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Der Israelit · 1915-09-21 · Heft 40-41 (21.9.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 40-41 (21.9.1915)
Date
1915-09-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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21. September 1915 alten Vater! — Der alte S3ater in t>em ungarischen Dorf mag sich wohl eben so gefreut haben, als er die Esrogim erhielt, wie wir, durch das endliche Eintreffen des Transportes am 13. d. Mts. in Jl nkfurt. Bon der ungarischen Grenze aus ging die Ware, allerdings mit erheblichem Kostenaufwand, rasch über Budapest und Wien durch. Natürlich erforderte die ganze Ueberführung die größte Anspannung von Aufmerksamkeit und gewissenhafteste Ueberwachung von Station zu Station. Die Sorge um die Möglichkeit der Erfüllung der mxD war allerwärts groß. Ein Ausatmen ging durch die Gemüter, als man die Ware sicher hier wußte. Es war eine Befreiung aus wochenlanger Spannung. Möge ein Jeder im Herzen unseren Behörden danken, die mitten in den Lasten des Krieges uns ihre wertvolle Unterstützung angedeihen ließen, und es freue sich, wer nun doch die NW zu erfüllen vermag und spreche: s.niiKi '* n?. Gin Zahr Burgfrieden. L. ß. Merlin, im August. Noch ist die Zeit nicht gekommen, um eine über den Dingen stehende Betrachtung der Kriegsereignisse zu ermöglichen und eine gerechte Würdigung des Einflusses und der Bedeutung zu verstatten, welche den zahlreichen, in ihrem Wesen so verschiedenen, in Betracht kommenden Faktoren Organisation, Technik, sittliche Qualitäten u. v. a. — auf den für uns glücklichen Fortgang unserer Kämpfe zusteht. Erst wenn diese Zeit gekommen ist, wird es sich zeigen, daß, mögen auch andere Kräfte und Werte den Gang der Ereignisse greifbarer und unmittelbarer beeinflußt haben, aber zur Weckung der Energieen höherer Ordnung, die uns das Durchhalten erst mit Erfolg ermöglichten, keine sich wirksamer erwies, als der in ernst-feierlicher Stunde von unserem Kaiser proklamierte und dann auch von den verantwortlichen Stellen entschieden durchgeführte Burgfrieden im Lande zwischen den Parteien und den Konfessionen. Wie sonst wäre es denn zu verhindern gewesen, daß die Zerklüftung des gesamten öffentlichen Lebens und die erbitterten Kämpfe zwischen den Parteien, die noch am Vorabend der Kriegserklärung in den schärfsten Formen in die Erscheinung traten, nicht lähmend auf die Kampfentschlossenheit und die Siegeszuversicht unserer Heere etnwtrkte, daß später die Ungleichheit in der Bemessung der Opfer, die das hinter uns liegende Kriegssahr nur allzuoft schuf, nicht Verbitterung zeugte und die Opferwilligkeit hemmte; daß der Nachhall des Streits und der Uneinigkeit im Lande nicht auch draußen im Felde ein die Kameradschaft störendes Echo fand?! Die Größe und das Gewicht dieser Bedeutung des Burgfriedens für die Erreichung des Kriegs- Der J-raektt._ ziels und die Erringung eines für uns ehrenvollen und die Opfer lohnenden Völkerfriedens rechtfertigen, und nur sie können es rechtfertigen, daß er seine Herrschaft auch auf das Gebiet der religiösen Gegensätze erstreckte und das Recht zur öffentlichen Kritik auch hier so gut wie völlig unterband. Nur sie durften den Verzicht fordern auf Geltendmachung des eigenen religiösen Standpunkts gegenüber einem anders gerichteten, auf bte Vertretung religiöser Notwendigkeiten, die unabweisbar erscheinen, auf die Weiterverfolgung schwebender ^Streitverfahren, die zum Austrag drängen. Und nur, wem Religion zugleich auch das Leben, das Eintreten für seinen Gott und seine Lehre mehr als Leben bedeutet, wird die Größe des Opfers ermeffen können, die in dieser Entsagung das Vaterland von uns Orthodoxen forderte. Wir wissen, daß man dieses „wertvolle" Geständnis zu gelegener Zeit aus gegnerischer Sette gegen uns ausnutzen, daß man daraus den Nachweis Herletten wird, daß wir den Kampf um des Kampfes willen führen und als geborene Störenfriede auf die erste Gelegenheit warten, um neuen Streit vom Zaun zu brechen. Nun, dieser Vorwurf würde uns schmerzlicher berühren, wenn wir uns sagen und sagen lassen müßten, daß wir für unsere kleinen und persönlichen Interessen kämpfen und um irdischer, materieller Vorteile willen das Ende des „Gottesfriedens" herbeiwünschten. Warum wir bisher Glaubensstreitigketten ausfochren und, will's Gott, auch in besseren Tagen sie wieder aufnehmen werden: weil wir zu klein von unserem Können und Dürfen, zu hoch von der Göttlichkeit des uns anvertrauten religiösen Erbguts denken, um uns anzumaßen als ihr Vormund aufzutreten und Kompromisse und Verzichtleistungen, die sie binden, abzuschließen. Trotz der Größe und Schwere des Opfers, das wir uns damit auserlegten, wird man uns aber gerechterweise die Anerkennung nicht versagen dürfen, daß wir dem Gebot der Stunde unter allen Umständen gehorcht und bis zum Tage den Burgfrieden mit größter Selbstüberwindung ehrlich gewahrt haben. Lag's aber etwa daran, daß auf gegnerischer Seite dieselbe Rücksicht geübt und uns dadurch der Vorwand zu „hetzerischem Treiben" aus der Hand geschlagen wurde? Nun,heute am Ende des ersten Jahres Burgfrieden erscheint es nicht ganz unangebracht der Oeffentlichkett darüber die nötige Aufklärung zu geben und an einer Reihe von Aeußerungen, Beschlüssen und Maßnahmen der in der Verwaltung der hiesigen jüdischen Gemeinde maßgebenden Kreise darzutun, welch großer Raum sich unserer nur allzu berechtigten Kritik daraus eröffnet hätte. Die Sprache dieser Chro- _No. 40 «. 41 geilt 8 nologte dürfte für sich beredt genug sein, so daß wir uns mit einer kurzen Begründung unserer gravamina begnügen dürfen. August 1914. Am 30. August wird ein Legat des verstorbenen Stadtrats Hermann Jacoby in Höhe von 20,000 Mk. angenommen, „zur Verwendung für gemeinnützige und wohltätige Gemeindeetnrtchtungen, deren Zuwendungen nicht an orthodoxe Gesinnung oder Lebensführung geknüpft sind." — Da bekanntlich seitens der hiesigen jüdischen Gemeinde nur solche Personen und Einrichtungen subventioniert werden, die in Theorie und Praxis auf dem Boden des Schulchan Aruch stehen, ist dieses Legat geeignet, eine fühlbare Lücke im Berliner Gemetndeleben auszufüllen. Vielleicht entnimmt in Zukunft der Vorstand — wir verlangen für diesen Rat keine Anerkennung! — den Einkünften aus obigem Legat einen Teil der Summe, die er für die Unterstützung der notleidenden „Reformgenoffenschaft" braucht. Mußten dieser doch ind er selben Sitzung zu dem Bettel von 18,000 Mk., die sie etatsmäßtg beziehen sollte, noch 2000 Mk. nachbewilligt werden, damit bei den knappen Mitteln, über die diese Vereinigung der Aermsten verfügt, ihre Fortexistenz nicht in Frage gestellt würde! Oktober 1914. Der Vorstand beantragt, den bisherigen zweiten Freitagabend- Gottesdienst in der Synagoge, Ltndenstraße, aufzuheben, da der Besuch erheblich abgenommen habe. Dafür solle eine entsprechende Einrichtung in der Synagoge, Fasanenstraße, getroffen werden. Der Antrag wird in seinem ersten Teil abgelehnt, der zweite Teil mit der weiteren Forderung, auch in der Synagoge, Lewetzowstraße einen solchen Gottesdienst einzurichten, einem Ausschuß überwiesen. November 1914. In der Beratung des vorgenannten Ausschußes sind einige Fragen anfgetaucht, die eine Rückverweisung an den Ausschuß erforderlich machen. Dezember 1914. Der vorgenannte Ausschuß beantragt, einen zweiten Freitagabend- Gottesdienst in den Synagogen Fasanen- und Lewetzowstraße, einzuführen. Namens des Vorstandes erklärt sich Herr E i s n e r gegen den Antrag. Durch die Gottesdienste in der Lindenstraße und der Neuen Synagoge sei dem Bedürfnis Genüge getan. Durch Einführung eines zweiten Gottesdienstes in weiteren Synagogen bestehe die Gefahr, daß der erste, der unzweifelhaft der ungleich wichtigere sei, degradiert oder außer Kurs gesetzt werde. Ihm sekundierten Herr Justizrat Dr. Cohn und Herr L e w i n s k i während Herr Gewerberat Plotke es als unbedingte Pflicht des Gemeindevorstands bezeichnte, „allen Glaubensgenoffen, die nicht in der. zeigen sich da vorn die blendenden Leuchtkugeln, die die andern in die ri2p-Nacht hinausfenden. D. ... Nun will ich Euch aber berichten, wie ich die 2' Tage verbracht habe. Sicherlich war es der.denkwürdigste rr*i, den ich je erlebte. Am Dienstag war mir dienstlich mitgeteilt worden, daß laut Armeebefehl sämtlichen Juden Gelegenheit zu geben sei, die Feiertage in St. Quentin zu verbringen. Am my früh um 9 Uhr pilgerte ich hier los und gelangte gegen 10 Uhr in den Bahnhof von Bp. Natürlich hatte ich Pech, traf unterwegs nicht ein einziges Fuhrwerk und war froh, von einer mitleidigen Seele eine Flasche Waffer geschenkt zu bekommen. Denkt Euch, gleich der erste jüdische Kamerad, den ich traf, war unser Nachbarsohn H. E. Wir freuten uns beide sehr über das unvermutete Zusammentreffen. Bald kam unser Zug, dev wimmelte von Glaubensgenossen. Obwohl die Fahrt fun* Stunden dauerte, wurde einem die Zeit nicht lang. Waren doch viele Mitreisende da, unter denen man wenigstens gemeinsame Bekannte und Freunde hatte. Gegen 5 Uhr lmgten wir in St. Q. an . . . . Der Abendgottesdienst fand um 7 Uhr statt, aber nicht in der Ortssynagoge, die nur aus einem Zimmer besteht; es war vielmehr ein Saal bereit gestellt, ein früheres Kino. Und gleich beim Eintreten treffe ich meinen alten Freund I. L. aus M. Natürlich lgroße^ „Simche"Wir hatten gedacht, es würden 200 - 300°Mann nach Q. kommen, es wm en aber.schlietzlich 800 —900. Es«, wurde sehr schön gebetet von einem Frankfurter Lehrer; die Predigt hielt Feldrabbiner Dr. E. Levy. ^Nach'Schluß des Maariw« gebets gings zum »Essen. Alles wurde während der ganzenTage^ne^ verpflegt. Es wurden dafür die .Räume eines Lazaretts rzrrr Berfügun gestellt.' ^.Eine , ganze^ Küche war gekascherr worden; sehr schön und mit großer Kawone und großem Verständnis geort und geleint, letzteres allerdings nur aus dem Machsor, da wir kein Sefer hatten. A. hat Schofar geblasen; am zweiten Tage sogar recht gut. Nach Tisch haben wir gleich Mincha geort und dann etwas nusgeruht und geschlafen. Am ersten Tag haben wir daran noch einen sehr hübschen Spaziergang angeschloffen, Tafchlich gemacht und dann aus einer Wiese unsere Korrespondenz gelesen, die uns nach N. herübergebracht worden war. Jedenfalls haben wir die beiden Tage sehr ruhig und schön verbracht und halten Mußezeit, uns den Roschhaschonohgedanken hinzugeben und uns zugleich zu erholen. Ich habe einmal Minchah vorgeort, gebenscht und am 2. Tag die Hastauro gesagt. Es hat uns anfangs etwas leid getan, daß wir nicht nach St. Q. gegangen waren, wo ca. 600-1000 jüdiche Soldaten und sicher viele Bekannte gewesen sind, aber wir hätten dort sicher keine so ruhigen, schönen Tage verlebt. Außerdem hoffe über Jomkipur hinzukönnen. — Am Freitag Mittag machten wir uns aus den Heimweg mit dem größten Teil der mitgenommenen Fourage, nur Kuchen, Tatscher n. s. w. waren in N. verzehrt worden. G. Wie ein Traum, wie ein Flug in ein Wunderland mutet heute nach ein paar Tagen der n">-Gotlesdienft an, der uns am zweiten Tage 2iv Di’ ermöglicht ward. Nachts machten wir uns zü dreien aus der Stellung aus den Weg zum Städtchen dahinten, wo eine Kriegsn?np Zusammenkommen sollte. (Stnem herrlichen, in hellstem Sonnenschein erstrahlendem Tage gingen wir entgegen und in dunkler Nacht gings wieder in die Erdhüttenbehausung zurück. Die warmen Strahlen dsr Herbstsonne drangen durch daS farbensatte Laub der Bäume, durchfluteten den schlichten Raum, der mehr denn zweihundert jüdische Krieger in sich sah vom Ofsizier bis zum Armierungssoldaten. Und ein Band der Gemeinsamkeit, gemeinsamen Ernstes, gemeinsamen Bewußtseins der Zeitenschwere, gemeinsamen, wehmutsvollen Sehnens umschlang alle; da war keiner mehr Leutnant und keiner mehr „Schipper" — B'TüT waren alle, Kinder der Jakobsgerneindo, vereinigt zum Gebet. Und hoch über die Welt des Krieges, über die Welt der rauhen Wirklichkeit trug das Gebet, trugen die alten Nigunim, aus kundigem Munde in uralter Weise ertönend, trugen herrliche Worte des von uns liebgewvnnenen Feldrabbiners die Betenden und Lauschenden hinweg. Hinweg in die Welt, die wir B'iw am njcvewi, so heiß erflehen, so überzeugt im Geiste erstehen sehen in der Zeit, da es Sein, jrspn’S Wille ist, sie erstehen zu lagen. -pne jn p2i t 72 7j? pbn -i. Daß Friede allen Menschenkindern werde, daß Liebe und Eintracht alle umgebe, alle zur rn« mn« werden, wo die Ehrfurcht vor dem Allvater alle seine Kinder beseelt — das war des n'n-Gottesdienftes Sinn, der am a^yn mn hier jüdische Soldaten vereinigte. Schwer wards, da wieder aus jener ersehnten, erhofften, gerade heute heiß ersehnten hohen Welt in die Niederungen unserer Tage zurückzukehren; aber das eiserne Muß rief zur Pflicht. Der rctf, der mit der scheidenden Sonne leise in den Raum geglitten war und dem 212 Bv folgte, hätte uns gar leicht noch festgehalten, aber so mutzten die a£tyn ’BxSb sich mit uns auf den Weg machen. . . Jn der 712^-Nacht gehen wir zu dreien zur Stellung zurück; noch umschweben uns alte, wunderbare heilige Weisen, aber dumpfes Rollen, rechts und links gibt einen grellen Mißton in die Töne, die uns begleiten, und statt der V2N-Lichter, die wir in Gedanken schauen,

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