Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 46 (4.11.1915)
- Date
- 1915-11-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448506-2448551--67796-2488707- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
rs-v *7«t :; - ■ Seite 2 Nr. 48 Der Asrarltt. 4 November 1915 § des gesetzestreuen Judentums auszuspielen, nichts f anhaben können — sie wird sich a l l e r Tüchtigen!! freuen und aus dem „Quell des Lebrns", der i in unserem Schrifttum sprudelt, das eigene Ur- « teil immer neu berichtigen Und bereichern können, i Wir lassen nunmehr Dr. Wohlgemnihs Ausfnh- - runpen im Wortlaut folgen: u N^chdcnl der Fachgenosse den Historiker ge-i? -tüüvöiQt, <ei es dem Herausgeber gestattet, einige! k. Worte über Berliners Stellung zu prinzipiellen Frais gen der Lehre und des Lebens im Judentum stinzu-!s zusügen. Es ist nicht unnötig, daß dies geschieht, weil » in manchen Nachrufen, die mir zu Gesichte gekonr- » men und, eine schiefe Beurteilung seines religiösen l? Innenlebens zutage trat, die geeignet ist, zugleich ein falsches Bild von seiner spezifisch religiösen Wirks! samkeit zu geben.;j Seine Toleranz und rein Mut zur Wahrheit wurij den mir offensichtlicher Spitze gegen andere jüdische Gelehrte hervorgehoben. j Seine Toleranz rühmte man, weit er init allen T religiösen Richtungen sich zu gemeinsamer wissenzs schädlicher Arbeit verband, seinen Wahrheitsmnt, weil er in feinen Schriften gegen einzelne überlieferte i Bräuche im Judentum polemisierte, j Tie angegebenen Tatsachen sind richtig, aber die i Schlüsse, die daraus gezogen wurden, durchaus falsch. Berliner unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu i Männern radikaler religiöser Richtung. Ein Mann | wie Ferrenstein, der in einem Aufsatz allen Ernstes \ die Frage erörterte, wenn er sie auch nicht schlankweg j -bejahte, ob nicht christliche und jüdische Gemeinden!< Amerikas von einem Geistlichen gemeinsam der-! . Waltet werden könnten, hat zur Festschrift gelegentlich des 70 jährigen Geburtstages Berliners einen Beitrag geliefert. Aber diese gemeinsame Arbeit entsprang - einem W'derspruch im Denken.Berliners. Man i tritt *eincr Persönlichkeit nicht zu nahe, wenn man d diesen Widerspruch aufdeckt. Denn wo gäbe es einen Menschen, der nicht Widersprüche in sich vereinigte. Berliner war — wenn man Festigkeit in Betätigung religiöser Anschauungen Intoleranz nennen darf — so intolerant wie möglich. Vierzig Jahre war er Vorsitzender des Revräsentantenkollegiums einer Ausj irittsoemeinde und die Seele aller der Bestrebungen, > die ftden Versuch einer Vereinigung mit der Hauptl; gcmrhtbe unmöglich machten. Man wird dem Austrittsgedanken wahrlich nicht gerecht, wenn man nur die halachische Seite berücksichtigt. Es kommt doch in ihm die Ueberzeugung zum Ausdruck, daß es sinnwidrig ist, die Ausgaben einer jüdischen Gemeinde, . die vorwiegend der Erfüllung religiöser Pflichten die- I | wen, von traditionsgläubigen Juden mrd Männern, I! die die Wahrheit der Tradition leugnen, gemeinsam I ' lösen zu lassen. Heber die Berechtigung des Aus- I trittsgedankcns und vor allem über seine Turchführ- 1 barkeit angesichts der Zusammensetzung unserer Gr- 1 mernden kann man streiten und wird gestritten. Aber die Gegenästzlichkeit betonen, wo es sich um vraktifche Arbeit hindert, und die Gleichberechtigung airerkennen dort, wo viel Größeres, die geistigen Grundlagen des überlieferten Judentums auf dem Spiele stehen, das ist und bleibt ein Widerspruch. Daß ihm dieser Widerspruch entging, war noch in einer besonderen Anlage begründet. Es ist schon verschiedentlich hervorgehobcn worden, daß Berliners Stärke in der Detailsorfchung lag. Er hatte sich in seiner Arbeitsmethode an Zun^ und Steinschneider ' und nicht an Grätz orientiert. Grätz' Wort von Zunz' mehr verwirrendem als aushellendem Notizenkram ist sicher sehr ungerecht, insofern darin ein Wert- \uvteil über eine an Forschungen und Erfolgen so reiche Geichrtenarbeit ausgesprochen ist. Aber Grätz hat hier in wohl verletzender, aber das Wesentliche hervorhebender Schärfe den Gegensatz zwischen seiner Art und der der anderen gekennzeichnet. Für die Wisst'nschast sind beide Arbeitsmethoden erforderlich, die Entdeckertätigkeit des Erforschers der Einzelheiten und die zufammenfasfende des pragmatischen Geschichtsschreibers. In den Persönlichkeiten des Forschers schließen sie zumeist einander aus. Das Auge, das gewohnt ist, sich auf bestimnrte Punkte einzustellen und scharf zu sehen, hat nicht in gleichem Grade die Fähigkeit, sich das große Gemälde vor die innere Serie zu zaubern, luic das dem pragmatischen GefchrchGfchrerber eigen ist. Diese Einseitigkeit des sich Bertiesens in die Einzelhesteu, die eben Berliners Größe ausmacht, zeitigte auch den sogenannten Wahrheitsmut, mit dem er sich in einem Gegensatz zu den Gleichstrebenden gestellt haben soll. Gemeint ist seine Polemik gegen gewisse, auf kabbalistischen Anschauungen beruhende Bräuche und seine Aeußerungcn über das Unangebrachte in einzelnen Stellen des Gebetbuches. Dazu ein Wort über die Kabbalv. Es erscheint nicht angebracht, sich über den Inhalt ihrer Lehren eingehend zu verbreiten. Nicht nur aus den Gründen. die iu der Misch nah Chagiga II 1 angegeben sind, sondern weil in die Reihe der pn nur eintreten darf, wer B'paiBi a"B»2 «12 nbs von der Gesamtheit des hacachischen Wissens völlig erfüllt ist, eine Forderung, der selbst in der osteuropäischen Judenhcit nur wenige gerecht werden. Die Vorkämpfeider Kabbala, die ihre Legitimation aus dem Umstand schöpfen, daß sie einmal im Sohar lesen, machen darum eine seltsaine Figur. Zumal, wenn sie für den modernen Ehissidismus mit all seinen Auswüchsen, dem Zaddikismns, Quittelwesen, der Verkehrung ^er Gebetszeiten im strikten Widerspruch zur Halacha u.s.w. die gleiche Verehrung verlangen wie für die Kabbala. Aber nicht minder müssen wir uns gegen die Bekämpfer der Kabbala wenden, die nicht sehen wollen, daß wir dem Gesamtgebiet des Judentums nicht gerecht werden, wenn wir nicht der Kabbala im Geistesleben des Judentums ihren Platz einränmcn und daß wir nicht nur aus der Literatur des Judentums außerordentliche Werte streichen, wenn wir sie hierher gehörigen Schriften in ihrer Bedeutung nicht anerkennen, sondern daß zu allen Zeiten ohne diesen Einschlag das religiöse Leben verarmt wäre. Zn allen Zeiten. In der talmudischen nahm man es offenbar strenger mit der; Forderung p« Trro sbn rasnon ,iL>pv2 punr-;, und daher sind die Veröffentlichungen in Talmud und Midrasch so spärlich. Aber wie lies da die Wirkungen gehen, kann man an den ersten Blättern des zweiten Perek von Ehagiga sehcn. Diese Partien gehören zu den ergreifendsten der gesamten Aggada. Auch der oberflächliche Blrck sieht: Hcer herrscht nicht Spielerei und künstlicher Nebelschleier, sondern gewaltige Gedanken, denen die gewöhnlichen Mittel der Ansdrncksweise nicht gewachsen find. Und was wäre die spanische Blüteperiode ohne Jehuda Ha-Ledi und Nachmanides, diese jüdischsten der Großen jener Zeit, um diesen sprachlich unkorrekten, aber treffenden von S. R. Hirsch geprägten Ausdruck zu gebrauchen. Die Glitt ihres religiösen Empfindens und vor allem die Kraft, diese ihre .Empfindung in die Wirklichkeit umzusetzen, verdanken hie der religiösen Weltauffasfuna, die aus dem Urquell des uv, der letzten Geheimnisse, schöpft. Bei ,Jehada Ha-Levi tritt das Wort nicht so in den Vordergrund. Aber der Inhalt lebt in seinem Knsari. Tie Bedeutung des Reiigivnsgesetzes für Israel, alle Erklärungen dafür, wie und warum das evwählte Volk seine Bestimmung auf Erden nur erfüllen kann durch das System der Thorapflichten wird zurückgeführt auf jene nicht zu ergründende Verbindung, die Gottes Walten an das Tun feines Volkes knüpft, aus die Idee der nxev'n, die von den kabbalistischen Schriften nur ünsgrmalt, aber bei Jehuda Ha-Ledi in ihrem Grundgedanken sich mit gleicher Stärke geltend macht. Nack' der Vertreibung der Juden aus Spanien erblühte im Sri ent neues jüdisches Leben nur durch die Befrnchrnng der Kabbala und nach der ungeheuerlichen Probe, auf welche die Ehmielnickischen Verfolgungen die Lebensfähigkeit des osteuropäischen Judentums stellten, wurde der Ehassidismus zum Retter. Was aber den ElNtstidismus befähigte, viele Generationen hindurch ffir Millionen unserer Glaubensgenossen Stab und stütze zu sein, das tvar nicht, wie uns Martin Buber einreden will, seine Verherrlichung oes Satzes: „Selig sind die Unwissenden" und seine verm.intliche Verwandtschaft mit dem Urchristentum, auch nur zum geringen Teil die Berücksichtigung mancher Bedürfnisse der Massen, sondern eine Reihe von Ideen, die er den Werken der Kabbala entnahm. Er hatte wie jede junge Bewegung das Streben, Schranken niederzurcißen^ und kein Geringerer als der Wilnaer Gaon ist ihm bekanntlich entgegengetvetcu. Aber gegen diesen inneren Gehalt des Ehafsisismus hat wahrlich der Mann nichts cinzulvenden gehabt, der nach einer Ueberlieferung von seinem vierzigsten Jahre an keine Zeile geschrieben, vie nicht dem Gebiete der Kabbala gewidmet war. Was ist nun Die Ursache, daß wir bei den jüdischen Forschern einer häufig geradezu an Idiosynkrasie streifenden Abneigung gegen die Kabbala und ihre literarischen Träger begegnen? Bei den einen ist es der durch und durch nüchterne Sinn, der ihnen alles, was geheimnisvoll ist, ja auch nur in den Diesen der Gefühlswelt wurzelt, unsympathisch macht. Wir glauben. daß hier Steinschneider das beste Beispiel gibt. Es gibt in der ganzen jüdischen Geschichte wenige Ereignisse, die uns so ans Herz greifen wie Jehnda ha Levis Wanderung nach dem heiligen Lande, da ein gefeierter Dichter, zugleich ein geistiger Führer seines Volkes sich von altem losreißt, um das Ideal zu verwirklichen, das er in seinem Lebenswerk begründet und besungen hat. Für Steinschneider ist das eine billige Gelegenheit, um dem „mystischen Station algesühl" einen Hieb zu versetzen *). Ein anderer Typ ist Grätz. Dem hat es wahrlich nicht an Empfänglichkeit gefehlt für das, was in den Tiefen der jüdischen Volksseele schlummert. Man wird in allem, was über jüdische Geschichte geschrieben ist, kaum ein Seitenstück finden zu Grätz' Einleitung in den vierten Band seiner Geschichte. Wer daS schreiben konnte, den hat ein heißes Fühlen beseelt und dessen Inneres war aufgewühlt von allem, was sein Volk bewegte. Aber bei Grätz kam ein trotz aller Gefühlswärme merkwürdiger Hang zum Rationalismus hinzu, der ihn alles nach dem Matzstab eines Maimonides und Mendelssohn messen ließ. Und wenn schon eine Reihe unserer grötzlen Männer von ihm als Stock- *) Vgl. Steinschneider „Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters^ S. 402. Dort Anm. 227 wirb auch David Kaufmann, gegen dessen Cinzelforschungen auch vom strengsten wissenschaftlichen Standpunkt doch wahrlich nichts einzuwenden war, nur weil er sich der Bedeutung des GeMhlsmätzigen nicht ganz verschlotz, mit einem Angriff bedacht. M Abraham. Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Wrcschen. ,11. In der Erwartung des Gelingens seiner Sendung erhält Abram den Namen Abraham. Diesen Namen erklärt die Bibel dahin, daß er zum 2'i: pcn n« zum „Stammvater einer Menge von Völkern" bestimmt sei. Als 01 2x, als Familienhaupt ist er ausgezogen, und die Kraft, die er aus seinem Hause geschöpft und aus der Betätigung seiner Pflichten als Hüter und Wächter der Familie gewonnen, hat seines Geistes Schwingen entfaltet und seine Hingebung und Energie gestählt, daß er sich auch im Großen zu bewähren versprach. In einzelnen Strichen deutet uns die heilige Schrift den Familiensinn Abrahams an, daß w»r ihn als den zärtlichsten Gatten, den fürsorglichsten Vater und mildesten Herrn seiner Untergebenen kennen und verehren lernen. Wechselvoll und schicksalsreich ist Abrahams Leben. Zehnfach geprüft ist er immer aufrecht geblieben, ohne daß ein Wort der Klage oder auch nur ein Schm?rzenSton über feine Lippen gekommen wäre. Nur einmal sehen wir ihn unter der Last des Verhängniffes zu' sammenbrechen, als ihm in feiner Gattin fein volles Lebensglück genommen wurde Da klagt er und weint er, und er muß seine ganze Kraft aufwenden, um die erforderlichen Veranstaltungen für ihre Bestattung zu treffen. Mit tiefem Verständnis knüpfen die Alten an den Bibelbericht an: „Und Abraham kam, um Sarah zu beklagen und sie zu beweinen" und bemerken: Also ist in des Patriarchen Abwesenheit der Tod der Sarah erfolgt. Wowar wohl der Patriarch? Von seinem schweren Opsergange kam er heim, sroh und glücklich über die Verheißung, die ihm war geworden, nachdem er der Prüfungen letzte und schwerste bestanden — und nun hoffte er, mit seinem Weibe vereint erst so recht nach Herzenslust sich der Gnade Got'es freuen zu können, deren er eben gewürdigt ward, da findet er sein Familienheiligtum zerstört und sein Lebensglück erloschen. Durch einen unaebetenen Boten, so spinnen unsere Lehrer den Gedanken weiter fort, habe die ahnungslose Stammutter von bem Verhängnis vernommen, das ihrem Hause gedroht und diese voreilige Kunde habe ihr Mutterherz gebrochen.Welche Fürsorge und schonende Rücksicht muß Abraham für Sarah gehegt haben, daß er den göttlichen Auftrag als sein Geheinrnis in seinem stillen Herzen wahrte, und ob er auch schwer daran trug, solange er es nur vermochte^ ihr den Schmerz zu ersparen suchte! Es könnte ja doch noch alles sich zum besten wenden-, dann' hat die über alles geliebte Sarah nicht die langen, bangen, qualvollen Stunden der Ungeduld und Seelennot zu besteben gehabt, und ist Gottes Wort unabänderlicher Wille seiner Allweisheit, dann erfuhr sie früh genug von ihrem Unglücke. Kann wohl der Patriarch so leicht in seiner Zärtlichkeit für feine Lebensgefährtin übertroffen werden? Ist nun daS^Licht erloschen, das in seinem Zette gestrahlt, gilt jetzt seine ganze Fürsorge dem Erben feines Namens und seines Geistes! Neu möchte er aufstrahlen sehen alle die Frauentugenden, die seiner Gattin Zier gewesen. Das Glück, daS in einem trauten innigen Eheleben ihm gekachelt, ersehnt der Vater auch für den Sohn. Die diesem zu erwählende Gattin soll ihm das werden, was er einst in seiner Sarah besoffen, „nrr cn’itr Sie gingen beide zusammen", der Vater und der Sohn, das ist das Geheimnis für den Seelenbund, der sich zwischen beiden geknüpft, darum fand sie der so folgenschwere, die höchste Selbstverleugnung fordernde göttliche Befehl eines Sinnes und eines Willens. Erblühte diese Harmonie auf dem Boden der Gattenhingebung, wie sie zwischen Abraham und Sarah bestanden? Dies alles überdenkt der Patriarch, und da er das ganze Glück, die Zukunft seines Sohnes von der Wahl der geeigneten gleichgesinnten Lebensgefährtin abhängig weiß, darum ist die Brautwerbung für Isaak die Sorge seines Alters. Damit krönt er seine väterliche Liebe unü Zärtlichkeit, die jede andere Rücksicht, jederzeit überwindet. . . . Abraham ist alt und betagt, da bedarf er eines getreuen Mithelfers. In wessen Hände legt er nun st ine Herzensangelegenheit? Wen betraut er mit der Durchführung seiner hehrsten Wünsche? Es ist der Knecht Eliefer, der freilich auch 1W2 p» der Aelleste seines Hauses ist", „H *?22 tonen, der über alles Seine waltete". Welches Vertrauen bringt Abra am feinem Knechteentgegen, welch ein Verhältnis der Treue waltet da zwischen dem Herrn und seinem Untergebenen. Wir sehen Eliefer mit der größten Umsicht und Eilfertigkeit den Auftrag feines Herrn zur Ausführung bringen, sehen ihn mit klugem Sinn ans Werk gehen und voller Liebe auch für das Tier, das MeS macht uns AbrahamH Berhatten zu