das Kochen für die Familie verbiete, so sahen sie aber nicht, daß genau das gleiche über den siebenten Tag gesagt ist, der doch siin Pessachtanntt hat. „Diese Geschichtsschreiber", bemerkt Halevy ergänzend, „verstrickten sich daher in solche Halluzinationen, weit sie die jüdische Geschichte in schlummerndem Zustande schrieben. Ihr Hauptaugenmerk war darauf ge- ,'-chtet gewesen, alles in ein wildes Chaos zu verwandeln, und wenn sie die Gelegenheit dazu gesunden zu haben glaubten, sind sie vor Freude so berauscht worden, daß sie nicht einmal sahen, lvas nur sie her vorging." Diese Art der Geschichtsschreibung, von der lvir hier natürlich nur wenige Beispiele anführeu konnten, ist es, welche sich Kottek nach dem lvisseuschaftlichen Postulat? Elbogens als leuchtendes Vorbild hätte vor Angen holten sollen, ein Konglomerat von oberflächlichen Einfällen, bewußter Täuschung und eklatantem Widersinn. Was Wunder, wenn selbst ein Mann, dessen Anschauungen ganz in der Grätz'schon und Geigeckschen Schule »vnrzelu, über ein solch unseliges Produkt von Geschichtsschreibung in unzweideutigen Worten den Stob bricht und sie als leeres Geschwätz verurteilt. Aber dieses unselige Produkt legte sich den stolzen Namen jüdische -Geschichte bei und verwirrte die Köpfe. Ehe vorher gründlich mit ihr aufgeräumt wurde, konnte nichts Neues und Lebensfähiges geschaffen werden. D?r förmlichc Urwald von groben Jrrtümern und Fehlern, falschen .Hypothesen, Verdrehungen und E'tttstelluugen mußte zuerst vollständig ausgerodet ntkr umgepslügt tverden, ehe mau die nöttge freie Bahn für eine vorurteilslose, von jeder Tendenz sich fernhaltende, auf exakt wissenschaftlicher Gebet vor der Schlacht?) Bon Jyhn Lehmann. Schön kommt der Morgen emporgestiegen, Sieh, Vater, mich betend vor dir liegen, Hilf mir'. Latz mir den Tag der Wehre Werden zum -tag der Ehre! Gott, mein Gott, ich ruf; dich, Vater, beschütze mich.' Hast du beschloffen, mit Strenge zu richten, Wolle den irdischen Leib mir vernichten, Doch die Seele, die Ehre bewahre - Ruhmbekränzttränenreich fei mir die Bahre. Sterben ist leicht — doch nicht leben kann ich, Wenn die Ehre verblich! Aber willst du Gnade mir geben, Latz mir dies schöne Erdenleben, Latz mich fein, als der Meinen Stützer, Den Guten ein Freund, den Armen ein Schützer, Und noch singen dir Lob und Preis Als zufriedener Gr;is. Keines Feuilleton. Das dienende Licht. Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Wrefchen Abseits von der Lichterreihe, die sich an dem Chanuckahleuchter von Abend zu Abend jetzt mehrt, steht *) Aus „Verlorene Blätter. Allerlei Gedichte." noch ein Licht, das wir das „dienende" nennen. Dieser Name ist berechtigt, denn es hat die auderen zu entzünden und deren Weihe zu hüten, darüber zu wachen, daß sie ihrer eigentlichen Bestimmung nicht entzogen werden. Ein solcher Dienst verleiht Kraft und Weihe, auch wenn der Dienende, nachdem er seine Aufgabe zu Ende geführt hat, nicht sonderlich mehr geachtet wird und sich bescheiden mutz, autzerhalb und abseits zu bleiben. Dieses dienende Licht kann uns als ein Sinnbild für den Segen gelten, der von einzelnen und wenigen über eine Menge ausgeht. Die Geschichte Josephs und die unseres Chanuckahsestes veranschaulichen uns beide in gleicher Weise die wundersame Kraft, für die unsere Alien das Wort kennen: „nrrvb i: *i:, Das Licht, das einem leuchte:, sendet feine Strahlen für hundert und auch mehr". Eine solche Lichtflut strahlte von Josephs Tugendleben aus und ist auch der Ruhmeskranz, den wir den Makkabäern noch nach Jahrhunderten flechten. Der hinter Kerkermaue^n schmachtende ibrische Jüngling hat sich seine innere Lauterkeit und Kraft gewahrt, darum blieb er dckr „Glückliche", mit dem der Herr ist, und suchte dienend zu Helsen. Und als für ihn die Stunde der Freiheit endlich schlug und. der Pharao den Adel seiner Seele und die Klugheit seines Geistes gerühmt und gewürdigt hatte, da suchte Joseph den unerwarteten Wandel in seinen Lebensschicksalen vor allem für das Land Aegupten segensreich zu gestalten. Ein einziger, der die Zeiten begriff und die Zukunft voranssah, schützte er seine neue Heimat vordem Verderben der drohenden Hungersnot Bescheiden und demütig gab er seine Ratschläge und traf er leine Matznahmen, und frei von Dünkel und Hochmut blieb er, als bereits reicher Erfolg seine Arbeit gekrönt hatte. Was er tat, das war ihn, selbstverständliche Pflicht, der er mit seinem besten Können zu dienen suchte .... Was wäre wohl aus Israel geworden und was aus seinem heiligen E.be, wenn nicht das Makkabäergeschlecht das Licht, das in ihm ausstrahlte, hinausgetragen hätte und andere zu gleicher Begeisterung und Opserwllligkeit entflammt hätte? Wie viele mögen einen Juda Moßkabt einen Träumer und Phantasten genannt haben, als er den unsäglich schweren Kampf gegen die gewaltige Syrenmacht aufnahm! Die Ueberzeugung aber, für eine heilige Sache zu kämpfen, machte Schwachen zu Helden und mehrte den Mut und die Beharrlichkeit der Wenigen, datz sich an ihnen das Bibelwort bewährte: „Und fünf von euch werden hundert verfolgen und hundert zehntausend " Jenes Lichtlein kann uns vollends für Israels Gesamtheit ein Symbol fein, wie sie an der Menorah der Menschheit ein Licht nach dem andern entzündet hat und so häufig mit Mitzgunst oder bester geringschätzig behandelt wird. Gleichwohl blieben wir unserer Sendung und Bestimmung treu und achteten nicht der Zurücksetzung und Undankbarkeit, die unser Los und Anteil zu fein schien. Uns war die Aufgabe groß und wichtig genug, daß wir in der ihr zugewandten Arbeit den Quell unserer eigenen Läuterung fanden und aus jede Anerkennung gerne verzichteten. Daraus erwuchs jenes jüdische Heldentum, von dem uns unsere ganze Geschichte gar herrliche Proben bietet, das wahrlich auch in unserer Zeit seine volle Kraft bewährt. Noch lebt in unseren Reihen jener Opfermut, der verzichtet und entsagt, wo es das Wohl der Gesamtheit bedingt und die Treue zu der Väter Heiligtümern mit Macht fordert. Bon dieser unserm Charakter eigenen Tapferkeit bekommen wir jetzt so oft Kunde, die Reihe der wegen ihres Heldenmutes Ausgezeichneten und Beförderten wächst zusehends, fodatz diese schicksalsschwere Zeit unbedingt dazu beitragen töifb, daß so mancher umlernt und seine Vorurteile fallen läßt. Sei dem