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Der Israelit · 1915-09-08 · Heft 38 (8.9.1915) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 38 (8.9.1915)
Date
1915-09-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 38 des „Israelit." Feuilleton. 'im’-'?- '*+- tV ’i Kein Friedhof. Ein Zeitbild aus Polen. Von ». Reisen. Das Städtchen lag ganz fern von der Verkehrsstraße, gleichsam jenseits der Welt. Nur selten verirrte sich ein Ton aus denk großen Leben hierher. Es war aus eigene Füße gestellt und konnte jeglicher Verbindung mit der Welt leicht entbehren. Es hatte Kartoffel aus den eigenen Feldern, das Mehl zum Brote lieferte die eigene Windmühle, und wollte man Fleisch essen, so waren Schafe genug auf der Wiese, die ihren fetten Leib dazu hergaben. Was Kleider anbetrifft, so war Leibe, der Schneider, ein wahres Genie auf diesem Gebiete. Er nähte sowohl für Männer wie für Frauen, nach gleichem Schnitte, der im Städtchen als unübertroffen galt. Areilich mußte der Stoff zu diesen Kleidern von der Großstadt bezogen werden. Das besorgte aber Jenkel, der Krämer, ohne daß sich das Städtchen darum zu kümmern brauchte. Einmal im Jahre pflegte dieser einzige Kaufmann im Städtchen in aller Stille, wie es seine Art war, nach der GouverncmeNtshanptstadt zu fahren, um Ware einzukaufen. Das ging alles so ruhig, fast geheimnisvoll vor sich, daß man kaum etwas von diesem Ereignis erfuhr. So ganz plötzlich war Jenkel aus zwei Tage verschwunden, wie in den Erdboden versunken. Dann tauchte er ebenso plötzlich wieder auf, und alle Welt im Städtchen wußte: Jenkel hatte neuen „Stoff" bekommen. Nur wenige .pflegten sich an den stillen Jenkel heranzumachen: „Nu, Reb Jenkel, was gibts Neues in der Stadt, was hört man in der Welt?" Aber Jenkel war von Natur aus kein Freund des vielen Redens und Erzählens. Seiner Meinung nach gab es überhaupt nichts zu erzählen. Alles „Narrischkeit". Was sollte es in der Großstadt mehr geben als im Städtchen? Hundert Städtchen zusammengenommen mit all ihrem Geschrei und Geräusch, ihrem Gewein und Gelache, mit all ihren großen und kleinen „Narrifchkeiten", sie ergaben die Großstadt. Mit diesem kargen Gruß aus der großen Welt mußten sich die kleinen Leute für ein ganzes J'ahr beLnügen. Mlein, so wie man im Städtchen kein richtiges Leben kannte, ebenso kannte man keinen richtigen Tod. Wem sollte es da einfallen, zu sterben? Die wenigen Alten hatten sich ganz besonders aus das Leben versteift und lebten, lebten, trotz aller Erwartung und Berechnung. Händel, der Bäcker, hatte schon seit vielen Jahren aufgehört, seine.Jahre zu zählen. Es wußte keiner mehr, wie alt er war und ihn selbst interessierte es am allerwenigsten. Ein anderer Greis machte schon Miene, zu sterben, da besann er sich im letzten Augenblick und fuhr nach dem heiligen Latche hinüber, wo er nach einem halben Jahre wirklich starb. Im Städtchen erfuhr man es erst nach einem Jahre. Am wenigsten konnte es der alte Händel begreifen, wie man so, mir nichts!, dir nichts, stirbt!, und alle waren sie dessen sicher, daß ihm im Städtchen so etwas nicht passiert wäre. Trotzdem pflegte es gerade unter den jüngeren Leuten vorzukommen, daß einer sterbenskrank wurde. Dann pflegte man aber den Kranken, da sich im Städtchen weder Arzt noch Apotheke befanden, in die Kreisstadt zu schaffen. Das war schon immer der sichere Weg zum Tode. Wer aber in der Kreisstadt starb, wurde selbstverständlich auch dort begraben. Wozu dann also ein Friedhof im Städtchen? Zuweilen pflegte sich in der Gemeinde die Friedhofssrage zu regen. Und es waren gerade die Jüngeren und die Jüngsten, die das Anlegen eines eigenen Friedhofs. für nötig erachteten. Aber dagegen stemmten sich die Alten. Und der steinalte Händel schlug kräftig mit der Faust auf den Tisch und erklärte mit der ganzen Autorität feiner vielen Jahre: Man habe sein Geld nicht gestohlen, um es für solche lächerliche Dinge, nach denen tem .Mensch, Bedarf hat, zu verschleudern. So blieb das Städtchen ohne Friedhof bis zum Ausbruch des Weltkrieges. Noch bevor der Krieg richtig begonnen hatte, zogen schon Soldaten in das Städtchen, Soldaten, die den Rock des eigenen Kaisers trugen, eigene Menschen. Am meisten freute sich Jcnkel, der Krämer. Soldaten, hörte er, haben vieles nötig und es fei an ihnen etwas zu verdienen. Allein, diese Soldaten waren von ganz eigner Art. Nötig hatten sie wirklich viel, ja, alles^ nichts verschmähten sie von seinen bunten Warenauslagen, allein, an Zahlen dachten sie nicht. Und wenn man noch so vernünftig auf sie cinredete. Sie nahmen einfach und gingen. Da kam Jenkel aus den glücklichen Gedanken, den Laden .überhaupt zu schließen. Es' könnte ja auch ein Feiertag sein, etwa Jom Kippur, tröstete er sich. Aber die Kosaken erkannten den Feiertag ganz und gar nicht an. Ein Kolbenschlaq auf die schwache Türe und der Laden war weit geöffnet, die Ware bis auf das letzte Stück sortgctragen oder zertreten. Und nun ging es an Jenkel selbst. „Wie konntest Du es wagen, den Laden vor Soldaten des kaiserlichen Heeres, vor Helden des .Vaterlandes zu schließen?" donnerte der Offizier und richtete sein Gewehr gerade gegen die Brust des Krämers. Jenkel nahm die Sache nicht ernst. Was heißt, er würde schießen? Man schießt doch keine eigenen Leute. Ein dummer Spaß. Der Herr Offizier oder General war lustig und machte Witze. Aber das waren wirklich keine Spässe. Und Jenkel lächelte über den furchtbar lustigen Einsall des Soldaten. Dieses Lächeln nahm aber der Offizier für eine Herausforderung, und im Nu lag Jenkel langgestreckt auf dem Boden vor seiner Ladentüre, mit herausquellenden Augen und offenem Munde, wie verwundert über die ganze unverständliche Geschichte... Jetzt sah das Städtchen den Tod zum erstenmal Auge ins Auge. Selbst der alte Händel mußte zugeben, daß ein Friedhof eine wichtige Sache sei. Nach einigen Tagen begann die Jagd aus Spione. H e n n i ch, der Metzger, wurde auf dem Wege aus dem Dorfe mit zwei Ochsen aufgcgrifsen und beschuldigt, dem Feinde Schlachtvieh geliefert zu haben. Nach zwei Tagen baumelte er an dem einzigen Baum am Rande des Städtchens. Tags yarauf entwickelte sich die Schlacht. Es flogen Bomben und Granaten von beiden Seiten in das Städtchen. Alles hielt sich in den Kellern versteckt. Die Keller waren aber für solche mörderischen Angriffe nicht verschanzt. Und als die Schlacht abflaute, lagen zwölf Tote, mitten auf der Straße. So viele Tote hatte man im Städtchen noch nie gesehen. Man wußte gar nicht recht, wie der Tod aussah. Man rüttelte die Schlafenden und weckte sie kräftig, aber keiner stand auf. Jetzt wurde die Friedhofsfrage im Städtchen 'sehr aktuell. Selbst der alte Händel, der ' auch diese Katastrophe glücklich überlebt hatte, mußte zugeben: „Ja, nun müssen wir einen Friedhof anlegen. Es ist die richtige Zeit." Allein, einer der Jüngeren machte eine abwehrende Handbewegung: „Nun ist ja das ganze Städtchen ein Friedhof!" Me Kriegsgeschichten des alten Mstheh Gerson. Nacherzählt von A. M. (Schluß.) Es waren schreckliche Minuten, welche Dtna da unten im Wohnzimmer verbrachte, bis der Vater ihr vom glücklichen Verlauf der Operation berichten konnte. Dina konnte diese Nacht nicht schlafen. Jeden Augenblick mußte der Vater den wachenden Gehilfen nach dem Zustand des Patienten fragen. Es ging gut, war der Bescheid — aber Ruhe, tiefe Ruhe tat dem Kranken not. Es war eine Woche später. Wieder war eS Freitagabend, wieder brannten die Sabbatlichter, war der alte Rosenstock nach der Synagoge gegangen und hatte Dina ihr Abendgebet verrichtet. Aber diesmal hatte ihr einer mit blaffen Wangen gegenübergeseffen und ihr still bewundernd zugeschaut. Heute war dem Patient zum ersten Male erlaubt worden, das Bett zu verlaßen. Auf seinen eigenen, dringenden Wunsch hatte man ihn nach der Wohnstube gebracht, und wie er nun so da im Lehnstuhl saß, eine Decke über die Kniee und den Kopf auf Kissen gelehnt, schien er so froh und glücklich.-Der Vater kam aus der Synagoge. Er sprach seine Sabbatgebete und wandte sich dann zu Bettendorf: „Nun, es geht gut, wie ich sehe"? „Ja, danke, mir ist sehr wohl"! „Nun, und die Liebe", fragte Rosenstock weiter, „ist die auch zerschossen worden"? Dina, die stumm in der Sophaecke geseffen hatte, schrack zusammen. Der Vater hätte auch bester daran nicht rühren sollen. „O nein", antwortete Bettendorf schwach, mit einem leuchtenden Blick zu Dina hin, „sie lebt —" er lächelte, wie er dem Alten, der ostenbar von eigentümlich widersprechenden Gefühlen bewegt wurde, ins Gesicht sah — „allein Sie können ruhig sein —". Nun schien Rosenstock erst recht nicht zu verstehen. „Hört mir zu", fuhr Bettendorf fort, „jetzt kann ich's Euch ja erzählen"! Man merkte, wie ihm das Sprechen schwer ward. Allein die drei Menschen waren so sehr von der entscheidenden Größe dieses Augenblicks erfüllt, daß sie besten nicht achteten. „Es ist die einzige Erinnerung an die Schlacht, die mir geblieben", fuhr der Kranke fort, „seitdem ich wieder bei Bewußtsein bin! Unsere Truppe fand das Gefecht bereits im Gang, als sie auf dem Schlachtfelde ankam, sie geriet sofort ins Feuer und wehrte sich tapfer. Meinem Zuge war die Aufgabe zugefallea, einen leicht erhöhten Vorsprung, den der Feind besetzt hielt, im Sturm zu nehmen — da oben standen sie, die Preußen, und wehrten sich. Wir waren blitzschnell, unter dem Schutze der Artillerie an den Fuß der Anhöhe herangekommen. Hinauf! hieß es jetzt — doch schaut — da oben steht, dicht am Rande, ein preußischer Offizier, mtt eifriger Geberde seine Leute aus dem weiter zurückliegenden Bergwerksschuppen herbeiwinkend, aus denen heraus sie wohlgedeckt gefeuert hatten — — durch den Pulverdampf sehe ich ihn winken — ich ziehe meine Pistole — keine 20 Schritte ist er von mir entfernt — da — — ein Riß im Schleier des Pulvergewölks — «■tt

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