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Der Israelit · 1915-11-25 · Heft 49 (25.11.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 49 (25.11.1915)
Date
1915-11-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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tfefee 2 9h. 40 M*r MrarM. 25. November 1215 scher Frömmigkeit leben wir. Je nationaler ein christlicher Prediger seine Ausgabe während des Krieges aufgefaßt hat, desto mehr hat er zum Alten Testament gegriffen. Folglich sind wir christlichen Tkeologen die Brücke zwischen Deutschtum und Judentum. Diese unsere Rolle haben wir nicht begriffen. Weder in den Fakultäten, noch in den Kirchen, noch in der Literatur, noch im Verkehr. Nur wenn das anders wird, können wir auch den Staat ermutigen, seine Vogel-Strauß-Politik gegenüber dem jüdischen Element in unserer Mitte auszugeben. Denn ohne unsere Hilfe bleibt er ratlos." So weit der Herausgeber der „Christlichen Welt", Herr Pfarrer Rade, der das Judentum gewiß nicht mit den Augen des „literarischen" Straßenantisemittsmus ansieht. Die in seinen Ausführungen enthaltenen schiefen Urteile lsind aber darum nicht weniger gefährlich, weit sie in anständiger Form ausgesprochen werden und in manchen Punkten sogar zutreffend sind. Halbe Wahrheiten bergen bekanntlich in sich größere Gefahren als ganze Unwahrheiten. Daß die Gegensätze zwischen Orthodoxie und Liberalismus im Judentum weit stärker sind als die innerhalb der christlichen Kirche, ist auch von jüdischer Seite schon oft betont worden. Ein Werturteil enthält diese Wahrnehmung nicht, sondern lediglich eine Mahnung an die Behörden, in allen in das religiöse und Geistesleben der Judenheit einschneidenden Angelegenheiten recht vorsichtig zu Werke zu gehen, sich nicht einseitig „sachverständige" Urteile in Judaicis zu holen, und der gesetzestreuen Minorität vor allem in jeder Beziehung die schwere Gewissensnot zu ersparen, sich dem Diktate religiös anders Gesinnter und Gerichteter unterwerfen zu müssen. Zu einer scharfen Entgegnung fordert indes Punkt 2 der Ausführungen heraus. Was will uns Herr Pfarrer Rade mit der „jüdischen Geheimnistuerei" sagen? Doch nicht etwa, daß wir eine Geheimlehre hätten, die das Licht der Oeffentlichkeit nicht verträgt? Wenn es Rade persönlich infolge philologischer Schwierigkeiten an der Möglichkeit fehlen sollte, hinter die „Geheimnisse" unseres alten Schrifttums zu kommen, so teilt er dieses Geschick mit manchen Großen der früheren und heutigen Zeit, aber^er hat damit nochkein Recht, das, was ihm nicht zugänglich ist, als geheim zu bezeichnen. Völlig unverständlich ist es aber, daß einem auf dem großen Gebiete der religiösen Wissenschaft und Literatur so fachkundigen Theologen auch jene christliche Literatur eine Gehe im lehre bleiben soll, die sich die Popularisierung der jüdischen Religion und die Abwehr der von Böswilligkeit und Unverstand auf sie unternommenen Angriffe zur Aufgabe gemacht hat. Wir haben kein Recht, von allen christlichen Theologen tiefe Kenntnis der hebräischen Sprache und Literatur zu ver- ' langen, mit vollem Rechte dürfen wir aber von einem Manne, der die Verunglimpfungen des Talmud und Schulcban Aruch und die Urkundenfälschungen eines Rohling, Brim an und aller anderen bis auf den „Hammer"-Mann, Theodor Fritsch, zu kennen scheint, erwarten, daß er auch Friedrich Delitzsch, August Wünsche und Hermann Strack kennt und anhört. Dieser letztere könnte Herrn Pfarrer Rade über die jüdischen Geheimschriften wie folgt belehren: „Tie Juden sind nicht bemüht, vvr den Christen etwas zu verbergen, und sie können auch nicht etwas vor ihnen verbergen. Der Talmud, der Schulchan Aruch und andere jüdische Schriftwerke sind Geheimbücher nur für diejenigen — Juden nicht minder als Christen —, welche weder die zum Lesen der Grundierte erforderlichen Kenntnisse sich erworben haben, noch von den vorhandenen Uebersetzungen usw. wissen. Für solche ist auch Casars Bellum Gallicum ein Geheimbuch." Es diene weiter dem Herausgeber der „Christliöken Welt" zur Genugtuung, daß ihm tatsächlich jetzt Gelegenheit gegeben ist, auch ohne Kenntnis der hebräischen Sprache bis zu einem gewissen Grade in die ihm dunklen Hallen der jüdischen Religionswissenschaft einzudringen, nachdem sie der Orion-Verlag (Wien-Leipzig) mit der Herausgabe der M o n umenta Talmudica aller Welt erschlossen hat. Die Hauptleiter der Ausgabe waren der katholische Theologe Stiftskapitular Dr. W. A. Neumann in Wien und der evangelische Theologe Profesior Wünsche, Dresden, denen jetzt Albrecht und Schlägel in die Leitung gefolgt sind. Außerdem sei das Augenmerk des Herrn Pfarrer Rabe auf die Religtonsgeschichtliche Kommission gelenkt, die von der Königlichen Akademie der Wissenschaft zu Göttingen mit der Aufgabe betraut wurde, Quellen der Religionsgeschichte zu sammeln und in deutscher Sprache herauszugeben. Die Mitglieder der Kommission sind die hervorragendsten Kapazitäten der katholischen und evangelischen Wissenschaft, denen auch die jüdische Religion kein Buch mit sieben Siegeln ist und die daher der Erforschung der jüdischen Religionswissenschaft in ihrem Arbeitsprogramm einen hervorragenden Platz eingeräumt haben. Nicht als ob wir all dies n Unternehmungen so rückhaltlos zujubelten. Für uns ist die jüdische Lehre kein Gegenstand der archäologischen Forschung. „Sie ist unser Leben und die Dauer unserer Tage," der Inhalt unseres Seins, die sich heute unter unsäglichen. Kämpfen und Leiden einer Uebergangsgenera^ion zur Freiheit emporringende Seele der Weltkultur. Wer aber, wie Rade, von außen kommt und sich auf Grund seiner Unkenntnis der Quellen über jüdische Geheimtuerei beklagt, sei gern auf diese groß angelegte, über alle Tendenzwifsenschaft erhabene Forschung htngewiesen. Wer nur Wahrheit und Klarheit über das Wesen des jüdischen Schrifttums sucht, wird sie auf diesem bequemen Wege letcht finden. Was endlich Rades dritten Vorwurf betrifft, mit dem er in orthodox jüdischen Kreisen gewiß Verständnis findet, so darf vielleicht gehofft werden, daß der Krieg mit seinen mächtigen Erschütterungen doch vielleicht centripetal auf die religiös Gleichgültigen auch im jüdischen Kreise wirken wird. Allerdings kann diese Hoffnung auch enttäuscht, und in einem wirtschaftlichen Aufschwung nach Friedensschluß mag viel religiöse Aussaat der schweren Zeit spurlos htnwegge.schwemmt werden. So oder so — jedenfalls sollte ein religiös gesinnter Mann wie Rade nicht in einem Atemzuge die tiefen religiösen Gegensätze im jüdischen Lager und zugleich den gänzlichen Jndtfferentismus beklagen, denn diese beiden Tendenzen, so gewiß sie nebeneinander bestehen können, kann man logischer Weise nicht gleichzeitig und gleichmäßig verurteilen. Wer in religiösen Dingen Leben und Kraft will, wird den Kampf der Weltanschauungen mit all seinen Wunden mit in den Kauf nehmen müssenwer die moralischen Schäden jedes Kampfes unter Menschen als das schwerere Unglück beklagt, darf sich nicht beschweren, wenn Toleranz im Laufe der Zeiten und Generationen auch einmal in Gleichgültigkeit übergeht. Den Doppelvorwurf Rades also hat die deutsche Judenheit gewiß nicht verdient. Sie deutschen Erben der A. 3. ll. Im Novemberheste der „Deutschen Levante-Zeitung" schreibt Davis Trtetsch u. a.: Wenn es sich bestätigen sollte, daß die „Alliance Jsraeltte Universell " es im Orient mit einer Propaganda für den Vierverband versucht hatte, so würden die Mitglieder dieses jüdischen Weltbundes, die in den neutralen Staaten leben, und umsomehr die Angehörigen der deutschösterreichisch-türkischen Mächtegruppe sich zweifellos veranlaßt sehen, der Alliance künftighin die Gefolgschaft zu versagen. Aber mit dieser Selbstverständlichkeit ist die Frage keineswegs erledigt, sondern es steht eigentlich schon längst so, daß die französische Führung der Gesanttjudenhelt, wie sie in der Alliance sich verkörpert, einer deutsch-jüdischen Führung hätte Platz machen müssen, und der Ausgang des Weltkrieges müßte zu diesem Ergebnis führen, selbst wenn sie sich noch so „neutral" verhalten hätte. Kleines Zeuillelon. Ein Familienabend. Einer trauernden Mutter gewidmet. Von Sch. „Und sie schickten den roten Rock nnd brachten ihn zum Vater und sprachen: Dies haben wir gefunden, tu lernte doch, ob es deines Sqhnes ist oder nicht —Er erkannte ihn und sprach: Meines Sohnes Rock: ein lvitdes Tier hat ihn zerrissen Ta zerriß Jakob seine Kleider nnd trauerte um seinen Sohn viele Tage. - Nnd es kamen alle Söhne nnd Töchter, um ihn zu trösten, er aber weigerte sich. Trost anzunehmen - - “ Eurer las es am runden Fanrilientisth aus dem laufenden Thoraabschnitte Vvr. Und jeder fetzte in seinem Sinne stumm das richtige Wort an die richtige Stelle: Es war nicht ein roter Rock, den man schickte, sondern andere Zeichen: Tesilloh, Tesillin nnd Psalmbuch. Und dann war es nicht der Pater, sondern eine alre Mutter, die sich weigerte, Trost anzunehmen. Nnd nun war es keine Geschichte mehr aus alten Zeiten, aus alten heiligen Plättern, Indern ein Stück aus dem Geschehen des Tages, ans der tragischen Geschichte einer Familie. Man saß um den runden Tisch in der geräumigen altväterlichen Stube mit den roten Möbeln. Bon den acht löhnen fehlten drei. Zwei waren iveit weg vor. der ivarmen Stube unter den zahllosen Jünglingen, die Teutschlands bedrohte Westgrenze bewachten. Ter dritte, der gen Ost gezogen, lvar der verlorene Sohn, bau dem die Familienbibel dieses Abends so erschütternd sprach. Ein Tag vor Rosste Haschonoh war es, als der hvchaewnchsene, schwarzbärtige junge Mann mit denc dunklen Feuer im Auge, bereits ein Dreißigjähriger, ans der Garnison anszog. Ein jedes der Familiengliedcr empfand es an den folgenden heiligen Tagen tief, wie seine heißen Gebete, mit denen des AnSziehenden in den oberen Sphären zusammen- Nossen und vereint am Throne des Erbarmens rüttelten. Und doch wußte keiner, wo der Sohn an diesen Tagen gebetet, aus wegloser Landstraße, aus der Tiefe eines granatennmsausten Grabens, oder ans dem Schmerzenslager einer Krankenbarncke. E i n Brief, den von der Rot Anderer sprach. Vom Jammer abgebrannter Dörfer und tausendfach zertretenen Familienglückes, von Glaubensbrüdern, die aus HauS und Heim ins Elend gejagt: dann aber blieb jede Nachricht aus. Tage bangen Harrens ballten sich zu Wochen grausiger ttngiwißheit. Es liuiitte eine Mutter in stillen Winternächten... Darin kam Nachricht. An einem nebligen Morgen limv es, als der Briefträger sichtbar wurde. Seit Morgengrauen hatte, wie seit sechs Wochen alltäglich, das alte Mutterauge nach ihm straßauf, straßab anSgespäht. Er kam, allein, wieder eine Enttäuschung, denn es war der G e l d b r i e s t r ä g e r. Was sollte k e r von ihrem blinde im fernen Osten wissen? Mechanisch unterschrieb sie die Postanweisung, dann erst las sie gleichgültig den umseitigen Text: „A"ns dem Nachlasse Ihres am...." Weiter las sie nicht.- - Und nun „kamen alle Söhne und Töchter, um sie zu trösten" und saßen um den runden Tisch in der altväterlichen geräumigen Stube, die in drei Jahrzehnten soviel Leid und Wonne nnd .Sorge und trauten Familienfrieden gesehen hatte. Zwei waren wert weg, und ans der Stelle des Tisches, an der der dritte sonst seinen Platz hatte, flackerte eine kleine Lelflammc, daneben lagen die heiligen Requisiten, die tags darauf der Postanweisung gefolgt waren: Tesillo. Tesillin nnd Psalmbüchlein. ,,M eines SobneS sind eS. Ein wrloes Tier." Damals vor fünfundzwanzig Jahren, als die zehn Kinder ,das älteste kaum der Schule entwachsen, um das Netchomo-Lichtlein des Vaters saßen, ',ah die Zukunft diefes Hanfes etwas trübe aus. Aber des Paters Seelenlicht erlosch in diesem Hause, auck. nach Av^u» des Trauerjahres, nicht mehr. Es brannte hell im Busen der Kinder, der acht Söhne, die öücite Leben traten, dabei aber des Vaters alten Büchern alle freie Zeit widmeten und sich daraus sein geistiges Erbe holten, zu dem sie ihr Lebtao mit zäher Treue hielten, die zwei Töchter, die Mutter nnd Brüder betreuten. Und wie hütete die Mutter selbst, die in Arbeit und Sorgen die Kinder erzog, Vaters heiliges Seelenlicht! Die ganze Fülle väterlicher und mütterlicher Liebe schüttete sie über die Verlassenen und sah in jedem einzigen deS großen Paters berufenen Testamentsvollstrecker. Und als wieder Jahrzehnte vorüber waren, saßen um den gleichen runden Tisch Männer von tiefem jüdischen Wissen, von starkem jüdischen Geiste, die der Mutter die Liebe und Güte von drei Jahrzehnten mit Zinseszinsen znrr'ickzahlten. Da kam der Krieg..... Nun wirst das frische Seelenlicht verklärende Strahlen über die heiligen Gegenstände, die vom tragischen Ende eines jungen Levens stumm geugrn. Es sehen sich die Familienglieder still in ine umflorten Augen und keiner wagt es, der Mutter ins.

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