Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 49 (25.11.1915)
- Date
- 1915-11-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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25. November 1916 Der ISraeUt. No. 49 Seit- 3 Diese Forderung, die der Verfasser schon längst vor diesem Kriege verfochten hat, hängt mit den Verschiebungen der jüdischen wie in der nichtjüdischen Welt zusammen, die sich seit der im Jahre 1860 erfolgten Gründung der Alliance ergeben haben. Damals stand Frankreich auf dem Gipfel der Macht, und Paris war der anerkannte Mittelpunkt der europäischen Kultur und der Weltpolitik. Anderseits gab es damals noch keine osteuropäische Judenfrage, und die Tätigkeit der Alliance erstreckte sich fast ausschließlich auf Nordafrika. Dort aber standen deutsche Interessen nicht auf dem Spiele, und es fand niemand etwas daran, daß die Alliance den nordafrikantfchen Juden europäische Kultur im französischen Gewände zu vermitteln suchte, und auch deutsche Juden trugen gern zu diesem schönen Werke bei. Seither hat sich aber vieles geändert. Frankreich verlor im Kriege 1870/71 seine führende Stellung, etwa 10 Jahre später tauchte die osteuropäische Judenfrage auf und im weiteren Verlauf entwickelte sich Deutschland nicht nur zur stärksten Macht Europas, sondern auch zu einem immer stärkeren Mittelpunkt der jüdischen Welt. Die osteuropäische Judenfrage entstand in der Hauptsache aus den russischen Judenverfolgungen der achtziger und neunziger Jahre des vorigen Jahrbunderts. Diese führten zu den größten und plötzlichsten Verschiebungen, die nur jemals in der jüdischen Welt Platz gegriffen haben. Durch die fluchtartige Auswanderung aus Osteuropa stieg während dieses letzten Menschenalters die nordamertkantsche Judenziffer von etwa 200000 aus etwa 2,3 Millionen, die englische von etwa 50000 aus 300000, die kanadische, wie die argentinische von etwa Null aus 100000 usw. usw. Alle diese östlichen Judenmassen aber, die an Deutschland vorbei oder durch Deutschland hindurch sich nach dem Westen wandten, nahmen ihre heimatliche jüdisch-deutsche Mundart mit sich. Die osteuropäische Judenfrage wurde zu einem Allerweltproblem, und Deutschland, das vordem für die Juden Osteuropas eine Art Kulturzentrum gewesen war, wurde es nun für die über die ganze Welt verstreute Judenheit. Mit neun Zehnteln der Gesamtjudercheit im deutschen Sprachgebiet (es versteht sich in weiter Umfassung) könnte auch ein in der Macht gebliebenes Frankreich nicht die Führung in der jüdischen Welt beanspruchen. Um wieviel weniger ein von Deutschland geschlagenes und in den mannigfachsten Beziehungen überflügeltes Frankreich! KraftZ seiner zentralen Lage innerhalb der umgruppierten Judenheit, aus Grund seiner sprachlichen und kulturellen Beziehungen zum weitaus größten Teil der jüdischen Welt, gebührt der deutschen Judenheit längst die bisherige Rolle der französischen, und dieser Weltkrieg mit seiner Bestätigung der Ueberlegenheit Deutschlands und des französischen Niederganges muß auch diese Neuorientierung herbeiführen. Zu dieser Notwendigkeit trägt in hohem Maße bei das Austauchen der neuen Judenfrage im Osten, die darin besteht, daß der Krieg dort Grenzen ändern wird und auf alle Fälle schon jetzt viele Hunderttausende von Juden heimat- und wurzellos gemacht hat. Hier stehen neue Wanderbewegungen von ungeheurem Umfang bevor, und die verschiedensten Beweggründe führen dazu, daß mehr denn je in der jüdischen Kolonisation im Orient das Heil — oder doch das beste Hilfsmittel — erblickt wird. Deutschland hat alles Interesse daran, durch die Niederlassung zahlreicher Ostjuden im Orient deutsche Sprach-, Kultur- und Wtrtschaftsinteressen gefördert zu sehen. Die Türkei kann sich kein wertvolleres und politisch zuverlässigeres Einwandereretement für ihre viel zu volksarmen Gebiete wünschen, und den Juden selbst bietet der türkische Orient nun einmal die beste Gewähr für eine unbehinderte kulturelle Entwicklung. Dabei fällt dann noch den Juden die wundervolle Aufgabe des Mittlers zwischen Ost und West, zwischen der deutschen und der orientalischen Welt zu, und wer die bisherige Entwicklung der jüdischen Siedelung in Palästina verfolgt und den Nutzen beobachtet hat, der schon jetzt sowohl dem osmanischen Reiche wie den deutschen Interessen daraus erwachsen war, der kann auch für die nächste Zukunft nur die besten Hoffnungen hegen. Sache der deutschen Judenheit ist es jedenfalls — auf Grund der deutsch-jüdischen Sprach« und Kulturgemeinschaft sowohl, wie angesichts der neuen Weltlage — die ihr längst zustehende Führung der Gesamtjudenheit zu übernehmen. Die im obigen dargelegte Gemeinsamkeit derbetderseitigen Interessen läßt eine Zusammenfassung der jüdischen Welt unter deutsch-jüdischer Führung unendlich viel berechtigter erscheinen als den bisherigen Zustand, an dem gleichwohl so gut wie keinerlei Anstand genommen worden war. Nun werden freilich manche deutsche Juden das Bedenken haben, ob wohl diese Zeit des Weltkrieges und der ungeheueren Völkerverhetzung einer „internationalen" Zusammenfassung der Juden günstig sein könne, und manche wollen aus der jetzigen Kriegsstimmung heraus überhaupt von keinerlei „internationaler" Organisation etwas wissen. Solche Bedenken sind aber gerade im vorliegenden Falle ganz unangebracht. Die „Alliance" selbst hat sich nach 1870 durchaus nicht „geniert", ihre Werbetätigkeit in Deutschland aufzunehmen, und es ist bekannt, daß kein Land ihr so viel Mitglieder und Mttgliedsbeiträge gestellt hat als Deutschland. Aber selbst wenn die deutsch-jüdische Propaganda für einen neuen jüdischen Weltbund unter deutsch-jüdischer Führung in den Feindesländern zunächst (oder selbst für die Dauer) keine Gegenliebe finden sollte, so wäre es doch Pflicht der deutschen Judenheit, wenigstens das Mögliche zu organisieren! Die Gefolgschaft des weitaus größten Teils der deutschsprachlichen und auch der ganzen türkischen Judenschaft ist ihr gewiß, und schon damit wäre Großes erreicht. Neun Zehntel der auf über 14 Millionen angewachsenen Judenheit gehören dem deutschen Sprachbereich an, und nur ein Teil des restlichen Zehntels dem französischen. Dieses Mißverhältnis hat aber die Alliance niemals davon abgehalten, sich als die berufene Vertreterin der Gesamtjudenheit zu betrachten. — Ganz ähnlich wie in der allgemeinen Politik die Franzosen es verstanden haben, „mehr von sich herzumachen" als die ganze übrige Welt. Aber ebenfalls wie in der „großen Politik" ist es wirklich auch in den jüdischen Dingen an der Zeit, solchem Unfug ein Ende zu machen. Wenn sich die deutsche Judenheit entschließt, die ihr schon längst zukommende Führung zu übernehmen, so wird sie bald finden, daß ihr auch die Kräfte zur Durchführung dieser Aufgabe zu Gebote stehen. Und dies gilt sowohl für den Fall, daß es sich von vornherein um eine organisatorische Zusammenfassung der gesamten jüdischen Welt handeln soll, (soweit diese für eine solche gewonnen werden kann) oder daß man sich zunächst auf die Judenschasten des neuen deutsch-österreichisch-orientalischen Bündnisses und des weiteren deutschen Sprachbereichs unter den Juden bes ch ränke n wollte,wie auch für den verhältnismäßig sehr eng gefaßten Zweck der unmittelbarsten Aufgabe der nächsten Zukunft, die darin bestehen wird, der drohenden neuen Judenfrage durch großzügige Förderung jüdischer Ansiedlung im türkischen Orient zu begegnen. (Gesicht zu schauen. Auch der fremden Besucher Blick Prallt am Zuge von tiefem Gram und unendlicher Güte im Mutterauge beschämt zurück. Ais fühlten sich alle miischuldig an dem ihr angetanen Schmerze. Da ging einer der Angehörigen an den Schrank heran, der des Vaters alte Bücher barg und hotte euren langen Folianten herbei. Wie von gelbst tat sich eine Seite aus, aus der der Verstorbene zuleiU Cniv bc£ Vaters Buch gelernt hatte: Samuel, dem Sohne Judas starb eine Tochter. Ula, der gerade in der Stadt weilte, wurde von den Gelehrten ausgesordert, mit ihnen zu gehen, um dem trauernden Samuel Trost zu spenden. Ula aber iprach: Was soll mir der Trost der Babylonier'? Sre sagen: „was ist da zu machen!" Als ob sie gern gegen Gott etwas unternähmen, so sie es nur könnlen. Darauf ging Ula allein in das Trauerhaus, wo er nach einer Weile stillen Sinnens anhub: „Es hechl in der Schrift: Und Gott sprach zu Moses, bedränge nicht die Moabiter und fange mit ihnen teuren Streit an. Wozu diese Warnung? Hätte sich wohl Moses einsallen lassen, das Volt ohne Gottes Geheiß zu bekriegen? Ja, hier war das Verbot von Nöten, da Moses den Krieg gegen die Moabiter aus dem gebotenen Vernichtungskrieg gegen die Midjauiter gefolgert hätte. Hatten sich doch die Midjaniter die Strafe nur dadurch zugezogen, dcß Ue den Moabitern Helfersdienste geleistet, um wievielmehr sollten die Moabiter selbst von diesem Geschicke ereilt werden! Gott aber sprach: Mein Sinnen geht weiter und umfaßt die fernsten Genera rionen. Seh ich doch zwei Perlen aus dem moabi tischen Volke kommen, Ruch und Naamo. Wre sollte ich eine Volksgemeinschaft, die solches in ihrem Schoße trägt, der Bernbchtuna anheimfallen lassen?" "-OerjWS»Saia verßmk in nefes Sinnen und wie ein Strahl schivachen Verstehens teilte den Nebel seines dumpfen Schmerzes. Da sing Ula wieder an: „Mit dem Blick aus den Einzelnen verschont Gott ganze Völler, und Er sollte Einzelschicksal zerbrechen, junges Leben auslvsrhen, ohne Sinn, ohne Not, ohne Ziel und Bestimmung?" D n s hatte der Scheidende in seiner Abschiedsstunde gelernt. Das Schweigen ivar gebrochen. Bald erzählte einer von der verlorenen Perle, der doch r-.cht eigentlich des Verlierers Tränen it i du aalt, weil die Perle niemals verloren ist und überall wo iu sich auch befindet, ihren Wert und ihr seltsames Leuchten behält.... Ein anderer holte aus des Vaters alten Büchern die Geschichte jenes Königs heraus, der einen Arbeiter, weil er am emngsteu und treuesten sein Werk vollbrachte, früher denn die anderen von der Arbeit wegries, und ihm den v o l l e n L o h n auszahlte.... Und endlich stand auch darin von Rabbi I o ch a n a n, dem Sohne Sackais, der beim Tode eines Sohnes sich oon einem der Jünger darüber belehren läßt, daß man verpflichtet sei, ein zur Aufbewahrung erhaltenes Kleinod zu jeder Zeit, ohne Tränen im Auge und Murren, im Herzen, an den Eigentümer wiederzugeben.... Ta erhielt das Mntterauge einen seltsamen milden Glanz, und der Strom ungeweintcr Tränen brach erlösend durch. In dieser Nacht schlief die Mutter nach langer Zeit wieder. Und im Traume war es ein würdiger Greis, der leise zur Türe hereinkam und mit »einer großen, weißen Gestalt alle Anwesenden überragte. Er legte die Hand unter das Kinn und fing mit riefer Trimme an, daß alle Anlvescnden verstummten und still aufhorchten: „Um des Einzelnen willen und Nationen. Und da glaube jemand, daß im großen Weltcnumbau von heute, wobei Blut und Tränen den Mörtel ergeben, der die Steine zusammenhält, der Einzelne entwertet ist und nicht mehr in Rechnung kommt?'. Rein und tausendmal nein! Er ist Lenker der Welt im Großen wie im Kleinen! Und so wisse, Mutter, der dir der Weltenschöpfer den Bluttribut zu seinem Neubau abgefordert, er tat es, weil er die je n und gerade diesen zu seinem Zwecke benötigt."... Es gibt nichts Ungefähres und Zufälliges und Unbeabsichtigtes, wenn es um Nationen, der Einzelnen willen, und um Einzelleben der Gesamtheic wegen gebt!." E-s war der greise Ma aus Vaters Aattanr.'n, der kam und also sprach.... Da betrat die erwachte Mutter die altväterliche Stube und starrte schweigend, ohne Tränen und ohne Weinen im Auge, in des Sohnes Seelenlicht. Und die heiligen Zeugen erzählten von der ungetrübten, be strickenden Reinheit, des Kleinodes, das sie an den Eigentümer wiedergegeben. Schuld und Sühne. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Wreschen Wie nach unserer heiligen Lehre es keinen absolut schuldretnen Sterblichen gibt, wie vielmehr Irren und Fehlen nach ihr zum Menschenschicksal gehört, so bleibt auch nach dem oon Gort gewollten Sittengesetz keine Schuld ohne Sühne. Gerade die Josephsgefchichte bietet uns zu dieser Wahrheit die treffendsten Beweise. Daß sich der Brüder Lieblosigkeit -und hartherziges Vorgehen gegen Joseph an ihnen selbst bitterlich gerächt, das erzählt uns die heilige Schritt in so klaren und deutlichen Worte«, daß hier eurem jeden der