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Der Israelit · 1915-10-28 · Heft 45 (28.10.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 45 (28.10.1915)
Date
1915-10-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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. Ss. iöttobep Ivltz Der J-rarru. een. Und gerade Perm liegt der MuMMert der an Tatsachen- und Ziffernmaterial überaus reichen Arbeit. Die an der künftigen Gestaltung der jüdischen Schicksale interessierten jüdischen wie mchtjüdischen Kreise werden an den hier dargelegten Gedanken und Forderungen nicht Vorbeigehen können. — Einer Gefahr zu begegnen, ist die Aufgabe des „Indischen Archivs"-), von dem! uns drei Hefte vorliegen. Die Gefahr besteht, nach der Meinung der Herausgeber, darin, daß „alle Feinde und Neider der Judenschaft emsig an der Arbeit sinv, um aus dem Kriege Material gegen die Inden zu sammeln, und daß sofort nach dem Kriege eine alles Dagewesene überbictendc Bewegung gegen uns einsetzen wird; schon jetzt ist eine, an die niedrigsten Instinkte sich wendende Agitation zu bemerken". Das ist etwas übert riebe n. Aber wäre die Gefahr tatsächlich in diesem Maße im Anzuge, lvir könnten ihr ruhig mit der unfehlbare»» Waffe der Tatsachen begegnen. Das Archiv ist eine SamMelftelle für Material, das kormnenden Generationen künden soll, wie wir Juden uns in diesem Kriege bewährt haben, wie unsere rückhaltlose patriotische Treu»/ sich als ein Faktor von wirklich staatse rhaltendem Werte erwiesen hat. Nach beit ersten Proben zu schließen, wird das Archiv diese Aufgabe in zweckentsprechender Weise lösen. Schon die übersichtlich geführten Listen jüdischer Ausgezeichneter sind als dankenswert anzusehen. Daß in einer Anzahl von Fällen die Gründe der Auszeichnung in kurzer und präziser Fassung hinzugefügt sind, wirkt besonders illustrativ. Nicht ohne historischen Zukunstswert sind die Beispiele russischer Barbarei, die die „Mitteilungen" nach' originalen Berichten bringen und zwar Ho, daß sie den Leser auch die Beweggründe, Grundgedanken und zewiskt interessante Hilfsquellen des russischen Greuelsystems ahnen lassen. Die Wirkung der Hefte würde noch größer sein, wenn die^ans ihnen deutlich genug sprechenden Tatsachen nicht allzu oft von störenden Nebengeräuschen herzlich überflüssiger patriotischer Kundgebung begleitet wären. Es sei aber anerkannt, daß sie mit gutem Geschmack ansgestattet sind und einen wertvollen Beitrag zur Zeitgeschichjte darstellen. —. Einem ähnlichen Zwecke dient das „Jüdische Kriegs ge denkblatt"*). Das erste Heft repräsentiert sich als ein Kunstblatt von bester Wirkung. Es enthält Gedenkblätter mit 22 Porträts gefallener jüdischer Offiziere, gut ge- 2) „Jüdisches Archiv", Mitteilungen des Komitees „Jüdiiches Kriegsarchiv". Verlag R. Löwrt, Wien. Preis des Heftes 50 Psg. *) „jüdisches Kriegsgedenkblat t". Verlag Halm u. Goldmann, Wre-n. lungerte Textillustrationen, sodann Beiträge and Gedichte, deren Beziehungen zum Judentum sich allerdings auf die Mischen Namen oer Verfasser beschränkt. Sehr stimmungsvöll wirkt das Titelbild, in dem wir das bekanntie Freskogemälde von Ra hl: „Ruhm und Ehre" erkennen. Nicht für die Ewigkeit gedacht, aber als treues Spiegelbild der Größe und der Schrecken des Frontlebens wert der Aufbewahrung, find die Bilder, die Anton Fendrich auf feiner Autofahrt entworfen hat-') In anmutiger und sehr unterhaltender Weise und nicht ohne Originalität in Form und Sprache, erzählt der sandige Autor, der überall etwas.tiefer in die Zusammenhänge geschaut hat, von seiner Fahrt ins Kriegsgebiet, von Gefangenenverhören, von Soldatengräbern, vonLansdiUnd Leuten hinter der Schlacht, von Offizieren und Soldaten, von Kaiser und Kanzler und dergleichen Wissens- ‘uciiem mehr. Bon spezifisch jüdischem Interesse ist das Buch nicht, trotz dem Rabbi, der tauf Seite 126) an der Ecke der großen Huseisentafel im Kasino - fehlt, weil er gerade auf Urlaub ist... Aber gar viel des gut und rem Menschlichen enthält das warm geschriebene Büchlein. Kapitel, wie „das rote Kreuz" (Seite 108), das „im weißen Felde ein Zeichen des Glaubens an die Menschlichkeit mitten im menschlichen Wüten" sei, sind menschliche Dokumente, die in diesen Tagen doppelt wohltuend wirken. Was aber in dem Buche nicht in gleichem Maße wohltuend empfunden wird, das ist der zuweilen aus rem berechtigten Stolze auf unsere unübertroffenen charitativen Einrichtungen sich leise erhebende Vorwurf der allzu liebevollen Rücksichtnahme aus den feindlichen Soldaten in der Gesa ngenenbehandlung wie in den Spitälern. Auch ans dieses uns zierende Ehrenzeichen des Glaubens an die Menschlichkeit mitten im menschlichen Wüten wollen wir aufrichtig stolz sein. Me Stimme der Zugend. Wir geben im Folgenden einen Artikel ron Wolf S. Jacobson aus der letzten Nummer der „Blätter" der A gudasI s r o e l I u - gendorganisation wieder, in demi wir ein erfreuliches Sympton für das rege Interesse, das sich heute in den Kreisen der deutschen orthodoxen» Jugend für die Neugestaltung der Dinge im jüdischen Osten bekundet, erblicken: Wir Juden sind es gewohnt, E kriegerischen Ereignisse, neben der Schätzung, die wir =*) „M11 dem Auto an der Front", von Anton Fendrich. Iranische Verlagsbuchhandlung, Stuttgart. ihnen aus allgemeinen vaterländischen Gesichtspunkten heraus angedeihen lassen, 'nach dem Ein fluß zu werten, den sie aus Erhaltung oder Gestaltung des Judentums ausüben können. - Der Kampf im Westen wird von uns verfolgt mit jenem brennenden Interesse, das lebendig ist in jedem Deutschen, mit jener angespannten Aufmerksamkeit, die jenes gigantische Messen der Kräfte verdient, und doch, das jüdische Herz schlägt doppelt schnell, wem» der Blick zum Osten sich wendet: „Mein Herz, mein Herz über ihre Erschlagenen, mein Inneres, mein Inneres über ihre Gefallenen." Im Osten, da entscheidet sich Wohl nicht nur das Schicksal des Weltkrieges, im Osten entscheidet sich wohl auch das Geschick unseres jüdischen Volkes. Es sei fern von uns, hier über politische Dinge zu schreiben, volkswirtschaftliche Probleme zu behandeln, oder uns in Fragen so bedeutungsvoller, so gewaltiger Art, wie sie das Problem des jüdischen Ostens auswirst, zu vertiefen; das eine jedoch darf betont werden, es tritt klar in die Entscheidung, hier schlägt der Juden Schicksalstunde. Es ist vielleicht die größte und bedeuteNidste Stunde, auf die je der Zeiger in der an bedeutenden Geschehnissen so gewaltig reichen Geschichte des jüdischen Volkes hingewiesen hat. Es handelt sich um das Wohl und Wehe Hunderttausender, ja Millionen jüdischer Brüder, deren Wohlergehen, mehr noch deren Bestehen abhängig ift von des russischen BarbarisNms Bestand oder Verfall. Dunkel hing der Himmel über unserem Volke, da zuckte ein Blitz, er zerbarst die Feste Warschau und erleuchtete zugleich hell das Firmament des Judentums. Warschau gefallen, das heißt Befreiung Hunderttausenper von Inden vom russischen Joche, das Heißt die ungehemmte Entfaltung all jener reichen Seelenkräste, die in diesen Menschen schlummern, das heißt die ungebinderte Förderung all jener Riesenschätze, die im Innern dieser Vvlksmafse brachliegen, das heißt jüdisches Leben unter glücklicheren, hofs- NUNgsfroheren Verhältnissen. Das Judentum sagt zwar, „wenn Dein Feind fällt, freue Dich nicht", die Freude, die wir aber im Falle Warschaus empfanden — Warschaus Fall heißt hoffentlich auch Rußlands Fall — die ist eine durch und durch jüdische. Die Zeitungsberichte schildern den Jubel der Bevölkerung beim Einzug des deutschen Siegers',- uno sicherlich jubelten am lautesten und ehrlichsten die Juden, die in ihm den Bringer deutscher Kultur, deutschen Gesetzes und deutschen Rechts sahen, das da ist „Gleiches Recht für Me". Uno wenn wir diesen Gedanken an das, was der deutsche Sieger ins Land bringt, deutsche Sitte»» tapfere Mannestat die erbeutete Habe zum Lohne an. Aber Abraham leistete bei Gott, dem Eigener des Himmels und der Erde, den Schwur: „Mchr vom Faden bis Schuhriemen, nicht von altem Teinigen werde ich ettvas annehmen." Solche Uneigennützigkeit zeigte den Patriarchen als einen würdigen Sendboten des Herrn und muß auch das Erbteil derer bleiben, die der Prophet als '2>ix o.tox jnr „Same Abrahams; meines Lieblings" anredet. Bedeutsam merken Hier unsere Lehrer an: Um dieser Selbstlosigkeit willen, die Abraham hier und auch sonst bewiesen, ist Israel zweier Gebote gewürdigt worden: des Gebotes der Schaufäden, das uns an den Quell aller Liebe erinnert, und jenes Gebotes, dessen Beobacrtung die höchste Selbstlosigkeit voraussetzt. Das will uns sagen: Abrahams in der reinen Gotteserkenntnis wurzelndes Tugendleben ist das Samenkorn für Israels Sendung geworden, die die lauterste Gott erg ebenst eit bedingt und von der höchsten Selbstüberwindung getragen ist. Rühmen »vir Abrahams Selbstlosigkeit u»rd sehen »vir in dieser von ihm geübten Tugend den Segensquell seines - Lebens, dann lverden wir am besten zu würdigen wissen, tvas wir unserem angestammten Hcnlchnhause zu danken haben. Selbstlos.haben sich die Hvhenzollern jederzeit als des Staates erste Diener gefühlt und mit ihrer Devise „Jedem das Seine" für ihres Volkes Ehre und Würde all ihre Kraft uno Fähigkeit eingesetzt. Sie sahen in ihrer Sendung vor allem einen heiligen Kreis hoher Aufgaben unv Pflichten und darum gilt von der Krone, die ihr Haupt schmückte, nrvn np-n» “p~D auf dem Wege der Gerechtigkeit waxd sie erworben. Wir preisen den Schöpfer, daß wir da nicht nur dou ettvas Vergangenem sprechen, daß wir. vielmehr das Bibelwort zu verstehen vermögen „Heil dir Volk, dessen Fürst ein Sohn Edler und Freier ist." In unserem Kaiser gewahren wir alle Vorzüge der Hohenzollern in wundersamer Harmonie vereint, und als ob die Selbstlosigkeit, die unserem Herrschergeschlecht in hohem Maße eigen ist, gerade bei der 5Üv jährigen Jubelfeier von unserem Regenten von unserem ganzen Volke besonders gefeiert werden soll, sehen »vir »hn die Sorgen und Nöte der Gesamtheit in dieser sturmbewegten ernsten Zeit voll teilen, als ein erhabenes leuchtendes Vorbild, zu dem wir voller Verehrung und Bewunderung aufblicken. In dieser Ueberzeugung wächst unsere Hoffnung und unser Vertrauen auf die Zukunft unseres Vaterlandes. Der Hohenzollernstamm wird weiter seine Aeste entfalten und Schirm und Schutz gewähren unserem Volke, daß an ihm Gottes Wort an Abraham: „Du sollst ein Segen sein und Segen werden", wie in der Vergangenheit Tagell, jo auch in aller Zukunft zur Wahrheit werden wird. Kleines Feuilleton. Ser Tod. Bon Hellmuth Richter. *) Es ist tin kurzes Wörtlein; Welt, Doch keiner hat es ganz ersaßt. Und mancher trug's »sie eine Last, *) Ms der „Kölnischen Ztg." - -_r Bis ihm. der blasse Tod im Feld An einer Ecke ausgepqtzt. Da wußte er mit einem Mal, Wie schön die Welt gewesen sei; Der Sterne ew'ge Melodei, Das Meer, die Wälder und das Tal Begrüßte seiner Seele Schrei. Es ist' ein kurzes Wörtlein: Herz, Dock» keinem »vard es innig klar. Und Liebe groß und wunderbar, Urrd Tränen waren Spiel und Scherz. Bis einst der Tod zur Stelle »var. Da blickte jeder still zurück Und kehrte bei sich selber ein Urrd sagte: „Ja!" und sagte „Nein?" Und wußte nun erst um das Glück. Zu lieben und geliebt zu sein. Es ist ein kurzes Wörtlein: Gott — Wer streckte noch danach die Hand? Wer suchte noch, auf daß er fand? . . . Bis einst mit Hussa, Hüh und Hott Der Tod dahersuyr übers Land. Da keimte eine heilige Saat, Und jeder sah ein neu Gesicht, Und jedem schien ein neues Licht, Und Gott gab Kraft zu Sieg und Tat. Und war Geschichte und Gericht.'

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