Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 43 (14.10.1915)
- Date
- 1915-10-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 No. 43 Der JSraeltt. 14. Oktober ISIS Reichskanzler unterbreitet, und zwar sind es namentlich folgende drei Punkte, bei denen Gleichstellung der Juden verlgngt werden muß: 1. Geltungsdauer und Kosten des Passes, 2. Erteilung der Gewerbe-Legitimationskarten, 3. Einwanderung, Niederlassung und Erwerb von Jmmobtliarrechten. Iftiiifäraottesdienfte. Kamöurg, 11. Oktober. Auf eine Eingabe an das Generalkommando des IX. Armeekorps betreffend die Abhaltung von Militär-Gottesdiensten für Samstag Nachmittag im Winterhalbjahr 1915/16 teilt das Generalkommando Folgendes mit: »Infolge des an das stellvertretende Generalkommando IX. A.-K. gerichteten Schreiben vom 6. d. Mts. sind den Truppenteilen in Altona, Hamburg und Wandsbeck die Gebetszeiten für das jetzt begonnene Winterhalbjahr bekannt gegeben worden. Soweit es der Dienst gestattet, wird den jü- , dischen Mannschaften Gelegenheit gegeben, an den Gottesdiensten tellzunehimn." Es ist nunmehr auf Grund dieser Verfügung eine Zusammenstellung der Gebetzeiten für d ie Mil itärgottesdienste in der Synagoge Rutschbahn 11, im Winterhalbjahr 1915/16 ausgearbeitet und öffentlich bekannt gegeben worden. Aus den okkupierten öebieten. Lodz, 10. Oktober. Eine Verordnung des Polizeipräsidiums bestimmte mit dem 1. Oktober das Monopol für Zigaretten. Es dürfen nunmehr nur noch Monopolzigaretten und die noch im Verwaltungsgebier sich befindenden Zigaretten mit deutschem Steuerzeichen und dem Aufdruck „K. D. Zivilverw. für Ruff. Polen" zum Verkauf kommen. Diese Monopolzigaretten sind von dem der Polizei unterstellten Zigaretten-Monopol-Lager in Lodz zu beziehen, ein direkter Bezug aus Deutschland durch Händler ist nicht zugelaffen. Da der Zigarettenhandel bier von je Herrn jüdischen Händen lag, ist zu hoffen, datz die jüdischen Händler von der Monopolbehörde in erster Reihe berücksichtigt werden. Ebenso dürfte es sich verhalten mit dem von öer Macht zu erteilenden Rechte an Ladenbesitzer zum Verkaufe von Petroleum. FürK osch erst eis ch-Ware sind von der deutschen Macht folgende Höchstpreise eingesetzt worden. Im Großhandel: Rindfleisch I. Sorte 94 Pfg., Kalbfleisch und Hammelfleisch Mk. 1.04. Im dem klassisch schönen Marktplatz in St. Quentin, dem , das wundervoll erhaltene Rathaus die itfotc verleiht. Bor dem Monumentalbau, der heute der Qrtskommandantur zum Heime dienen mutz, staut sich die Menge der aus 4 Himmelsrichtungen herbeigeeilten frommen Krieger. Es ist der erste große Eindruck dieser an inneren Erlebnissen so reichen Tageer läßt unser jüdisches Herz höher schlagen. Dort umarmen sich zwei Brüder, hier sind es treue Freunde, die sich, im Innersten ergriffen und erschüttert, die abgemagerren Hände verstehend reichen. Sind doch fast alle nach Monaten zum ersten Male den Gräben entstiegen, und dürfen heute ihre Körper, die unsäglichen Entbehrungen und Strapazen getrotzt haben, im Sonnenlichte baden. Das feindliche Geschoß, das so manchen Teuren erreicht, hat sie bisher verschont und dessen sind sie froh. Die Qrtskommandantur hatte Borsvrge getroffen und den jüdischen Kameraden treffliche Quartiere angewiesen. Der rechte Flügel einer riesigen Kaserne ward ihnen eingeräumt, und die Hunderte peinlich saubere Lagerstätten, die dort errichtet waren, entzückten das Auge, das lange Monate von solchem Anblick entwöhnt war. Abermaliger Szenenwechsel! Rue Eambrai 10, gegen 7 Uhr abends. Der größte verfügbare Saal der Sadt — in Friedenszeilen beherbergt er ein „Kino" — füllt sich allmählich. Freudiges Erstaunen malt sich auf allen Gesichtern ob solchem Gedränge. Es mögen 850 Kameraden sein, denen Herr Rabb. Dr. Levh, tief ergriffen, einen von Herzen komnienden Scholaum- Aleichem Gruß bietet. Würdig und andachtsvoll gestaltet sich der Gottesdienst. Mittelschullehrer David von der Jsr. Waisenanstalt in Frankfurt a. 2)f. fungiert als Vorbeter und macht den in der Anstnltssynagoge seit Jahren gepflegten Ehasonns-Traditionen alle Ehre. Die sich anschließende Predigt grüßt unsere teuren Ge- Kleinhandet: Rindfleisch Mk. 1.10, Kalb- und Hammelfleisch Mk. 1.20. In der Provinz ist der Preis für Koscher-Rindfleisch auf 85 Pfg., Hammelfleisch 70 Pfg. festgesetzt. In der gestern abgehaltenen Sitzung der Jüdischen Gemeindeverwaltung wurde ein Schreiben des Herrn Polizeipräsidenten an den Oberrabbiner verlesen, wonach, neue Mitglieder des Repräsentantenkollegiums der jüdischen Gemeinde in Lodz ernannt wurden. Der Oberrabbiner führte sodann die ernannten Herren, die zu der Sitzung erschienen waren, in ihre Aemter ein. Herr Monitz machte die Anwesenden nrit dem Kassenbestand bekannt, aus welchem hervorgeht, daß die Gemeinde über keine wetteren Barmittel mehr verfügt. Herr Siegfried Lande berichtete über den Umbau des jüdischen Jrrenasyls, der dem Bauunternehmer Markusfeld übergeben wurde. Komafchorv, 10. Oktober. Am Montag, um 2 Uhr nachmittags, fand unter Beteiligung von mehreren tausend Personen aus Stadt und Umgegend die Beisetzung des im 64. Lebensjahre verstorbenen, wegen seines tiefen Thorawissens und seiner hervorragenden menschlichen Eigenschaften allverehrten hiesigen Rabbiners Hirsch Jsrealowicz statt. In der Svnagoge hielten die Rabbiner von Wolborz und Ujazd Trauerreden. Am Grabe hielt außer den genannten Rabbinern auch der örtliche Pastor eine tiefempfundene Rede, in der er auf die rege Tätigkeit des Heimgegangenen auf dem Gebiete der Armensürsorge 'hinwies, bei welcher der Verstorbene keinen Unterschied zwischen Juden und Christen gemacht habe. n"MWn Madorn, 9. Oktober. Einige Mitglieder der Jüdischen Evakuationskommtssion besuchten drei Städte im Gouvernement und veröffentlichen jetzt darüber einen Bericht. Wir entnehmen ihm folgende Einzelheiten: Odrzyw6l, im Kreise Opoezno, zählte vor dem Kriege 1500 Einwohner, darunter 500 Juden. Bon 100 Häusern sind nur die Schornsteine übrig geblieden. Der vierte Teil der Häuser gehörte den Juden. Bon 21 jüdischen Läden sind nur noch 8 vorhanden. Ein Pfund Schwarzbrot kostet 12 Kop^, ein Pfund Salz 9 Kop., ein Piund Zucker 35 Kop., ein Pfund Naphtha 30 Kop., ein Pfund Fleisch 50 Kop., ein Korzec Kartoffeln 4V- Rbl. In Klwow, Kreis Opoezno ist die Lage schrecklich. Die früher wohlhabenden Einwohner sind heute arm. Lebensmittel fehlen. Es ist nur Obst zu haben, an dem sich die Leute krankeffen. Bon 100 Häusern ist nur ein Drittel übrig geblieben. Bon 16 jüdischen Läden sind i fallenen und unsere Lieben in der Heimatsie erfleht Gottes Segen für den Sieg der deutschen Waffen gegen Neid, Rachsucht und Willkür und erhofft von ihm die endgültige Befreiung unserer unglücklichen Glaubensbrüder aus unsäglicher Knechtschaft. — In gehobenster Stimmung folgen die Krieger nach beendetem Gottesdienste der an sie ergangenen Einladung nach Rue Alfred Elin. Dort war ihnen zu ihrer freudigen Ueberraschung der „jüdische" Tisch gedeckt worden. Es ahnten wohl nur wenige unter ihnen, welche Schwierigkeiten hatten überwunden werden müssen, um diese Gestaltung der Feiertage zu wahrhaft jüdischen Festtagen durchzusetzen, Nebst der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", die die Mittel bereit gestellt hatte, gebührt Herrn Rabb. Dr. Levy und seinen wackeren Helfern, von denen nur Herr Unteroffizier Steinberger aus Dettelbach genannt sei, heißer Dank. Die gemeinschaftlich eingenommenen Mahlzeiten wurden zum äußeren Rahmen jüdischer Herzlichkeit und Geselligkeit, und verbreiteten unter den Teilnehmern jene Festesfreude, die unser ausschließliches Besitztum ist. Es war wohl keiner unter ihnen, der es in jenen Stunden nicht stolz und freudig empfunden hätte, dem „Aui Kodausch" anzugehören, mag ihm auch manches Mal diese Auszeichnung zum Quell bitterer Stunden geworden sein. Die Anwesenheit einerganzen Anzahl jüdischer Offiziere, die sich dort oben an der Tafel um Rabb. Dr. Levy scharten, gab ihnen das Bewußtsein, daß dieser Krieg schon mit manchem Vorurteil aufgeräumt hatzwei „richtig gehende" preußische Leutnants — für die meisten eine neue Erscheinung — waren darunter. Im Saale hatten sich die Brüder und Verwandten, die Freunde und Bekannten zusammengefunden, und aus allen Gesichtern strahlte eitel Freude. Vielleicht darf es in diesen Blättern erwähnt werden, daß sich eine ) nur noch 6 vorhanden. Die Stadt zählt etwa t 1500 Einwohner, die Hälfte davon sind Juden. , Die Kommission hat für die Juden eine monatliche Unterstützung von 400 Rbl. festgesetzt, f Przytyk liegt 17 Werst von Radom ent-; sernt und zählt 3000 Einwohner., davon zwei l Drittel Juden sind. Von 180 Häusern wurden von - den Russen 8 zerstört,' Läden gibt es hier 120. l Es herrscht Lebensmittelteuerung. , Witna, 6. Oktober. Soweit sich bis heute : feststellen ließ, ist die jüdische Bevölkerung der Stadt in gleicher Stärke wie in Friedenszeiten geblieben. Wohl wunderten in den letzten Tagen : der russischen Herrschaft viele der Wohlhabenden aus, dagegen haben aber große Flüchtlingsschaaren l aus der Provinz hier ihren Aufenthalt genommen, so daß das jüdische Leben hier ununterbrochen weiter pulsiert. Das Vernichtungswerk der Russen war nicht gründlich durchgeführt. Sie zerstörten wohl einige Fabriken und den Eisenbahntunnel; sie hatten jedoch keine Zeit mehr, die Brücken, sowie den Bahnhof zu sprengen. Die Polizei hat beim Verlassen der Stadt 500 Männer mitgeschleppt. Sie fiel aber samt den Mitgeschleppten in die Hände der Deutschen. Nach der Besetzung der Stadt durch die Deutschen wurden der Präsident Wenelawski, sowie zwei Stadtverordnete als Geiseln genommen, am nächsten Tage wurden sie jedoch freigelaffen. Die Bekanntmachungen der Behörden werden in deutscher, polnischer, litauischer und jüdischer Sprache gedruckt. In Orany bet Wilna sind nur wenige Häuser unversehrt geblieben. Mehrere Zivilpersonen wurden getötet. Gesterreirh-Ungarn. Aus den Gemeinden. Remetujvar. Im Atter von 81 Jahren ist einer der Besten von uns gegangen. Herr Menachein Pollak ist nicht mehr. Wie ein schöner Traum aus grauer Vorzeit raste er in unser Leben hinein. Alle Tugenden der großen Meister seiner Jugend rettete er in unsere Tage herüber. Tiefes Wissen, innige Gottesfurcht, eine empfindende Seele, einen umfassenden Geist verband er mit einem goldenen Charakter, der ihn zum Liebling eines weiten Kreises machte. Sein Tod bedeutet für uns einen Verlust, den man nicht ersetzen kann, da er uns alles war. Der Berater, Helfer, Erhalter und die Stütze. Seine vollzog sich unter Teilnahme aller Beoölkerungsschichten. Rabbiner I. G r ü n w a l d schilderte in packender Weise das Leben und Wirken dieses Frommen und Guten, von dem jeder nur sagen kann: nrcS p'“¥ daß sein Andenken ein Segen sei. n'SXJn. Z. B. A. Bonihad. Die Söhne des seligen Asriel Mü ll er haben zum ehrenden Andenken an ihren unvergeßlichen Pater eine Anzahl verschiedener dv®d gestiftet, die an nnnj” und d’PT7ö ’ra in von Russen heimgesuchten und verwüsteten Orten Galiziens zur Verteilung gelangen sollen. Gesuche sind an Herrn Rabbiner Joseph Schwarz, Bonihad. zu richten. recht staatliche Zahl ehemaliger Schüler der Hirsch'schen Schule zur Tafelrunde vereinigt hatten. Herr Rabb. Dr. Levy würzte das Mahl mit einer kernigen Anspracheer dankte allen, die zum Gelingen der Veranstaltungen beigetragen hatten, insonderheit der „Frankfurter Freien Vereinigung", die sich auch durch Ueberweisung zahlreicher Machsorim und Sidurim besondere Verdienste erworben hatte. — Machtvoll wirkte der von hunderten von Kehlen angesttmmie Gesang: „Schir Hamaalaus", dem das von Herrn Dr. Levy gesprochene Tischgebet folgte. So würdig und erhebend wie am ersten Abend gestalteten sich auch die Gottesdienste und Mahlzeiten während der beiden folgenden Tage. Amateur- und Berufschasonim leisteten vorzügliches. Man verzeihe es dem Lokalpatriotismus des Frankfurters, wenn er das am zweiten Abend von einem lieben Frankfurter Freund vorgetragene Maariw-Gebet besonders hervorhebt. Es wäre unserm verehrten greisen Qberkantor Frteständer gewiß eine stolze Freude gewesen, seinen „Kidusch" gerade in dieser Gebetsversanrmlung getreuest und formvollendet wiedergegeben zu hören. Nicht minderes Lob verdient Herr Dr. Jsak Sondheimer, der unser wackerer „Bal Tokea" war. Herr Rabbiner Dr. Levy predigte an beiden Vormittagen. Es darf hier ausgesprochen werden, daß eres meisterhaft verstanden hat, alle Teilnehmer des Gottesdienstes zu erbauen und zu begeistern. Hatte ihm sein nimmermüdes Wirken schon seit Monaten die Liebe und Anhänglichkeit jedes einzelnen „seiner^ Soldaten gesichert, so durfte er sich an diesem Roschhaschonoh des stolzen Bewuftseins freuen» daß feine Predigten, über seine Person hinaus, Liebe zum Judentum auch in jenen Herzen pflanzten, die ihm bisher kalt und