Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 47 (11.11.1915)
- Date
- 1915-11-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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11. November 1815 Der A-rarltt. No. 47 Sette 8 ltchen Theologen eine alte Verleumdung hervorgeholt, welche den Juden in Preußen viel Aufregung brachte. Ein Apostat Peter, der als Jude Pesach hieß, erfand im 15. Jahrhundert die Lüge, daß in dem Olenugebet eine Lästerung des Christentums enthalten sei. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts trat die Verdächtigung wieder auf, wurde aber von nichtjüdischen Gelehrten als vollständig unbegründet zurückgewtesen. Nichtsdestoweniger hat Friedrich I. im Jahre 1703 verordnet, daß die Juden dieses Gebet stets laut vortragen sollten und ein königlicher Kommissar sollte stets anwesend sein, um zu überwachen, daß nicht noch ein gegen das Christentum gerichteter Zusatz beigefügt werde? Auch unter Friedrich Wilhelm I. wurde diese Verordnung wiederholt ins Gedächtnis gerufen, ste scheint aber nicht strenge gehandhabt worden zu sein, da die Kommissionen nichts Verdächtiges entdecken konntendoch erst im Jahre 1778 unter Friedrich dem Großen wurde die christliche Inspektion aufgehoben. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm I. 1713—1740 haßte die Juden nicht, ste waren ihm aber eben nur eine Sache, von der man Nutzen ziehen konnte. Bald nach seinem Regierungsantritte am 20. Mai 1714 erließ er ein Judenreglement, das an den ersten Fretheitsbrief vom Jahre 1671 anknüpfte und die in der Zwischenzeit erlassenen drückenden Gesetze aushob. Für deren Aufhebung und die -,Abkaufung eines gewissen Zeichens" mußten die Juden 8000 Taler zahlen. König Friedrich Wilhelm hatte, wie die meisten seiner Zeitgenossen, kein Verständnis für das Judentum, keine Ahnung von der Berechtigung seines Fortbestehens." Er wollte sie aber auch nicht zur Taufe zwingen und aus ökonomischen Rücksichten nicht aus dem Lande gewaltsam vertreiben. Dagegen sollten christliche Prediger, eine mit Unterstützung des Königs errichtete jüdisch-deutsche Druckerei und eine eigene Mtssionsanstalt die Juden zur Taufe führen. Da der Erfolg den Erwartungen nicht entsprach, wollte man die Juden „aussterben lassen", allerdings war man in der Ausführung dieses Grundsatzes nicht allzu konsequent. Das erste Kind folgte nach wie vor dem Vater, zweite und dritte Kinder unter den gesetzlichen Beschränkungen, Hauptprivilegien gaben Einzelnen sogar die Befugnis, „Kinder in unbeschränkter Zahl anzusetzen." Die Hauptsache war, daß die Steuerkasse nicht zu kurz kam, und wenn Trauscheingelder, Kalendergelder, die Abgaben an die Rekrutenkasse pünktlich abgeliefert wurden, drückte man oft nicht nur ein Auge, sondern sogar beide Augen zu. (Schluß folgt). in unserer Schule bekanntlich nur Hebräisch gesprochen. „At, jodaat, mi haodaun hagadol haseh? (Weißt Du, wer dieser große Mann ist?) „Ken, gewirti" (Ja, Fräulein) antwortete das Kind mit lauter Stimme „adoni hagamal hagadol" (Der Herr ist — das große Kamel"). Bestürzung auf den Gesichtern aller Hebräisch verstehenden Anwesenden. Ich wurde weiß und rot und verlor fast meine Geistesgegenwart in dem Bestreben, mir das Lachen zu verbeißen. Wie sollte ich nun diese Antwort dem Manne, vor dem ganz Palästina und Syrien zittert, übersetzen? Das Kind hatte unbewußt den Scherz, den es wohl von einem älteren Bruder gehört haue, wiederholt, der sich an den Namen Djem a l Paschas knüpft. Djemat bedeutet auf türkisch: der Schöne.. Der Anfangsbuchstabe,, der im Türkischen welch ausgesprochen wird, wird im Hebräischen hart wie Gimel ausgesprochen, sodatz Djemal — Gamal Kamel bedeutet. - Da zwei Djemal Paschas in Jerusalem damals existierten, von denen der zweite Stadtkommandant war, so hatte unsere hebräische Jugend das Wort formuliert : „Gamal hagadol und Djemal hakatan". Die Situation wurde durch unseren sudanesischen Portier gerettet, der in diesem Augenblick türkischen Kaffee heretnbrachte, und indem ich auf ihn losstürzte, um Sr. Exzellenz ehrfurchtsvoll eine Taffe Kaffee zu kredenzen, und nachher die Aufmerksamkeit auf die Handarbeiten der Kinder lenkte, kamen wir über diese Szene hinweg. „Ich werde nie gestatten, daß Ihre Schule aufge' hoben wird", sagte er nachher, „gebe Allah, daß wir mehr solcher Schulen hätten". Dieses Wort eines türkischen Gentleman, und ich habe gefunden, daß der Tütte evr ehrlicher Gegner ist Vermißte Mische Familien. XXXVII. Es sucht : Es werden gesucht: Leis. Salzberg, Kowno, Berts u. Julius Salz- Willkringer Chaussee 67. borg aus Kowno, letzter Aufenthalt Lodz. Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. Lorrespondenzen und Aachrichte«. Deutsches Ketch. Auszahlung des Iflenagegeldes an jüdische Mannschatten. Israukfurt a. M., 10. Nov. Wie uns, im Anschluß an die vor einigen Wochen veröffentlichte Notiz, aus dem Büro der „Freien Bereinigung Kr die Interessen des' orthodoxen Judentums" mitgeteilt wird, hat das KriegsMmisterium die stellvertretenden Generalkommandos unterm 4. November, mit dem Aktenzeichen Nr. 2148. 10. 15. B 2 neuetdings verständigt, daß jüdische Mannschaften, die unter Berufung auf die Religionsgesetze einen entsprechenden Antrag stellen, auch während der Dauer der Mobilmachung von der Teilnahme an der gemeinsamen Truppenküche befreit werden können. Die alsdann an die Mannschaften zu zahlende bestimmungsmäßige Geldabfindung beträgt vom 26. September ds. Js. ab Kr dre Verpflegung einschließlich Brot 1,50 Jk. und ohne Brot 1,35 Jk. täglich. Durch diesen neuen Erlaß ist die Verfügung vcm 23. August überholt. Ritualien für die Gefangenenlagergtankfnrt a. W, 3. Nov. Die „Freie Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird aus zahlreichen Gefangenenlagern fortgesetzt aufs dringlichste um Ueberweisung von Ritualien, besonders von Tefilin, Talesirn, Gebetbüchern und Chumoschim gebeten._ und das gegebene Wort streng hält, gab mir auch bei meiner Abreise von Jerusalem ein ruhiges Gemüt. (Schluß folgt.) (Gottesdienst unter Schrapnellfeuer ) Unter dem 24. Oktober wird uns von der Front vor Dünaburg mitge»eilt: Durch Vermittelung des Batt.-Schreibers, Bize-Feldwebel Rachmann, war es den jüdischen Soldaten des 2. Satt., Landst.-Jnf.-RegtS. 8 vom Major erlaubt worden (es waren schwere Gefechte im Gange), an den Roschhafchonoh-Tagen in einem in Brokorojsziele, unweit Orany, gelegenen Bauernhause, ihren Gottesdienst abzuhalten. Der Gefreite Kahn aus Castellaun fungierte als Borbeter und so viel als die beschränkten Verhältnisse es erlaubten, konnten wir unserer religiösen Pflicht am ersten Jomtowrage Nachkommen. Am zweiten Tage kamen wir auch zusammen und bis Ende Schachris ging alles in althergebrachten Formen vor sich, jedoch hier wurde der Gottesdienst plötzlich unterbrochen. Es waren im Ganzen 17 Landsturmleute zum Gebet erschienen, auch daS 1. und 3. Batt. war vertreten. Da die rufst che Artillerie nicht allzufern stand und vor dem Hause eine freie Fläche war, die einen weiten Ueberblick bot, vermutete anscheinend der Feind eine Wichtige militärische Beratung und setzte sofort ein heftiges Feuer ein. Die ersten Schüsse schlugen in ca. 50 Meter Entfernung nach allen Seiten des HapseS ein. Als wir die Gefahr erkannten, verließen wir eiligst die unheimliche Stätte und kaum draußen, schlug ein Volltreffer in das Haus, resp. in die Stube ein. Wie wir uns später überzeugten, war es ein Schrapnell, das seine ganze Ladung, zirka Ivv Bleikugeln nebst Zünder in die Wand, wo das Oraun-Hakrdesch stand, zerstreute. Durch eine wunderbare Fügung Gottes sind wir alle heUdavongekommen. Die Namen Es wird in religiösem Interesse ersucht, alle entbehrlichen Ritualien zu dem oben genannten Zwecke dem Büro der «Freien Bereinigung" zu übersenden. Die bisher angesammelten Vorräte find vollkommen erschöpft. 3nm Spradienhampf in Polen Arankfurt a. M, 7. Nov. In unserem Leitartikel über den Sprachenkampf in Polen war u. a. auch auf eine Besprechung hingewiesen, die der österreichische Retchsratsabgeordnete Dr. Steinhaus mit dem jüdischen Referenten der deutschen Schulverwaltung in Warschau, dem Neichstagsabgeordneten Dr. Haas, geKhrt hatte. Dr. Steinhaus hatte über diese Unterredung in einem Wiener Blatte berichtet und bezeichnete es als die Meinung des deutschen Referenten, daß der jetzt in den jüdischen Schulen zugelassene Jargan lediglich ein Uebergaugsstadium bilden solle zur polnischen Unterrichtssprache. Wir haben die Richtigkeit dieser Meldung von vornherein bezweifelt. Nunmehr bittet uns Herr Reichstagsabgeordneter Dr. Haas in Warschau, ausdrücklich festzustellen, daß er die ihm zugeschriebene Aeutzerung überhaupt nicht getan habe. Hiernach ist anzunehmen, daß ein Mißverständnis auf Seiten des Herrn Dr. Steinhaus vorltegt. Die fl J 0. und der Oiernerband. Nerli«, 8. Nov. Die Freie Organisation der A. J. U. faßte in ihrer letzten Sitzung folgende Resolution: „Die heute versammelten Mitglieder des Zentral-Kvmitees und der Freien Organisation der A. I. U. haben mit Entrüstung festgestellt, daß der Sekretär der A. I. U. unter Mißbrauch ibres Namens den Aufruf verbreitet hm, den das Zentralknosistorium der Israeliten Frankreichs an die Juden der neutralen Länder versandt hat und der von den schwersten Angriffen gegen unser Vaterland erfüllt ist. Wir erheben den schärssten Widerspruch dagegen, daß'der Sekretär der KI. U. — entgegen ihrer Satzung und unter völliger Verkennung ihrer Aufgabe als' reine Wohltätigkeitsorganisation — die ihr als solcher obliegende Neutralität verletzt hat. Wir werden die maßgebende Stelle zur Rechenschaft ziehen und erwarten, daß das Zentralkomitee das Verfahren seines Sekretärs mißbilligen und uns volle Genugtuung gewähren wird. Solange bo3! nicht geschehen, sind unsere Beziehungen zur A. I. U. gelöst." der Teilnehmer find: Vize-Feldwebel Nachmann, Aachen - Unteroffizier Koppel, Cobern- Gefteiter Meyer, Poppardr Gefreiter Daniel, Bendorf- Gefreiter Kahn, Castellaun - Gefteiter Lommer, Vetweiß; Landsturmleute : Sützmann, Cvblenz, Bruch, Zülpich; Katz, Coblenz: Stein, Neuß- Faber, Sinzig- Strauß, Meckenheim: Löwenstein, Kaisersesch - Levy, Troisdorf- Rofenberg, Betzdorf, Levy, Jüchen- Hamberg- Siegburg. (Jüdisches aus der hessischen G schichte.) Im Vereine für hessische Geschichte und Landeskunde sprach in der unter dem Vorsitze des Generalmajors z..D. Eisen traut stattgehäbten Eröffnungssitzung Herr Kantor Horwitz über die Familie Mosen thal, öt» durch .einen ihrer Angehörigen, den Dichter Salomon Herrmann Mosenthal, besonders bekannt geworden ist, dessen jetzt fast vergeffene Dramen einst sehr beliebt waren. Aber auch andere Mitglieder der Familie verdienen Erwähnung wegen ihrer Verdienste um den hessischen Staat. Die Familie hieß früher Marburg. Um das Jahr 17:7 lebte in Marburg der „Schutz- und Proviantjude" Herz Isaak. Dieser bat den Landgrafen, seinem äußerst tüchtigen „Komptoir-Diener" Abraham MoseS, der mtt , einer Tochter Abraham Fuldas verheiratet war, wegen seiner Verdienste um das hessische Proviantwesen einen : Schutzbries zu verleihen, was unterm 31. Oktober 1717 j geschah. Bor» deffen Söhnen waren die zwei ältesten Kaufleute, Sußmann Abraham, der sich Rosengarten,! und MoseS, der fich Mosenthal nannte: beide erhielten i 1772, bezw. 1770 das Recht der Niederlassung in Cassel, wo ste das Getreide- und Lieserungsgeschäst - hres Barers forlseyten. Am 2. Februar 1788 wurden I ste zu Hof- und Kammeragenten ernannt und ihnen wegen „ihres unermüdlichen Strebens, in allen LtekernngSgeschästen als wahrhaft nützliche Untertanen sich