Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 47 (11.11.1915)
- Date
- 1915-11-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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11. November lftlB Ver Israeli». No. 47 Sette & kehrt. Nach der letzten Volkszählung zählt die Stadt etwa 6000 Einwohner, vor dem Kriege waren eS 8000. Infolge vollständigen Mangel« an Leuchtstoffen herrscht in der Stadt Finsternis. Der früher so lebhafte Getreidehandel ist vollständig lahmgelegt. Die ehemaligen Getreidehändler eröffneten Tee Hallen. Die Lebensmittel sind verhältnismäßig billig. Am 1. November wurde dir Brotkarte eingeführt. Dieser Tage wurde ein städisches Hospital mit 30 Betten eröffnet. Die Schulen find noch geschlossen. Madzyn (Gouvernement Siedler), 1. Nov. Unser Städtchen zählt etwa 4000 Familien, zu gleichen Teilen Juden und Christen. Hier sind drei gemeinnützige Anstalten vorhanden: eine Bibliothek, eine Spar- und Lelhkaffe und der Verein „Gemilus Chasodim", der fristlose Darlehen an Handwerker und Kleinhändler erteilt. Dre Einwohner des Städtchens wußten von dem Weltkrieg nur wenig. Acht Tage nach der Besetzung Warschaus ließ der russische Kommandant den Rabbiner zu sich kommen und verlangte von ihm 2000 Rbl., widrigenfalls er die Stadt anzünden lassen würde. Man hatte bereits 1000 Rbl. gesammelt, als Plötzlrch Geschützdonner hörbar wurde, der jedoch nicht länger als eine Stunde währte. Wenige Gründen darauf zogen die Oesterreicher in d'e Stadt ein. Vor dem Verlassen der Stadt steckten die Russen nur die Mühlen in Brand. Smorgon, 5. November. Die Stadt, die vor dem Kriege eine blühende und große Lederindustrie aufzuweisen hatte und infolgedessen eine der reichsten Städte Litauens war, ist von den Russen fast vollständig zerstört und wirtschaftlich gänzlich ruiniert worden. Bereits lange vor der Besetzung der Stadt durch deutsche Truppen wurden auf höheren Befehl alle Lederfabriken von den Russen geschlossen und die Ledervorräte nach dem Innern Rußlands geschasst. Und später, als im Laufe der hartnäckigen Kämpfe Smorgon dreimal den Besitzer wechselte, hat die Stadt, wie Flüchtlinge berichten, fürchtbar unter oem Bombardement gelitten. Nachher soll die Stadt von den abziehenden Russen fast bis auf den Grüno niedergebrannt worden sein. Auf eine schreckliche, grauenerregende Art hat die Bevölkerung des großen Dorfes Kulino w a ihren Untergang gefunden. In diesem Dorfe, das eine Zeit lang zwischen der deutschen unv russischen Front belegen war, glaubten sich oie Einwohner nicht ihres Lebens sicher genug und hatten sich daher einen tiefen und langen Graben angelegt, in welchem sie Schutz für sich und ihre Habe suchten. Allein, dieser Graben wurde der Bevölkerung zum Verhängnis, denn infolge des ununterbrochenen Granatenduells wurde der Graben eines Tages völlig verschüttet, und bloß drei Personen konnten sich retten, während die andern lebendig begraben wurden. Aus dem Wege von Smorgon nach Wilna sieht man bloß niedergebrannte Städte uno Dörfer, die von den abziehenden Russen unbarmherzig in Asche gelegt wurden. Das Elend der Flüchtlinge ist furchtbar. In endlosen Zögen begegnet man diesen Unglücklichen, die, an Leib und Seele gebrochen, ihrem ferneren Schicksal in apathischer Resignation entgegenschauen. --fc!3- ■ Oesterdeich-Ungarn. Bus Sen öemelnSen. Munkaes In unserer Gemeinde wird auf dem Gebiete der jüdischen Zedeko in dieser schweren Zeit GrotzeS geleistet. Neben der Fürsorge aller vom Kriege schwer getroffenen Familien, deren Not rasches Eingreifen erfordert, versteht die hiesige Gemeinde alle hier stationierenden jüdischen Krieger, deren Zahl nicht gering ist, mit streng ritueller Kost. Trotzdem die materiellen Kräfte beschränkt find, wurde dies doch ermöglicht, was nicht genug zu rühmen ist und als nachahmenswertes Beispiel hervorgehoben zu «erden verdient. Z. B. A. Bonyhad. In Vertretung seines Schwiegervaters, Rabbi Elieser Ch. Deutsch, har besten Schwiegersohn, Josef Schwarz, die Leitung der hiesigen nw übernommen. Die Stimme der Thora erschallt wieder in unserer Mitte; sie ist das einzige, das vom Waffengeklirr nicht übertönt werden konnte. Z. B. A. Nghkaroly. Im nagykarolyer Roten Kreuz- Spital befinden sich viele kroatische Verwundete. Herr Oberrabbtner Schönfeld, der sechs Jahre in Kroatien gewirkt, bemühte sich» seinen gewesenen Landsleuten den dortigen Aufenthalt in jeder Beziehung angenehm zu gestalten. Bor Kurzem hielt der Herr Oberrabbiner im Aufträge des Roten Kreuzes anläßlich einer Feierlichkeit an die kroatischen verwundeten Soldaten eine kroatische, patriotisch-begeisternde Rede, besorgte für dieselben kroatische Zeitungen und wandte sich in ihrem Jntereffe an den kroatischen Kultuschef, Dr Tropfch, worauf Herr Oberrabbiner Schönfeld von Seiner Exzellens dem BanuS, Baron Skerlez, ein warmes Dankschreiben erhielt. Berichtigung In Nummer 44 wird aus Bu- »dapest berichtet, dah in Eg—g für Palästina 80,327.77 M. gesammelt worden seien. Es soll heißen: 8327.77 M. Bis zum 24. Okt. wurden 10,968.88 M. zu diesem Zwecke gesammelt. Nutzt and. Ute lullen in Sibirien. Kopenhagen, 29. Okt. Aus dent bei der Stadt N a r i m im Gouvernement Tomsk eingerichteten großen Konzenz(Ntrationslager für die Flüchtlinge aus den Westprovinzen sind plötzlich auf Verordnung der Behörden sämtlich e Juden, die zu vielen Tausenden zählen, entfernt und nach Ostfibirien abgefchoben worden. Auf die Notschreie der Verstoßenen hatten die höheren Beamten nur die Antwort, ihnen sei der Erlaß über die Freizügigkeit der Juden noch nicht bekannt gegeben. Narim gehöre zu dem Gebiete^ wo den Juden der Aufenthalt verboten ist. Russisches Allerlei. Stockholm, 31. Okt. In der zweiten Novemberhälfte soll nach Moskau ein abermaliger Kongreß des russischen Städtetages und wahrscheinlich auch der russischen Sem st Wovertreter einberufen werden. Offiziell soll sich dieser Kongreß ausschließlich mit Teuerungsfragen und Zufuhr von Lebensmitteln befassen. Es unterliegt aber keinem Zweifel, oaß der Kongreß abermals versuchen wird, allgemeine politische Fragen, und besonders die Judenfrage za berühren. Ans Beseht des russischen Feldstabes ist der weitere Zuzug von Privatpersonen oder Flüchtlingen nach Homel, Orscha und Mohilew völlig untersagt worden. Der neue kaukasische Statthalter und frühere Generalissimus Nrkolaiowrtsch hat endlich seinen ersten großen Sieg errungen, nämlich über die dortigen Juden. Soeben hat er sämtlichen kaukasischen Gouverneuren mitgeteilt, daß er es für unzweckmäßig erachte, die von dem früheren Minister des Innern Schtscherbatow an die jüdischen Flüchtlinge erteilte Erlaubnis, in kaukasischen Städten Unterkunft zu suchen, aufrechtzuerhalten. Sämtliche im Kaukasus befindlichen Flüchtlinge sind sofort abzuschieben uno gleichzeitig auch die dortigen jüdischen Kanfleute erster Gilde sowie Handwerker,, die laut den russischen Grundgesetzen allgemeines Wohnrecht besitzen. ZuöensuLsckreilungen. Stockholm, 1. Nov. Nach Zeitungsberichten fanden in verschiedenen russnchen Städten schwere Ausschreitungen gegen Juden statt. Da und dort griff die Polizei, so in Petersburg, zu Gunsten der Juden ein. Eine einflußreiche Gruppe unter Führung des Abgeordneten Markow überreichte dem Zaren eine Denkschrift, in der schärfster Protest gegen die Aenderung der Judengesetzgebung erhoben wirb. England. Jüöifdies aus knalanll. (Js.) London, 3. Nov. Seit der imi Mai vorgenommenen Aenderung des englischen Kabinettes beschränkt sich die englische Judenheit auf philantrophische Tätigkeit für die unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland. Wie bereits an dieser Stelle früher gemeldet wurde, hat man zur Zeit in England ein; Sammlung für die Notleidenden in Rußland eingeleitet, die in der ersten Woche die Summe von 700.000 M. erbrachte. Die Kommentare, die die Londoner jüdischen Zeitungen zur Sammlung bringen, zeigen, daß man nicht im Geringsten im Unklaren über die innere jüdische Lage in Rußland ist, und man äußerst pessimistisch in die Zukunft schaut. Man weiß nur eine Lösung: Auswanderung der russischen Judenheit. Aus das Wohin erteilen die Werbeagenten Lord Kitcheners die Antwort, die Tag um Tag in den Sälen und auf den Straßen des LondonerEastends den Zuhörerri klarlegen, daß bald, bald England die Türkei auf die Knie gedingt hätte und dann für Palästina und damit für die Judenheit eine neue Zeit anbreche; Palästina würde dann ein Jv^'ustaat werden. Laut einer Mitteilung des „Jewish Chronicle" leben zur Zeit int britischen Reiche 410000 Juden, hiervon stehen 17000 im Heere. Trotz dieser hohen Zahl ist der Antisemitismus in England im Wachsen begriffen.. So ereignete sich jüngst in Leeds, daß ein jüdischer Offizier, aus einem großen Hotel mit den Worten: „Hier werden keine Juden bedient" hin aus gewiesen wurde. Mr. Zangwill spielt noch immer den Witzbold. .Jüngst geriet er in „Verdacht", er sei Philogermane geworden. Schleunigst ließ er sich von einen: halben Dutzend Zeitungen interviewen uno erklärte, daß er noch immer Deutschland tödlich hasse und nur in Englands Sieg die Rettung für die Judenheit erblicke. Naiäitina. äperruna der Klagemauer? Jaffa, 10. Oktober. Der hier erscheinenden hebräischen Wochenschrift „Hapoel Hazatr" wird aus Jerusalem berichtet, daß der Kommandant der vierten türkischen Armee, Djemal Pascha, den Zugang zur Klagemauer abzufperren be»ast, um oas Besuchen ütests Ortes stilens der J^üen zu verhindern. Diese Verfügung wird mrt sanitären Rücksichten begründet. Sollte sich dieses Gerücht bestätigen, so würde es ein G fühl tiefen Kummers m weiten jüdischen Kreisen Palästinas auc lösen, denen es verwehrt fern sollie, rn schwerer Zell an der heiligsten Stätte ihre Gr bete zu verrmten. Jerufakcm, 10. Oktober. Der bisherige Chacharn Baichi, Mo,es Franko, ist wegen feines hohm Alters von fernem Amte zurückgetreten. Zu seinem Nachforg-r ist der Ooerrabbiner Danon, zurzeit in ^smir, ernannt worden^ der sein Amt in Kürze anrreten wird. JlmerUto. Der ..psß-punkt" im neuen ttandeiSDertrag zwischen Rußland und Amerika- Aew-KorK, 15. Oktober. Der New-Aorker ,,Tog" berichtet unter dem 24. September über den gegenwärtigen Stand der Verhandlungen bttuffa eines neuen Hände lsvertrages zwtzchen Rußland und Amerika wie folgt: Die Verhandlungen werden noch geheim gehalten. Der amerikanische Gesandte in Petersburg, Mary, hat an den Sraats'ekrerar Lansing berichtet, daß die russische Regierung nunmehr gewillt sei, dre amerikanischen Bürger anzuerkennen. dieser Bericht hat in den Washingtoner offiziellen Kressen lebhafte Genugtuung hervorgerufen. Man hofft nunmehr auf erne befriedigende Lösung der Frage und ein positives Ergebnis der seit lange gepflogenen Unterhandlungen. Em hoher Beamter des Departementäußerte sich einem Mitarbeiter der erwähnten Zeitung gegenüber folgendermaßen: ateitii * ' .3