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Der Israelit · 1915-10-28 · Heft 45 (28.10.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 45 (28.10.1915)
Date
1915-10-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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■ -.V » Oktober 1916 Gelte 2 Nr. 45 — darin weide auch in den jüdischen Schulen Polnisch die Unterrichtssprache sein! Ob dieses sonderbare Trostsprüchitein der Assimilanten lediglich frommen Wünschen seine Entstehung verdankt, oder ob ihm Tatsachen zu Grunde liegen, mochten wir nicht erörtern. Jedenfalls scheint uns viel näher der Gedanke zu liegen, daß nach deutscher Auffassnna der Jargon ganz von selbst die Tendenz hat, allmählich nicht ins Politische, wohl aber ins Hochdeutsche überzugehen., sobald nur deutsche Kulturäirflitffc überhaupt die geistige Atmosphäre des Landes beftinnnen. Sie stillschweigende Duldung des Jargon ohne seine offizielle Anerkennung ist daher vom deutschen Standpunkte, der weder die Juden poloirisieren, noch die Polen verärgern will, etwas so Natürliches und Naheliegendes, daß alle wahren Jreunjde des Jiddischen sich Mit der gegenwärtigen Situation zufrieden geben und die deutschen Behörden unterstützen sollten. Das ist aber auch die gegebene Stellung zur Sprachenfrage unter dem für uns maßgebenden religiösen Gesichtspunkt. Wir wünschen die Erhaltung der jüdischen Sprache hu Osten, weil sie ein gewaltiges Band der Einheit um die jüdischen Massen schlingt und ihr rasches Abgleiten in fremde Kultursphären bis -'u einem gewissen Grade verhindert. In der Theorie und im Prinzip kann man natürlich auch auf Polnisch Tag und Nacht „lernen", mv.: es macht prinzipiell keinen Unterschied, ob der Melamed seinen Kindern die Sidra in Jargon „verdatscht" oder in polnischen Lauten - - aber in der Praxis steht die Sache doch so, daß die polonisierten Kreise zu 99 Prozent auch religiös dem Judentum verloren gehen. Gegen dies Tatsache bildet auch der von beti Poale-Zion denunzierte Vertreter der „chassidischen Orthodoxie im Warschauer Gemeindevorstand", der aus persönlicher Solidarität mit den Polen für die polnische Unterrichtssprache eintritt, keinen Gegenbeweis. Die sogenannten „Wnnderrabbis" werden, wenn man sie fragt, einstimmig die Erhaltung des Jargons als Unterrichtssprache fordern, obgleich sie gegen das Erlernen des Polnischen als eines Unterrichtsfaches schon aus wirtschaftlichen Gründen nichts einzuwenden haben dürsten. Die Orthodoxie ist also sicherlich für di«, jüdische Unterrichtssprache. Mer zwei Vorbehalte sind allerdings zu machen. Einmal: mit dem Jargon allein ist's nicht getan; wenn die Grundlagen des jüdischen Ergehn ngssysterns im Osten: die Berrvendung des größten Teiles aller Zeit u. Kraft auf das' Studium der talmu di schon Wissenschaft und die Du rchsätti g nn g, Der 8§t*diL des ganzen Unterrichts mit dem Geiste der Gottesfurcht, zerstört werden, dann nützt uns der Jargon keinen Pfifferling. Uittf zum zweiten: durch die Aufrechterhaltung des JargonS auf Tod und Leben dürfen nicht wichtigere Forderungen, dürfen nicht Grundbedingungen des religiösen Lebens gefährdet werden. So unwahr nämlich die Behauptung ist, daß die vielgeschmähten „Wunderrabbis" vonj eher die politischen Werkzeuge der Assimilation gewesen seien, so bekannt ist das temporäre Wahlbündnis, das vor einigen Jahren die Warschauer Orthodoxie mit den Assimilanken gegen die Nationalisten abschloß. Wir haben jenes Bündnis immer für moralisch bedenklich und bedauerlich gehalten; aber es war — das muß gegenüber der Anrempelung des Arbeiterblatt^s boch einmal ausgesprochen werden — ein Akt der N o t w ehr, der politischen Verzweiflung gegenüber dem religionsfeindlichen Radikalismus gewisser nationalistischer, sehr jargonfreundlicher Elemente. Man sagte' sich mit Recht, daß Man mit den religiös gleichgültigen und daher toleranten Aissimilantjen besser fertig »Verden könne, als unter dem Drucke eines pseudojüdischen Terrorismus, der im Namen der falsch verstandenen nationalen Idee der nationalen Religion den Krieg bis aufs Messer ansagt.' Wir betonen das heute nicht aus Freude am Kainps, sondern aus Liebe zum Frieden. Die Zeit ist nicht danach angetan, daß die jüdischen Parteien und Richtungen sich gegenseitig befehden oder auch nur paralysieren. Praktisch ist die Hindenburg'sche Sprachenverordnung, wie sie heute gehandhabt wird, ein. Boden, aus den sich alte jüdischen Parteien Deutschlands und, mit Ausnahme der äußeri stc n Polonisten, auch diejenigen Polens steil, n können. Es hat keinen Sinn, dagegen Sturm zu laufen. Schwerer wird natürlich eine Verständigung sein, sobald nicht die Sprache, scndcrn der inhaltliche Charakter und die äußere Anordnung des Schulwesens zur Entscheidung aelangt. * +. * Im Anschluß an die obigen Ausführungen »veisen wir noch auf eine in der „Deutschen Warschauer Zeitung" vom letzten Samstag veröffentlichte Notiz hin, in der es »vörtlich heißt: Auf Grund der Eröffnung von neuen Bolksschnlklassen in Warschau sind bei der Kaiserlich Deutschen Zivilverwaltung für Polen zahlreiche Bewerbungsaesuche von Botksschullehrern ans dem Deutschen Reiche eingelaufen. Diese Gesuche müssen samt und sonders unberücksichtigt bleiben. Die deutsche Verwaltung will für die Volksschulen Polens und zwar sowohl für Schulen mit deutscher, als auch solche mit polnischer Unterrichtssprache grundsätzlich nur einheimische Lehrkräfte anstellen. Diese Mitteilung bestätigt unsere Auffassung, wonach es der deutschen Verwaltung erfreulicherweise durchaus fern liegt, eine stürmische Germanisieruilg Russisch-Polens, einerlei ob es sich un» polnische oder jüdische Eigenart handelt, vorzunehrwen. Die Beschränkung auf einheimische Lehrkräfte gewährleistet vielmehr allen Kreisen, daß ihre Eigenart und ihre besonderen Wünsche bei der weiteren Entwicklung der Dinge gebührend Berücksichtigung finden. Aeue KnegMeralm. Die Hochflut der Kriegsliteratur, die in der ersten Hälfte des ersten Kriegsjahres als ein unerquickliches Symptom der aus ihren Fugen geratene»» Zeit empfunden werden konnte, ebbt nun glücklicherweise mählich ab, 'und es fällt nicht mehr so schwer, die Spreu vom Weizen zu sondern und aus der schier unübersichtlichen, vom Tage, seinen >Hoffnungerr und Schrecken erzeugten Kikajonbücherei das heranszugreifen, was über unsere Zeit hinaus seinen Wert behalten wird. In diese Kategorie müssen wir gerechter Weite das kürzlich erschienene Buch „Juden und Deutsche" einreihen^. Wenn auch nach Angabe des Verfassers das Werk schon zn Frieoenszeiten vorbereitet »vnrde, so dankt es doch dem Kriege seilp: erhöhte Aiktnalität, die ihm einen weiten, interessierten Leserkreis sichert. Es fomuit in diesem Buch eine sehr ungewohnte Ar! der Behandlung der Jndenfrage zur Gelrnng. Ausgehend von den Tatsachen, daß die jüdische Welt aus eine Kopfzahl von 14,3 Millionen angewachsen ist; daß neun Zehntel dieser Zahl dem deutschen Sprachgebiet angehören; daß die Juden durch ihre Zerstreuung in der ganzen Welt, durch ihre städtische Wohntveise und die Bevc'-zngung von Zentren des Wirtschaftslebens, durch ihre speziellen Befähigungen usw. eine weit über ihre Zahl hinauswachsendc Bedeutung besitzen, wird nachgewiesen, daß zwischen Juden und Deutschen eine Jnteressengem e i n s ch a's t besteht, de reit po litis che Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die Materialien, die der Verfasser aus den einschlägigen deutschen urrd anderen Quellen über die Beteiligung der Juden am reichsdeutschen Ai'.ekanbsschulwerk zusammcngetragen hat, sind zwar nicht neu, aber jedenfalls noch nie bisher solchergestalt in ihrer Ganzheit anerkannt, gewürdigt und zur Grundlage einer solchen ganz bestirnmten Politischen Forderung gemacht wor- 9 „I u d e n und Deutsche. Eine Sprach- und Interesfcngcmcinschaft" von Davis Trietsch. Verlag R. Läwit, Wien l., t.115. Preis 1 Mk. mm Abraham. Von Rabbiner Dr. M Lewin in Wr scher». Die Bibel ist kein Handbuch der Welt- und Kulturgeschichte, wenn sie auch alle Weisheit und Wissenschaft außerordentlich mehrt und bereichert. Sie hat die Kultur des inneren Menschen ,die Stärkung seines religiösen und sittlichen L.beus zum Ziele. Darum werden in zloei Abschnitten die Umrisse der ersten Anfänge der Menschheitsgeschichte gezeichnet, um von der 3. Sidroh ab die Geschichte der Stammväter des Volkes, das seil Anbeginn der Schöpfung zum Träger der Offenbarung aüsersehcn war. zunr bleibenden Gedächtnis für alle Zeiten und Geschlechter in breiter Ausführlichkeit zu behandeln. Diese Erzählungen werden zur heiligen Geschichte. In ihnen zeigen nch bereits die Keime der großen, so folgenreichen Sinnioffenbarung. Sie sind auch gleirl»- sam das glänzende Vorspiel zu dem einzigartigen Drama, das die Geschichte Israels von Mizraim bis zu seinem Eril darstcllt. Es ist also Leben von mrserem Leben, Geist von unserem Geiste, was uns die Schrift über die Stammväter zu berichten »veiß, und mit eurpfnägkichcm Sinn versenken wir uns alljährlich immer von neuem irr jene Kapitel, eingedenk der jesajanischen Mahnung: iw »v'vn. „Blickt hinauf zum Felsen, ans dem ihr gehauen und auf den Brunnen, daraus ihr gegraben seid!" An der Pforte der Abmhamsgeschichte stehen die beiden Worte: ,/fj *f?, Gehe für Dich!" Sie haben dem ersten Ahn nicht nur die Weisung gegeben, sich r ä u ml i ch von seiner nächsten und ferneren Umgebung zu trennen, mehr fordern sie. Umlernen soll Abraham, mit seiner Vergangenheit völlig brechen, sich zu ihr und der ganzen Umwelt in einen vollen Gegensatz stellen, nicht aber um sich zu scheiden und zu trennen, sondern um eine neue Welt zn pflanzen und eine , lichtvolle Zukunft vorznbereiten. Tie Erfüllung jener Forderung ^etzt eine große Selbstverleugnung voraus, sie bedingt jenen sieghaften Opfernrut. jenes unüberwindliche Martyrium, die nicht nur Abraham seiner Berufung »vürdig machten, sondern auch das Abrabamsvolk zu dem schufen, ivas es werden sollte, zum Diener des Höchsten, zum Lichte der Welt, zum Propheten der Menschheit. Man rühint das Heldenrum und die Selbstlosigkeit derer, die im Reiche des Geistes für die Idee, die sie erfaßt, ihr ganzes Leben, ihre Kraft und Fähigkeit einsctzen und sich nicht von dem einmal betretenen Pfade abbringen raffen, ob auch die ganze Zunft ihrer Genossen sie des Irrtums zeiht. Und nun tntt Abraham mit völlig neuen Gedanken und Lehren, mit seinem Glauben an den Einig-Einzigen hinaus in oie fremde ungekanntc Welt, in der Götzendienst und die Vergötterung der Macht und Sinnlichkeit walteten und das Tun und Lassen der Menschen bestimmten. Wir rönnen uns da nicht wundern, wenn unsere Alten auf Abrahams .Auftreten MM Sfr' das Gleichnis anweliden von dem Gewürzfläschchen, das niemand achtet, solange es in der Ecke verborgen liegt, an dessen »vohltuondern Dufte sich aber die Welt erfreut, »venu es ans ocm Winkel hervorgeholt wird. „Gehe für Dich", mit dieser Weisung beschritt Abraham seinen Segcnsweg, aber nicht allein zog er Lot mit, der sich ihm anschloß, und auch die vielen, die er bereits »ür »eine Wahrheit gewonnen. Wo er rum hinkam, baute er Altäre und verkündete den Flamen des Weltenmeisters als Vaters der Menschen. Gar bald mußten sich aber Abrahams Wege von denen Lots trennen. Wo zwischen ihnen der Friede nicht »uiUcit konnte, da war Trennung das einzige Heil. Wie hätte Abraham auf Erfolg feiner Sendung rechnen und für die Verehrung Gottes werben können, wenn sich im eigenen Lager Zlvist und Hader breit machten! Bedeutungsvoll wird diese Erzählung mit den Worten eingeleitet: „pxa rs nnem »jyjam, Der Kenaani und der Perin »vohnten damals im Lande". Bei dieser Umgebung war der „Burgfriede", se.'bftloses Berzichtleiften ' und Unterordnen das dringende Gebot der Stunde. Darum schlug der Patriarch seinem Blessen vor: „Trenne dich doch von mir" uno er, der ältere, überließ dem Jüngeren die Wahl der Wohnstätte. Und so schieden sie friedlich von einander, ohne daß Abraham irgendwie Groll gegen Lot in /einem Herzen hätte aufkommen lassen. Im Gegenteil a»s im Heereszuge des Amraphel auch Lot gefangen fortgcführt »vnrde, besann sich der Ahn keinen Augenblick, um .seinen Neffen zu befreien. Alles vor er aus, um das Erlöpmgswerk zu vollbringen und nicht nur Lot beftcite er, sondern alle Fortgesührten nnd oeren-Habe brachte er heim. Jetzt feierte seine Selbstlosigkeit die höchsten Triumphe. Dankbar byt ihm der Körrig von Mwm ftfc seine

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