Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 43 (14.10.1915)
- Date
- 1915-10-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448506-2448548--67760-2488668- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
H. Oktober 1915 Der ISraeltt. No. 43 Sette 3 derrr verzeichnen. Jedoch ist diese Bewegung, ef.ufo wie die PLvduktivgenossenschaftrn der jüdiArbeiter, durch ungünstige politische Umste.'^'e von vornherein in ihrer Entwicklung gehe umt, wenn nicht unmöglich gemacht worden. Neben dem „Bund", ter nur eine Abteilung der russischen Sozialdemokratie darstellte, haben sich innerhalb der jüdischen Arbeiterschaft zuua;,t unter zionistischem Einfluß noch andere „nationale Arbeiterorganisation" gebildet. Die Zahl der in diesen Arbeiterparteien fest organisierten Arbeiter betrug in den Zeiten ihrer Blüte etwa 20—25000, so daß man nicht sehlgeht, wenn man annimmt, daß die gesamten jüdischen Industriearbeiter sozialistisch oder gewerkschaftlich organisiert waren. Im Gegensatz zum „Bund" behaupten die Programme dieser Arbeiterparteien, daß die endgültige Lösung der jüdischen Frage nicht in Rußland, sondern in der Bildung einer autonomen Gemeinschaft in Palästina oder auf irgend einem anderen Territorium zu suchen sei. In bezug auf die ökonomischen Kämpfe hatten die nationalen Arbeiterparteien dieselbe Taktik wie der „Bund"/ hingegen haben sie auf dem Gebiete des Nationalen eine Reihe von neuen Gedanken in die jüdische Arbeiterschaft hineingebracht, die ihre Wirkung in der Zukunft nicht verfehlen werden. Prof. Max Weber leitete die Debatten des zweiten deutschen Sozialistentages über das Recht der Nationalitäten mit dem Hinweis darauf ein, daß die wichtigsten Quellen hierüber in den Verhandlungen, die in Rußland während der Revolution geführt worden sind, zu suchen seien/ dieser Hinweis wäre dadurch zu ergänzen, daß von allen anderen Nationalitäten Rußlands die jüdische am meisten zur Begründung und Erweiterung dieses Problems beigetragen hat. Ja, man kann sogar mit einem gewissen Recht behaupten, daß der einzig eigenartige politische Gedanke des jüdischen Proletariats in der Forderung besonderer Verfassungsrechte füc b*e jüdischen und für andere nationale Gemeinschaften besteht. Schon die erste jüdische Arbeiterorganisation, der „Bund", begründete ihre Existenzberechtigung „durch den Kampf um die Aufhebung der bürgerlichen Beschränkungen der Juden und die Unumgänglichkeit des Gebrauchs der jüdischen Volkssprache bei der Organisation". Diese Betonung der Notwendigkeit der jüdischen Volkssprache verdichtete sich im Laufe der Zeiten zur Forderung einer sprachlichen Autonomie für das jüdische Volk. Und im Jahre 1907 stellte der „Bund" folgende Forderungen auf: „Vollständige Freiheit im Gebrauch der Muttersprache, Anerkennung der Gleichberechtigung ihrer Sprache in den öffentlichen und staatlichen Ein- * richtungen überall dort, wo die Juden einen bedeutenden Teil der Bevölkerung bilden. Die Verwaltung sämtlicher Kulturangelegenheiten durcst diese selbst, bezw. durch von ihr gewählte zentrale und lokale Instanzen (national-kulturelle Autonomie)". Die Eigenart des bundistischen Programms bestand jedoch darin, daß, obwohl eine Sprachenautonomie verlangt wurde, der „Bund" in seiner praktischen Arbeit die nationalen Eigenschaften der jüdischen Massen wenig berücksichtigte/ vor allem war er nicht geneigt, auch die wirtschaftlichen Besonderheiten m der Struktur der jüdischen Bevölkerung und die Notwendigkeit ihrer besonderen rechtlichen Regulierung anzuerkennen. Eine lückenlose und eine vollkommenere Begründung der national-politischen Autonomie fiel den jüdisch-nationalen Arbeiterparteien zu. Im Jahre 1906 erschien in russischer Sprache (und dann übersetzt in jiddischen Zeitschriften) eine Sammlung von Aufsätzen, die streng wtflenschaftlich die Notwendigkeit der national-politischen Autonomie für die Juden Rußlands darlegtens). Die Anhänger dieser Autonomie gingen von dem Standpunkte aus, daß die nationale Eigenart des jüdischen Volkes alle Erscheinungen seines sozialen Lebens — Recht, Kultur und Wirtschaft — bestimmt. Sie betonen deshalb die Notwendigkeit einer rechtlichen Organisierung derjüdischen Gemeinschaft als einer juristischen Persönlichkeit mit selbständigen autonomen Vertretungs- und Verwaltungskörperschasten, die in einer jüdischen Nationalversammlung (oder einem jüdischen Nationalrat) gipfeln sollen. Die Entwicklung des jüdischen Lebens in Rußland hat zur Verwirklichung der nationalen Autonomie des jüdischen Volkes nicht geführt. Sicher gingen die Postulat? der jüdisch-nationalen Arbeiterparteien in dieser Beziehung zu weit. Doch ist sicher anzunehmen, das überall dort, wo verschiedene nationale Gemeinschaften zusammen auf einem Staatsgebiete wohnen, die Frage ihrer rechtlichen Organisation immer wieder zu der Erörterung der Prinzipien der national-politischen Autonomie führen wird. Drei Eigenschaften sind aber zur Umsetzung dieser Prinzipien in die Praxis nötig: scharfes juristisches Denken, hervorragendes organisatorisches Talent und eine eiserne Disziplin. Das jüdische Volk besitze zu einem gewissen Teile diese Eigenschaften. Und was es in Rußland nicht erreichen konnte, das wird es vielleicht mit Hilfe des deutschen Geistes noch vollbringen. 9 „Die Regeneration", Eine Sammlung von Aufsätzen. 1906. . Vermißte jüdische Familien. XXXVI. Es sucht: Es werden gesucht: Pinkas Lipkowitz aus feine Frau Slowa Lip Nowogrod bei Lomza, z. kowitz aus Nowogroö Zt. Frankfurt a. M., und 3 Kinder. Die Ja- Hospital der isr. Gemilie wohnte zuletzt in meinde, Gagernstr. 36. der Slodnestr. 227. Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. #1*1 r. \\ Lorrespondenzen und Nachrichten. Deutsches Reich. Judenrechf in Rußland und der deuffdie Handel. Kamvirrg, 6. Oktober. Bonseiten des Handelsvertragsvereins wird dem „Hamburger Fremdenblatte" geschrieben: Bekanntlich unterliegt die Stellung der Juden in Rußland noch vielen öffentrechtlichen wie privatrechtlichen Beschränkungen. Die Beseitigung dieser Ausnahmegesetze liegt nun auch im Interesse der deutschen Geschäftswelt, da deren mit Rußland arbeitende Vertreter ja zum sehr großen Teil jüdischer Konfession sind. Schon im deutschrussischen Handelsvertrag von 1904 waren demgemäß einige Zugeständniffe verlangt und auch durchgesetzt worden. Aber einmal waren diese Zugeständnisse noch durchaus unzureichend und dann ist ja der Handelsvertrag jetzt durch den Krieg hinfällig geworden. Die Kundgebungen des Zaren an seine „lieben Juden" dürften wohl schwerlich allzu weitgehende praktische Ergebnisse haben, wenn Rußland erst einmal den äußeren und inneren Friedenszustand wiedererlangt hat. Es wird deshalb dringend erwünscht sein, in den Friedensvertrag mit Rußland Klauseln aufzunehmen, die die Befreiung der Juden von den bisherigen Beschränkungen in Rußland ein für alle Mal sicherstellen. Diesen Wunsch haben der Handelsvertragsverein, der Hansa-Bund und der Verein deutscher Fabrikanten und Exporteure für den Handel mit Rußland in einer gemeinsamen Eingabe soeben dem Wenn uns daher die Moseshand auch nicht ats fi/^fifi *rn, als die ganz gewaltige gerade in dem allerietzren Zug geschildert würde, so dürsten wir doch nach allem Bisherigen annehmen, daß der Tod auf diese starke Hand nicht den lähmenden Einfluh hatte, den er sonst ausübt. Die erkaltende Hand Moscheh Rabbenus hatte noch den Gesetzesgriffel ersaht und ihn mit Gottes Beistand und im Verein mit Iosuas Führung in den Stand gesetzt, sein eigenes Hinscheiden aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit durch die Worte zu? rtpo in seiner Thora festzuhalten. Es war nichr mehr seine Kraft allein, die dazu ausrcichte, sondern es war eine Verbindung und Mischung mit derjenigen des höchsten Gesetzgellers, und des zur Seite des scheidenden Lehrers auch dem Volke gegenüber bereits ein geführten Nachfolgers, Joschua. Diese Mitwirkung Iosuas wird auch durch die Worte angedeutet, die unmittelbar auf die Schilderung von Moschehs Tod folgen; „Josua, Sohn Nuns, war erfüllt vom Geiste der Weisheit, denn Moscheh hatte seiue Hände auf ihn gestützt." Er war bereits bei Lebzeiten Moscheh's von diesem als Nachfolger eingesetzt. Nach einer Schilderung der Weisen habe Moscheh in seiner Scheidestunde auch für seine Person die Autorität Joschua's als Führer Israels anerkannt, nt?» “jSn -j?r6 nL' v\pw btr '.rrzb -Sm nva a*rcn xsnn' Vjitöwb. Der scheidende Meister »trachte seine ehrenamtliche Aufwartung bei Joschua und ging öffentlich zu seiner Linken, um auch durch diese Aeuherlichkeit die absolute Autorität seines Nachfolgers auch in Bezug auf den Abschluß der M o s e s s ch x t f t öffentlich zu beglaubigen. In diesem Sinne bedeuten auch die uer schiedenen Auffaffungen der Weisen über die Art und Weise der Niederschrift der 8 letzten Verse keinen Widerspruch, sondern eine gegenseitige Ergänzung. Moscheh im Beisein u n d unter Mitwirkung Iosuas hat auch diese Schlußsätze nach dem Diktate Gottes niedergeschrieben. Nun dürste auch der Schlußsatz dieser merkwürdigen Talmudstelle unserem Fassungsvermögen näher gerückt sein: fi°»pfi |X2» z~',z: ioix mpoi laue rrspn ,'rn "rj? yz-z z~:z fiL'v; ic:k. Bei der ganzen Thora erging das Gotteswort an Moscheh, dieser sprach es nach und schrieb es dann auf. Diesen letzten Passus jedoch konnte Moscheh nicht mehr nachsprechen. Das Sprachvermogen, welches den noch lebenden Menschen ganz besonders auszeichnet, hat in dem letzten Zuge auch bei Moscheh Nabbemr zu funktionieren ausgehört. Leben und Tod rangen mit einander, beide machten ihren Einfluh geltend »ri» ntroi und in dieser Mischung von Leben und Tod — vollzog sich stillschweigend die Niederschrift der nicht nachgesprochenen n;oe> mtfH ^1828» Schwierig bliebe nun aber noch die zweite Talmudstelle, die von diesen 8 Versen handelt und das Vorlesen bei mTin rxnp ketrisft. (Schluß folgt). Kleines Feuilleton. Die Feiertage im Felde. Roschha chonoh in St. Quentin. Nun war er endlich gekommen der lang- und hetßersehnte Rüsttag zum Röschhaschouohfeste, der die jüdischen Kameraden der zweiten Armee zum Zentralgottesdienste in St. Quentin versammeln sollte. Wie hatte ihm der alleinstehende jüdische Soldat, die Vorfreude in seinem Innersten verbergend, entgegengeharrt, wie sehr war er einziger Gegenstand der Gespräche in den Feierstunden geworden, dort wo ein gütiges Geschick mehrere jüdische Kameraden im Schützengraben oder in der Ruhestellung vereinigt hatte. In einerganzen Reihe vorbereitender Gottesdienste hatte sie ihr verehrter Feldrabbiner Dr. Emil Levy, der nicht Ruhe noch Rast kennt, mit den» Geiste des Ellul-Monats erfüllt. Sein schnelles Auto hatte ihn in die entlegensten Stellungen geführt, und wo er hinkam, wurde „zum Sammeln geblasen." Man hatte damit gerechnet, daß etwa 30" Kameraden dem Rufe des „Schosar" Folge leisten wlirden, umsomehr, als es einer großen Anzahl möglich war, einen Heimaturlaub zu erwirken. Doch schon das Bild, das die zu den Eisenbahnstationen führenden Landstraßen boten, und erst öle Stationen selbst, liehen sofo.t erkennen, daß die Schätzung viel zu tief gegriffen war. Ueberflüssig zu schildern, wovon während der Bahnfahrt, die beispielsweise von meiner Stellung aus über 4 Stunden dauerte, geredet wurde. Das aüfhorchende Ohr konnte dort Teile einer Unterredung erlauschen, in der über einen gemeinsamen alten Onkel hinwev verwandtschaftliche Brücken geschlagen wurden, um hier einer lebhaften Auseinandersetzung, die das heikle Thema „jüdische Gegenwartspolitik" behandelte, zuzuhören, einer Auseinandersetzung, die — obwohl ans einem verstaubten offenen Kohlenwagen zwischen Ba paume und St. Quentin — von zwei echten Schützengräblern, behelmt und das Gewehr geschultert, nicht weniger leidenschaftlich geführt wurde, als etwa während eines Schabbos-Nachmittag-Spaziergangs in den Frankfurter Anlagen. Szenenwechsel! Am Nachmittag gegen 4 Uhr auf