Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 47 (11.11.1915)
- Date
- 1915-11-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 No. 47 Der Israelit. 11. November ISIS J* >■' f; » . f) r kin deuffrher Chris! über russisches 3u9en(ei9 Aerkm, V Nov. Aus den russischen Grenzprovinzen bringt die „Tagt. Rundschau" folgendes „kurländisches Ctimntungsbild": „Das.Schrecklichste, was wir erlebt Haben. li/ir die Judenausweisnng, eine ähnliche stand übrigens den Deutschen bevor, und nur dort, wo ein charaktervoller russischer Kreisches waltete, ist es den Deutschen gegenüber nicht zu dem Entsetzlichen gekommen. Der Ausweisungsbefehl wurde den Juden drei Stiurden vor seiner' Durchführung (D. h. I Uhr wfiuv) bekanntgegeben. Wer 4 Uhr nachts nicht zu Fuß den Ort' verlassen, wurde von Kosaken niedergetnüppelt. Perständige Kretschess gaben 2'» stunden Zeit. In der nächsten Bahnstation drängte sich die Masse der Juden zusammen: einigen gelang es, dastehende Viehwagen gegen teures Gew noch zu besteigen. Sie waren ungereinigt und noch voller Dünger. Taufende von Juden konnten aber nicht unlerc..unmen, da plötzlich alle verfügbaren 'Wagen für russisches fliehendes Militär bestimmt wurden. Bon den im Walde liegenden jüdischen Familien sind unzählige vor Hunger umgekommcn, da ringsum nichts Eßbares auszutreiben war. Endlich wurde unter uns organisiert.' Es war aber auch allerhöchste Zeit, denu Hunderte waren schon verschmachtet. Um die Ohuheipt po§o1owuo — Kops über Kvps^ — so tras es die Juden: Greise, Krüppel, Leprose, schwangere, Säuglinge, Soldatenfamilien, und selbst jüdische Soldaten, die zur Erholung in der Heimat weilten, dazu alle Insassen von Armen-, Siechen- und Irrenhäusern - - ein ganzes Volk wurde so ins Elend gejagt, in fünf schon an Juden übervölkerte Gouvernements, wo, wie es heißt, Judenhetzen sie erwarteten. 'Außerdem war durch die lettische und russische Presse der lettische Pöbel zu Ausschreitungen gegen die Inden nufgestuch'lt worden. Man schrieb da, dieser Massenmord sei die gerechte Strafe für begangene (nie erwiesene) Perräterei einzelner Juden und ein Vvrbeugungsmittel gegen zukünftige. »keinem Juden wurden von den Letten vor der Vertreibung die Schulden bezahlt. Für seine Waren wurde ihm ein Zehntel des Wertes geboten, und der Jude mußte verkaufen, denn er brauchte Bargeld und rechnete damit, daß die Geschäfte doch über kurz oder lang geplündert würden. Und zu all dem materiellen Schaden, dem körperlichen und seelischen Leid der Spott und Hohn der Letten. Dafür ein Verspiel: Ein Wagen, vollgestopft mit äemliehen .mindern und Bündclchen fährt vorüber ein Elend, daß einem sich das Herz zusammentrnmpft, da lachen wttijche Burschen roh nno höhnisch: „Das Vieh fährt zu Markt, sieh da, wieviel kostet ein Pfund Jndensleisch?" Die Deutschen waren fassungslos vor Empörung und Mitleid, die Hände waren uns. ja gebunden. Was haben schließlich die gefummelten Tausende und Zehnranjende und Hnnderttarrsende genützt, es 'war ja nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Die Juden selbst haben ihr Unglück wie Helden getragen: Einer zur alle, alle für einen. Die jüdischen Aerzre waren nicht mit ansgewiesen ivorden, weil sonst halb Kurland ohne Aerzte blieb; da war aber keiner, der ZurüübUcb; die schände ihres Volkes trugen sie als Ehre." München, 31. Okt. Im Finanzausschuß der Bayerischen Kammer wurde am Sonnabend über Heer es fragen verhandelt) der Kriegsminister legte u. a. die allgemeinen Grund'ätze für die Beförderung zum Offizier dar. Abg. Dr. Müller-Meiningen nahm Veranlassung, den Vorwurf, daß Juden in verhältnismäßig geringer Zahl an der Front stünden, als unbegründet zurückweisen. Zahlen beweisen, daß gerade zu Anfang des Krieges zahlreiche israelitische Kriegsfreiwillige gefallen seien. Es sei begreiflich, wenn die Militärverwaltung die kaufmännische Gewandtheit jüdischer Heeresangehöriger bet der Verwendung berücksichtige. Das ganze Volk ohne Unterschied der Partei und Religion einschließlich der Konfessionslosen habe voll und ganz seine Schuldigkeit getan. ChrengrZber. Aresta«, 1. November. In der gestrigen Tagung der Repräsentanten-Bersammlung beantragte der Vorstand der Synagogengemeinde die Anlegung eines Ehrenseldes für gefallene oder verstorbene Kriegsteilnehmer aus dem Friedhofe in Cosel. Auf einem von Baumgruppen eingefriedeten Ehrenfelde, das seinen Platz auf dem hervorragendsten Teile des Friedhofes erhalten soll, soll auf erhöhter und durch Stufen zugänglicher Terrasse ein Ehrendenkmal errichtet werden, das die Namen sämtlicher gefallener Mitglieder der Gemeinde tragen wird, während die betreffenden Grabstellen links und rechts des Denkmals angeordnet werden. Jedes Grab erhält überdies noch seinen eigenen Stein, die jedoch eine gleiche Ausführung erhalten. Zunächst ist für 28 Grabstellen Raum vorhanden, jedoch kann dieser nach Bedarf in seiner Längsausdchuung vergrößert werden. Die Kostenanschläge der Anlage werden nachträglich vorgelegt werden. Der Antrag wurde einstimmig angenommen, nachdem auch angeregt worden war, sich der zu Invaliden gewordenen Gemeinde- Mitglieder anzunehmen. Nus 9en okkupierten gebieten. Warschau, 8. Nov. Vorgestern ftattete der Vize- Generalgouverneur von Warschau, von Flügel, in Begleitung des Herrn Joel Wegmeister mehreren hiesigen jüdischen Volksküchen einen Besuch ab. Der hohe Beamte wurde von den Lettern herzlich begrüßt. Er ließ sich auch an manchen Stellen eine Kostprobe reichen und sprach überall seine hohe Befriedigung über die zweckmäßige Einrichtung und musterhafte Ordnung aus. zu zeigen", am 27. Oktober 17O0 ein Gehalt von 100 Thalern bewilligt. 170!* wurden ihnen die Lieferungen für das hessische TruppcnkorpS in Frankreich übertragen. Sie hatten dabei erhebliche Verluste. Als Entschädigung wurde ihnen das freie Niederlassungsrecht in Eaffel für alle ihre (21) Kinder bewilligt, das auch auf die Schwiegersöhne Jakob Hirsch, Rieberg und Wallach (Stammväter der hiesigen Familien dieses Namens ausgedehnt wurde. Ein Sohn des dritten Bruders Lippmann Abraham, der sich Llffmann nannte, ist bekannt als Gründer der Gefelljch Zl „Humanität" Hierselbst. Die Kinder des vierten Bruders Salomon Abraham nannten sich Hahndorf (dieser Familie gehört der bekannte Literat Salomon Hahndorf an), Gustvrs und Adler. Die beiden ältesten Brüder Sußmann und Abraham hatten hervorragende Stellen im israelitischen Gemeindewesen tnne. Der erwähnten Familie Rosengarten entstammt der als hervorragender Baumeister bekannte Erbauer der Casieler Synagoge, Albrechl Rosengarten. Ein Enkel des Moses Abraham war der Dichter Hermann Mosenthal. — Bankier Ftorino wies darauf hin, daß Dr. Lucius Liffmann der erste jüdische Arzt in Hessen gewesen ist, und daß ein Angehöriger der Familie Äustorf, Ludwig von Gustorf, als Leivarzt Kaiser Wilhelms l. geadelt wurde. Seine Söhne waren Offiziere in der preußischen Kavallerie (Juden als Dolmetscher im Kriege.) In einer Schilderung vom türkischen Kriegsschauplatz schreibt der Kriegsberichterstatter des „Berliner Tageblatts", EmU Ludwig: „Wenn man steht, wie jeder Schritt die Nötigung sprachlicher Uebersetzung erschwert, sc gedenkt man mit einiger Schadenfreude der Sprachverwirrung, die beim Feinde herrschen muß. Freilich, es täßt sich alles übersetzen. Aber der übersetzte Befehl ist nicht haarscharf der originale. Was geschehen kann, geschieht. um Genauigkeit und um Schnelligkeit zu verbürgen, jeder Stabsoffizier hat seinen Dolmetscher neben sich. Man benutzt auch hier — wie ich es schon in Syrien fand - zu dieser Arbeit gern syrische oder spaniolische Juden, die, als Oltomanen dienstpflichtig, bei starker polyglotter Bildung gerade an diesen Stellen besonders brauchbar erscheinen. Meist haben sie in Deutschland studiert, und es ist amüsant, einem solchen jungen Manne abends zuzuhören, wie er von unseren Nattonalölkonomen und Medizinern als seinen Lehrern spricht, als käme er eben aus dem Berliner Kolleg, nicht etwa aus dem Hauptquartier von Gaütpoli. Dann wieder spricht man mit einem Griechen französisch, mit einem ägyptischen Türken englisch und italienisch mit einem levantiner Koch. Ein Bursche hat sogar russisch mit dem schwedischen Korrespondenten gesprochenalle feindlichen Idiome sind ans dieser Halbinsel verwendbar." (Die Zeppelinfurcht n den Synagogen.) Verspätet etngelaufene amerikanlsch-jüüische Blätter bringen eine Londoner Meldung, wonach am letzten Kvlnidre-Abend die Frauengalerien sämtlicher Londoner Synagogen geschlossen bleiben mutzten und auch in den Männerabteilungen ganz besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen und ein strenges Ueberfüllungsverbot erlaffen wurde. Die Polizei hat diese Maßnahmen mit der Befürchtung begründet, daß ein eventueller Zeppelinangriff während des Kolnidre-GotteSdienstes eine Panik Hervorrufen könnte, deren Folgen unabsehbar wären. Gleichzeitig wird aus London gemeldet, daß der Lord- Mayor von London in voller AmtSunisorm am Jom- Kippur in einer Synagoge in Whitechapel erschienen sei und eine Ansprache an die Versammelten hielt.« Der Lord-Mayor erklärte, daß er über die schreckliche Lage der Juden in Rußland genau informiert sei und sprach die Bereitwilligkeit aus, die Bemühungen wegen Be- Warschau, 7. Nav. Gestern sind der U n i v e r * sität und Tes chnischen Hochschule Warschau vom Herrn General-Gouverneur die provisorischen Statuten verliehen worden, so daß die feierliche Eröff-iung der beiden Hochschulen Warschaus nun bereits am 15. November, in Gegenwart des Herrn General-Gouverneurs und der Vertreter anderer deutscher Behörden erfolgen kann. Als Dozenten haben im wesentlichen Warschauer Gelehrte Lehraufträge erhalten. Daneben auch einige deutsche und österreichische, welch letztere von der österreichischen Unterrichtsverwaltung in entgegenkommender Weise beurlaubt worden sind. Die Unterrichtssprache ist die polnische, bis auf den Unterricht in fremden Sprachen, der in der betreffenden Sprache erteilt werden kann. In der Sitzung* des BürgerkomiteeS am 3. dieses Monats hat der Pfarrer Godlewski namens der Uaterrichtsabteilung eine Denkschrift über das Schulwesen zum Vortrag gebracht, die den deutschen Behörden vorgelegt werden soll. Die Denkschrift kennzeichnet die Ansicht der Unterrtchtsabteilung über dasnaltonaleSchulwesen und betont die in anderen Ländern unbekannte starke Entwicklung der Privatschulen. Sie fordert schließlich mit Nachdruck das Fortbestehen der Unterrichtsabteilung. DaS Komitee erklärte sich mit dem Inhalt der Denkschrift einverstanden und beabsichtigt, sie der deuschen Zivitbehörde zu unterbreiten. Für die Volkszählung am30. November, hat nach dem „Goruec Poranny" die Abteilung für allgemeine Angelegenheiten des BürgerkomiteeS 4000 Rubel ausgeworsen und für die Zwecke des BureauL der Volkszählung 180 Rubel monatlich bereitgestellt. Außerdem sind 100 Rubel monatlich für die statistische Kommission gewährt worden. Lodz, 8. Nov. Am Sonntag fand eine Sitzung oer jüd. Gemeindeverwaltung statt, der auch einige Bürger beiwohnten. Es wurde ein Schätzungskomitee zur Aufstellung der Gemeindesteuerltsten gebildet. DerGemetndesekcetär Herr Schwarzmann verlas ein Reglrmrnt, laut welchem die Besteuerung der^ Gemetndemitglieder erfolgen soll. Aufgabe des Schätzungskomitees ist, die Höhr der Steuer festzufttzen, die zur Deckung der Gerneindeausgaben nöti j ist, darüber zu entscheiden, welche mittellosen Gemeindemttglieder von der Steuer zu befreien sind, Prüfung der Reklamationen der in Betracht kommenden Steuerzahler um Ermäßigung der Steuer. Das Reglement wurde bestätigt. Wasteksk (Gouvernement Lomsha), 1. Nov. Die Bevölkerung ist jetzt teilweise zu rückg eschaffung eines Hilfsfonds für die russtschen Juden mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht zu fördern. Wichtiger wäre es allerdings gewesen, wenn der Lord- Mayor von London erklärt hatte, seine sicherlich nicht geringe Macht dafür zu verwenden, daß die russischen Greuel gegen die Juden ein Ende nehmen, daß ihnen endlich die Menschenrechte zugesichert werden, dann wäre die Beschaffung eines Hilfsfonds überflüssig. (Die Juden in Bulgarien.) Während das alte Serbien unter 4,4 Millionen Einwohnern kaum 0000 Juden zählt, befinden sich unrer den 4,686,800 Einwohnern Bulgariens nach den Ergebntffen der letzten bulgarischen Volkszählung 40,11« jüdische Seelen. Die.bulgarische Judenheit macht fast ein Prozent der dortigen Gesamtbevölkerung aus und ist in den einzelnen Departements des Landes verschieden stark vertreten. So wohnen im Departement Sofia 11,846 Juden, von denen 10,703 auf die 103,812 Einwohner zählende Hauptstadt selbst entfallen. Bon den in nächster Zeit wohl häufiger genannten Departements zählt Varna 2350 Juden, Burgas 3422, Biddin 2402, Tirnvwo nur 205, dagegen Plovdiv 6132: erwähnt sei auch noch Küstendil mit 3881. Durch den vor kurzem abgeschlossenen türkisch-bulgarischen Greuzvertrag, der die Maritza von der Quelle bis zur Mündung zu einem bulgurischen Strom macht, erhielt Bulgarien mit den Städten Karagatsch bei Adrianopel und Dedeagatsch einen weiteren Zuwachs an jüdischer Bevölkerung von etwa 500 Seelen. Die Hafenstadt Dedeagatsch, bei welcher die Maritza in das Aegäische Meer mündet, zählt etwa 200 Juden unter 3000 Einwohnern. Seit 18?0 besteht dort eine jüdische Gemeinde mit Synagoge, Schule und Wohlfahrtseinrichtungen.