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Der Israelit · 1915-11-11 · Heft 47 (11.11.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 47 (11.11.1915)
Date
1915-11-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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«eit» S Nr. 47 ftct Israelit. 11. November 1Ö15 die Wir im Jubel -eS Siegenicht übersehen dürfen, müßten wir nicht anders später vor dem großzügigen Helfern in Petersburg und Moskau unser Gesicht in Scham verhüllen. Nachdem im Beschlüsse der Regierung, die Evakuierung einzustellen, der Flüchtlingsstrom einen Damm erhalten hatte, stauten sich große Masten in Warschau, Wilna und anderen größeren Städten, die bald, verhältnismäßig unversehrt, mit Polen und Juden, mit all ihrer Lebensnot und Flüchtlingssorge in deutschen Besitz übergingen. In Warschau traf die deutsche Macht an 200000 jüdische Flüchtlinge aus der Provinz an, in Wilna gut 100000 aus Kowno und Umgegend. (Aus ersterer Stadt haben, nach einem Berichte des amerikanischen Konsuls an seine Regierung, 80000 Personen die Rückreise nach der zum größten Teile verwüsteten Heimat angetreten.) Dieses Heer der Unglücklichen bekam gleich Verstärkung und erhält sie auch jetzt anhaltend durch die heimische Bevölkerung, der in dieser schweren Uebergangszeit, da die Verbindung mit Rußland abgebrochen und mit Deutschland noch nicht hergestellt ist, alle Wege versperrt und alle Lebenszweige einfach abgeschnitten sind. Katastrophal mußte aber der .Umstand wirken, daß die russische Hilfsaktion, die ihre Zentrale in der russischen Residenz hatte, mitten in der Arbeit außer Fühlung mit diesen Zentren des Elends geraten ist. Wer sich eine kleine Vorstellung von der Lage machen will, sehe sich an Hand der folgenden Zahlen den gewaltigen Apparat an, der jetzt über Nacht ins Stocken geraten ist: Bis zur Einnahme der polnischen Hauptstadt durch die Deutschen hat die jüdische Gemeinde für die einheimischen und auswärtigen Kriegsopfer folgende Summen erhalten: Vom Tatiana-Komitee in Petersburg 185 000 Rubel, vom jüdischen Hilfskomitee dortselbst 659730 Rubel. Kleinere Komitees und Hilfsveretne in Petersburg schickten speziell für die Seimatlosen aus Sochatschew 500 Rubel, für olksküchen 900 Rubel, für Waisenversorgung 3000 Rubel, zu Gunsten der Darlehnskasse für Kriegsopfer 10000 Rubel. Aus Kiew gingen rund 20000 Rubel ein, auS Kischenew 8500 Rubel. Die Moskauer Stadtverwaltung leistete einen Beitrag von 14000 Rubel zu den n.ch Privatspenden im Gesamtbeträge von 23406 Rubel kamen. Das Jekaterinoslawer Komitee schickte für schutzlose Kinder 1000 Rubel. In Warschau selbst sind aus öffentlichen und Privatmitteln 15000 Rubel zusammengekommen. Im ganzen hatte die Gemeinde 1138351 Rubel zur Verfügung. Bei der Besitznahme der Stadt durch die Deutschen verfügte die Gemeinde noch über einen Rest von 162742 Rubel, die bei der täglich zunehmenden Not schon in kurzer Zeit aufgebraucht wurden. Aus dem jüdischen Rußland fließen aber keine neuen Gelber mehr zu. Indes wächst das Maffenelend buchstäblich mit jeder Stunde und nimmt Dimensionen an, von denen wir uns hier keinen schwachen Begriff machen können. Hunderttausende in Wilna und Warschau, denen alle bisherigen Hilfsquellen verschlossen sind, schreien nach Brot. Vergessen wir über den vielfachen schwierigen Zukunftsfragen in Polen nicht die dringendsten Gegenwartsaufgaben und gehen' wir an deren Lösung unverzüglich mit warmer Bruderliebe, mit jüdischem Pflichtbewußtfein und Solidaritätsempfinden heran. v Die Hohenzollern und die Men. Bon Rabbiner Dr. Bamberger in Schönlanke. II. Kurfürst Johann Georg 1571—1598, der dem Münzmeister ohnehin nicht sehr gewogen war, ließ Ltppold in Haft nehmen, fein bedeutendes Vermögerl einziehen. Lippold verstand es, sich so geschickt zu verteidigen, daß man ihn fast aus der Haft entlassen hätte, wenn er nicht der Zauberet beschuldigt worden wäre. Er wurde nun nach Berlin gebracht, dort gefoltert und zu Tode gemartert. Für die Juden in Brandenburg hatte dies noch weitere schlimme Folgen. Auf Befehl des Kurfürsten mußten alle Juden der Mark Brandenburg im Jahre 1673 das Land verlaffen. Der Pöbel benutzte diese Gelegenheit, um lange zurückgehaltenen Haß gegen die Juden walten zu lasten. Die Berliner Synagoge in der Klosterstraße wurde geplündert, in Spandau wurden aus dem Friedhöfe die Leichensteine herausgeriffen und zum Festungsbau Verwender, die meiste.! Juden der Mark wanderten nach Polen aus. So waren wahrend der Regierungszeit, der Kurfürsten I o a ch i m F r i e d r t'^ch 159 8—160 8, Johann Siegismunds 1608—1619 und Georg Wilhelms 1619 — 1640 Juden in der Mark Brandenburg nicht wohnberechtigt, wohl aber hatten sie das Privileg, zu Handelszwecken, speziell zu den Jahrmärkten dorthin zu kommen. Erst der große Kurfürst Friedrich Wilhelm 1640 — 1688 ließ mittelst Edikt vom 21. Mai 1671 wieder Juden in^der Mark Brandenburg zu. Fünfzig Familien aus Oesterreich wurden znnächst ausgenommen, die sich beliebig im Brandenburgischen oder im Herzogtum Krossen niederlassen durften. Auch Juden aus Hamburg, Glogau u. a. Städten fanden nach und nach Aufnahmecs entstanden Gemeinden Kleines Feuilleton. Djemal Pascha und Annie Landau. In einem Bortrage, den die bekannte Leiterin der Eveline von Rothschild-Schule in Jerusalem vor kurzem in London hielt, und in dem sie eine packende Darstellung der Entwicklung der inge in Palästina seit Kriegsbeginn gab, schilderte die energische Dame auch ihre erfolgreichen Versuche den Weiterbetrieb der bekanntlich mit englischem Gelde erhaltenen, unter ihrer Leitung stehenden Mädchenschule trotz den unglücklichen politischen Anspicien zu sichern. Wir entnehmen diesem Vortrag einige psychologisch, aber auch politisch besonders interessante Stellen. Zunächst ergibt sich aus der Darstellung Annie Landaus, die, vor einem englischen Publikum sprechend, gewiß nicht parteiisch zu Gunsten der ottomanischen Machthaber berichtet, daß in der Tat die Haltung der türkischen Regierung gegenüber den Juden über alles Lob erhaben war. „Natürlich", so sagte die Vortragende, hängt in einem Lande wie der Türkei viel von dem individuellen Charakter der Befehlshaber ab. So war es der Befehlshaber von Jaffa, der, wo er konnte, die Juden demütigte und beleidigte, wogegen Zeki Bey, der Kommandant von Palästina sich bei Kriegsausbruch als wahrhafter „Auhew Jisroel" zeigte. Und der unumschränkte Diktator von Palästina und Syrien, der mächtige Djemal Pascha, einer der drei Leute, die das Geschick der Türkei seit einigen Jahren schon lenken, ist ein gütiger und wohlwollender Mann, obgleich das Judentum und insbesondere der Zionismus ihm falsch geschildert wurden und ihn dadurch eine Zettlang zu unberechtigtem Vorurteil veranlaßten. Er sagte mir jedoch, daß die Haltung der Türkei hinsichtlich des Erwerbes der ottomanischen Staatsbürgerschaft durch feindliche Untertanen lediglich eine Konzession für die Juden sein sollte. Ich ergriff die Gelegenheit, während einer Unterhaltung ihn zu bitten, die Juden, die zurzeit beim Eisenbahnban beschäftigt sind, am Sabbat vom Dienst zu befreien. Er runzelte die Stirn und meinte, es sei Kriegszett. „Ich weiß, Exzellenz, aber diese Leute stehen doch nicht in der Gefechtszone. Lassen Sie sie, wenn es fein mutz, an anderen Tagen einige Stunden länger arbeiten, aber für uns Juden ist es ein Furchtbares, den Sabbat zu entweihen, er gehört Gott." „Aber sicher kann doch der Chacham Baschi ihnett einen Dispens erteilen!" „Nein, Exzellenz, kein ChachamBaschi kann zwischen dem Juden und seinem Gott Stehen." „Was würden Sie tun, wenn ich Ihnen befehle, Ihren Sabbat zu entweihen?" „Ich könnte Ihnen nicht gehorchen, Exzellenz." „Aber wenn ich Sie wegen Ungehorsams erschießen lietze? Sie stehen unter dem Kriegsrecht." Das Stirnrunzeln war jetzt an mir. „Schön, dann müßten Sie mich erschießen taffen. Kein Jude kann an sein Leben denken, wenn man von ihm verlangt, und zwar in böswilliger Absicht »erlangt, den Sabbat zu entweihen", antwortete ich ruhig. Er lachte, stieß einen Seufzer aus, sagte: „Wie hängen Sie an Ihrer Religion!" und verließ plötzlich das Zimmer. Bei seiner Rückkehr waren wir im Begriffe aufzubrechen, und ich fragte ihn nochmals ängstlich : „Wie ist es mit dem Sabbat, Exzellenz? Wollen Sie nicht Befehl geben, daß die Juden ihn beobachten können?" in Landsberg und Frankfurt a. O. Auch der Grundstock der Berliner Gemeinde ist durch diese eingewanderten Juden gelegt worden. Man kann nicht behaupten, daß der große Kurfürst ein Freund der Juden war, aber er besaß einerseits viel Gerechtigkeitssinnandererseits genügend pratschen Sinn, um den Nutzen zu ermessen, der seinem Lande durch die Niederlassung der Juden entstehen würde. Auch einzelnen Juden gegenüber bekundete der große Kurfürst Wohlwollen. Als er auf Anraten des schwedischen Reichsrates Skytte in Tangermüiivk eine Universaluniversität für alle Wissenschaften und ein Asyl für verfolgte Gelehrte gründen wollte, unterließ er es nicht nach seinem Programm auch jüdischen Männern der Wissenschaft Aufnahme zu gewähren. Friedrich Wilhelm gestattete es auch zwei jüdischen Jünglingen an der Universität zu Frankfurt a. Oder zu studieren. Die medizinische Fakultät lehnte deren Aufnahme ab, aber der große Kurfürst bestand darauf. Die jüdischen Jünglinge nahmen an den Vorlesungen teil, der erste Fall in ganz Deutschland. Außerdem gewehrte ihnen der Kursürst für die ganze Dauer ihrer Studienzeit Stipendien. Die zeitgenössischen Juden waren Friedrich Wilhelm sehr dankbar für das Wohlwollen, das er ihnen bekundete, wie dies in der Widmung für den großen Kurfürsten zum Ausdruck kommt, die der Amsterdamer Buchdrucker Joseph Athias einer jüdisch-deutschen Bibelübersetzung vorausgehen läßt. Die lateinisch abgefaßte Widmung besagt, daß Athias aus Dankbarkeit die Btbelausgabe dem Kurfürsten widmet, „weil dieser Fürst den Juden unzählige Wohltaten ttiit Eifer zugewendet habe, daß sie nirgends größere Wohls taten, einen sicheren Hafen und ungestörtere Ruhe gefunden haben, als unter seinen Flügeln." Dem Begründer des preußischen Staates folgte sein Sohn, der prachtliebende Kurfürst Friedrich III 1688—1713, der viel Geld brauchte, wozu alle ohne Unterschied des Glaubens herangezogen wurden. Die Juden, die in Brundenburg nur für 20 Jahre ausgenommen worden waren, erhielten nunmehr Privilegien, für die sie eine bestimmte Summe zu zahlen hatten. Die Gesamtsumme für alle „verglelteten" Juden betrug ursprünglich 20000 Taler, wurde später auf 16000 Taler ermäßigt. Eine Kommission zur Regelung der Judenangelegeit wurde eingesetzt und schließlich mittelst Gesetz vom 7. Dezember 1700 bestimmt, daß der Leibzoll bei Reisen innerhalb des Landes abgeschafft werde, die jährlichen Schutzgelder auf 1000 Dukuten festgesetzt, die in halbjährigen Raten von der Gesamtjudenheit bezahlt werden sollten. Während der Regterungszeit des ersten Königs von Preußen wurden von judenfeindlichen, chrtst- „Der Befehl ist schon gegeben", sagte er freundlich. Er liebte es, mich über Judentum und Juden aüszusragen, und es machte ihm Spatz, mich zu necken, indem er ärgerliche Dinge sagte. „Ihr Juden seid unerträglich, sie müßten alle ausgerottet werden," rief er mir einmal vor einer ganzen Versammlung zu, nachdem ihm irgendeine Geschichte aus einer Kolonie erzählt worden war. „Nein. Exzellenz", erwiderte ich ihm, „das kann keiner fertig bringen, lesen Sie die Bibel und Sie werden sehen, wie Jakob die ganze Nacht hindurch mit Esaus Genius rang, das war das Vorbild unseres Schicksals. Wir sind Jakob und derjenige Teil der Welt, der sich feindlich zu uns stellt, ist Esaus Genius. Als der Morgen anbrach, war Jakob lahm aber nicht ausgerottet. Sie verstehen doch, Exzellenz?" Dank Djemal Pascha konnte ich monatelang in Palästina bleiben, um für die Wohlfahrt der mir anvertrauten 700 Kinder zu sorgen. Wäre ich früher abgereist, so würde die Schule das Schicksal aller anderen feindlichen Institutionen geteilt haben, sie würde geschloffen worden sein, und was das für meine 7V0 Mädchen bedeutet hätte, bedarf keiner Schilderung. Obgleich ich mich weigerte, wie Djemal Pascha verlangte, die oriomanische Staatsbürgerschaft zu erwerben, durfte ich doch in Jerusalem bleiben. Kaurn war Djemal Pascha kurz vor der Suezkanal-Expedition in Jerusalem angelangt, als er unsere Schule besuchte, und unseren kleinen Mädchen, die furchtlos ihur die Hand schüttelten und mit seinem großen Schwert spielten, konnte sein gutes Herz keinen Widerstand leisten. In unserem Babyraum^fptelte sich dabei eine vergnügliche Episode ab. Er fragte ein vierjähriges Mädchyr, ob sie wüßte, wer er fei. Ich sollte die Antwort übersetzen.' In den ersten beiden Jahren wird

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