Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 48 (18.11.1915)
- Date
- 1915-11-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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*r Sette 3 Nr. 4$ Lrr *JisatiU. 18 November Ibis >55> sÄ? 0 [$. E^i- M m M 'X! § ifi §• I;;-r fs fl thien verscherzt, was sie wahrscheinlich bald auch im Orient zu spüren bekommt. Hat sie sich in den Zentralländern selbst das Rückgrat gebrochen, so hat sie sich damit auch ihres Arbeitsfeldes in der Türkei begeben. Der Federstrich Wird zum tötlichen Abhieb — gegen den eigenen Lebensnerv. Allerdings bleibt die Alliance nach wie vor im Besitze der Millionen, die zum guten Teil aus der Erbschaft des früheren Münchener Bürgers, Baron Hirsch, herrühren. Eine Organisation bedarf aber mehr denn des bloßen Geldes, sie bedarf der Menschen und der Arbettsmöglichketten. Das Echo. Von einem auf denr östlichen Kriegsfchanplatzt tätigen jüdischen Arzte gehen uns die nachfolgenden beachtenswerten Bemerkungen zu, die wir gerne veröffentlichen, obwohl sie sich gegen zwei in unserem Blatte erschienenen Aufsätze richten. Wir stimmen weder mit den Ausführungen' jener: beiden Artikel, noch auch mit denen des verehrten Herrn Einsenders in allen Einzelheiten überein, sind aber der Meinung, daß es angesichts der Schwere der Probleme, die es im Osten für das gesetzestreue Judentum zu lösen gilt, noch nicht an der Zeit ist, die Ansichten feftzulegen und der Freiheit der Diskussion entgegenzutreten. Der Herr Einsender schreibt: Zwei Aufsätze aus letzter Zeit, der eine „Schicksalsgemeinschaft" betitelt, von Luß- Mannheim in Nr. 44 und der andere „Die Stimme der Jugend" von W. Jacobson'- Hamburg in Nr. 45 Ihres gesch. Blattes veranlassen mich, über das Problem der Ostjndenheit einige Bemerkungen niederzuschreiben, die den Zweck haben, die bei der Eröffnung dieser Frage abwegigen Gcdankengänge zu charakterisieren und meinerseits hervorzuheben, was für die Beurteilung von Wichtigkeit ist. Der erste Vorwurf, den ich erhebe, ist darin begründet, daß man die Frage der OstsudenheiL nicht gebührend als rein jüdische erfaßt. So banal es klingt, es muh hervorgehoben werden, daß die im wesentlichen religiös-geistige Angelegenheit (ob auch politisch-soziale Fragen mitspielen) nicht einer anderen Idee auch nur vorübergehend untergeordnet werden darf. So haben wir nicht mit Hinblick aus deutsche Interessen zu wägen. Lediglich weil das Deutsche Reich Polln und Litauen okkupiert hält, haben wir Rücksicht zu nehmen auf die Verfügungen der Verwaltungsbehörden etc. Dieser Gehorsam aber ist etwas Selbstverständliches. Sonst bedarf es keiner Auseinandersetzung mit der deutschen Frage, weil der religiöse Charakter unseres Problems gar' keine Veranlassung zu einer Kollision gibt. Hierin ist nicht der geringste Mangel an voll i ländischer Gesinnung enthalten; erst neulick bei der Höhenzollern feie r hier in der Etappe unweit der Front habe ich es bei dem Kaijerhoch, das Prinz Leopold von Bayern in unserem Kreole ausbrachte, elementar empfunden, daß der deutsche Faktor naturhaft mächtig ist. So. ist es auch m. E. clit falscher Gedanke, wenn geschrieben wiro, es handle sich um die Begegnung zweier Prinzipien der Hifi und des piK “pl, welch letzteres durch das Deutschtum am reinsten repräsentiert wird. Abgesehen davon, daß auch andere Nationen, ja vielleicht weitgehender, uns gleich Rechte einräumen (man muß ja nicht immer die Kulturwelt aus die kriegführenden Mächte beschränkt sein lassen), ist sicherlich unter x"1 keine nationale Kultur zu verstehen. Verfehlter weil zwecklos, scheint mir eine übertrieben ' homiletische Wertung in der Beziehung zwischen Deutschtum und Judentum. Die Zeiten sind zu einst, die Probleme zu überwältigend, als daß man sich den Luxus gestatten darf, Betrachtungen anzustellen, deren Sinn doch mrist nur die Beteuerung der besonderen Schätzung deS Deutschtums ist. Wir stellen dessen Bedeutung wahrlich nicht in Frage. Mer wozu drn'e Konstruktion von Parallelen, die gar nicht zu erzielen sind? Die unnütz geübte Schriftsteller ei en. t in Unrichtigkeit. Ist wirklich eine Schickia.sgemeinschaft in der Geschichte der beiden Völker zu erblicken? Deutschlands Geschick in 5er Gegenwart weist nur geringe Ähnlichkeit Mit dem des jüdischen Volkes auf. Denn nur die Affekte der Gegner haben ähnlichen Charakter wie die unserer Feinde. Die verursachenden Faktoren ll.iv aber im Falle Deutschlands die beabsichtigte .Hemmung politischer und kommerzieller Entfaltung, während für unser Martyrium immer wieder der Kamps und das Dulden um einer überstaatlichen Idee willen, eines bis aufs feinste ansaebautcn Religionssystems bezeichnend ist. Unser mbj ift bie Leidensgeschichte für eine Idee, der Niedergang des heiligen Römischen Reiches und die deutsche Geschichte bis zur Wiederherstellung des Reiches die Folge inneren Zerfalls (aus mannigfachen Gründen) und der aggressiven Tätigkeit beutegieriger Nachbarn. Die Anerkennung aller unbelehrbarer Feinde im Reiche erwerben wir dadurch doch nicht. Höchstens werden sie darin eine Profanisierung ihrer völkischen Joeale erblicken, daß wir sie unseren glcichsetzen. Denn der Vergleich würde doch r«nsere Ebenbürtigkeit und unübcrtrefsbarc Höh' voraussetzen. Wenn es überhaupt möglich ist. so werden wir Lob nur durch restlose Pflichterfüllung im gegenwärtigen Weltkriege erkämpft n. '? Und nun zurück zum Thema der russischen Fudenheit. .Hier wird es endlich einmal Zeit, sich nicht Schilderungen des „Halbdunkels des Cheder" und der Lichtstrahlen der modernen Kultur (mit alf ifyrcm Fiasko aus sittlichem Gebiete) hinzugeben, sondern energisch zu erörtern, was zu tun'ift Denn um es kurz zu sagen (die Begründung, die auf Wahrnehmungen im Etappengebiet beruht, soll in Bälde gesondert gegeben nerben): wir 'stehen vor katastrophalen Ereigniisen. Gemäß dem Wort unserer Weisen, soll man sich nicht aus Wunder verlassen. Deshalb muß man, ungeachtet alles auch vor pessimistischer Schilderung nicht zurückschrekken. Auch liegt der Ansatz zur 'Dekadenz vor dem Kriege und ist in denselben Faktoren begründet, die allüberall wirksani waren, wo jüdische Gedankenwelt und Lebensart entthront wurde: in falscher Einschätzung der wissenschaftlichen Ergebnisse, in niederer Genußsucht vereint mit dem Streben, es den andersgläubigen Bürgern gcje-lschastlich gleichzutun und in Gleichgültigkeit, Die sich meist mit übertriebener Erwerbssucht paart. An oiesem trüben Bilde kann die Tatsache nichts ändern, daß eine starke Menge Treue bewahrt und Rußland sich des Besitzes größter erfreut. Jene Menge hatte gegenwärtig stark gelitten durch Zersprengung und alle übrigen Gefolgschaften des Krieges, diese erfreuen sich doch nicht in dem in Deutschland gemutmaßten Nnrf'Mg der unbedingten autoritativen Kraft des geistigen Führers. Es ist aber unverkennbar, daß hier ein Schulwerk zu leisten ist, das den jüdischen Faktor dominieren läßt, aber gleichzeitig, schon um vorzubeugen, in die Kultur der Gegenwart einführt. In dem lln ist Wert darauf zu legen, daß der eine geeignete Persönlichkeit, hinsichtlich seines Wissens und seiner Lebensführung, ev. ein jeder von einem russischen 2^ .beglaubigt ist. Der Umstand, daß nicht selten Leute, die in jedem anderen Beruf Schiffbruch gelitten haben, „Volkserzieher" werden, mag hinreichend dazu üeigetragen haben, daß die aus solchen Schulen hervorgegangenen Jünglinge den Stürmen der feindseligen geistigen Strömungen nicht widerstehen können. Hinsichtlich der sozialen Frage und zur Förderung und Wahrung von rettf fil'öip wie anderer icligionsgesetzlicher Dinge, deren Beobachtung durch mancherlei Verfügungen aus Unkenntnis unserer Behörden stellenweise unmöglich wurde, ist der Vorschlag vielleicht keine Utopie, daß die aesttzestreuen Kreise Deutschlands es zu erwirken suchen, daß ein bewährter und erprobter '11.1' den Verwaltungen (Etappenkommandanturen Kleines Feuilleton. M den Flüchtlingen auf der Rückreise von Mna nach Kowno. Es ist schwer, sich die Freude vorzustellen, die der Einzug der Deutschen in Wilna am Ausgange des Jom Kippur in den Synagogen der Stadt, wo die hunderttausenden Vertriebenen aus dem Gouvernement Kowno den großen Dag in heißen Gebeten beschlossen, ausge» löst hat. Die fast verlorene Hoffnung, noch einmal die Heimat zu sehen, leuchtete wieder ans aller Gesichtern Und sie war nicht getäuscht, schon nach kurzer Zeit wnrde bekanntgegeben, daß an jedem zweiten Tage von der Station Landwrowo Züge nach Kowno abgehen und den Heimkehrcnden freie Fahrt geboten wird. Das Stäbchen Landwrowo liegt 17 Klm. von Wilna entfernt. In Wilna selbst war der Jahrdamm noch nicht benutzungssähig So traten denn Tausende den Marsch nach bun Städtchen an, das so zum Vorhafen der geliebten Heimat geworden ist. Voran schleppen sich langsam aus dem holperigen Wege große Bauernwagen, voll beladen mit allen möglichen und nnmöglichen Hausgeräten, Betten. Kleidern und Büchern. Hinterher Männer, Frauen und Kinder, müde, gebrochen, hungrig, aber mit von froher Hoffnung beschwingten Schritten. „Aheim, aheim!" Der Weg wimmelt von feldgrauen Soldaten, die, feldmähig ausgerüstet, einzeln und in Trupps die Straffe hinanziehen. Deutsche Pioniere arbeiten an den Straffen und versmnpften Wegen. Etwa 1 Klm. uov der Sialiion machen die Heiniziehenden halt. Die kleine Holzbrücke über das Flüßchen ist ausgerissen. Deutsche Soldaten übernehinen nun die Führung durch den Wald über eine andere Notbrücke, und im Gehen reden sie gut aus die Leute ein und trösten sie: „Es wird überall fieberhast gearbeitet, Noch einige Zeit, und matt wird den Fußmarsch zur Station nicht mehr machen müssen Bald ist die Verbindung Wilna-Kowno wieder ganz hergestellt." Das Städtchen^ Landwrowo besteht eigentlich aus einer langen Gaffe von grauen kleinen Häuschen. Es ist finstere Nacht, die burchwartet werden »nuff. Man kampiert unter freiem Hinnnel und bettet sich aus Sack und Pack. Nur die Kinder weinen und protestieren gegen den heulenden kalten Wind. Die Väter und Mütter trösten und beruhigen: „Bald find wir daheim Mitten aus der Straffe leuchten kleine Feuer aus. Frierende Menschen kochen sich uuter freiem Himmel Tee und Kartoffel. Dann kommen Soldaten und lassen sich ebenfalls einen Schluck Tee reichen. Dafür verteilen sie unter die Leute Brot und Konserven. Alle greifen hastig nach dein Brote, sehen dagegen die Konserven mit etwas verdächtigen Augen an. Da rust der aus der Gruppe der Feldgrauen: „Efft, Juden, streng koscher, unter Aufsicht des Frankfurter Nabbincns". Ein alier Jude liest die hebräische Aufschrift aus der Banderole der Blechbüchse, die vom weiten Deutschland gekommen ift und weint Tränen. Als hätte er eitlen fernen Brudergruß erhalten. Es ist spät, aber die wenigsten denken an Schlafen. Die Leute tauschen ihre Erlebnisse aus. Mit Tagesanbruch schwärmen die Jüngeren aufs Feld aus, um Kartoffeln auszugraben, die ganz jungen holen Holz herbei, tvährend die Mütter am Herde unter freiem Himmel bleiben und das Essen bereiten. Und wieder sind die Feldgrauen da, die mit großen blauen Augen mitleidig dem Treiben zuschauen, dann unaufgefordert Brot in den Hausen werfen und rasch davoneilen, um sich den Dankesbezeugungen zu entziehen. Endlich, endlich pfeift der Zug und man läßt Kartoffel und Brotrest und Feuer im Stich und drängt sich in die Wagen. Die Kondukteure in Soldatenuniform sprechen mit einer milden Freundlichkeit zu den Leuten, wie sie sie von Beamten nie gehört haben, „Kein Grund zur Eile und Ausregung", sagen sie, „es find Wagen genug vorhanden, es kommt alles mit." Ein Mütterchen keucht atemlos unter der schweren Ladung, mit der sie nicht recht vorwärts kommt. Im Nu hat ein langer, blonder Soldat ihr Sack und Pack abgenommen. Spielend balanziert er mit der Last und hebt die Frau in den Wagen, steigt ihr nach und bringt auch noch ihr Gepäck in bester Weise unter. Die Alte ist sprachlos und bringt vor Rührung kein Wort des Dankes heraus. Der Jüngling wehrt ab. Dort weit unten am Rheine lebt auch sein Mütterchen und trägt gewiß auch nicht leicht an der Last des Lebens, da er, der Sohn, hier sür das Vaterland sorgen muff. Er weih es. gnte Menschen werden auch ihr helfen. Und zum Abschied legt er noch auf den Pack der Frau ein Brot und eirre Büchse Oelsardinen hin. ■' \ Auf jeder Station hält der Zug und jede Haltestelle bedeutet eine angenehme Entlastung. Jedes Städtchen, jedes Dorf, jede graue Häusergruppe wird von einer bestimmten Zahl der Reisenden mit großem Halloy als Heimat begrüßt. „Ahejm, Aheinrl" In Kofchudari hält der Zug eine beträchtliche Zeit, da hier viele umsteigen müssen. Die Bahnbeamten greisen wacker zu und helfen das bunte Gepäck von kanss, j.väfr- >'/*-