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Der Israelit · 1915-09-08 · Heft 38 (8.9.1915) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 38 (8.9.1915)
Date
1915-09-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Der Israel«. Sette 4 No. 38 diger Ordnung", eine „Symphonie der Lebenskraft im Bunde der Völker." Der Philosoph wird zum Propheteil — wer kann es dem Dichter verdenken, wenn er, ergriffen und im Innersten erschüttert von der Größe des Geschehens, in Vis io n en den Reichtum seines Erlebens entlädt? Das tut Alfons P a q u e t in seinen: „Kais e r g e d a n k e n " *), der mit gedankenreichen geschichtlichen Reflexionen beginnt und in eine formgerechte „Keduscha", ein Zwiegespräch der Engel :n Himmelshöhen, ausklingt. Auch ihm ist der Krieg nur der Schrittmacher für ein entscheidendes Ereignis im G e i ft e s l e b e n der Menschheit. Was für Joel die „Weltkultur", das ist für Paquet das „Reich Gottes", die Lroße Völkergemeinschaft, die nach der weltliche!: Seite von dem aus mittelalterlichem, ja antikem Grabe erstandenen „Kaisergedanken" beherrscht wird,, geistig aber ein dogmenfreies, alle Kirchen umfassendes Christentum zur Ausprägung bringt. Das „dritte Reich" will emporsteigen, wie es Ibsen am Schlüsse seines „Kaiser und Galiläer" geschaut hat. Paquet hat wie wenige die religiösmetaphysische Bedeutung des Staatsbegriffes und der politische n Ai a ch t erfaßt, und man wird de: seinen Gedankengängei: unwillkürlich an Daniels Weissagung von der: „vier Weltmächten" und an die reiche talmudisch-midraschische Literatur erinnert, die diese Mächte als unbewußte Diener der göttlichen Weltlenkung begreift. Indem der Krieg Deutschlang gleichsam mit Gewalt in die Bahn der aktiven Orientpolitik hineindrängt, erhebt sich als Frucht dieses Krieges die große Aufgabe der gegenseitiger: Durchdringung europäischen und orientalischen Geistes, und als Brücke für dieses große Bündnis des Geistes bietet sich Paquets hellseheydern Auge das Judenland Palästina und das jüdische Volk dar. Wiederum wie in seinem Paläftinabuch führt Paquet gerade den Buberlscheu Zionismus als Zeichen des „Erwachens" an, als Reformation uno Protestantismus in einern „höchsten Sinn" auch im Judentum. Die Geschichte, die über den ganz und gar nicht wurzelechten, literarischen Mystizismus Bubers sehr rasch zur Tagesordnung übergehen wird, mag dieses Urteil korrigie- ' ren; uns braucht es die Freude an dem Paquet'- schen Buche nicht zu trüben, das schon um der religiösen Grundstimmung willen, aus der es die Frage nach dem Sinn des Krieges beantwortet, unserer Sympathie sicher sein kann. *) T e r Kaisergedanke. Von Alfons Paquet, Frankfurt a. M., 1915. Rütten n. L o e n i n g. Nüchtern fast und doch von idealistischem Feuer durchglüht, kündenFriedr. M e i n e ck €§>*), des Berliner Historikers, Aufsätze den geistigen Gehalt des großen Völkerringeus. Ihn interessiert vor allem' das Verhältnis von Nationalismus und Staatsgedank c n, und er sieht im Kriege das „große Reinignngsfeuer für alle Ansätze des schädlichen Nationalismus". Ueber dem doch iimnerhin im Banne des Naturhaften verharrenden Unterbau der Nationalitäten erhebt sich der Kulturstaat, und wie dieser jetzt, sieghaft, in schwerer Stunde., in Oesterreich-Ungarn den Kamps der Nationen in einheitliches Staatsgefühl auflöste, so gehört auch die neue Zukunft den großen Staatsverbänden und -Bünden mit freis.ich unterordnenden Volksindividualitäten. So offenbart sich dem alles zusammenfassenden, aufs Ganze gerichteten Blicke in ahnungsvollem Halbdunkel die Richtung des großen geschichtlichen Werdens der Zeit: reichste Gliederung.und doch ein machtvolles S t r eb c n zur Einheit. Ueber oer Sintflut, die den Erdball zu vernichten droht, steigt siebenfarbig der Friedens- Herold des einen, einzigen Gottes empor. Gottes, der „einst zum König sein wird der ganzen Erde", der „Herr der Weltenheere" in all ihrer unerschöpflichen Minnigfaltigkcit, die alles beherrschende Kraft der Einheit in der zur Einheit st r e b e n d e n verwirrenden Fülle der Erscheinung. Vermißte Wische Familien. XXXIII. Es sucht: Es werden gesucht: Distriktsrabb. Ansdach. Frau S. Me sing aus Gora Kalwarija, Wolf Gelblak a. Zwolin (Gouw. Radow). Aron Rosdsiel aus Lodz DienSnowskin, 17. Frau F'ige Rubinft.in aus Warschau. N. Wcstenberg a. Lodz, Bassenastr. 8/10. Snlwon Reide: a. Lodz/ Kamrennastr. Moritz Bernstein aus Kalwaria-Suwalskt. O. S> ckheim aus Lodz, Wolborska 25. Heisch Knopf aus Lodz, Olugastr. 18 Frau Anna Fuksmanu aus Warschau S., Granitskai W. 16. *) Di e Deuts ch e Erhebung von 1914. Aufsätze und Vorträge von Frredrich Meinecke. Stuttgart, I. G. Cot tauche Buchhandlung. 8. September ISIS Frau Maeka Bidik auS West-Zerzottbei Rogow sGoav. Perrikau.) S. Wechsler aus Lodz, Petrokowskasstr. 22. P.Naufeld a. Warschau, Genffestr 7. Frau Ehatva Rofenftei« aus Welka Skooda(Kr. Sllchutschln). S«ch > Goldberg aus Petrikau, Tictrooskastr.. Moses Katz, Kitzingen, Tcholaum Gutmanna Leidenstr. 5. Libau. Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. Lorrespondenzen und Aachrichten. Leirisches Reich. Das fiülfsroerfc für Paläffina. Frankfurt a. M, l. September. Unter den vielen LZden, die der Weltkrieg einem großen Te l der Menschheit ge. bracht hat und noch täglich bringt, nehmen diejentgen, welche die Armen des heiligen Landes betreffen, wohl die erste Stelle ein. Sie find auch in normalen Zetten auf die Hilfe des Auslandes angewiesen, die aber sofort bei Ausbruch des Krieges durch den unterbrochenen Verkehr völlig aufhörte. Die Notlage, die dadurch geschaffen wurde, hat geradezu die Bedeutung einer Katastrophe, die alles zu zerstören droht, was die heilige Menschenliebe der gesamten jüdischen Diaspora seit vielen Jahren dort geschaffen hat. Die Judenheit hat ohne Unterschied der Parteien, angesichts dieses Maffenelevds es als ihre Pflicht erkannt, nicht stille zu stehen beim drohenden Untergang dieser Aermsten der Armen. Die deutschen Paläftinatage haben durch ihre rege Beteiligung und den dadurch erzielten schönen Erfolg in herzerhebender Weise ihre nichtermüdende Opferwilligkeit auf's neue bewährt. Ein soeben erschienener Rechenschaftsbericht der Deutsch-Holländischen Palästinaverwaltung bringt darüber hochinteressante Mitteilungen. Es ist ihr trotz der Schwierigkeit der Verhältnisse in der Berichtszeit bis gegen Ende Mai gelungen, die ansehnliche Summe von Mk. 250000 durch Vermittlung des Kaiserlich Alle Engel werden schweigen, Werden zillern, angstvoll beben, Und die Menschen fro" m sich beugen, Und der Herr spricht Tod und Leben. Buhe, Beten, gute Taten Das Verhängnis sie abwenden! Herr, o Herr in Deiner Gnaden, Wann wird dieses Ringen enden? Läßt Du, Gott, die Völkerwage Sich in diesem Jahre neigen, Wirst Du am Jomkippurtage Sagen, wann die Waffen schweigen? Alle Bitten zu Dir dringen! Sieh' das schwere Leid hinieden. Latz es endlich doch gelingen, Gib, o gib uns, Herr, den Frieden. Habt Dank! Von Sara Bondi. Und der Tag ist gekommen, an dem ich vor die Kinder hintrat und sagte: „Kinder, nächste Woche braucht Ihr nicht zur Schule zu kommen, Ihr habt Ferien bis nach Sukkoih. „Aber", kann ich hinzufügen, als ich die traurigen Meinen erblickle, denn Jerusalemer Kinder fühlen sich am wohtstcn in der Schule, „alle, die zu Hause nichts zu essen haben, dürfen täglich kommen, ihr Brot und ihre Suppe hier zu verzehren, so lange unser Vorrat , eicht". Und hunderte von Augen leuchten auf und aus Hunderten von Kehlen erschallt ein faules oder auch nur schüchternes „Habt Dank!" Und ich laffe diesen Dank weiterklingen über Meer und Land zu allen denen, die mir so gütig geholfen, daS Werk weiterzuführen, hungrige, schwache Kinder zu speisen: „Habt Dank!" „Habt Dank", Ihr besonders, „kleine Gefährtinnen anderer Schulen, die Ihr so fleitzig geholfen Euren Kameradinnen im „Heiligen Lande" beizustehen. Wenn Ihr Euer Mittagsbrot verzehrt, dann könnt Ihr ruhigen Herzens Eurer kleinen Mitschülerinnen hier gedenken, die jetzt auch gesättigt werden. Häufig kommt cs jedoch vor, dah ein bleiches Mädel heimlich ein Stück Brot hinter den Rücken hält, wenn es weggeht, oder unter ihrer Schürze die Hälfte ihrer Suppe in ein kleines, mitgebrachtes Töpfchen zu gietzen sucht (denn Speisen mitnehmen ist verboten, da dies zu weit führen würde), und wenn man ihr droht: „das darfst du aber nicht tun, mein Kind", dann wispern die bleichen Lippen: „Das ist für die Mama daheim!" Alle Tage kommt die junge Schar, durch glühenden Sonnenbrand, manche weile Wege, ihr Stück Brod und Teller Suppe, oder bisweilen Brot und eine handvoll Mandeln (alles andre Obst ist durch die stattgehabte Heuschreckenplage unerschwinglich) zu erhalten. Möge Gott geben, daß ich sie weiter vor dein Schlimmsten schützen kann, und nochmals sage ich all den treuen Helfern: „Habt Dank!" . . Ter in den letzten Tagen neu entbrannte Bewegungskrieg in Ostgalizien, der die Hoffnung auf die gänzliche Befreiung des Landes von den Russen in sichtbare Nähe rückt, hat einen tiefen Eindruck aus die galizischen Barackenbewvhner in Oesterreich und Böhmen gemacht, den ein Berichterstatter der „Wiener Morgenzeitung" in recht amüsanter Weise wiede^gibt. Nirgends wird vielleicht, so viel und so eifrig politisiert als in diesen Massenquartieren. Es ist ihr eigener Krieg. Es geht um die Heimat, die zwar arm und unnnrtlich ist, aber traut und liebevoll ihre Kinder in ihre Arme schließt und ihnen das bietet, was sie eben hat. Das ewige Liedchen heißt: „Aheim! aheim!" Die Verbündeten Heere kämpfen und siegen nur zu dem einen Zwecke, daß sie, die Flüchllinge wieder heimkonnen... Sie haben etwas gelernt in der Fremde. Cs war ihnen nicht in der Wiege gesungen worden, daß sie auf den böhmischen Feldern mähen, Garben binden und an der Dreschmaschine arbeiten werden. Und sie wußten selbst nicht, welche Kraft in ihren dürren, schmalen Händen schlummerte, und sie sind bereit, all die entdeckten Kräfte der Heimat, wenn sie nur einmal frei werde, zu gute kommen zu lassen. Darum sind sie mit dein Gang der Ereignisse nicht recht zufrieden. Ein Jude aus Razikow nimmt es den Verbündeten Armeen sehr stark übet, daß sie bei der Arbeit in Galizien, ausgerechnet bei seinem Städtchen Halt machten und sich ganz wo anders hin, nach Warschau, rvandten. Als ob Warschau nicht warten konnte, bis sie ihm den Weg nach Kozlow sreigemacht hatten.... „Gut", ereifert er sich, „gewiß muß Warschau genommen werden. Aber erst macht man ganze Arbeit. Was haben unsere Ortschaften verschuldet, daß man sie zu der Kohrichtecke macht, in die beim großen Reinmachen der ganze Russendreck hineingesegt wird? Erst kommt Brodh, Tarnopol, Zloczow", schreit er ,m Tone eines Mannes, der sich im „Stübl" bei Verteilung von „dllstaus" zurückgesetzt fühlt, „erst Brodh, dann Warschau." Die Anderen, die „Befreiten", rüsten sich, von den ersteren beneidet, zur Heimreise. Was ihrer dort harrt, wird nicht viel des Erfreulichen Mn. .Eingeäscherte Dörfer, ausgevlünderte Häuser. .Aber gleichwohl! Die Heimat lockt und sehnt sich in ihrem

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