Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 42 (7.10.1915)
- Date
- 1915-10-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«eite 4 No. 42 .. , . -C” ■ - Der JSraeltt. 7. Oktober 1015 I 5 >> f,!: i t t I an mechanischen Stühlen beschäftigt sind, ist sehr unbedeutend." So faßt Dr. S. Margolin das Resultat seiner Untersuchung über die Beschäftigung der jüdischen Arbeiter des AnsiedlungSrayons außer Polen in folgenden Worten zusammen: „Die jüdischen Arbeiter nehmen einen vorwiegenden und fast ausschließlichen Anten an den Endstadien des Produktionsprozesses, während ihre Teilnahme an der Produktion in dem Maße ihrer Annäherung an die Anfangsstadien der Produktion rapid abnimmt. Während in den Handschuh-, Zündholz-, Knopf-, Seifen-, Graupen- und anderen Fabriken, die der Verfertigung von Genußgütern dienen, der Prozentsatz der Mischen Arbeiter überall 80 Proz. übertrifft und mancherorts sogar 100 erreicht, finkt die Teilnahme der jüdischen Arbeiter an der Gußeisen-, Maschinen- und Drahtindustrie bis auf 0,7 oder gar 0,0 Prozent herab." Bevor wir auf die Ursachen der Nichtindustriealifierung der jüdischen Maffe eingehen, wollen wir noch einen kurzen Blick auf eine andere Gruppe der jüdischen Arbeiterschaft werfen, die zwar nicht zu den jüdischen Proletariern,in wissenschaftlichem Sinne gehört, jedoch vieles Gemeinsame mit ihnen hat: ich meine die untersten Schichten des jüdischen Handwerks, die in der berüchtigten Heimindustrie des Ansiedlungsrayons organisiert sind. Diese Organisation entstand durch Hinzutreten des Magazinunternehmers zwischen Handwerker und Konsumenten, das durch eine Reihe von besonderen Umständen begünstigt wurde, vor allem freilich dadurch, daß die Bekleidungsindustrie im weitesten Sinne des Wortes die überwiegende Beschäftigung der jüdischen Handwerker bildet. Der Magazinanternehmer — der Verleger — hat das in vielen Städten und Städtchen zerstörte jüdische Handwerk kapitalistisch organisiert. Die Lage der Handwerker, die nunmehr völlig vom kapitalkräftigen und den Markt und die Arbeitsverhältntsse gut überschauenden Unternehmer abhängig wurden, wurde bis zur Unerträglichkeit gestaltet. Mehr als die Hälfte (50,70 Prozent) der jüdischen Handwerker werden in der Hausindustrie beschäftigt. Ihre Bezeichnung als „Handwerker" ist eigentlich irreführend. Bon einer Selbständigkeit, die gewöhnlich den Handwerker auszetchnet, kann bei ihnen keine Rede sein. So bilden sie zusammen mit den übrigen jüdischen Industriearbeitern die große Masse der jüdischen Arbeiterschaft des Ostens. (Schluß folgt). den. Die Zeit und Gelegenheit können nicht günstiger sein, um jetzt zu den Tefilltn in meinem Mantel zu greifen und nnntp zu beten. Nicht immer gelingt es gerade zu dieser dem ri'-iw-Gebet geweihten Stunde den geeigneten Platz und die Zeit zu finden, die Tefillin anzulegen, und des Tages Arbeit mit dieser so führ den jüdischen Soldaten vesriedigenden Mizwoh zu beginnen und zu krönen. So ist es mir heute, am 2. Tag m, am 1. Wh, eine besondere Freude, so ungestört von Freund und Feind das Morgen-Gebet verrichten zu können. Als ich in meiner kleinen Tefillvh das noch ziemlich ungebrauchte Blatt von bbrt ausichlage, da lasse ich meinen Gefühlen freien Lauf, und mit lauter Stimme rufe ich die herrlichen Psalmen in unseren alten Ntgunim hinaus in die Morgenluft. — Sinnend und halb träumend lege ich die TefiUin wieder ab. Ich befinde mich in Gedanken plötzlich in meiner lieben Heimat und glaube mich genau 1 Jahr jünger, wo zur selben Stunde die ersten Schofarröne in „Schul" ihren undefinierbaren Zauber auf mich auSübten.- Wie lange ich so in Gedanken versunken dagestanden, weiß ich nicht. Ein guter Kamerad hat mich beim Kaffeeirinken vermißt, und, nachdem er mich in meiner „gedeckten Stellung" aufgefunden, aus meinem schönen Traum erweckt, damit ich das Versäumte nachhole. Die nächsten Tage verlaufen ohne besondere Ereignisse. Eine kleine Ausnahme bildet die darauffol- Sende Nacht, in welcher wir kurz nach 1 Uhr durch en uns wohlbekannten Pfiff unseres Batterie-Offiziers aus dem ersten Schlaf geweckt werden. Zwei Minuten orher ist nämlich von unjerer Beobachtung durchs Telefon gemeldet worden, daß hart westlich des Ortes }). soeben ein Eisenbahnzug mit erleuchteten Fenstern zrfichtet ist, der anscheinend einem Milttärtransport Vermißte jüdische Familien. Es sucht: Es werden gesucht: Familie Katz. Meldungen Berich Katz a. Lodz, versink zu richten an Rabb. mißt seit dem 1. August Dr. Ne uh a us,Ostrow 3914. in Posen. Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. Lorrespondenzen und Nachrichten. Deutsche» Reich. Ruszablung 9ez MensgegelöeL an gelefcesfreue jüdifdie Soldaten. Isrankfurt a. M., 3. Oktober. Durch eine Verfügung des KriegsministeriumS vom 3. Oktober 1913 wurden fr. Zt. die Truppenkommandeure ermächtigt, einzelne Leute, die unter Berufung auf die Religionsgesetze sich selbst zu verköstigen wünschen, von der Teilnahme an den gemeinschaftlichen Speiseeinrichtungen zu entbinden. Wie wir erfahren, ist nunmehr durch eine neuerliche Verfügung vom 23. August dss. Js. (No. 522) festgestellt worden, daß diese Bestimmung auch für die Dauer der Kriegszett gilt. Mannschaften, die sich hiernach selbst verköstigen, haben Anspruch auf Auszahlung einer Geldabftndung gemäß § 28 2b der Kriegsverpflegungsvorschrift bezw. auf den erhöhten Satz gemäß Verordnung vom 5. Septeniber 1914 (No. 829). Für die Erhaltung des religiösen Pflichtgefühles unter den jüdischen Mannschaften und zur Vermeidung harten Gewissenszwanges ist es von größter Bedeutung, daß diese wohlwollenden Anordnungen des Kriegsministeriums in der Praxis überall Verwirklichung finden, wozu die Herren Rabbtnen, Lehrer und Gemeindevorstände als natürliche Berater der jüdischen Mannschaften gewiß gerne bettragen werden. Die öendlßeruns In DeuM-Polen. Lodz, 17. September. Die letzte Volkszählung im Königreich Polen fand im Jahre 1909 statt. Die ansässige Bevölkerung betrug damals 11935000. Ihrer Abstammung nach waren es: dient. Da diese Eisenbahnlinie in dem Schußbereich unserer Batterie liegt, sollen wir sofort eine vernichtende Salve hinüberjagen. Schneller als ich es niederschreibe, sind sämtliche vier Geschütze auf den lauten Ruf des Batterie-Offiziers „Ans Geschütz!" besetzt. Die Hauptrichtung wird einstweilen ungefähr eingestellt, und lautlos ohne sich zu bewegen steht jeder auf seinem Posten, der weiteren Befehle harrend. Noch ehe wir's gedacht, sind die Kommandos bereis an die beiden Zugführer ergangen und so daß es ein jeder deutlich und unzweideutig vernehmen kann, kommt's durch die Stille der Nacht: „Hauptrtchtung 2189, Granaten, 4800, Erhöhung 16 Grad vier, dritte Ladung!" Mit jedem einzelnen dieser Kommandos fast gleichzeitig hat der Betreffende bereits auf's genaueste, nötigenfalls beim Scheine seiner Taschenlampe den Befehl ausgeführt. Nach kaum einer Minute melden die Geschützführer ihrem Zugführer: „Schußbereit!" Nach kurzer aber scharfer Prüfung seitens der letzteren, erhält der Batterie-Offizier die erwartete Meldung: „Batterie schußbereit!" Alsdann ertönt das durchdringende Kommando: „Batterie,-Feuer!" und ein Ifacher Donner macht den Boden unter uns erzittern und nimmt uns für kurze Zeit fast jedes Empfinden im Ohr. Das vierfache Zischen der Geschoffe in der Luft ist deutlich hörbar, und Alles wartet gespannten Atems auf den Aufschlag derselben. Es dauert ea. 25 Sekunden bis uns die Lust den Schall von dem Einschlagen und der Explosion der Geschoffe aus der beträchtlichen Entfernung herüberbringt. Da keine weiteren Kommandos durch das Telefon kommen, können wir in Ruhe unsere Geschütze, die bei jedem Schuß beträchtlich aus ihrer Richtung springen, wieder in die befohlene Richtung bringen. Inzwischen find auch die verschiedenen Echo'S der sich im Hintergründe befindlichen Höhenzüge verhallt, und die vorherige Polen 72,5 Prozent, Juden 14 Prozent, Deutsche 5 Prozent, Ruthenen 4,1 Prozent, Litauer 3,7 Prozent, Russen 0,3 Prozent, Tataren 0,1 Prozent. Eine neue Volkszählung wird in den okkupierten Gebieten vorbereitet. In Verbindung mit der neuen Lage der Dinge in Polen ist u. a. auch die Frage der Schaffung einer jüdischen Volksschule in Lodz entstanden. Diese Ausgabe zu lösen, hat eine Gruppe in der Oeffentlichkeit stehender Juden übernommen. Sie beriefen zu diesem Zweck mit Erlaubnis der Behörden am Sonntag eine Versammlung ein, zu der die Vorsteher sämtlicher jüdischer Btldungs- und Kulturvereine sowie auch viele Privatpersonen etngeladen waren. Den Vorsitz führte Herr Poznanski. Der Schriftführer, Herr Rawin, erteilte Bericht über die bisherigen Arbeiten. Herr Lichtenstein ‘ stellte in seiner Ansprache das Programm des Vereins auf und wies darauf hin, daß in der neuen jüdischen Schule die jüdische Unterrichtssprache bindend sein müsse. Darauf schritt man zur Durchsicht der einzelnen Absätze der Satzungen, was in der nächsten Sitzung fortgesetzt werden soll. Gestevreich-Ungarn. Ruffifthe Hletiioden in öalbien. Wie», 21. Septbr. Aus dem Kriegspressequartier wird gemeldet: „Die aus dem Bezirke Drohobyez vorliegenden amtlichen Berichte geben ein anschauliches Bild von der Unmenschlichkeit, mit der die Ruffen in diesem Gebiete gehaust haben/ Diebstahl, Raub, Plünderung und Brandlegung folgten ihren Spuren. Häuser derjenigen Personen, die geflüchtet waren, fielen regelmäßig der Beraubung und Vernichtung anheim. Gegenüber der Bevölkerung, soweit sie sich nicht vllllständig in den Dienst des Feindes stellte, verfuhren die Ruffen in rücksichtslosester und brutalster Weise. Dort, wo Kasaken waren, erging es den Leuten am schlimmsten, dort waren Raub, Erpressung, Vergewaltigung von Frauen und selbst Mord an der Tagesordnung. So wurden in einer Gemeinde des Bezirkes vor dem Rückzüge der Ruffen 23 jüdische Einwohner in bestialischer Weise getötet. Für Diebstahl und Raub fanden die russischen Soldaten übrigens an ihren eigenen Offizieren gute Vorbilder." Sür die fieimkehrenöen Slüditlinge. Lemverg, 29. Septbr. Das Jüdische Hilfskomitee in Lemberg erläßt folgenden Aufruf: „Nach mehr denn zwölf Monate währenden unbeschreiblichen Leiden und Qualen tritt die jüdische Bevölkerung des vom Feinde fast vollständig befreiten Grabesstille umgibt uns wieder. Jetzt kommt uns diese jähe kurze Unterbrechung des nächtlichen Schweigens wie ein heftiges Erdbeben vor. Wir bleiben noch einige Zeit an unseren Geschützen und warten, ob sich der Gegner nicht herausgefordert fühlt und unS auch seine Visitenkarten" herübersendet. Doch scheinen die feindlichen Kanoniere sehr schlafbedürstig zu sein und Alles bleibt ruhig. Als ich mich mit anderen Kameraden zu meinem Schlafraum begebe, höre ich, in der Nähe des Telefonraumes vorbeirommend, die Worte vom Fernsprecher wiederholen: „Die Salve lag gut!" Das Gefühl soldatischer Befriedigung umfängt mich beim Bernehmen dieser Meldung, doch in demselben Augenblick durchzuckt ein anderes Gefühl meinen Körper. Es ist ein menschliches Grausen, welches sich meiner bemächtigt, als ich mir dieser Meldung vollste Bedeudeutung vergegenwärtige. Welche Vernichtung menschlichen Glückes und geistiger, sowie materieller Güter hat unsere Salve wohl in wenigen Sekunden da drüben verursacht, wenn in der Tat der Militärzug von unseren Granaten getroffen war? Am Freitag Abend von v»vvrr> % ungefähr zu der Stunde, wo in der heimatlichen Synagoge der tdp unter den einladenden Klängen des nin rh? seinen Einzug hält, erhalte ich von meinem Batteriesührer den Befehl, mich unverzüglich auf den Weg zu unserem „vorgeschobenen Beobachter" zu machen, der sich in einem Ausläufer unseres vordersten Schützengrabens befindet. Dieser, den feindlichen Stellungen sehr nahe gelegene Punkt ermöglicht nicht nur die genaue Beobachtung der Wirkung unseres Artillerie-Feuers, sondern auch das Beobachten des feindlichen FeuerS. Ein unentbehrliches und ungemein prakttscheS Hilfsmittel bietet hierzu das Scherenfernrohr. Dasselbe gestattet dem Beobachter, ohne daß er das Auge über VYI1' '/ny r.