Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 40-41 (21.9.1915)
- Date
- 1915-09-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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i GettelL No. 40 u. 4l. M^assaaaeaBBsaasaaaaasaa -===a==^—üi-r ui_^i±ea! im Herzen weh, sie so allein und schutzlos an A der Türe zu lassen. Da jagt mir ein göttlicher R Gedanke durch den Kopf: „Ich nehme einfach 8 die Mesusa mit". [t: Wie aber, wenn die Kosaken sie bei mir [\r finden und dann sagen, es sei ein geheimes [$\ Telefon? Nun, ich konnte ja die Umfassung daheim lasftn und nur das heillge Pergam ntftück \t:' zu mir stecken. Man darf solche heiligen Gegenstände nicht in einem leeren Haufe rohen Sol- \\i baten überlassen. Ein Stückchen Pergament dürste auf dem Wege nicht gefährlich werden. \{ So holte ich denn die Mesusa herab, tat sie ft. aus der Hülse heraus und las sie eingehend;. j% durch. Sie war gottlob ganz in Ordnung, es ft fehlte kein Buchstabe. Der „Schem" stand i| groß in schwarzem Glanze da. Ich küßte noch /; einmal diese Stelle und spürte, wie ein Strom U neuer Kraft meinen schwachen Körper durchriefelte. Ich wollte es jetzt, wenn's sein müßte, ft mit dem stärksten Feind aufnehmen . . . ft Und mit starken! Vertrauen im Herzen machte ft ich mich auf den Weg, ohne eine Spur von [ft Angst und Sorge. ft , Kaum aber waren die letzten Häuschen des ft Städtchens hinter mir, als mir schon ein tf. Bajonett drohend entgegenblickte. „Wohin, ft', Jude?" ft Ich griff in die Tasche. Die Mesusa war ft noch da. Mir konnte nichts passieren, ft »Ich gehe in dringender Angelegenheit ft noch T.", antwortete ich ruhig, ft „Und Passierschein"?, fragte der ältere A der beiden Wachmänner.?! Bet dieser Frage schrak ich schon ein wenig \f zusammen. Aber die Angst dauerte nur eine!f Sekunde ... Als hätte eine geheime Macht ft mir die Hand gelenkt, griff ich in die Tasche J und kurz entschlossen, reichte ich in aller Gemütsft ruhe dem Soldaten die Mesusa hin. ft Der Soldat, der offensichttg auch in seiner ft eigenen Sprache weder lesen noch schreiben sft konnte, musterte das Pergament und fragte miß- \\ Iranisch: „Bon wem hast du diesen Passierschein? ft Ist er vom Kommandanten ausgestellt"? ft „Jawohl, vom Kommandanten, vom allerrf obersten Schlachtenführer", antwortete ich mit jl seltener Sicherheit. ft Der an&etfe Soldat kam hinzu und beide ft prüften stumm die rätselhafre Inschrift. Darauf ft meinte der erstere: „Was fragst du noch, Durak ft (Dummkopf)? Siehst du nicht, daß das Dokument ft echt ist? Man schreibt doch nicht wertlose Dmge ft auf so hartem Pergament"!; j Und er kio. fte mich wohlwollend auf die ft Schulter und sagte, nicht ohne Ehrerbietung: h „Stupat is bogam", was in seiner Sprache ft heißen sollte: „Gehe mit Gott^. ft Kaum hatte ich mich einige Meter von der ft Wache entfernt, als ich noch einmal die Mcsusa ft aus der Tasche hervorholte und sie inbrünstig ft küßte, mit dankbarem Blicke zu bem Höchftft kommandierenden oben . . . ft Hier der Passierschein! Ich trage ihn immer . Mit mir in der Busentasche herum. Was kann . mir noch übles geschehen? n ft 1:1 Mder Lzernowtzer Ruffenzett. tl „Pesti Hirkap" brrngt aus der Feder D. Ural s ^eube Schilderung der Wirtschaft in der durch die sen besetzten Hauptstadt der Bukowina: ft Wenn die glorreiche russische Armee sich einer r:? wehrlosen Stadt bemächtigt, dann kommt mit ihr ft Raub, Vernichtung und Vergewaltigung schutzloser I1"' Weiber an die Tagesordnung. Der wahre Fluch wird aber immer erst dir Folge des Einzugs des russischen Verwaltungskörpcrs. Das erfuhr am eigenen Leibe Nuss bitterste die zurückgebliebene Bevölkerung in Czernowitz. Die wirkliche Leidensperiode begann, als nach dem Eindringen der Armee die Invasion der bleichwanginen, ve> schwitzt blickenden Beamten des dunkelsten Rußlands sich vollzog, als die Bluthunde der Polizei mit den Dolchblicken, die fanatischen Popen tzrtt ihren Fieberaugen, die gemütlichen Spione, Spitzel _Der Israelit._ und Hehler in die Stadt kamen. Als mit dem Einschleichen der Korruption in die dunklen Amtssäume, etwas von jener schweren Atmosphäre miteindrang, die die einstigen Richter der Inquisition umschwebte. Als sich auf den Straßen jene scheinbar gleichgültigen Gestalten zeigten, bei deren Mhe jedes Wort in der Kehle erstarb, und die recht sorglos in aller Ehrbarkeit spazierenden Fußgänger wie verschrmnpste Wondschatten in die Häuser schlichen. Alan wußte nicht wie. Urplötzlich legte sich eine furchtbar drückende Stille auf die Stadt: Rußland... ' Hinter sorgfältig verrammelten Fensterscheiben lauschte die überflutete Stadt aus das Vorspiel. Vom verhallende» fernen Kanonendonner bis zum Ein« zug dos russischen Heeres wachte in steter Angst die verschüchterte Bevölkerung, und auch später zitterte man noch in alten Gliedern, als die betrunkenen Horden sich polternd und fluchend durch dre Straßen wälzten und mit mildem Gejohle sich auf die versperrten Tore stürzten. Zeder neu antomtnende Wagen, der sich zum Stadthauje drängte, brachte eine frische Sensation, die flüsternd von Ohr zu Ohr getragen wurde. Schließlich war man mit der Einrichtung fertig und die russische Verwaltung begann den Verkehr mit der Bürgerschaft. Die Bevölkerung wagte derr Gang ans die Straße und nahm die jüngsten Ereignisse persönlich in Augenschein. Der Bürgermeister verließ, lange bevor die Russen kamen, seinen Pollen. Das abschreckende Beispiel seines Vorgängers, Dr. W e i ß ü e r ge r, den die Russen nach ihrer ersten Invasion als Kriegsgefangenen nach Kiew schleppten, sagte ihm, was er zu tun habe. An der Spitze der Funferkommission übergab Dr. H o st t n die Smdt. Gouverneur Ewreimoff erpreßte auch später mittelst dieser Kommission die wehrlosen .Bürger. Dr. Hostiu, der kein Geld in der Magistratskasse vorfand, ersuchte zu allererst den Gouverneur, zu geaalten, daß die Stadt, wie bei der ersten Invasion 300,000 Kronen emittiere. „Nein", war die barsche Antwort. Tr. Hostru beriet mit seinen Kommissionsgenvssen und ging wieder mit der.Bitte zum Goutzerneur. Ewreimosi schrie wie toll: „Nem! und Nein! Es bleibt, wie ich gesagt habe." „Die Stadt muß doch aber Geld haben." „Ich will Euchs schon beschaffen. Pack dich." Am folgenden Tage, am 4. Dezember, ließ Ewrennoff Dr. Hostiu rufen. „Äonsiribiere die Namen der angesehensten Juden l" Dr. Hostiu ließ die Kommission zusammenrnfen und meldete da den Befehl des Gouverneuers. Die Kommission beschloß, diesem Wunsche nicht zu entsprechen. „Diese Liste verfolgt — meinte Oberingenieur Stricker —. den Zweck, die jüdischen Bürger zu verhaften. Wir dürfen diesen nicht ausliefern." Man beriet noch einmal über die Frage. Jedesmal befürwortete Dr Hostiu dlc Vollstreckung des Befehls, um die Stadt vor großem Schaden zu bewahren. Schließlich emigte man sich aus 17 Namen und übergab die Liste dem Gouverneuer. Am 5. ließ Ewreiwofs die Proskribierten zu sich kommen. Sie wurden in den großen Saal des Magistratsgebäudes geleitet »wo sie von Hostiu mit einer Rede empfangen wurden. Einer unter ihnen, namens Kühlbors, wurde ohnmächtig und wollte auf den Wandelgang hinaus; ein markiger Kerl verstellte ihm den Weg und eine ganze Schar bewaffneter Polizisten strömte in den Saal. Die 17 Leute waren sich in diesem Momente der Situation bewußt. Ms Ewrermoff hereintrat, brüllte er die jüdischen Bürger an: „Ihr Juden habt nach unserem ersten Rückzug die üsterr.-uugar. Truppen jubelnd begrüßt und Rußland beschimpft. Ihr müßt dies büßen. Ihr werdet dafür 50,000 Rubel Kontribution zahlen. Woher das Geld kommt, ist Eure Sache. Ihr habt eine Zehntagefrist. Bis dahin bleiben fünf als Geisel zurück; die Synagoge und das Kultuspalais sind mir verpfändet." „Mein Herr", jammerte einer 'der. Angerempelten, „wir sind arme Leute und blieben darum zurück, weil wir eben nichts besitzen. Die Reichen flüchteten. Wir können beim besten Willen nicht diese Summe ausüringen." „Das ist Eure Sache", erwiderte er barsch. Er wählte dre Herren Kramer, Katz, Welt, Rvsenzweig und Linker, die mit ihrem Leben für diese Summe hafteten. Lerne Befehle gab er russisch, sie wurden vonr. Pater Luapinsky auf deutsch übersetzt. Kramer wollte seine Geldbörse dem Kaufmann Trintser, der mit auf der Liste, aber nicht als .Geisel zurückgchjalten war, zuschmuggeln, ein Pristaw bemerkte dies und verhinderte cs sofort. Die Gensdarmen.umrinzten die fünf Männer und begleiteten fic ins Gefängnis, wo ihnen vor allem alle Wertgegenstände abgeuommen werden. Man ließ die unglücklichen, unschuldigen Menschen vierundzwanzig Stunden ohne Speise und Trank und gestattete erst am folgenden Tag, daß sie um einen Bissen .Brot an ihre Familien schreiben. In der Stadt ging unterdes die Jagd aufs Geld los. Die Juden begannen zu sammeln. Trotz aller Anstrengung war nicht mehr als 2100 Kronen zu 21. September litt erpressen. Nach Ablauf dkr 10 Tage wurde diese? Summe angeboten. „Packt Euch von dannen", war die Antwort. „Ich will noch zehn Tage warten. Dann muß aber das Geld da sein." Die Juden baten, ihneü zu erlauben, daß sie nach Wien, wo der Kultusfonds sei, schreiben. Er ließ es zu. Man schrieb auch nach Wien. Cs kam aber keine Antwort. Als die zehn Tage oerstrrchen waren und das Geld nicht beisammen war, begann die Marterzeit, der Pogrom. Die russische Polizei stürzte sich auf die Juden. Allabendlich wurden die jüdischen Häuser erbrochen und die besseren Bürger in die Kerker geschleppt. Ohne Schatten von Verdacht wurden harmlose Väter aus dem Kreise ihrer Familien gezerrt. Von der Straße, aus den Kaffees- Häusern wurden sie zur Polizei gebracht, wo man mit ihnen ganz brutal umging. Die Gefängnisse wurden mit Unschuldigen überfüllt. Die Spitzel von der Ochrana stellten jeden Menschen auf der Straße: „Bist du Jude?" „Nein." „Dann — bekreuzige Dich!" Weh dem, der dies nicht könnte. Mehr als hundert unschuldige Menschen wurden in den Gefängnissin mißhandelt und die Spitzel hatten noch immer nicht ganz ausgetobt. Ewrermoff ließ wiederholt die Gefangenen vorsühren... Als unsere Truppen einen Erfolg verzeichnten, mäßigte er die Kontribution auf 50,000 Kronen, um sie gleich wieder in Rubel zu fordern. Milte Januar ließ der Gouverneur weitere 24 Zudem verhaften, diesen erösfnete der russische Bürgermeister Dr. Boeaucea: „Ihr müßt das Geld herbeischaffen, sonst wirds bitter." Er gab eine weitere Frist von 10 Tagen. Nach verzweifeltem Herumsuchen und Inanspruchnahme aller nur irgend hcrvorzustöbernden Mittel wurden 21000 Kronen mit Harrer Mühe zusammengekratzt. Einige beherzte Leute rieten den Juden, diese Summe nicht abzuliesern, da die Russenherrschast ohnedies ihrem Ende zueilt. Die bekamen auch wirklich nicht das Geld. Unsere befreiende Armee nahte und die russischen Verwaltungsämter zerstoben wie Spreu. Die armen Gefangenen wurden mitgeschleppt. In der größten Verwttrung blieb ihnen doch noch soviel Zeit, .diese mitzunehmen. Fast zweihundert unschuldige Bürger leiden die furchtbarsten Qualen in russischen Kerkerzellen; ein himmelschreiender Beweis der russischen Wirtschaft. Diese Pogrome wurden dom gemcrnsten finstersten Institut des schwarzen Rußland, von der Ochrana veranstaltet. Das Haupt dieser Gesellschaft ist der von grenzenlosem^ .Judenhaß erfüllte Alexetz Gerowskh. Seine Komplizen sind das in Czernowitz vervielfältigte Spitzelheer, das sich aus jenen gewissenlosen Elementen zusammcnsetzt, dre jede Großstadt als Abschaum produziert. In Czernowitz gab es Russenfreurrde — oder besser Rubelsreunde, die für einen schändlichen Lohn — um 30—40 Rubel ihr Vaterland verrieten. Sie sind mit der russischen Armee geflohen, wofür die bedrängte Stadt nur dankbar sein kann. Eine wahrhaftige Erlöfung bedeutet für sie die Entfernung dieser elenden Banditencotte. K«u erschienen! Unentbehrliche Belehrungs- und Unterhaltnngsi lektüre für jüdische Soldaten «nd Krieger. 3m Kriegslager von S. Schachnowitz Herausgeg. durch die „Agudas Jisroel"-Jugendorganisation, Mischer Volksschristenverlag G. m. b. S. Frankfurt am Min, Die in diesem Soldatenbüchlein enthaltenen Essays geben in der Hauptsache einen CykIusimFrankfurter„MekorChajim" gehaltener volkstümlicher Lernvorträge wieder und bewegen sich in der Gedankenwell des bekannten rabbinifcheu Be« lehrungs- und. Erbanungsbuches für Soldaten und Krieger njno von Rabbi Israel Meir Hakohen zu Radin. Preis des Buches 30 Pfennig (bei Maffenabnahme billiger). Zu beziehen durch das Büro der Agudas - Iisroel - Jugendorganisation, Frankfurt <*. M., Am Tiergarten 8. Im gleichen Verlag ist erschienen: Zm Schatten des Welttnegs Jüdische Skizzen von S. Schachnowitz. P. e s HO Pfa. Das interessante Novellenbüchlein hat schon in den ersten Tagen seines ErscheineneMe so günstige Aufnahme in der Presse wie beim Publikum gefunden, daß die erste Auflage bald vergriffen sein dürfte. WWWWMaMW>MWBMWlMMMM>W»WW»» iil-. ..:LrSL. il