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Der Israelit · 1915-10-21 · Heft 44 (21.10.1915) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 44 (21.10.1915)
Date
1915-10-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 No. 44 Der ISraeitt. 21. Oktober 1915 Es ist uns seit langer Zeit bekannt, daß das neutrale Ausland mit Propagandaschriften für die Sache des Viervervandes durch eine Pariser Vereinigung überschwemmt wird, die sich ,,L'Alliance Francaise" nennt. Diese „Alliance" ist ein französischer Sprachverein, der für die Interessen Frankreichs im Orient tätig ist. Jetzt, seit Ausbruch des Krieges, versendet er alle 14 Tage seine mit Hetzartikeln gegen die Zentralmächte ausgefüllten Broschüren in Zehntausenden von Exemplaren und in allen europäischen Sprachen in das neutrale Ausland Die Folge davon war, daß uns zahlreiche Beschwerden zugingen. Erst nachdem man die betreffende Broschüre aus der Schweiz beschaffte, klärte sich das Mißverständnis auf. Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß es sich auch im vorliegenden Fall um jenen Sprachverein handelt, der sich mit leicht durchsichtiger Absicht „Alliance Francaise" nennt. Wie wenig man übrigens in Bezug auf die den Aufruf des französischen Zentral-Konsistoriums kolportierenden Institutionen und Personen orientiert ist, zeigt eine Auslassung der Schlesischen Zeitung vom 7. Oktober, wonach „der Figaro-Redakteur Joseph Reinach, der unrer dem Deckmantel „Potybe" schreibende widerliche Deutschenhetzer, der Präsident der über die ganze Welt verbreiteten „Alliance Jsraelite" ist." Demgegenüber sei darauf hingewiesen, daß die Alliance zur Zeit einen Präsidenten nicht hat, denn Herr Narctsse Leven ist im Januar d. Js. gestorben. Vizepräsident ist Herr Prof. Dr. Ziert er, zweiter Vizepräsident Herr Eugen S6e. Herr Joseph Remach ist also nicht im Vorstand der Alliance, er ist auch nicht einmal im Zentral-Komitee der Alliance, denn Mitglied des Zenrral-Komitees der Ariane« Israeiite Universelle ist Herr Satomon Retnach. ttriegslagung des rhelnifdnen Rabbineruerbandes. Köln, 18. Oft*. 6er. Der rheinische Rabbinerverband hat unstimmig folgende Entschließung angenommerl: „Bon allem Großen und Herrlichen, was diese gewaltige Zeit in dem gegen eine Welt von Feinden kämpfenden deutschen Volke weckt und offenbart, gilr uns als das Höchste und Beste, daß sie "öie Menschen wieder näher zu Gorr bringt. Daß diese religiöse Erneuerung auch unsere jüdische Glaubensgemeinschaft dauerno beherrsche und die Religion wie einst ihre stärkste Lebensmacht blewe, ist sür Gegenwart und Zukunft die vornehmste Aufgabe ihrer Vertreter und Verkünder. Umso schmerzlicher uui> Stegen schlossen sich uns Kameraden an. Eine stattliche Versammlung fand sich ans dem Walvplatze ein, viele Gesichter, die man dei jedem Gvttesdicu,u' sieht, andere, die weiter herkamen, schon maiidje aus den ^ucjomteu, die das siegreiche Gefecht mitgemacht hatten, direkt mit Sack und Pack aus dem Graden. Sogar tl'ue Anzahl russischer Gefangener ans dem! hier be-chäsrigten Russentrupp war da und wurde mir! Herzuchttrt ausgenommen. Herr Prediger H. verrichtete nunmehr das Mvrgengebel, hatte sogar eine Leser Thora zum Borlesen mitgeöracht und dn Schofar, dessen klänge jveilid) nur gedämpft erklingen durften, um un Lager teine Beunruhigung hervorzurusen. Mit'inniger Andacht lauschten wir den wohlbekannten klängen uns gar. oft setzte ein kräftiger Chorus ein. Herr H. sprach dann ruiüringliche Worte, fußend auf dem Bereitschaftswort unseres Stanrmvarers Abraham: „Hineni". Hier bin ich. So seien wir alle bereit, jederzeit unser Bestes herzugebeu für das Vaterland, so sollten wir aber auch in Zukunft immer bereit sein, Gott zu danken und auch zu Helsen, sollte uns eine glückliche Rückkehr vergönnt sein, die Schäden des Krieges zu lindern. Den Höhepunkt erreichte seine Rede, als er sich an die russischen Glaubensbrüder wandte, die als Gefangene in unserer Milte standen, und ihnen Trost zusprach. Da blieb kein Auge ohne Tränen, und aus den Reihen der Rusfen tönte lautes Schluchzen. Unter Todesstille beteten wir Mußaf mit dem tlefergreifenden „Uneßane Tankes" und der Awaudoy und orr Bann löste sich erst, als nach dem letzten Kaodifch, das ein Russe mrt bebender Stimme feinen von den eigenen Landsleuten erschlagenen Angehörigen nachsagte, ein lautes „Lefchonoh tLÄwoh" das allgemeine Händeschütteln einleitete. Ueber drei Stunden hatte der Gottesdienst gedauert, der sich Mer jedem Teilnehmer un¬ V - . - ' ■ . empfinden wir es, daß die jüdische Religionsgenossen schast in unserem engeren Bateriande Preußen noch immer diejenige gesetzliche Ordnung und Verfassung entbehrt und namentlich die amtliche Stellung des Rabbiners in den Gemeinden diejenige gesetzliche Grundlage und Sicherheit entbehrt, welche die Erfüllung jener höchsten Aufgabe ungemein fördern würde. Wir erhoffen, die Gewährung dieser Wünsche, welche die rheinische Rabbinerkonferenz bereits in früheren Resolutionen ausgesprochen hat, von der gesetzgeberischen Arbeit der kommenden Friedenszeit und sind überzeugt, daß sie dazu beitragen werde, das Judentum zu einem wertvollen Element in der idealen Einheit unseres deutschen Volkes zu machen." Die Ausnützung des Krieges zur Propaganda für eine Zwangsorganisation des preußischen Judentums, die nun einmal von weiten Kreisen perhorresziert wird, finden wir wenig hübsch, wenn wir auch gegen eine Stärkung des rabbtnischen Einflusses gewiß nichts einzuwenden haben. Die Dienft- und BeioldunosnerhälMe der im Felde flehenden öemeindebeamlen in Bayern. München, 17. Oktober. Eine Bekanntmachung des Staatsministeriums bestimmt: „Auf die Beamten der Gemeinden, die infolge einer Mobilmachung in das Heer, den Landsturm oder die Marine zum Kriegsdienst einberufen iverden oder bet Abkömmltchkeit freiwillig in den Landsturm etntreten, sind die Bestimmungen in den Abschn. I und ll entsprechend anzuwenden. Es wird eine Ehrenpflicht der Gemeinden sein, daß sie diese Bestimmungen auch bei freiwilligem Eintritt abkömmlicher Beamten in das Heer oder die Marine entsprechend anwenden. (Vergl. hierzu die Enrschl. d. St. M. d. In vonr 30. September 1914. — Kriegsbeil. Nr. 4 S. 131, 32.)" Dazu schreibt die „Deutsch-Israelitische Zeitung": Der bayerische Verwaltungsgerichtshof — die höchste Instanz in Berwaltungsrechtssachen — hat, wenn in einer die israelitischen Kultusgemetnden betreffenden Sache keine bestimmte Norm gegeben war, auf die Bestimmungen der Gemeindeorönung Bezug genommen und sie entsprechend auf Kultusgememden angewendet. So dürften auch hier Gemeinden und Kultusgemeinden gleichmäßig zu behandeln sein. Abgesehen davon wird es „eine Ehrenpflicht der (Kultus-)Gemeinden sein", diese Bestimmungen auch auf ihre Beamten anzuwenden. auslöschuch eingeprägt haben wird. Donnerten doch währenddessen in nächster Plätze die schweren Geschütze und ratterten die Maschinengewehre ihr tätliches Lied. Jetzt war es rührend zu sehen, wie die Soldaten die Gefangenen mit Gaben überhäuften, wie fie ihnen NUS dem Inhalt der eigenen Liebesgabenpakete Hände voll von Zigarren, Zigaretten, Schokolade und Wurst zusteckten. Roch rührender aber war es, wie die Gefangenen standhaft Geldgaben ablehnten, da es Jomtof war, trotzdem jede noch so kleine Summe sür sic einen ungeheuren Wert haben mußte. Die Gefangenen hatten nicht eigentlich Indischen Typus, sondern sahen mehr flavifch aus. Bald toste sich die bunte Versammlung ans — trotz des Feldgrau bunt, denn alle möglichen Truppen waren vertreten, neben der Hauptwaffe, der Infanterie, noch viel Artillerie, Pioniere, Train, Arrniermrgsfoloaten und chgar ein jüdischer Feldgendarm. Wir wunderten nach S . . . zurück, wo wir am Nachmittage und Abend noch Minjau machen konnten und an der Aisne verrichteten wir das Tafchlich-Gebet in großer Anzahl. Am zweiten Tage ging es nach Gr . . ., wo meist hessische Truppen liegen. Auch dort verlief der Gottesdienst in gewohnter Weihe. Als wir zurückkamen, hatte uns die Feldpost wieder genügend bescheert, um fein zu Mittag speisen zu können. Der Nachmittag sah uns schon wieder aus dem Wege zum Schützengraben, ivv wir uns mit einbrechender Dunkelheit zurückmeldeten, dankbar der genossenen, schönen und unvergeßlichen Stunden. * * —-So hatten wir uns am ersten n"n- Abend, vier Kameraden, vor unserem Ruhequartier, einer im Wald gelegenen Baracke, versammelt und unterhielten «ns vom vorigen Zahr. .. Drei von ... .r . ö».,. tJ. ’SZn~. Bus den okkupierten Bedielen. Warschau, 18. Oktober. Zu ien Bestrebungen gewisser Kreise, den C h e d e X in Polen durch die neue jüdische Schule zu verdrängen, nimmt der „Haint" wie folgt Stellung: „Im Cheder sind Generationen in guten Gewohnheiten und Sitten, in Gottesfurcht und jüdischer Hoffnung erzogen worden. Durch sie wurde ihnen Kraft gegeben, das schwere Joch der Verbannung zu tragen. Ueber die Judenschule ist bei uns viel geredet und geschrieben worden. Es gab eine Zeit, wo jeder Gebildete es für seine Pflicht hielt, die Judenschule anzugreifen, in den Schmutz zu ziehen, ihre Fehler aufzudecken und die jüdischen Lehrer zu schmähen. Unabhängig von der Stellung aber, die man zu dem Cheder einnimmt, muß man doch zugeben, daß dieser in sich viel Idealismus enthielt, den keine moderne Volksschule ersetzen kann. Und wenn diese alte Judenschule zu einer modernen Volksschule ausgebaut werden sollte, müssen wir darauf bedacht sein, ihren schönsten Inhalt zu retten, den jüdischen Geist. In einer solchen rein jüdischen Volksschule wird man den alten jüdischen Geist pflegen, aus der großen Erziehungs-- ltteratur unserer westeuropäischen Brüder die passendsten Lehrbücher auswählen und auch unseren Bedürfnissen angepaßte Lehrbücher schaffen können. Aber das wichtigste für uns ist doch, daß man in der künftigen Volksschule das Wesen des jüdischen Geistes spürt. Das kann sich aber nur durch ein umfassendes hebräisches Programm verwirklichen lassen, dessen Einführung erforderlich ist." * * * Von der Sektion der obdachlosen Juden wird der „Deutschen Warschauer Zeitung" mitgeteilt: Am 30. September befanden sich in den noch geöffneten Heimen 773 Personen, davon 412 aus Warschau und 351 auswärtige. Seit ihrem Bestehen hat die Sektion 401,733,22 Rbl. vereinnahmt und 398,257,08 Rbl. ausgegeben. In der Zeit vom 15. bis 30. September wurden 35,283 Portionen und 11,761 Nachtlager abgegeben. Seit ihrem Bestehen verteilte die Sektion 4,111,490 Speiseportionen und gewährte 1,259,733 Nachtlager. Gesterreieh-Angarn. Bus den Gemeinden. Budapest Wie alljährlich trug auch diesmal die ungarische Metropole im Elul und Tischrimonai den Stempel der Tschubazeit aus der Stirne. Hastig arbeitende Gestalten adaptierten in fliegender Eile die provisorischen Vethäuser. Ueber Nacht machten Vergnügungs-Lokalitäten eine gründliche Metamorphose durch und uns hatten den m damals zu Hause verlebt, aber einer war schon im Felde. Nach dem Rückmarsch von der Marne war er damals in Cernay und verlebte den heiligen Tag allein ohne Gottesdienst. Der Feier des Tages entsprechend verzehrten wir zuerst den Apfel mit Honig des Mekor Chajim, und sicher konnten wir noch nie mit mehr Berechtigung den „Jehi Rozaun" sagen wie diesmal. Wir haben hier allen Grund, uns ein „Schono tauwo umesucko" zu wünschen. Dann labten wir uns an einer Büchse Obst und sonstigen Flüssigkeiten. Erst kurz vor dem Zapfenstreich trennten wir uns. Am nächsten Morgen mn % 8 Uhr trafen wir uns, o. h. die Juden aus unserem Bataillon. Und nun ging 'es nach dem Truppenlager S. Dort war auf t) Uhr ein Gottesdienst angefetzt. Die Beteiligung war sehr stark. Es mögen Wohl 200 jüdische Soldaten da gewesen sein. Alle Waffengattungen waren vertreten: Infanterie, Artillerie, Kavallerie, Pioniere u.s.w., ja selbst ein jüdischer Feldgendarm fehlte nicht. lleoerall ttaf man Bekannte, und ein: „Leschono tauwo"-Wünschen ging los. Da aus einmal geht eine Bewegung durch die Massen. Alles dreht sich um. 6 gefangene Russen werden herbeigeführt. Ob die in Rußland gefangenen deutschen jüdischen Soldaten auch am m zum Gottesdienst geführt werden? Diese Frage stellte sich wohl jeder einzelne von uns. Ich glaube, kaum die russischen, also noch viel weniger die deutschen Soldateu. Wir unterhauen uns mit ihnen. Sie verstehen fast Me deutsch und sehen sehr krästig und gut genährt aus. Sie sind hier hinter der Front benn Straßenbau beschäftigt. Es tritt erst Ruhe ein, als der Prediger ruft: „Kameraden, wir wollen beten." Das erstemal, daß ich wieder seit einem halben Jahr aus einem Sefer lainen hörte! Ein Osfiziersstellvertteter sagt dann die Hastorvh.

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