Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 45 (28.10.1915)
- Date
- 1915-10-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«eite 4 No. 45 28. Oktober 1915 unu beuticfyc vcifolayu, fummcit wir ,*u ioucc großen Frage, bereu Beantwortung heute zwar noch unmöglich, deren Erwähnumz aber wohl gestattet ist: „Wie wird sich altes Fndeu -tum mit neuem Deutschtum verntählen im Sinne ocs Gegensatzes, der seinen Attsdruck darin findet, das; das polnische Judentum die m'T: in jener wunderbarem Unerreichtbeit vertritt. das; das Deutschtum den ""rr "p*l in seinem vollendetsten Ausmaße verkörpert, wie werde» unsere östlichen Brüder in fidj vereinigen [*"'x "p“7 ui* rH'f!v" In eitler jüdischen Monatsschrift Üand jüngst ein sehr beherzigenswerter Artikel über j*-,x *p,“!, r.nd es ist daraus aufmerksam gemacht worden, daß }"iiC"p'"[ nicht jenes hohe Blaß von Slultuv bcoi'utct, das juir int nllncmcincn darunter verstehe»^ sonder» daß der P"!X von dem dir Alten sprachen, geringere Ansprüche mt Wissen uitb Bi! dnng int moderrren Sinne stellt. Wenn mm die Sonne deutschen Wissens, die Sonne deutscher Kultur so hell über Den Gesildeit Polens strahl:, uard sie nicht das Auge des Juden blenden, das das Halbdunkel des Eheder gewohnt war, wenn jetzt deutscher s""!x "pH mit Gewalt an die Pforte der lhorafürderudcn Lchrhäuser pocht, werden diese standhalteu oder zerberstet!? Diese Frage ist vielleicht wichtiger, als nnup cher von uns glaubt, voit u»Z, die rvir deutsche Kultur tu uns ausgenommen und doch im Stre beit nach Thora nicht erschlaffen und ermüden, dies: Frage berührt den Lebensnerv des Indenln ms und ihre rechte Beantwortung tuirö die Ausgabe des gesetztreuen Judentums Deutschlands, wird die Ausgabe der Agudas Israel, wird vor allem die Ausgabe unserer Jugend Organisation sein. Wir sind und bleiben es uns bewußt, daß die Ausgabe riesengroß, ihre Lösung nnenblid; schwierig ist, gilt es doch auf die polnischen Verhältnisse, die ganz anders sind, uno vor allem lveit größere Maße ausweiftm a.s die unsrigen, jette Erkettlttttisse uitb Erfahrungen zu übertragen, die eine im Geiste Samson Rophael Hirsch's erzogene deutsche Orthodoxie gewomren hat. Ich habe, voll jemanden aus die Verhältnisse, die wir fetzt in Polen vorsinden, das deutsche Wor: anwenden hören: „Das Alte stürzt, es ändern sich die Beiten, und neues Leben blüht aus den Ruinen", ich glaube, dieses Wort findet hier falsche Anwendung; wohl stürzt das 'Alte, denn mit Warschaus Sturz ging jene Rieder-- rracht dahin, die unsere Brüder bedrückte, quälte und peinigte, wohl ändern sich die Zeiten/ denn Zeiten der Entsagung werden nun abgelöst üou Zeilen frohen Hoftens, Zeiten des Klageus von Zeiten zuversichtlichen Erwartens, wohl errvar- Der JSraeltt. r ten '.vir neues, starkes, inhaltsvolles sieben, aber! e-ieies Netzen blüht nicht empor aus Ruinen, ionderu entsprießt dem Boden, welchen die Thora vecber.i-ete. es baut lieh atts aus dem granitenen '?-'nmde dcr Thora. Es ist heute eine nnge tön-: Frage noch Vas „Wie" und das „Wodurch". Bessert rvir aber zuversichtlich, daß ebenso wie cs nnicrcn deutschen Führern gelungert ist, die \ h'furch, vor cerrt Dculschljum in die .Herzen i bri B>rvvhner besetzter stündlicher Gebiete einznj nstau'.en, indrm diele deutschen Führer dabei don: das muioualc (ikfüljl der itjueit llittczftcll* fei? schoitten, daß es so auch den jüdischen Führern gelingen rvird. Ln die Herzen dieser Juden, me an und für sich schon, zujubeln dem Deutschuun, deutscher Art und deutscher Sitte, das Be tvnstsein einznpslanzen, daß der Jude doch vor üttlrp immer Jude bleibt und daß Judentum i.'ne Thora nicht nur verwandte Begriffe sind, sorroern sich vollsranvig iderttisizieren. Der Hofs ttnng frohe Blüte sprießt in urperni Herzen, hosfen mir, daß die Blüte Frucht rvird, die Hoffnung Wahrheit. Wir wollten rnil diesen wenigen Zei len nur daraus Hinweisen, daß Warschaus Fall nicht nur rvichtig ijt uom Slaltdpunkl ves Strategen, des Politiiers, des Deutschen, sondern auch und vor allem rvichtig ist, für den Dem Die Sorge für sein Indenuun am .Herzen liegt. Ter Prophet spricht: „rammelt Euch und darin jamtnelr"; möge sich dies Propheienrvorr bewährtn an unstrert östlichen Brüdern, daß sie sich bewußt bleiben ihrer großerc Bedeutung für uns deutsche Inden, daß sie erst sammeln alle die reichen, großen, goldenen Schätze, die ihnen gehören, bevor sie zrt uns kommen, um einzri j ioutiiiciit das (strite, das rvir ihnen bieten können. Ttügtn sie es wissen, daß sie reicher sind als rvir, das; letzten Endes sie rticht Empfangende, sondern Gewahrende sirtd, mag es auch umgekehrt anssehe». In dieser großen Zeit niöchlert rvir jedem cinjcium titrieretöstlichen Brüder die Hand vei chen, mit jedem einzelnen Verbrüderung feiern, diese Verbrüderung rnöge aber zürn Ziel habeil eine Vertiesung itrrd Festigung der Treue zürn engcstauimteil Väterglauben, pc möge uns hin jnhren zum Berge Zion, von tvelchcm ansgeht nrnrre Thora, unsere Lebenskraft uni) iit diesem Sir,ne sprechen rvir und beleben mit neuem In h'.A't das alte Dichterrvort: „Brüder reicht die Hand zum Bunde, Diele schöne Feierstunde 'Führ' llns hin zu liehteit Höh'n". Lorrespondenzen und Aachn'chien. Ueirh. Böffchaffer Daran DJangenheim. JrarrLfurt a. M., 26. Okk. Der unerwartete Tod des deutschen Botschafters in Konstantinopel, Baron Wangentzeim, wird auch in der Mischen Welt überaus schmerzlich empfunden werden. Der bedeutende Diplomat, dessen zielbewußter Arbeit es nicht zum wenigsten zuzufchreiben ist, daß heute zwischen Deutschland und der Türket ein so inniges, von gegenseitigem Vertrauen getragenes Verhältnis besteht, hat keine Gelegenheit versäumt, auch der Juden heit uuD dem Judentum Achtung und Wohlwollen zu zeigen. In Gemeinschaft mit dem amerikanlschen Botschafter Morgen!hau trat er mehr wie einmal mit bestem Erfolge für das durch die arabischen Hetzen bedrohte Recht der Juden bei der türkischen Regierung ein. Auch während des Krieges zeigte er für die Not der indischen Bevölkerung in Palästina des öfteren reges Interesse. Ehre seinem Andenken! ri. J. Jugenöorganifafion. Irankfurt a M., 2b. Ott. Aus »dem Bureau der Agudas Jtsroel Jugendorganisation (Bund gesetzestreuer jüdischer Jugendvereine) wird uns geschrieben: Die Agudas Jisroel Jugendorganisation (Sitz Frankfurt a. M., Tiergarten 8), die seit einer Reihe von Monaten an jüdische Soldaten im Felde, ut Garnison und Lazarett — allwöchentlich kostenlos einen Snbbatgrus; versendet, hat eine bedeutsame Steuerung geschaffen. Der Sabbatbrief enthält neben einer Betrachtung über den jeweiligen Wochenabschnitt eine Nebersicht über die Geschehnisse m der jüdischen Welt. Jüdische Soldaten, die diese Sabbatbrtefe wünschen, fen dert ihrepAdresse an die A. I. I. O. Frankfurt a. M., Tiergarten 8. (Jon Lehmann.) Zum Jahrzeitstage Fon Lehmanns am IN. September schreibt Georg ^1130! im „Berliner Tageblatte": „In der großen und grausen Zeit rasseln Trompetengeschmetter uno Trommelwirbel über die Gräber unzähliger Helden, aber das Gedächtnis des einzelnen vermag sich unter den vergilbenden Halmen und zwischen den fallend, n Blättern ntchl mehr zu erheben. Zn der Masse, im Bataillon, im Regiment, leben d e meisten fori und in einer friedlicheren Zukunft werden singende Mädchen in rührenden Volksweisen die blaffen Schalten, deren Schicksale sie nicht kennen, heraufbeschwvren. Auch John Lehmann, der vor zwei Jahren das dunkle Todeslos zog, war em Reitersmann. Ein bayerischer Chevauleger, dem sür die ^vchicksalstage die Charge eines Rittmeisters zugedacht war. Frühzeitig, mit voraussehendem Blick, hatte er erkannt, wie die europäische Lage einer Entscheidung zudrängte, und dieser Sanfte und Gütige, der trotzdem tu allen sportlichen und mannlichen Künsten wohl bewandert war, er brannte darauf, in der gesammelten Kraft des Vaterlandes sein Roh zu rummeln und seinen Säbel schwingen zu dürfen. Da kam der Tod. Nicht im offenen, übersehbaren Kanrpf, sondern tückisch und hmtertisttg, wie ein schleichender Franktireur, fiel er den Kräftigen an und schlug ihm die Sense ins Herz. „An Ueberarbeitung" sagten die Berichte. An einem schönen Wintertage haben wir ihn dann auf den Friedhof einer kleinen strenggläubigen Gemeinde yinauSgetragen, und der unmündige Sohn hielt ihm, wie von einem verzweifelten Traum besangen, die aller Herzen aufwühlende Grabrede. Nun verschläft er dte Zeit, die auch seine Zeit gewesen wäre. Denn Jon Lehmann besaß neben einer sich unermüdlich mühenden Phantasie die unberührte Lauterkeit des Herzens, die unt erbrüchliche Ehrenhaftigkeit eines gefesteten Charakters und vor allett Dingen dtu nicht zu blendenden Blick des Praktikers, der ohne Haß noch Schonung ons Echte von dem Uttcchtcn schied. Solche Männer, solche ganz seltenen Zusmnmensasser, die zugleich ihrer Phantasie folgen uno daneben Ood) mit nüchterner Gelassenheit die Trttge des Tages zu sichten verstehen, sie tvird unter Vaterland bei der großen Abwickinng, die den Kämpfen sorgen nrutz, suchen und gebraucheit. Im Mainzischen geboren er konttte den singenden Ton des Südd rutschen nie abstretfen — enstammte Jon Lehmann einer jüdischen Geiehrrensaniilie. Urrd sein abgöttisch geliebter Vater, ein bedeutender Prediger seines Glaubens, Kirchenrat der engeren Heimat, wurde in feiner zwiespältigen Betätigung nitz Seelen- Hirte wie als Herausgeber einer großen Wochenschrift Muster uud Vorbild für die Sendung des Sohnes. Das Religiöse ist denn auch bei dem Verstorbenen immer die unsichtbare Glocke geblieben, die ihren seinen Siibertlang, oft ohne . daß er es ahnte, in die entlegensten seiner Betällgtrngen mischte. Der angehertde Schriftsteller war zu bescheiden, um von vornhereirr seine persönlichste ^lote stark zu betonetr, damit er sich auf diese Weise jene Marte und Prägurrg verschaffe, ohne die es für viele in unserer spezialisierten Zeit mcht avgeht. Fröhlich und regsam tastete er hierhin und dorthin, verfaßte bald Dramen im Jambenstil, Schauspiele mit Sensattonseinschlag und ntedliche satirische Lustspiele, die ihr Publikum fanden. Daneben aber bezwaitg er mit rastloser, mit staunenswerter Energie die Anforderungen eines mit praktischer Arbeit überhäuften ZeitungSun»nnes. Denn er war seit langen Jahren der Besitzer der beiden größten BreSlauer Blätter geworden, die er durch sein organisatorisches Talent aus verküninterten Zuständen zu hoher Blüte hob. Eines Tages aber klang die unsichtbare Glocke gewaltig über ihm, und er setzte sich nieder und schrieb ein letztes uird wahrhaft tiefes Werk, das religiöse Drama: „Flammenzelchen". Nicht immer geschickt in der Formung, aber mit begeisterten Händen T.nadern auf Quadern hausend, schaffte er hier die Tragödie des Gottsuchers, der verzweifelt hinter den Sinn des ewig verschleierten Bildes von Sais zu dringen strebt. An einigen Hostheatern wurde das Werk gespielt, die große Mehrheit der Bühnen verhielt sich dem getvalugen Ernst der Tragödie gegenüber Ablehnend. Aber die Zeit, die nun kommen muß und kommen wird, sie wird auch dieses dichterischen Gottesntannes gedenken, weil die Parzen uns jetzt alle stündlich zwingen, unsere Abrechnung mit &ott unb der umgebenden Natur klar und bereit zu halten." (Ter „Ger-Jedeck" von Wilna.) Das nunmehr unter deuischer Verwaltung stehende Wilna erinnert au. eine Auiiehen erregende kulturhistorische BegebetriK’it aus Deut 17. Jahrhundert, über welche polnische Geschichtsschreiber folgendes berichten: Eirr ^ingehöriger des gräflichen Hanfes Potocki, geboren zu Wilna, oeschätrigle sich schon in seiner frühesten Iügcitd mit theologischen Studien. Er prüfte die Dogmen aller bekannten Religionen und unternahm Reisen in rerichiedenc- Länder Europas, um sich mit gelehrten Männern über retigiöse Fragen zu unterhalten. Nach längerem Aufenthalt in Paris, wo er mehrere Disputattemeu mit oen Professoren der Sorbonne abhielt, g.rkg er nach Italien, wo er sich längere Zeit aufhielt, viel mit gelehrten Juden verkehrte und den Entschluß faßte, in den Bund der israelitischen Religion einzutreten. Allein die Rabbiner, die den Zorn des Papstes fürchteten, gingen auf feinen Wunsch nicht ein und rieten ihm, in seinem eigenen Interesse Italien schleunigst zu verlassen. Er ging hieraus nech Holland, wurde m .Amsterdam Jude, erhielt den Namen