Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 49 (25.11.1915)
- Date
- 1915-11-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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96. Jahrgang Sranhfurt a- M . Sen 25. November 1915 18. Kislew 5676. M 49 natmtmtMt pro *ietttll*9tt Gewö-nltche Mttfgabc Wll 1.60, hestanSaabe (ftunftbrud) Kt. 8.—. AuSlandSvttise: GewöhaliSe llnSgaöe: Oesterreich-Unaarn, Kr„ Rußland 1 Bub., England I Amerika 60 et«., «ieseriaude 1.S0 fl., Kranket» Fn. MO. llbonnaumtS bet allen Vollaastaltea, BnchdandUm-eu. sowie »Kekr bei brat Btxloe. LeitauSaobe nur direkt. Der JSraelit erscheint jedni Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechSgespaltene Tolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnferatenaunahme durch den Verlag der JSraelit G. m. b. H., Frankfurt a.M., Gr. Eschrnheimerstr. 23 Del.881S.Amt Hansa, sowie sämtt. Annoncen-Ex-ed. deS In« and Auslands. PlaHvorschrlflen ohne Verbindlichkeit. Zahlungen könne» außer direkt an den Verlas erfolgen vec Konto »ei der ft. ft. Vostsparkaffe «ir» 9t». 79WI Lento »ei de» ft. Postsparkassen»«! Bndapest 9t». 18 Ui Lonts Sei de» Mgae» Lononerr»«»» in »tiga und drrrn Müal«. ver NsckiSruck Ser ttrttkel unS CorresponSenren ge§ „Israelit“ ifl nur unter genauer Quellenangabe, unS, foweit es fick um gröbere flufläfee han9elf, nur nach vorheriger öenehmigung gestattet. IfthftUsSvevstcht l.Settorttlel: Glnes Freundes Uorwürfe. 2. Aufsätze: Die deutschen Grben der A. I. U. — 3. Kleines Feuil leton: Gin Familienabend. — Rabb. Dr. Bl. Lewin, Wreschen: Schuld und Sühne. — Der Schmelztopf auf der Warschauer jüdischen Volksbühne. — 4. Korrespondenzen und Nachrichten: Frankfurt a. M. (Zum Echo „Der Stimme der Jugend.") — Berlin iFeldrabbiner.) — Lodz, Lodz (Aus den okku pterten Gebieten.) — Warschau (100,000 Dollars für die heimlosen Juden.) — Warschau (Die Sehnsucht nach der russischen Prozentnorm.) — Wien (Die befreiten Czernowitzer Geiseln.) — Salonik (Der Militärdienst der Juden.) — 5. Personalien: Berlichingen (Rabbiner Aro n Berlinger ‘rttr.) — Köln (Emanuel Wols ^'D.) — Köln. — Rew-Iork (Dr. Salomon Schechter ny.) — Göritz. — Langenschwalbach. — Emden. — Sobernheim. Maßbach. — Kl. Wallstadt. — Neustadt. — Grandenz. — 6. Vereinsnachrichten: Hamburg. 7. Vermischtes: Plauen. — Nürnberg. — Wien. — Wien.— Posen. — 8. Beilagen: Feuilleton: Mendel Sochacrewers. — Erziehung und Lehre: I. Blum-Burgpreppach: Die Uedersiedelung der Kundeslade nach Jerusalem. — H. Wieser, Pyritz: Ausbildung im Tyora-Krsen. — Der Kal Korr. — Mitteilung. Eines Freundes Vorwürfe. Es mutet nicht sonderlich erhebend an, das endlose Gerede von Deutschtum und Judentum. Nicht der Krieg erst hat diese Syn-. these geschaffen, sondern Jahrhunderte engen Zusammenlebens und ein gutes Halbjahrhundert kultureller, politischer und sozialer Arbeitsgemeinschaft. Judentum als Religion verstanden, hat mit Deutschtum nicht mehr geme n als mit jeder anderen, aus altjüdischen Offenbarungsquellen schöpfenden und in ihrer Religionsauffassung positiv gerichteten Nation. Das deutsche „Judentum" aber— wie hier, in gewollterVerwechselung mit Judenheit — als in einer konfessionellen Gemeinschaft vereinigte Bevölkerungsklasse genommen, bildet einen so wesentlichen Bestandteil des „Deutschtums", d. h. des deutschen Bürgertums, daß sich heute jede Diskussion darüber etwa wie das Gezänk der Brüder in dem in Sauergesahr sich befindenden gemeinsamen Vaterttrhaus UM die Höhe des dem einen oder anderen zukommenden Erbes ausnimmt. Wenn Dawis Triersch einen großen Zahlenapparat zur Klarstellung des jüdischen Anteils an der Verwaltung deutschen Sprach- und Kulturgutes in der Welt zusammenstellt, wenn Hermann Cohen die Frage wissenschaftlich zu vertiefen sucht und den ineinander sich ergießenden Strömen des jüdischen und deutschen Geisteslebens — nicht ganz in unserem Sinne — mit dem feinen Gehöre des Philosophen nachspnrt, so haben diese Versuche noch einen Sinn und legitimieren sich durch einen gewissen literarischen oder historischen Zukunftswert. Als Lückenbüßer in Krieaszensurnot geratener Zeitungen jedoch ist der Stoff schlecht gewählt. Von welchem praktischen Nutzen kann das Hin und Her in der Presse über eine Frage sein, die keine mehr ist, nachdem sie durch die großen Augusttage 1914 die erhebende Antwort erhalten, die seither jeder Tag von neuem bestätigt,- was soll das müßige Geschwätz über Deutschtum und Judentum zu einer Zeit, da unzählige jüdische Soldatengräber in Ost und West, sich täglich mehrende jüdische Auszeichnungen, ins Riesenhafte gehende jüdische Opfer auf chrritativem Gebiete die Brücke zwischen beiden Welten — angenommen, aber nicht zugegeben, sie hätten jemals in politischer und sozialer Beziehung zwei verschiedene Welten bedeutet — geschlagen? Die selbstverständlichsten Dinge hören auf, selbstverständlich fein, sobald sie unter Frage gestellt werden, sobald sie aus dem festen Boden des Bewußtseins, in dem sie tief oeian/ert ruhten, auf den schwanken Grund der Problemstellung versetzt werden. Man wundert sich somit gar nicht, wenn ein so gerade und gerecht denkender Mann, wie es Pfarrer Rade, der bekannte und angesehene Herausgeber der „Christlichen Welt" ist, durch das viele Gerede über den genannten Gegenstand, ebenfalls an ihm irre wird und in Nr. 43 seiner Zeitschrift nach „einem festen Verhältnis zum Judentum" tastet. Dabei stößt er aus folgende Wahrnehmungen: „Man bedenke zuvor, daß sie, - - die Inden - für unfern Staat irgendwelche Sonderbedeutung rechtlich und oerfasfungsmässtg nur haben als .üolkfesfjon Jed? andere Betrachtung entbehrt der öffentlichen Grundlage. Und nun begegnet lins gerade gegenüber dem jüdischen Bekenntnis drüben 1. eine liefe Uneinigreit, 2. eine fonderbarc, 6>eheimncerci, ein ' ata Tr Jndifferentismns. Tie erste Tatsache betrifft das Ganze. Tie Klüfte zwischen orthodoxem und freisinnigem Jadentum find viel großer als bei uns zwischen orthoderem und freisinnigem Protestantismus. llno sie wirren schwerer,, weil über eine geringere Ja bl bin: wir Oil Millionen in Teutschlnnö, sie 600 000. Aber io wie fetzt z. B. in der (orthodoxen) Jüdischen Presse tRr. 39/40» Gustav Witköwsky eben über Eohens „Tenrschtinit und Judentum" geschrieben hat, würde heute kein orthodoxer Protestant über Traub zu schreiben Imstande sein. Als ich vor zwei Jahren eine jüdischtheologistche Fakultät beantragte, ioar der einzig reale Grund dagegen immer wieder die Unmöglichkeit, beide theologische Richtnngen in einer Fakultät zu vereinigen. Das; das bei uns nicht möglich ist, liegt zutage. 2. Die Geheimtuerei. Man lasse sich den Ausdruck nicht verletzen, er ist nicht schlimm gemeint. Der Vorwurf selbst trifft natürlich in erster Linie die streng konservativen Juden. Witt man sich rechtschaffen unterrichten über ihr Religionswefen, »ran kommt nicht hinein. Das ist ans der Geschichte der Inderl begreiflich, aber schwer zu ertragen. Auch den Juden selbst bringt es Schaden. JTenn das Geheimnis empfindet man als etwas Fremdes. Und wie leicht bauen sich darauf die wunderlichsten und wüstesten Vorstellungen ans, bis zum Mtualrnord. - Tie freien Juden aber reden erst recht nicht gern von Kult und OHaubeit ihrer Väter. 3. Das ttebelste ist und bleibt der nnsäglrche religiöse Jndifferentismus der dritten Gruppe. Wieder'kann man das geschichtlich verstehen. Aber die Erfahrung, das; das Volk der Bibel, das Volk der Religion einem in so religfonssremden und religioasseindlrchen Vertretern begegnet und das; diese dann auch, bis in die christlich-kirchlichen Angelegenheiten hinein ungefcheut das Wort führen, ist ein sthwercr An stoß. Von den Inden, die irre geworden an den lieber/reierntkgerr der Väter, den Anschluß an eine andere Glanbensüberzcugung und Glaubensgemeinschaft nicht gefunden haben, und die das still tragen, reden wir nicht. __ Man könnte nun so erheblichen Schwierigkeiten gegenüber sagen, es fei für uns Deutsche das Beste, int mit diesem Wmdjtcil unserer Staarsgenossen nicht zu beschäftigeil. So haben es die meisten bisher gehalten, und offensichtlich, too nun nicht eben eine 'besondere Ursache den Verwaltungsapparat in Bewegung fetzte, auch unsere Regierenden. Irgend geistige Arbeit ist an das Verhältnis zu unfern Inden Nlcku gewendet worden. Der Ersatz dafür war der Antisemitismus. Soll das nun nach dem .nliege so bleiben? Wollen das unsere Juden'? Wollen wir es? Insbesondere, wir Theologen und .»irchenchristen sollen uns darüber klar inert» eit. Ich will heute von der Judcnmiffion nicht reden. Sie ist natürlich bei unseren bewussten Juden verhaßt. Indessen darf Nkaik lhnen vielleicht sagen, das; diese Jndenmiüio.'r doch wenigstens das Judentum ernst nimmt. Vielleicht irrt sie in der Praxis, in der Methode, im Tblell. Aber die Intention, die srrnnme Absicht kann ja »licht beanstandet werden. Was die Juden daran als Beschränktheit oder als Unverschämtheit cmvfiuden, das wäre nur dann richtig von ihnen empfundc,, wenn sie selbst als Ganzes eine klare Stellung zu Deutschtum und Ehrifttntnm nuszuweifen Härten. Ich mifchte aber heute vielmehr aus das öffentliche staatliche Interesse Hinweisen, das wir an eitler allgemeinen reineren Erfassung der Jude»frage haben. lind ich spreche die .Kompetenz zu einem solchen Hinweis gerade uns christlichen Theologen \n. Tenn zwischen uns und den Juden besteht eia solideres, auf Verständnis angelegtes positives Verhältnis. Nicht das; wir uns genug imt sic kümmerten Im Gegenteil. Aber die^Juden sind doch nun einmal mit dem wichtigsten Stück ihrer Geschichte unser Studium. Irr jüdischen Gedanken, von jüdi-