Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 42 (7.10.1915)
- Date
- 1915-10-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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.«ss1 MWff *im 7. Oktober 1015 Galizien an die gesamte Oeffentlichkeit mit der Bitte um Hilfe heran. Brn den- 840,000 Juden Galiziens sind nahezu 9/10 vollständig zugrunde gerichtet. Der grausame russische Bezwinger hat in seinem blinden Wahn den Juden gegenüber eine Verfolgungstaktik eingeschlagen, wie sie barbarischer nicht gedacht werden kann. Hunderte von gesunden, arbeitsamen und wohlhabenden Männern sind hingemordet worden, viele Tausende wurden fortgeschleppt, um im Jammer und Elend zu verkümmern, während ihre Frauen und Kinder, obdach- und mittellos * zurückgeblieben, dem Hungertode preisgegeben sind. Hab und Gut der Juden wurde vernichtet, selbst heilige Stätten, wie Tempel und Gottesäcker wurden nicht verschont, Thoraroüen wurden zerrissen und geschändet. Ganze jüdische Gemeinden sind vom Erdboden vollständig verschwunden, die Arbeit von Jahrzehnten wird schwerlich genügen, um all die Wunden zu heilen, welche der Krieg und ein durch Hatz und Verfolgungswut geblendeter Feind den galizischen Juden geschlagen hat. Der Staat wird seinen treuen, unglücklichen Bürgern seine Hilfe sicherlich nicht versagen, doch wird dies in Anbetracht der unermetzlichen Not nicht hinreichen. Bor allem ist aber augenblickliche Hilfe vonnöten. Schon die im Zuge befindliche Repatriierung der Flüchtlinge, nicht minder aber auch die Erhaltung derjenigen, denen es unmöglich geworden ist, in ihre zerstörte Heimat zurückzukehren und die Unterstützung der verarmten Gemeinden erfordert täglich bedeutende Summen. Ganz außerordentliche Mittel aber wird der Wiederaufbau der vernichteten Existenzen in Anspruch nehmen. DaS jüdische Rettungskomitee für Galizien mit feinem Sitze in Lemberg hat bis heute 408,000 Kronen, welche ihm ausschließlich von der Privatwohltätigkeit der Glaubens- und Siammesgenossen zur Verfügung gestellt worden sind, zur Linderung der Not unter den Juden Galiziens ausgegeben. Nun sind feine Mittel beinahe erschöpft. Dahingegen sieht eS sich vor neue Aufgaben gestellt, welche von Tag zu Tag wachsen, zumal durch die Befreiung deS ganzen östlichen Teiles von Galizien sein Wirkungskreis sich bedeutend erweitert hat. Im Namen der jüdischen Bevölkerung Galiziens erlaubt sich somit das gefertigte Komitee an die weitesten Kreise der gesamten Oeffentlichkeit sich mit der dringenden Bitte zu wenden, uns in unserer schweren Arbeit helfend beistehen zu wollen." Eventuelle Beträge sind zu richten an das jüdische Hilfskomitee, zu Händen des Borsitzenden, Herrn Kaiserlichen Rats Jakob Stroh, Lemberg, Bernsteina 12. Jfctflltmfr. Das Chaos der Flucht. Zürich, 20. Septbr. Der Jüdische Arbeiterbund schildert in einer von seinem auswärtigen Komitee unter dem Titel „Der jüdische Ruin in Rußland" herausgegebenen Broschüre die heillose Unordnung, mit der der Abzug der Flüchtlinge, meistenteils Juden, aus den Grenzgebieten vor sich geht. Da Polen und Litauen die am meisten vom Feinde bedrohten Gebiete waren, entschloß sich die russische Regierung kurzerhand, Der JSraeltr. alle Juden nach der Ukraine abzuschieben — dem einzigen noch übrig gebliebenen Gebiet der sogen, „jüdischen Ansiedlungszone." Dabei wurde gar nicht beachtet, daß dieses Gebiet sowieso mit jüdischer Bevölkerung überfüllt ist. So wurden z. B. alle Flüchtlinge aus dem Gouvernement Suwalki meistenteils nach dem Gouvernement Kiew befördert, ebenso die aus Grodno, Kowno und Kurland. Rach den Angaben der russischen Presse waren nur nach einer Stadt, Rowno (Wolhynien), am 29. Mai 250 jüdische Familien aus Grodno gekommen. Den kurländischen Flüchtlingen wurden auch nur urkrainische Gouvernements, Tschernygew, Poltawa, Jekatertnoslaw und Taurten, angewiesen. Dem „Nußkoje Slowo" schrieb man am 7. Mat aus Minsk: „Insgesamt sind heute 8000 Juden vorbeigekommen. Alle begeben sich nach den Dnjepr- Gouvernements." Nach den Angaben einer anderen Zeitung, „Raßwjet", waren Ende Mai in der Stadt Mariupol einige Tausend Juden angekommen, in Jekaterinostaw 300. In der kleinen Stadt Berdjansk waren, wie „Jewrjskaja Njedjela" meldet, 920 Juden aus Kowno angekommen. Wie dieselbe Zeitung schreibt, sind jetzt im Gouvernement Poltawa allein 12,000 Flüchtlinge konzentriert. Am 30. Mat ist aus Riga ein Zug mit 1100 Flüchtlingen abgegangen, alle nach einer kleinen Stadt (Melitopol) in Täurien verwiesen, die nicht mehr als 20,000 Einwohner zählt. Die Zahl der angekommenen jüdischen Flüchtlinge war so groß, daß sie in vielen ukrainischen Ortschaften und Städtchen die Zahl der ansässigen Juden überstieg. Das alles aber bewog die Regierung keineswegs die sinnlose gewaltsame Fortschaffung der Juden auszugeben. Die M der ga(i?ifchen Juden in Sibirien. Stockholm, 29. Septbr. Die Not der galizischen Juden in Sibirien ist unbeschreiblich groß. Dem „Djen" zufolge hat die jüdische Gemeinde in Tomsk eine Bittschrift an das Jrkutsker Hilfskomitee gesandt, die wie nachstehend lautet: „Es leben hier nicht Hunderte, sondern Tausende von Juden, die man auf administrativem Wege aus Galizien und Russisch-Polen Vertrieben hat, und die bis zum Kriegsende hier interniert bleiben. Die größte Zahl dieser Unglücklichen sind mittellos, ohne Hoffnung, etwas aus ihrer Heimat zu erhalten. Nach langer Reise halbbekleidet und halbbeschuht m Tomsk angekommen, mit der Verzweiflung im Herzen und flehenden Bitten um Hilfe auf den Lippen, haben diese Tausende Tomsk passiert. Was konnten wir mit unseren kleinen Mitteln tun? Man müßte viele tau¬ No. 42 Seite ö sende Rubel haben, wir haben kaum hunderte- Unbefriedigt mußten wir sie weiterziehen lassen, kaum daß wir ihnen die nötige Wäsche für eine Woche verschaffen konnten. Diese Tausende von Unglücklichen stehen um Hilfe. Es kommt der strenge sibirische Winter, und sie haben nichts, womit sie sich nachts bedecken könnten." Judenabfchiebungen aus Kiero- Bukarest, 17. Septbr. Ein Erlaß des russischen Ministers des In- ‘ nern, FürstTscherbatow, an die Verwaltung des Gouvernements Kiew ordnet die Abschiebung sämtlicher Juden, die bei dem russischen Rückzug aus Galizien evakuiert waren und die sich bisher in Kiew und Umgegend befanden, nach Galizien an. Sie sollen zur Verfügung des russischen Gouvernements tn Tarnopol gestellt werden. Nach einer anderen Mitteilung über Stockholm, berichtet der „Kurjer Litewski", daß über Kiew nach Galizien 37 Wagen mit galizischen Juden zurückgesandt worden seien. England. Aus den englifdien Konzentrationslagern, London, 29. September. Mit Bezug auf eine von uns gebrachte Notiz aus London, wonach für die dort internierten Juden in religiöser Beziehung nicht gesorgt sei, wird uns von zuverlässigster Seite mitgeteilt, daß nunmehr alle in England internierten Juden, die auf Kaschruth Gewicht legen, in dem Internierungslager Jsle of Main vereinigt sind und dort rituell zubereitetes Esten erhalten. Sie halten auch gemeinsame Gottesdienste ab. Ende August waren dort 180 Juden vereinigt. Die Verpflegung geschieht für Mittellose ganz umsonst,- diejenigen, die zahlen können und wollen, geben ein Entgelt von einem Schilling die Woche. Di« nrbeiter gegen die russischen Judenoergeroaltigungen- London, 22. Septembr. Wie die Zeitungen berichten, hat der Englisch-jüdische Arbeiterverband für jüdische Rechte an den englischen Gewerkschaftskongreß folgendes Telegramm gesandt: „Der vor einiger Zeit gegründete Arbeiterverband für rechtliche Gleichstellung der Juden in Rußland und Rumänien, der die jüdische organisierte Arbeiterschaft Londons und der Provinz vertritt, möchte in diesem entscheidungsretchen Moment eure Aufmerksamkeit' auf die unerhörten Verfolgungen lenken, denen die jüdische Bevölkerung ,1 die schützende Mauer des Grabens bringt, einen genauen Einblick in das Gelände bis auf 20 km. und je nach der Witterung noch weiter. Es entgeht dem Beobachter keine sichtbare Bewegung des Feindes in diesem Gebiet und kann unter Zuhilfenahme dieses Instruments auch das kleinste Ziel auf große Entfernung genau unter Feuer genommen werden. — Eiligst fülle ich meinen Brotbeutel noch mit Proviant für 24 Stunden und mache mich gleich auf den Weg nach dem mir bezeichneten Ziele. Noch vor Eintritt der Dunkelheit erreichte ich den bereits oben erwähnten Ort der nur noch einen Trümmerhaufen bildet und noch einigen kleinen Abteilungen Infanterie Unterkunft gewährt. Dieser Ort war vor wenigen Tagen das Ziel feindlicher Bernichtungswut. Weichin sichtbar, aus einer Anhöhe liegend, heben sich seine Trümmer gegen den Horizont ab. Bombensichere Barrikaden verhindern das Eindringen von feindlichen Geschoffen in wichtige Beobachtungsstellen. Am Ausgang aus dem Orte treffe ich einen „alten" Kameraden meines Regiments, der mit einem ähnlichen Auftrag wie dem meinigen dem gleichen Ziele zustrebt. Wir passieren dann gemeinsam die äußersten Ortswachen, und treten unter dem Schutz der inzwischen eingetretenen Dunkelheit in das offene Gelände ein, wo tagsüber der Gegner auf den einzelnen fich zeigenden Mann gleich aus einem Dutzend Gewehrlause feuert. Nach circa 100 Schritten stoßen wir auf unsere zweite Verteidigungslinie, die sich zu beiden Seiten der Straße in schlangensörmigen Linien hinzieht. Nach kurzer Meldung an den Wachthabenden passieren wir auch diese Verteidigungsstellung. Wir haben den schmalen Weg, der hier durch unübersehbare Drahrveryauflächen gebahnt ist, hinter uns. Don hier aus müssen wir, um unser Ziel aus dem kürzesten Weg zu erreichen, über eine weite Wtesenfläche. Mein Begleiter, der in diesem Teil der Front gut bekannt ist, macht mich darauf aufmerksam, daß diese Fläche des öfteren von feindlichem Jnfanteriefeuer bestrichen wird. Diese Informierung war sehr nötig. Denn, nachdem wir noch einige Minuten lautlos nebeneinander unserem Ziele entgegengehen, krachen links von uns kurz hintereinander 3 Gewehrschüffe mit dem wohlbekannten Knall, der unter dem Namen „Quatschkops" auch jedem Artilleristen bekannt ist. Unwillkürlich und vorschriftsgemäß werfen wir uns sofort nach dem ersten Knall stach aus den Boden, die Mündung des geladenen Karabiners nach der Richtung des vernommenen Schalles gerichtet. Wir haben uns noch nicht richtig hingemorsen, als wir dreimal über unseren Köpfen st st st — das ominöse Pfeifen — hören. Offenbar haben die drei Kugeln uns gegolten. Ohne feststellen zu können, aus welchem Versteck heraus der Feind uns beobachtet, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß Horchposten im Borgelände sind, müssen wir untätig tn unserer Situation ausharren, bis wir nach einiger Zeit annehmen dürfen, daß wir uns weiter bewegen können, ohne gesehen oder gehört zu werden. Wir erreichen denn auch kriechend bald eine Hecke, hinter deren Schutz wir unseren Weg sortsetzen. Nach weiteren 10 Minuten langen wir wohlbehalten im vordersten Schützengraben an. Wir atmen erleichtert auf und sind froh, uns jetzt „freier" bewegen zu können. Die Infanteristen begrüßen uns mit halb erstaunten Gesichtern. Der Besuch von Artilleristen scheint ihnen ein besonderes Ereignis zu sein. Durch verschiedene Laufgräben und Schützengräben, die hier mit bequemen Unterständen versehen kunstvoll ausgebaut sind, gelangen wir zu der Stelle, wo sich der Beobachtungsoffizier unserer Batterie befindet. Nachdem derselbe von unserem Auftrag Kenntnis genommen, schickt er meinen Begleiter an eine andere Stelle des Schützengrabens, während ich redlich mit ihm und einer Unmenge von Feldmäusen den engen Beobach' tungsraum teilend, in demselben die Nacht verbringen soll. Schlafen kann und soll ich nicht. Ersteres weit nicht genügend Platz vorhanden ist, sich der Länge nach auszustrecken, zweitens, weil ich für die Bedienung der hier befindlichen Fernsprech-Apparate, sowie des Scherenfernrohres verantwortlich bin für den Fall, daß die Artillerie während der Nacht eingreifen muß, was jedoch während dieser Nacht unterbleiben konnte. Während der langen Stunden bis Tagesanbruch habe ich Gelegenheit, so manche stille Betrachtung im Anschluß an meine etwas seltsame Situatton anzuknüpfen. Hätte ich ein Chumesch zur Hand gehabt, ich hätte die Sidroh mit allen „Meforschim" mawir sein können) so aber muß ich mich begnügen, so gut es geht, mir aus dem Gedächtnis einiges aus der Sidroh vozusingen. netten? „geht!" Wer könnte es nicht verstehen, daß in dieser 7i2e'-Nacht, an solcher Stelle, so mancher p:ss dieses nim-Abschnittes mächtig und nachhaltig mein Innerstes beschäftigte! B^pa nj?, piastt ans?, b',z: n:cn und gar nwr v2! welcher Kontrast diese Eigentum, Persönlichkeit und Leben peinlich schützenden Institutionen mit dem gewaltigen Bernichtungskampf der Völker. Und dennoch, wenngleich nur ahnend, will mir'S scheinen, als sei es dieselbe Gotteshand, die hier im Ringen ihre eisernen Gesetze in die Tafeln der Weltgeschichte schreibt, dieselbe Gotteshand, die vor Jahrtausenden jene Leben und Eigentum heilig schützenden Institutionen schuf! .... I. M. (Eine Reihe von Feldpostbriefen, die die verlebten Feiertage schildern und übereinstimmend die hohen Verdienste des Feldrabb. Dr. Emil Lewy um die jüdischen Soldaten hervor^ben. mußte wegen Raummangels für dienlichsten ^urückgestellt werden. D. Red ) Ä um ■-