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Der Israelit · 1915-11-25 · Heft 49 (25.11.1915) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 49 (25.11.1915)
Date
1915-11-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Der JSraeltr. 25. November 1015 Sette 4 No. 40 Kerrtfrhes Reich. Zum Echo „der Stimme der Zugend." ArankfUrt a. M., 23. Nov. Herr Joel Sänger schreibt uns: Die Arbeit Wolf S. Jacobson's, die aus den „Blättern der Agudas Jisroel Jugendorganisation" in dieser Zeitung unter der Spttzmarke „Die Stimme der Jugend" erschienen war, ist vielfachem Widerspruch begegnet. Man hat es vor allem als eine Dreistigkeit empfunden, daß die jüdische Jugend es wagt, sich mit jüdischen Problemen politischer Natur zu befassen. „Fort von der Politik, Ihr Jungen", war der Kampfruf dieser Widersacher. Ihnen sei erwidert: Freuen wir uns, daß jüdische Jugendkreise nicht ihr Ideal sehen im Kartenspiel und Cafehaus, Tanz und sonstigem „Vergnügen", sondern daß sie dem Worte der Thora lauschen, nicht mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen, sondern mit jugendlichem Eifer das große „Werden" im jüdischen Osten verfolgen. Die Jugend darf verlangen, daß man ihre Mitarbeit an den jüdischen Gegenwartsaufgaben annimmt, ja daß man ihre Mitarbeit fordert. Wohlgemerkt Mitarbeiten, nicht selbst führen wollen wir. Und deshalb müssen wir einstimmen in die Worte des Einsenders des „Echos": „mehr Oeffentlichkeit! mehr Demokratie!" Man munkelt, ja man liest da und dort in den jüdischen Zeitungen Deutschlands und Polens über das Tun und Lassen unserer, der gesetzeStreuen Führer. Diese Gerüchte, diese Zettungsmeldungen sind gewöhnlich inspiriert von einem uns feindlichen Geiste. Schauen wir uns nach Jemand um, der Auskunft geben soll, so blicken wir in die Wüste des Schweigens. Sollen wir, die Jungen, nicht auch eines Tages irre gehen? Führer, Rabbiner Jisraels, ermannet Euch um unseretwillen, um deretwillen, die draußen im Schützengraben — trotz ihrer jungen Jahre sich ernste Sorgen machen, und berichtet, ehe Euch gute Teile eurer Zukunft verloren gehen und jaget ohne Rückhalt, wie steht es zur Zeit mit dem jüdischen Osten, mit Ausgleich zwischen Schuld und Sühne zu klarem Bewußtsein kommt. Sprechen es doch im Verlauf der Geschichte die Brüder selbst reuevoll aus: „Wir tragen eine Schuld um unsern Bruder, daß wir die Not seiner Seele mitangesehen, als er zu uns flehte und wir nicht hörten, darum ist diese Not über uns gekommen." Wieviel hat aber Jakob selbst über diesen unseligen Bruderzwist gelitten? Nach einem Leben reich an Arbeiten und Mühen, an Segen und Kämpfen, da war er berechtigt, die beschauliche Ruhe und Sorglosigkeit des Alters zu genießen. In solcher Hoffnung ließ sich Jakob im Lande seines Vaters nieder, — da kam über ihn das schwere Verhängnis mit Joseph. Trifft hier den Ahn gar keine Schuld? Leidet er völlig grundlos? Hat Jakob nicht in seinen älteren Söhnen den Neid und die Eifersucht geweckt, aus denen dann der verderbliche Haß gegen Joseph hervorkeimte? Gewiß, es war das ja sehr natürlich, daß der Vater gerade Joseph, den Erstgeborenen seiner geliebten Rahel, der die Mutterliebe so früh entbehren mutzte, mit besonderer Zärtlichkeit behandelte und ihn durch den „bunten Rock", den er ihm zu machen pflegte, auszeichnete. In den Herzen der Brüder erwachten so aber jene verderblichen Triebe, die all das bittere Ungemach über die ganze Familie brachten. Soll der Friede im Hause erhalten bleiben, dann dürfen die Eltern nicht ihr „Liebltngskind" haben, auf das die anderen Kinder mit neidischen Blicken schauen. Ein sinniges Midraschwort sieht in dem Worre D'CB, das die Besonderheit des dem Joseph vom Vater angefertigten Gewandes bezeichnet, die Leiden angedeutet, die über ihn kamen. Mit diesem Rocke hüllte der Vater seinen Liebling in Leiden und Sorgen — und nicht nur ihn, sondern auch sich selbst. Nicht schwer läßt sich aus Josephs Berhatten feine dem Erstrebten und Erzielten? (Zur Förderung der größeren „Oeffentlichkeit", der politischen Arbeit, haben wir uns bereits in letzter Nummer geäußert und haben dem nichts hinzuzusügen. Die Red.) Seidrabbiner. Berlin, 22. Nov. Die Feldrabbiner tm Westen hielten in St. Quentin eine Beratung ab über wichtige Fragen der Feldseelsorge. Die wichtigste betraf die Heranziehung von Htlsspredig ern. Die Folge davon war die Ernennung der Kandidaten Klein, Steinthal und Strumpf zur Hilfsfeelsorge beim A. O. K. der Armee, der Feldrabbiner Dr. Salzberger-Frankfurt a. M. zugeteilt ist. Ferner wurde Feldrabbiner Dr. Baeck, der seit Ausbruch des Krieges die Feldseelsorge im Westen bet einer Armee ausübte, nach dem Osten versetzt. Feldrabbiner Dr. Saenger befindet sich bei der Armee auf dem serbischen Kriegsschauplätze. Die Zahl der Feldrabbiner beträgt z. Z. 14 (7 im Westen, 6 im Osten, 1 im Süden), der Prediger 3. Aus den okkupierten Gebieten. Lodz, 15. Nov. In der gestern stattgehabten Sitzung der Mitglieder der jüdischen Gemeindeverwaltung wurde zunächst ein Schreiben des Magistrats zur Kenntnis gebracht, wonach dieser die Bewilligung von Barzuwendungen für die Zivtistandsakte der armen jüdischen Bevölkerung abgelehnt habe. Ferner wurde eine spezielle Kommission bei der Gemeindeverwaltung errichtet, die nach Beftätiguug des dem Magistrat eingereichten Gesuchs UM Zulassung von jüdischen Arbeitern zu Straßenarbeiten die entsprechenden Arbeiter qualifizieren und ein diesbezügliches Reglement ausarbeiten soll. Die Bemühungen einer Gruppe jüdischer Einwohner um Einrichtung einer Reihe von Genossenschafts-Läden für die jüdische Bevölkerung sollen vorläufig insofern berücksichtigt werden, als die Gemeindeverwaltung diese Angelegenheit in Erwägung ziehen und in einer der nächsten Sitzungen näher darüber beraten wird. Lodz, 15. November. Eine offizielle Bekanntmachung in den hiesigen Zeitungen dementiert das Gerücht, daß Arbeiter, die sich für Deutschland anwerben ließen, wider ihren Willen an den Arbeitsstätten feftgehalten werden. Es steht den Leuten, wie jedem anderen freien Arbeiter, das Selbftbestimmungsrecht innerhalb des Schuld ableiten, sodatz seine Leiden nicht nur eine Schule der Prüfung und Läuterung, sondern auch als Sühne gelten kann. Man brauch! nur die heilige Schrift mit Aufmerksamkeit zu lesen, um zu dieser Ueberzeugung zu gelangen und zu erkennen, daß Joseph der Fromme und Tngendreine, der Gerechte und Lautere, erst im Schmelzofen der Leiden so manches abstreifte, was seinem goldreinen Charakter als Schlacke anhaftete. Vielleicht hätten die Brüder ihm die Träume, von denen er ihnen erzählte, verziehen, wenn nicht schon vorher sich in ihrem Herzen der Haß festgesetzt hätte gegen ihn, der immer nur dem Vater von ihnen Uebles zu beichten wußte. Und sodann sahen sie ihn nnw nrvn nriy rrw, wie er außergewöhnlich vielen Wert auf sein Aeußeres legte, als ob er sick schon als den künftigen Herrn und Gebieter betrachtete. Seine traurige Zukunft hat also Joseph eigentlich selbst sich gezimmert, wie er aber dann durch die Kraft seiner Selbstüberwindung und durch sein Gottvertrauen, durch seine Bruderliebe und Pietät, aus dem Dunkel zu neuem Lichte sich durchrang. Schuld und Sühne! Nicht immer ist dem menschlichen Verstände die Wechselwirkung zwischen beiden klar wahrnehmbar. Und auch bet dem großen Erlebnis unserer Tage kann man gar oft die Frage hören, warum der Allliebende soviel Leid und Weh' über die Erde gesandt. Ob es da nicht mehr angebracht wäre, statt in diese erfolglosen und unnützen Grübeleien zu versinken, diese schwere Leidenszeit zur Anspannung aller si tlichen Kräfte zu benutzen und dem Patriarchensohne es abzulauschen, dessen Wahlspruch es geworden war: „Gott ist die Deutung. Wunderbar sind die Wege der göttlichen Vorsehung und unter Leiden formet sich der Meister das Gebilde seiner Hand." So mancher Stolz wird jetzt gebeugt und Anspruchs, lostgkett und Zufriedenheit lernen die, die maßlos in Arbeitsvertrages zu, von dem auch itt vielen Fällen Gebrauch gemacht wurde. 100.000 Dollars für die beimiofen Juden. Warschau, 18. Nov. Das „Warschauer Tageblatt" berichtet, daß der amerikanische Konsul in Warschau vom Jüdischen Hilfskomitee in Amerika die erste Unterstützung für die jüdischen Opfer des Krieges im Königreich Polen in der Höhe von 100,000 Dollars erhalten hat. Von der Spende wurde der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Herr Natanson, in Kenntnis gesetzt. Das Geld wurde vorläufig bei einer Bank hinterlegt. Oie Sefinlucbt nach der ruMien Pro?enfnorm< Warschau, 16. Nov. lieber den bisherigen Verlauf der Anmeldungen zur Universität erfährt man, daß bis heute ungefähr 450 Anmeldungen vorliegen, darunter ca. 50 Damen. Besonders zahlreich sind die Meldungen zur medizinischen Fakultät. Sie umfaffen ca. 75 Prozent der Meldungen. — Die verhältnismäßig zahlreichen Meldungen aus den Kreisen der jüdischen Bevölkerung Polens haben bereits der polnischen Preffe Anlaß zur Stellungnahme gegeben. So befürchtet die „Gazeta Poranna 2 grosze" in Nr. 310 vom 10. November, daß mit den sich zahlreich meldenden Juden, die noch dazu russisch sprächen, sich auch eine große Anzahl polnisch sprechender Juden verbinden, die mit ihnen zusammen eine gemeinsame Korporation bilden werden. Es sei sehr wichtig, nicht nur die Schulen vor diesem Ferment .zu bewahren, sondern auch danach zu trachten, daß die Christen in den Hochschulen nicht eingeschränkt würden, das heißt, daß sie entsprechend der Einwohnerzahl vertreten seien. Es laufe das Gerücht um, daß schon die Hälfte der Eingeschriebenen Juden seien, obwohl die Juden nur 15 Prozent der Bevölkerung Polens bildeten. Von weiblichen Personen seien 8 Eingaben eingereicht worden, unter denen sich nur zwei von Christinnen befunden hätten. Gestorvoirh-Arrgarn. Oie befreiten Cjernomlber Seifein. Wie«, 23. Nov. Nach vterzehnmonotiger Dauer wurden endlich die von den Russen gelegentlich ihrer ersten Invasion in Czernowitz verschleppten Geiseln tm Austauschwege fretgelaffen und sie kehrten dieser Tage nach Wien zurück. Unter diesen Geiseln befanden sich auch der jüdische Bürgermeister Dr. Weißelberger und der Chefredakteur Dr. Menczel, welche wohl gerade ihres ihren Forderungen aus Leben waren und. das Glück verbrieft zu besitzen wähnten. Gar vielen öffnen sich dann und wann jetzt doch einmal die Lippen zum Gebete, das sie vor dem Kriege ganz verlernt zu haben schienen. Das ist kein geringes Licht, das sich da von dem Schatten unserer Tage abhebt. Möge es fortleuchten, wenn die Zeit der Sühne nach dem Willen des Unerforschltchen beendet ist und wieder der Friedensruf durch die Rethen der Völker erklingt. Möchte insbesondere sich unsere religiöse Gesamtheit in der Finsternis dieser harten Schicksalsnacht dem Lichte unserer Thora mit voller Kraft und Hingebung zuwenden, um gesammelt und geläutert dem nahenden Morgen entgegenzuharren. (Ter Schmelztopf auf der Warschauer jüdische»» Volksbühne.) Wir lesen in der „D e u t s ch e n W & x* schau e r Zeitung": In Kaminskvs jüdischem Volkstheater wurde Sonntag das Drama .,Dcr Schmelztopf" von Zangwiü gegeben. Der Titel des Stückes bringt die Grundidee des Ganzen zum Ausdruck. Mit dem „Schmelztops" ist Amerika gemeint, das als das Land der Freiheit gepriesen wird. Dort schwinden die Gegensätze. Emigranten der verschiedensten Nationen und Religionen finden sich dut und werden zusammengeschmolzen zu einer einheitlichen Masse. Der Druckfehlerteufel hat sein Spiel, wie es hier in Polen in deutschen Texten oft vorkommt, auch diesmal getrieben. Die Ueberschrist lautet nämlich: „Der Schmalztopf." Das mag ja beute manchem 'ein sehr erwünschtes Ding sein. Sollte der Druckfehler aber ein Urteil Mer den Inhalt des Stückes zum Ausdruck bringen, so würde sich der Autor das Wohl verbitten.

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