Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 48 (18.11.1915)
- Date
- 1915-11-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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18. November 1915 crc.) — natürlich mit öcc Erlaubnis der höchsten Instanzen — beigegeben wird, der die Interessen de? jüdischen Bevölkerung wahrt und zwischen ihr und den Behörden vermittelt. Wer, wie ich, gelegentlich in die Lage kam, im Interesse der Juden Vorstellungen zu erheben, weiß, tvie schwer es ist, etwas zu erreichen, eben weil man dazu nicht autorisiert ist; dazu kommt, daß man als Angehöriger des Heeres Grenzen beobachtet: mich. Ich wollte im Vorstehenden nur einiges von tem mittciien, was mir ratsam erscheint; genaueres werde ich noch veröffentlichen. Es sollte ein Beweis sein, daß es uns nicht, wie dem Schreiber der „Stimme oer Jugend" sern liegt, über politische Dinge zu schreiben.... oder uns in Fragen so gewaltiger Art, wie sie das Problem des jüdischen Ostens aufwirft, zu vertiefen. Merkwürdig berührt übrigens dazu der später felgende Satz: „Diese Frage (von dem Konflikt der modernen Kultur und des Judentums) — berührt den Lebensnerv des Judentums, und ihre rechte Beantwortung wird die Aufgabe des ge- ,'ctzestreuen Judentums, der Agudas Jsroel, wicd vor allem die Aufgabe unserer Jugendorganisation sein." Beides trifft nicht zu. Es soll nicht fern von uns sein, uns in die Frage zu vertiefen. Aber sicher wird nicht die I n g c n d orgauifation dazu berufen sein, die Frage zu lösen. Einen Beitrag zur Lösung kann, ja muß jeder, auch der Jüngste, sofern er befähigt ist, beisteuern; die Regelung jedoch wird erfahrenen, gereiften Männern, orientiert am Lehrgehalt des Judentums, Vorbehalten bleiben. Wir erhoffen von den Männern, die bereits die Initiative ergriffen haben, das Beste für den Osten. Hoffen vor allen Dingen, daß die Forderungen nicht nach dem Gebot diplomatischen Geschickes den jüdischen Kern verschleiern, wiewohl Diplomatie nötig ist. Mer wir erwarten auch, daß die Oeffentlichkeit unterrichtet wird über das Erzielte und Erstrebte. Wir alle, die mit Ernst und aus Treue zu unserer Mutter das Wohl und Wehe des Körpers und Geistes unserer Brüder im Osten verfolgen und ihre Festigung, ihr Glück und damit die bessere Zukunft für “WW bbD erwarten und ersehnen, haben ein Anrecht zu wissen, was geschieht. So viel d.'- mckratischen Gehalt birgt wohl das Judentum. Ich habe lab er den Eindruck, daß die Führer etwas outokratisch schalten. Wir hoffen, nicht mißverstanden zu werden: Kritik und Tadel sollen wie Lob und Anerkennung nur im Interesse des heiligen Werkes ausgeteilt werden. Und deshalb wird keiner über Störung des Burgfriedens, eines übrigens kläglichen Gebildes, Klage erheben." * * * Der JSraeltt. Eines scheint der Herr Einsender zu übersehen: die Tatsache nämlich, oaß sich die Arbeit im Osten, solange nicht mit größerer Sicherheit das endgültige staatsrechtliche Schicksal der besetzten Landesteile feststeht, auf sehr schwanker Grundlage bewegt. Gerade darum ist auch die Forderung öffentlicher Arbeit für den, der den Dingen ernst ins Auge sieht, eine unmöglich zu ersi'cklende Zumutung. Diese Forderung erfüllen, hieße von Seiten der verantwortlichen Instanzen denselben Fehler begehen, als wenn heute unsere Reichslcitung in den Zeitungen über Friedensziel und Friedensbedingungen eine Diskussion eröffnen wollte. Die Hohenzollern und die Juden. Von Rabbiner Dr. Bamberger in Schönlanke. III. So blieben die Verhältnisse bis zu Friedrich Wilhelms Tod. Auch mit seinem Nachfolger Friedrich II. dem Großen 1740—86 beginnt nicht sogleich eine neue Epoche. Die ersten 10 Jahre seiner Regierung waren für die Juden einer Fortsetzung ihrer Leiden, es schien, als ob nur der Name des Herrschers, nicht die Regierungsgrundsätze geändert worden seien. Das Jahr 1750 brachte das General-Juden- Reglement für die ganze preußische Monarchie (Provinz Schlesien ausgenommen), das bei seinem Erschetmm solch furchtbare Aufregung unter den Juden hervorrief, daß sie darum baten, daß man es wenigstens nicht veröffentlichen sollte, weil die Veröffentlichung ihren auswärtigen Kredit vernichten und ihnen im Auslande Schande bereiten würde. (Das Gesetz wurde erst 1756 in einer Gesetzessammlung veröffentlicht). Der Amerikaner Preseott nennt die Gesetzgebung Friedrich des Großen, so weit sie die Juden betrifft, eine „westgothische." Sie war jedoch den Vorausgängen in Deutschland ganz angemessen und legt trotzdem Zeugnis ab für einen großen Gesetzgeber. Friedrich stand nicht soweit über seiner Zeit, um sie zu vergessen und kannte sie so gut, um olles zu berücksichtigen, was erforderlich war. Vor allem kann es als Fortschritt gelten, daß er eine Einheit des Gesetzes für die Juden aller seiner Länder beabsichtigte, daß es alle Verhältnisse der Juden umschloß. Friedrich der Große betrachtete die Juden vom staatlichen Gesichtspunkte aus, und nur in so weit sie dem Staate Nutze bringen konnten, trat er zu ihnen in ein milderes Verhältnis. Die Kulturfortschritte seiner Untertanen fördernd, begünstigte er jene Juden, die ihm dabei behilflich waren und stieß jeden Gewerbetrieb zu- No. 48 Sette S rück, der dem Wohlstände seiner Untertanen schadete, er dachte nur an das Staatswohl. Seine Regierung übte bei alledem auf die Juden einen günstigen Einfluß aus, denn nur ein Gesetz, das anerkannt und stark war, war ihnen nötig gewesen, denn unter der schwankenden Willkür eines unsicheren Lebens ist jegliches Gedeihen ausgeschlossen. So kam es, daß beim Tode Friedrich des Großen die jüdischen Berhältniffe mehr als je blühten, ie Juden waren nicht mehr auf den Geldhandel angewiesen, sie durften sich auch der Industrie widmen und zahlreiche Fabriken wurden von ihnen errichtet. Friedrich II. 1786 — 94 bekundete seinen gütigen Sinn für die Juden vielfach. Bald nach seinem Regierungsantritt hob er den Leibzoll auf, „um die jüdische Nation dadurch mehr von einer Erniedrigung, als von einer kästigenSchatzung zu befreien." Für eine Ablösung von 4000 Talern befreite er die Juden für immer von der lästigen Porzellanabnahme aus der königlichen Porzellanmanufaktur, gestattete ihnen dagegen den freien Handel mit Porzellan. Di-: solidarische Haftung der Gemeinden für die Abgaben ihrer Mitglieder hob er auf, einzelnen Juden erteilte er vollständige Naturalisationspatente. Auch die Regierungszeit Friedrich Wilhelms III. 1797 — 1840 bekundet wohlwollendere Gesinnung gegen die Juden. So schreibt der König in der Deklaration des General- Juden-NeglementS im Februar 1792: „gleichwie wir hoffen, daß unserer landesväterlichen Absicht gemäß die Juden ihre vorstehendermaßen geordnete Verbesserungen mit eifrigstem Bestreben anwenden werden, dem Staat und unseren christlichen Untertanen so nützlich zu werden, wie es die schlicht und von schädlichen Borurtellen gereinigte Vaterlandsliebe eines jeden, guten, treuen und rechtschaffenen Bürgers und Einwohners mit sich bringt, so wird es uns auch zum gnädigsten Wohlgefallen gereichen, wenn unsere getreuen christlichen Untertanen ihrerseits j mit gleichmäßiger Ablegung hinderlicher Vorurteile zum wechselseitigen gemeinen Wohl beförderlich sein werden." Diese wahrhaft königlichen Worte übten zweifelsohne aus die Bevölkerung günstigen Ein-; stütz aus, und ihnen ist es auch wohl zu danken, datz die Städteordnung vom 19. November 1608 den Eintritt von Juden in städtische Ehrenämter i gestattete. Durch das Judenedikt vom 11. Mär^ 1812 wurden die ordentlichen und außerordentlichen Schutzjuden preußische Staatsbürger und ebenso die fremden aus Lebenszeit oder auf ge* wtffe Jahre geduldeten Juden ebenfalls zu preußischen Staatsbürgern. Das Judengesetz von 1812, das liberalste, ' einem Zug in den anderen tragen. Wir aber fahren weiter und hallen bald in Janowo. Auch hier steigen viele aus. Unter ihnen ein kräftig gebauter Mann, Schmied von Beruf. „Wer weist", jammert er, „ob und wie 'ch mein Haus wieder antreffe. Aber fei es dem wie immer, man ist doch wieder zu Hause " In K o w n o hält der Zug eine volle Stunde. Hier steigen die meisten aus. Am Bahnhof ist reges Leben. Die Pferdebahn ist besetzt und das Vecstauen des Gepäcks in den Wagen geht nicht ohne Zwischen fälle ab. Hier kann man schon zu essen bekommen. Brot ist nicht teuer, ebenso Tee und Zucker. Die Wagen werden gleich wieder überfüllt von anderen Passagieren, unter denen man jetzt schrn ganz fröhliche, friedliche Gesichter sieht. Die Flüchtlinge ergiesten sich in dte Straßen KownoS, von denen ein gut Teil bald mit dem Dampfer den Njemen hinunterfahren wird. „Aheim, Aheim!" Erziehung. Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Wrefcher». Der tödliche Hast, mit dem Efau f inen Bruder verfolgte, trieb Jakob in die Fremde. Er, der bisher immer nur der „Zeltenbewohner" war, mutzte, um der List und Tücke seines Bruders aus dem Wege zu gehen, zum Wanderstabe greifen und das liebliche traute Elternhaus verlaffen. Was er mit sich führte, das war allein der Elternsegen, der ihm der reuende, schützende Engel blieb in den grotzen Gefahren, die seiner noch harrten. Die heilige Schrift deutet uns an, daß Jakob die Trennung nicht leicht geworden. Sie erzählt uns nicht nur, datz er getreu der Weisung feiner Eltern nach Padan Aram ging, sondern wiederholt diesen Bericht und beginnt das Kapitel von Jakobs Wanderung mit den Worten: „Jakob zog aus von Berseba und ging gen Haran". So wollten es die Ellern, so handelte er, ob auch darob sein Herz bis ins Tiefste erregt wurde. Er wandelte seiner Bestimmung entgegen, der Gründung eines selbständigen Hauses) und der Herr versichert ihn seines Beistandes und Schutzes. Der Gedanke an sein Elternhaus verlätzt ihn nicht, es ist ihm in jeder Stunde, als ob er sich immer von neuem aus den Armen von Baker und Mutter bringen mützte Kann es uns wohl zweifelhaft sein, ob er sich auch bewähren und siegreich aus den bevorstehenden Kämpfen hervorgehen werde? Wer wie Jakob über alles Glück und alle Erfolge nicht die Eindrücke aus seinem Gedächtnisse fortwischt, die er in der goldenen Jugendzeit empfangen hat, wer wie er in der Stunde der Not und Gefahr sich an den edlen Bildern, die er als Ideal in seinem Herzen trägt, ausrichtet und von ihnen Kraft und Antrieb zur Bewährung gewinnt, der bleibt fest und aufrecht und geht aus allen Stürmen geläutert hervor. Diesen Gedanken wollen wohl auch unsere Lehrer übermitteln, wenn sie Hier anmerken: Die Schrift erwähnt hier Jakobs Ausbruch, um anzudeuten, datz das Scheiden eines Frommen aus seiner Umgebung ein Merkmal zurücklätzt, aber nicht nur in dem Kreise, aus dem er scheidet, der die Trennung von ihm schwer trägt, sondern auch in dem Scheidenden selbst, besten Gedanken immer zurückschweifen zu der ihm so lieb gewordenen Stätte seiner Vergangenheit. Es liegt darin der Hinweis, welch' unendlicher Segen ihn begleitete, da er so heilige Erinnerungen mit sich trug. Auf hartem Lager sieht Jakob jenes wundersame Gesicht, in dem ihn der Herr zum Stammvater seines Volkes macht, das da wie er ringen und kämpfen, aber auch siegen und triumphieren sollte. Und dieser MMiMMM Ort, aus dem ein Gerechter und Frommer mit einem Herzen voll Unschuld und Reinheit lagerte, den er dann selbst zu einem Heiligtum weihte, wurde von Gott gewürdigt, die Stätte seiner Herrlichkeit zu werden. Wo gute edle Menschen weilen, da iront des Herrn Majestät, da triumphiert das Heilige und Ewige. In der Schule der Entbehrung und Entsagung stählt sich der Charakter des Menschen. Hell ihm, wenn er köstliche Ueberlieferungen mit sich führt, für deren Wahrung er seine volle sittiiche Kraft einsetzt. Wollten dies die Eltern bedenken, sie würden wahrlich ihren Kindern mehr als Gold und Gut solche Erinnerungen sichern, datz sie ihnen das Herzensmannah werden in allen Kämpfen und Sorgen, von denen kein Menschenleben verschont bleibt. So mancher unserer Krieger wird draußen, wo er sich von tausendfacher Not und Gefahr umringt sieht, Vater und Mutter mit dankbarem Herzen dafür segnen, datz sie ihn mtt jener Kraft ausgerüstet, die gegen Tod und Verderben wappnet, die zufrieden macht auch bei „kargem Brot und dürftigem Gewand", nur datz das Licht ihm erhalten bleibt, das ihm von daheim strahlt. Das höchste Glück ist für einen jeden Menschen dte Persönlichkeit. Die Jakobssöhne, dte es im Elternhause gelernt habe«/ ans Gott ihr Vertrauen zu setzen, aus einem frommen Ausblick immer von neuem Mut und Zuversicht zu schöpfen, reifen zu vollen Charakteren heran und bleiben gefestigt, auch wenn die Erde unter ihnen zu wanken droht. Unendlicher Segen strömt von ihnen auch für unsere Gesamtheit aus. Lauter und sittlich stark, pflichttreu und hingebungsvoll, unerschrocken und mutlos werden sie die Vorkämpfer für die Würdigung und Anerkennung des Jakobsvolkes, und heiligen sie den Boden, aus dem sie mit ihren Ueberlieferungen stehen. Mögen sich die vom Stamme Israel unter unfern Kriegern auch dieser Pflicht bewußt bleiben.