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Der Israelit · 1915-11-04 · Heft 46 (4.11.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 46 (4.11.1915)
Date
1915-11-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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WUT talmubifteu beschimpft wurden, nur weil sie für das, was itzm wertvolle jüdische Literatur war: rationale Exegese, Religionsphilosophie, Dichtung u. a. kein Verständnis hatten, so kann man sich denken, welche Stellung er zu den Kabbalisten einnehmen mutzte. Bei Berliner waren die beiden erwähnten Motive für seine Stellung zur Kabbala maßgebend. Ihm war — was dem Leser seiner Schriften nicht so zum Bewußtsein kommt — ein heißes Fühlen eigen. Ja, man konnte in seinen Ansprachen und Gelegenheitsreden den Maggid der alten Schule erkennen. Ebenso war er von der höchsten Achtung vor allen unseren großen Alten erfüllt. Eine geradezu rührende Verehrung hegte er für R. Esriel Hildesheimer Vst und vor dem „Lernen" hatte er einen heiligen Respekt. Ein -nr» entschuldigte das Fehlen bei seinen Vorlesungen, deren Versäumnis sonst keinem einfallen durfte, und die Schüler, die viel „gelernt" hatten, konnten darauf rechnen, daß er ihnen im Geschichtsexamen, das er sonst außerordentlich streng nahm, Fragen aus hlstorisch-halachischem Gebiete vorlegte, damit die diesbezüglichen Antworten ihr eventuelles mangelndes historisches Wissen kompensieren könnten Was ihn zu solcher Ablehnung und man kann sagen ungerechten Beurteilung der Kabbala führte, waren die Serienbildungen und die verhängnisvollen politischen inneren Wirren, die in der jüdischen Geschichte, wir sagen als Begleiterscheinung, er meinte als Folgen der kabbalastischen literarischen Strömungen auftraten. Es ist sehr leicht für den, der seinen Blick oberflächlich über das Ganze schweifen läßt, von den häßlichen Zügen abzusehen. Es ist aber wohl verständlich, wenn auch nicht berechtigt, daß derjenige, der von Berufs wegen in all dem Schlamme wühlt, den z B. allein die Bewegung Sabbathai Zebi's ausgerührt har, der die gefährlichen Zuckungen sich immer wieder vor Augen führt, in welche ote Pseudomessiasie Leib und Geist des jüdischen Volkes versetzten, daß ein solcher Gelehrter von tiefem Mißtrauen gegen die geistigen Kräfte erfüllt wird, aus denen diese Bewegungen z. T. ihre Nahrung gesogen. Das Gesagte genügt zur Erklärung von Berliners Abneigung gegen die Kabbala und einzelne in ihren Schriften begründeten Bräuche. Aber es kam noch ein anderes hinzu, das zur Erklärung seiner „Reformoorschläge" noch herangezogen werden mutz. Berliner war von der großen Bedeutung der historischen Forschungen so durchdrungen, daß er in gewissen Ergebnissen, die er gefunden, ein Heilmittel gegen die zerstörenden, das überlieferte Judentum untergrabenden Ideen der Zeit gefunden zu haben glaubte. Wer will derartige Gedanken dem von seiner Arbeit begeisterten Forscher verargen? Der Verfasser der D'inwnn rvnH, Halevi, hatte sicher nichts vom Zunftgeiehrten an sich, und dennoch habe ich aus seinem eigenen Munde die Aeußerung gehört: die jüdische akademische Jugend könne in ihrem religiösen Glauben nur geschützt werden, wenn sie aus dem Studium seiner Werke Grätz, Weiß usw. als Jrrlehrer erkenne. Daß die heutige jüdische akademische Jugend ganz andere Sorgen hat, daß die moderne Naturphilosophie und Religionsgeschichte sogar an den Grundlagen der schriftlichen Lehre, ja an dem Glauben an Gott und seine Vorsehung rüttelt, zog er nicht in Betracht. In ähnlicher Weise glaubte Berliner durch gewisse Darlegungen alle Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt zu haben und nach dem Prinzip nnrjn ry "jrmr nun 'r6 dies Opfer tm Kleinen der Erhaltung der gesamten Lehre bringen zu muffen. Wir glaubten es dem Andenken Berliners schuldig zu fein, diese seine Einseitigkeit hervorzuheben, weil nur die Zeichnung charakteristischer Züge ein rechtes und das darum einzig würdige Bild eines bedeutenden seinem Diener verständlich, beweist uns aber auch, weich sittigender und lauternder Einfluß von Abraham auf seine ganze Familie — und zu dieser gehörte auch Elieser — ausging. Wie der Herr, so der Diener — lautet ein Volkswort. Das farbenprächtige Gemälde aber zu dieser erprobten Lebenswahrheit liefert uns die Bibel in der Erzählung von Eliesers Brautwerbung für Isaak. Unsere Lehrer beurteilen Elieser in folgender Weise: w'2 fpr, Er war der älteste des Hauses, 'TN? non, darum ward er dem Patriarchen ähnlich; er herrschte über alles, was ihm gehörte ‘.'ßpi mir», er überwand also wie jener seine Triebe. Ja, dieser Gleichklang der Gefühle, diese Uebeleinstimmung zwischen Abraham und Elieser ist ein treuer Beweis für des Patriarchen edles Wirken im Hause. Abrahams Liebeswalten in der Familie ist der Keim geworden, aus dem der sprichwörtlich gewordene jüdische FamMensiNtz emporblü'M. Diesen zu pflegen soll unser köstlichstes Erbe für alle Zeiten bleiben. Wenn wir die eherne Sprache unserer Zeit mit bebendem Herzen vernehmen, so ist es nicht zu allerletzt gerade die Sorge um die Lieben draußen, die unser Inneres erzitttern läßt. Aber auch da können wir von Abraham lernen, auch die heiligsten Gefühle der Liebe zu den .Seinen unteczuordnen der höheren Pflicht. Hoffen und harren wir aus den Tag, den wir ersehnen, ,an dem wir wieder dem Heiligtum unseres Innern, dem Familiensinn uns ganz werden wechen dürfen. Bis dahin mögen wir in edler Selbstbescheidung die Gnade des Höchsten anflehen und so unfern Halt suchen in den Aengsten und Nöten unseres Herzens, damit wandeln wir in den lichten Spuren unseres ersten Stammvaters. Mannes gibt. Es hieße aber fein Andenken beleidigen, wollten wir um dieser seiner Aeutzerungen willen eine „Ehrenrettung" unternehmen. Deren bedarf der Mann nicht, dessen ganzes Leben in und neben seiner wiffenschastlichen Betätigung der Erhaltung und der Förderung des gesetzestreuen Judentums gewidmet war. Ich möchte zur Illustrierung die Worte einsügen, die ich gelegentlich seines 7V jährigen Geburtstages gebraucht: „Von vielen Literarhistorikern des Judentums kann man sagen: sie sind gelehrte Juden, aber nicht jüdische Gelehrte. Von Berliner aber gilt: er ist ein jüdischer Gelehrter, ja er ist die ideale Verkörperung desselben. Den Typus des jüdischen Gelehrten zu schildern, ihn näher zu bezeichnen, wäre ein vergebliches Bemühen, denn seines Wesens Züge beruhen vornehmlich in dem, was wir Nur nachzuempfinden, nachzufühlen vermögen. Die Vereinigung profaner Bildung mit alljüdischem Wiffen erzeugt eine abgeklärte Lebensanschauung, die fromme Uebung aller überlieferten Satzungen einen Willensstärken, unbeugsamen Charakter, und die Wärme des religiösen Gefühls jene Anmut, die der Liebe wert macht in den Augen Gottes und der Menschen. So vermag auch nur derjenige Berliners Persönlichkeit zu werten, die Einheit in all der Vielheit seiner Betätigung zu ersoffen, der ihn täglich zu sehen Gelegenheit hat. Viel mehr als aus seinen literarischen Werken lernr man ihn kennen, wenn man ihn als Synagogenvorsteher beobachtet, mit welchem sn er etwa die Einholung einer gespendeten Sefer-Thora arrangiert, oder wie er im Hörfaal vom Katheder herabsteigt, um eine historische Anekdote, die zum alten gehört, zu erzählen, oder wenn er in einer Sitzung in Vertretung seines Standpunktes in Feuer gerät . . . Und noch eine Illustration: Zunz und Berliner haben beide ein hohes Alter erreicht, ein an Erfolgen und Ehren reiches Leben genoffen. Man lese nun den Briefwechsel zwischen Zunz und Kaufmann (Jahrbuch für jüd. Geschichte und Literatur Band VI S. 120 ff.) Ein Klagen und Jammern des alten Zunz als ob er das Los eines Hiob teilte, jeder Frömmigkeit bar. Berliners letzte Worte dem Rabbiner seiner Gemeinde gegenüber lauteten: „Ich danke Dir, Gott, daß Du mir ein so schönes Leben geschenkt." Das macht: Zunz war ein guter Jude, wie man wohl jetzt zu sagen pflegt, Berliner ein guter Je hu di, das ist der Unterschied. Und weil er ein so guter Jehudi war, darum war auch seine Wirksamkeit als Lehrer am Rabbinerseminar eine gottgesegnete. Auf den Mann, auf die Persönlichkeit, aus das Zentrum seiner jüdischen Lebensauffaffung sahen die Schüler, und das war Geist vom Geiste des unvergeßlichen Begründers der Anstalt." Das psychologisch feine Bild, das hier von Berliners prachtvoller Persönltchke t entworfen wird, giebt zugleich den Schlüssel zu der merkwürdigen Abneigung, mit der er dem Agudas- Jsroe l-Gedanken gegenüberstand. Ihm mußte der Versuch des Aufbaus eines von einheitlichem Geiste erfüllten jüdischen Gesamtorganismus als romantische Schwärmerei erscheinen und zugleich als Gefährdung der rationalisierten, spezifisch deutschen Gesetzestreue, die ihm das absolute Judentum war. Und doch hat in diesem rationalistischen Fachgelehrten wahrhaft jüdisches Feuer geglüht, und Gemeinde wie Gesamtheit werden ihm ewige Dankbarkeit bewahren. Kleines Feuilleton. Lord Rothschild und die rusMe Anleihe. Wir entnehmen der „Standarte" in Berlin: Als der ruffischc Finanzminister Bark London verlassen hatte, war er um eine Hoffnung ärmer und um eine Erfahrung reicher,' Loro Rothschild hatte es abgelehnt, mit ihm über die Gewährung einer Anleihe an Rußland zu verhandeln. Der große Weltkrieg spielt sich nicht nur aus den Schlachtfeldern ab, sondern auch in den Kontoren der Banken und d«er großen Geldmagnaten, und wie anders sähe es heute im Vicrverbande aus, liehe nicht Morgan mit seinen Millionen und seinen gewaltigen Hilfsquellen den Westmächten seine Unterstützung. Das Haus Morgan hat noch keine Tradition: als der Großvater und der Vater des heutigen Chefs der Firma I. P. Morgan L Eo. noch namenlose Leute waren, besaßen die Rothschilds bereits europäische Berühmtheit, waren sie bereits die größte, damals sogar die einzige europäische Finanzdynastic. Eine Dynastie hat ihre Tradition; eine Spekulantensamilie wie die Morgans nicht; sie will nur Geschäfte machen. Ganz genau so wie die verschiedenen anderen amerikanischen Bantters deutscher Abkunft, die sich an der großen Anleihe der Westmächte in Rewyork beteiligt haben, und denen auch noch das nötige Verständnis dafür fehlt, daß es Geschäfte gibt, die zwar gewinnbringend sind, die aber ein Sie MzzoSversorgmig zum bevorstehenden peffachfeste. Es ist bekannt, daß bereits zum vorigen Pessach durch die Ende Januar d. Js. eingetretene Beschlagnahme von Getreide und Mehl und mehr noch durch die sogenannte Berbrauchsregelung mit ihren einschränkenden Bestimmungen über den Versandt von Backwaren, die ganze Versorgung derjüdischen Bevölkerung mit Mazzos stark in Frage gestellt war. Die Kalamität trat damals nur darum nicht so stark in die Erscheinung, weil ein großer Teil des Mazzosbedarfes bis zum Februar bereits hergestellt und versandt war, sodaß schließlich ein vom preußischen Ministerium des Innern zur Verfügung gestelltes relativ kleines Quantum befchlagnahmefreten Mehles genügte, um die Nachzügler zu befriedigen. Es wurden dann durch besondere Verfügung der preußischen, hessischen und badischen Regierung die Versandtverbote außer Kraft gesetzt, und die Rücklieferung der Brotkarten für ote Peffachwoche angeordnet. In diesem Jahre lagen die Verhältnisse ungleich schwieriger, da die gesamte Ernte von vornherein beschlagnahmt war und eine Freigabe der erforderlichen, ziemlich bedeutenden Getreidebezw. Mehlmengen zur Herstellung von Vorräten für einen der Berbrauchsregelung nicht unterworfenen Bedarf wenig wahrscheinlich schien. Dank dem verständnisvollen Entgegenkommen d.'r zuständigen Reichsbehörden ist es nunmehr dennoch gelungen, ein Abkommen zu treffen, das die Schwierigkeiten aus dem Wege räumt. Unterm 30. September dss. Jahres hat das Direktorium der Reichsgetreidestelle die Landeszentralbehörden sämtlicher Bundesstaaten und das preußische Landesgetreide- Amt verständigt, daß die zur Herstellung des jüdischen Osterbrotes erforderlichen Mehlmengen im ganzen Reiche durch Vermittlung der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" in Frankfurt a. M. an die daS Brot herstellenden Betriebe geliefert werden. Auf die aus diesem Mehle hergestellten Mazzos finden die Bestimmungen der §§ 47 bis 51 der Verordnung über den Verkehr mit Brotgetreide und Mehl vom 28. Juni S. Js. und sämtliche Anordnungen, die seitens der Kommunalverbände auf Grund dieser ZZ ertasten worden sind, keine Anwendung. Die hieraus hergestellten Mazzos können also unbeschränkt im ganzen Reiche versandt werden und unter-, liegen nicht der Verbrauchsregelung. Dagegen hat sich die „Freie Bereinigung" verpflichten müssen, durch vertragliche Abmachungen mit den h anständiger Mensch nicht macht. Lord Rothschild fühlt als Engländer, und to&i.’ ist sein gutes Recht, da er von englischen Eltern tn^ England geboren und erzogen worden ist und fein ganzes Leben bisher in England zugebracht hat. Aber j Lorö Rothschild hat zugleich niemals ausgehört, Judei zn sein und als Jude zu empfinden. Er, der Träger zahlreicher Ehren und Würden, Mitglied des! Oberhauses, hat niemals den Gedanken erwogen, deN: Glauben seiner Väter abzulegen, und an die Spitze.!, des großen Hilsswerkes für die aus ihren Heimstätten^ vertriebenen russischen Juden hat sich Lord Roth-! schilb gestellt. Ihnen sind seine Millionen zugute:!! gekommen; der russischen Regierung Beistand zu lei-M sten, hat er kühl abgelehnt. M. Lord Rothschild, der im Grunde seines HerzenMi eur viel besserer Engländer ist üls Lue o,us öemL Kouttnent geborenen Herren Eassel und Kopetzky wüE andere, ist über Proteste „deutscher Barbarei" erhaben» £ Er protestiert seinerseits — zwar nicht mit Worten^ i weil das heute sür einen Engländer nicht angängig. | ist — aber mit Taten gegen russische Barbareien^ indem er den von der russischen Regierung bedrückteV ki und Verfolgten Juden seine Hilfe zuteil werden lätztzf und indem er dem russischen Finanzminifter fein!» s Türe verichließt. Eine vornehmere und selbstloser^'* Handlungsweise ist nicht denkbar; ein Parvenü fragt allein nach dem Gewinn, ein streberhafter Pardeniß I sucht sich im neuen Vaterlande dadurch beliebt M^! machen, rndem er das alte Verleugner und beschimpft; > ein vornehmer Eharatrer wie Lord RothfchiW,> bestimmt sein Handeln nach anderen Gcund-H sätzen; er steht turmhoch über diesen Männer-M die sich im Grunde ihres Herzens vielteirjM selber recht verächtlich Vorkommen. In gachfL Polen haben die Juden die Deutschen als Besreichsß r £ 4

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