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Der Israelit · 1915-09-21 · Heft 40-41 (21.9.1915) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 40-41 (21.9.1915)
Date
1915-09-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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es „Israelit." Feuilleton. Üf'&s Wenn Moschiach kommt.... Was man sich in Wilna erzählt. Die rotgrauen. Giebelhäuser in den krummen, schmalen Gassen Alt-Wilnas erzittern vor dem Dröhnen und Krachen vor den Toren der Stadl. In den großen und kleinen Bethäusern sitzen die verschüchterten Menschen eng beisammen, horchen bei jebent neuen dumpfen Geknatter erschreckt auf und erzählen sich, Angst, Erwartung und bestimmte Hoffnung in den fallen Gesichtern, gegenseitig die altbeliebten Gefchichtcu von dem -großen Gaon, der dieser alten Judenstadt ihren Ruhm unb ihre Bedeutung gegeben hat. Er, der Witnaer Gaon, hat altes vorausgesehen und unerschrocken vorausgesagt. Es kommt nun alles, wie es kommen mußte . . . Es war damals, zu Zeiten von Nikolaus I. unseliges Angedenkens, der dem späteren Narnensbruder den blutigen Weg gebahnt hat . . . Auch bis an den Thron des gewaltigen Zaren, des strengen Gebieters über Tod und Leben von Millionen, drang der Ruf des Wilnaer Gaon, in dem di. Juden der Diaspora den weisesten und heiligsten aller Zeitgenossen verehrten, und er ließ ihn zu sich bitten. Scheinbar gleichmütig nahm Rabbi Elija diesen Befehl aus, bereitete sich aber zwei Wochen aus die Audienz vor. Er ließ sich einen neuen seidenen Kaftan anstetigen,' zu dem ihm ein Verehrer aus oem heiligen Lande einen passenden kostbaren Gürtel schickte. In den zwei Wochen forschte er Tag und Nacht ununterbrochen in den heiligen Büchern und verharrte zuletzt drei Tage fasterü) und betend in völliger Abgeschlossenheit. So gerüstet, machte er sich auf den Weg nach Petersburg. Im kaiserlichen Palaste empfing ihn 0er Zar in höchsteigener Person; er führte ihn in.einen außergewöhnlich großen Saal und lud ihn ein, oorauszugehen. Beim Eingang blieb jedoch der Gaon stehen und schaute prüfenden Blickes zum Fußboden hinab. „Warum zögerst du?" fragte der Kaiser „Ich überlege", antwortete der Gaon in seiner leisen und zugleich bestimmten Art, „auf welchem Wege ich am besten die Kluft umgehe." „Welche Kluft?" tat der Zar sehr verwundert. Statt der Antwort bat sich der Gaon beim begleitenden Posten die Lanze aus, und stach mit der Spitze in das goldverzierte Parkett, sodaß das Stahl sofort bis zum Knauf in der Tiefe versank. Der Zar stand sprachlos da. Er führte den Rabbi in ein anderes Gemach und bat ihn, er möge ihm doch verraten, 'durch welche Geheimlehre er den Abgrund unter der glänzenden Decke entdeckt hätte. Der Gaon antwortete unerschrocken: „Nirgends so als in goldstrotzenden Königspalästen gähnt hinter und unter der dünnen Goldschicht der tiefe Abgrund. Wisse es, großer Kaiser, du hast in der Art, wie du mein Wissen prüfen wolltest, selbst ein Symbol irdischer Größe und Machtentfaltung gezeigt. — Ich aber bedurfte zur Entdeckung der Gefahr keiner Geheimlehren und Zauberformeln, die uns Juden fremd sind. Das Menschen Herz ist sein bester Ratgeber. Nur, daß die Menschen so selten auf die mahnende Stimme des Herzens achten. Mein Herz empfand die Eigenart des Raumes, besonders als ich sah, wie vorsichtig der Kaiser.hinter mir zurückblieb. Die hohe Ehre, vorangehen zu dürfen, blendete mich nicht, sondern mahnte mich zur Vorsicht und zwang meinen Mick nach unten. Da wurde auch schon das Auge hellsehend, daß es die eigenen Formen des Parketts und die Leere dahinter deutlich sah. ,^ch sehe", bemerkte der Zar, „man hat mir von deiner Weisheit nicht zu viel erzählt. So sage mir doch, wer ist denn eigentlich der von euch so ersehnte Moschiach, der euch aus der Not erlösen und sammeln soll, ohne mich und die anderen Großmächte darum anzugehen? Und dann, habt Ihr auch noch die Kühnheit, cs mit den Worten eurer Propheten und Geb Ke auszusprechen, daß alle Völker der Erde zu euch kommen werden^ um euch zu huldigen!" Ohne zu zucken und zu stocken, antwortete der Gaon gelassen mit klarer Stimme: „Höre, großer Kaiser: Eine furchtbare Zeit kommt über die Welt; Menschen werden sich wild auf Menschen stürzen und die mächtigsten Völker der Erde werden sich gegenseitig so Mt Eisen und Feuer bewerfen, daß Liebe und Erbarmen in einem Meer von Blut und Tränen ertrinken werden. Und dann, wenn die Flammen den.stolzen Bau der Menschheit bis auf den Grund verzehrt haben werden, kommt der Gesalbte und Gesandte Gottes, Moschiach genannt^ um ^Israel und mit ihm die Menschheit zu erlösen. — —" „Und die Fürsten .und mächtigen Herrscher der Länder?", lachte der Zar. „Werden sie den seltsamen Mann aus unbekannten Fernen so ohne weiteres gewähren lassen?" „Die Mächtigen der Erde", antwortete der Gaon ruhig, „werden sich um den Boten Gottes nichr kümmern können. Sie werden mit sich, ihren wankenden Thronen und blutenden Völkern genugsam zu tun haben." „Und sich vor deinem Volke bücken, ihm gar in Ehrfurcht huldigen, werden die Völker?" schrie jetzt der Kaiser schon in hellem Zorn. „Ja", antwortete der Rabbi. „Du glaubst also in allem Emst, daß bei einem Weltbrande, in dem sich £ie Menschen gegenseitig verzehren und die Völker wie die Strohhalme vom Erdboden gefegt werden, sich das kleine, schwache jüdische Völkchen, heute schon von allen verfolgt und unterdrückt, allein halten uno die Kraft bewahren wird, aus.seiner Mitte heraus der Welt den verlorenen Frieden zu geben? Wahnsinn, Hochmut!", schrie der Kaiser in wallender Erregung. „Ich werde euch schon den Dünkel ausjagen, indem ich eure Synagogen, wo diese Lehren gepredigt werden, schließe eure Bücher, die solchen Wahnwitz enthalten, verbrenne, die Kinder eurer Erziehung entreiße. Sprich, der du der Weiseste der Juden genannt wirst, woraus Ihr diese hochfahrende Hoffnung, dilsen krankhaften Stolz und Trotz schöpft?" „Aus der Bescheidenheit, einzig aus dem Bewußtsein, daß wir die Feinsten, die niedrigsten, die schwächsten und hilflosesten sind." „Wie das?" „Auf dem Wege hierher", gab der Gaon zurück, „ging ich durch einen Wald, in dem dicke, mächtige Riesenstämme ringsumher geknickt und gefällt zu Boden lagen. Ich fragte nach dem Grund. Da erzählte mir mein BeLleiter, daß hier kurz vorher ein Orkan Lewütet und all die Verwüstung angerichtet hätte. Ein kleiner Weidenstrauch stand aber ganz unversehrt, von der Sonne beschienen, da und die dünnen Rohre bewegten sich lustig im milden Winde. Ihnen, erklärte mir der Begleiter, konnte der Sturm mchts anhaben. Es fielen die mächtigsten Stämme zu Boden, die kleine, dünne Weide wurde wohl vom Winde kräftig gerüttelt und geschüttelt, ttef gebeugt, aber nicht gebrochen. Und nun steht sic wieder gerade und freut sich der Sonne. Israel ist das Weidenrohr im Völkerwalde-" Der Kaiser wurde sehr nachdenklich. Noch lange unterhielten sich Zar und Gaon. Was sie des Weiteren sprachen, davon weiß Keiner der Alten in Wilna etwas Genaues zu erzählen. Aber alle wissen, daß der Gaon glücklich wieder heimkam. Die Bethäuser wurden nicht geschlossen, die heiligen Bücher nicht verbrannt. Der heilige Passierschein. (AuS den Erzählungen eines galizischen Flüchtlings.) Wieso ich geflohen bin?, wollt ihr wissen. Wirklich, eine schwierige Frage. Aber wer den Glauben tief im Herzen sitzen hat, ist nicht verloren, kann Seiner Hilfe immer gewärtig sein. Geflüchtet bin ich wirklich in der allerletzten Minute. Anfänglich wollte ich nichts davon wissen. Es schien mir eine schwere Sünde, die Armen, die keine Möglichkeit zur Flucht hatten, bier im Stiche zu kaffen und mich selbst in Sicherheit bringen. Im Unglücke müssen Brüder beisammen und vereinigt bleiben. Wen Gott schützen will, bleibt von grimmigsten Feinden, und wären es auch Kosaken, verschont. Selbstverständlich habe ich Weib und Töchter gleich zu Beginn nach Wien geschickt. In solchen Dingen soll man sich auf kein Wunder veriaffen . .. Meine eigene Person war nicht so wichtig, daß man von ihr soviel Aufhebens machte. Wem zu leben beschieden ist, dem wird auch der Ruffe nichts anhaben können. Als aber die Russen das Städtchen überfluteten, gestaltete sich doch die Sache etwaschlimmer. Der Feind war halt Sieger und konnte befehlen und wir hatten zu. gehorchen und alles still herzugeben, was man von uns verlangte. Das wäre alles am Ende noch nicht so schlimm gewesen. Man kann in Kriegszeiten auch ohne Taschenuhr und silberne Leuchter auskommen, wenn nur Weib und Töchter geborgen, das eigene nackte Leben nicht gefährdet ist. Aber die Lage wurde mit jedem Tage ungemütlicher. Die Armen, um derentwillen ich hier verblieb, verminderten sich und schmolzen zu einem gar kleinen Häuflein zusammen. Biele wurden arretiert, einige auch erschaffen und die letzten nach Rußland verschickt. Als ich nun zu meinem Schrecken gewahrte, daß ich bald ganz allein in der vornehmen Gesellschaft der Herren Kosaken sein werde, wurde es mir doch sehr bange zumute und ich beschloß, zu flüchten. Wie aber fliehen, wenn draußen vor dem Städtchen doppelte Wachtposten mit aufgepflanzten Bajonetten stehen iznd keinen herein noch heraus laffen? Man sagte mir, ich sollte mir beim Kommandanten einen Passierschein besorgen. Werde mich aber schön hüten, zum Kommandanten zu gehen. Andere, die es vorher wagten, erhielten alles andere, wovon ich nicht sprechen mag . . . Aber keinen Passierschein. Da beschloß ich, die Reise ohne Passierschein zu unternehmen. Vielleicht hatte ich doch Glück! Mitnehmen brauchte ich ja nichts, nicht einmal Tallis und Teflüin. Man war überall unter Juden und war auch kein Brot zu haben, so bekam man doch überall Tallis und Tefillin aufgewartet. So rüstete ich mich und traf alle Vorbereitungen zur großen Reise, d. h. ich küßte die Mesusa und schickte mich an, die Türe zu schließen . . . Wie ich aber so noch zum Abschied den letzten Kuß der Mesusa aufdrücke, tut es mir

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