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Der Israelit · 1915-09-02 · Heft 37 (2.9.1915) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 37 (2.9.1915)
Date
1915-09-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Sette 4 No. 37 Lodz, 25. August. Der Handel in unserer Stadt erwacht zu neuem Leben in dem Maße, in dem der Zugang aus dem okkupierten Westrußland zu ihr freigegeben wird. Täglich kommen jetzt auch Koufleute aus Litauen und dem Gouvernement Suwalki in unsere Stadt, um Manufakturwaren aufzukaufen. Die Rückkehr der Flüchtlinge aus Warschau nach Lodz und Umgegend hält ununterbrochen an. Nach Zyrardow sind von 800 jüdischen Familien, die dort gewohnt haben, bisher etwa 40 zurückgekchrt. Die Juden bemühen sich bereits um die Wiedereröffnung der Sparirnd Leihkasse. Für Radom wurden vor einigen Tagen irr einer in Warschau abgehaltenen Sitzung 3000 Rubel bewilligt, die zur Eröffnung von Teehallen und Lebensmittelgenossenschaften verwendet werden sollen. Das jüdische Bildungsproblem in wsrscksu Warschau, 24. August. Wie hiesige Zeitungen berichten, hat das Bürgerkomitee unter"dem Borsitz des Fürsten Lubomirski beschlossen, den Schulzwang einzuführen. Zu diesem Zweck werden im Lause eines Monats in Warschau 400 Schulen eröffnet werden, in denen je zwei Gruppen Kinder — vormittags und nachmittags — unterrichtet werden sollen. Es soll zu diesem Behnfe der Betrag von 1860000 Rubel ausgeworfen werden. Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken werden, sollen mit Geldstrafen belegt werden. Juden haben das Recht, ihre Kinder in die polnische Schule zu schicken, ohne jedoch dem Schulzwange zu unterliegen. Dieser Beschluß hat das jüdische Schulproblem in den Vordergrund des Interesses gestellt. Der „Moment" tritt mit einem scharfen Artikel gegen das Bürgerkomitee hervor, das die jüdischen Steuerzahler vom Genüsse der Rechte ausschließe und sie in der Erziehungsfrage auf die Gnade der Polen verweise. Das Blart verlangt die Bewilligung von Steuergeldern, die zum guten Teile aus jüdischen Taschen stießen, zur Errichtung „nationaljüdischer" Schulen. Am 23. August fand eine gut besuchte jüdische Versammlung statt, in der die Meinungen scharf aufeinander platzten. Es wurde dann eine Kom Mission gewählt, die mit der Prüfung der Schulangelegenheit und Ausarbeitung einer Resolution als Unterlage für weitere Verhandlungen betraut wurde. Wie man die Mischen Toten aus Vrest-Lttowsk auswies. Wie Brest-Litowsk Festung wurde, darüber berichtet anschaulich Pauline Wen g e ro f f in ihren „Memoiren einer Großmutter", die 1908 im Verlage von M. Poppelauer erschienen sind. Es war an einem schönen Sommertage des Jahres 1831. Da hielt Kaiser Nikolaus I. mit einem glänzenden Gefolge auf öent foßenamttcn Tatarischen Berge von Brest-Litowsk. An seiner Seite befand sich der Kronprinz, der damals erst 17 Jahre alte Alexander II. Vater und Sohn, welch ein Unterschied, auch rein äußerlich! Lichtblond und grauäugig war Nikolaus L, mährend Alexander II. rabenschwarzes Haar und schwarze Augen hatte. Der Himmel wölbte sich tiefblau über den weiten grünen Wiesen, die Sonnenstrahlen brachen sich tausendfältig in den Brillanten der Orden und dem Golde der reichgestickten Uniformen. Staunend stand die Menge ringsum. Der Zar zeigte in seiner lebhaften Art mit -der Rechten bald hier, bald dorthin. Generäte und Adjutanten sprengten im Galopp über den Wiesenplan und erstatteten Meldungen. Das Volk erging sich in allerlei Mutmaßungen, die Erregung und die Neugier wuchsen aufs höchste. Endlich wurde bekannt, daß der Kaiser das ganze Gelände der alten Stadt Brest für eine Festung erster Klaffe bestimmt hatte. Wenige Monate vergingen, da erschien ein Ukas, wonach alle Häuser geräumt werden und die Einwohner sich auf einem, etwa vier Werft von der Alt- Der Jsraein. rin die lvö-scliLluer 3uöen! Warschau, 25. August. Unter diestr Ueberschrist fordert der „Haint" die jüdischen Bewohner Warschau? zu einer umsaffenden Hilfstätigkeit für notleidende Juden ans und sagt dabei unter anderem: „Die bittere, schwere Zeit fordert die Mithilfe jedes Juden zu umfangreicher Hilfstätigkeit. Hat Warschau bisher für Zehntansende von Flüchtlingen aus der jüdischen Provinz, die sich in der Stadt sammelten, sorgen müssen, so muß es jetzt seinen eigenen Zehntausenden, die brotlos geworden sind, helfen. Warschau war während des ganzen Kriegsjahres fast die einzige jüdische Gemeinde, die von den Kriegssolgen im allgemeinen unberührt blieb. Ja, ein gewisser Teil der Bevölkerung machte ganz gute Geschäfte. Jetzt ist aber auch für Warschau eine schwere Zeit gekommen. Es ist von den russischen Provinzen und allen bisherigen Lebensguellen abgeschnitten. Die Not hat sich schon in ihrer ganzen Grausamkeit gezeigt. Tausende von Familien sind ohne Beschäftigung, ohne Arbeit, ohne Brot. Massen von Menschen laufen schon wie Schatten aus den Gaffen unrher. Verschiedene Wohltätigkeitsvernnstaltungen sind durch die neue Lage in Frage gestellt. Einrichtungen, die bisher auf Kosten verschiedener russischer Gerneinden unterhalten lvurden, z. B. von Odessa, Charkow u. a., bleiben ohne Unterstützung. Enorme Mittel sind erforderlich. Alle sollen sich zusammentun, ein allgemeines jüdisches Hilfskorn itee zu schassen. Cs muß mtt Erlaubnis der Behörden aus den zirka 00 Wohltätigkeiisvercinen ein gerneinsanres Komitee gegründet werden, das die große Hilssarbert sogleich ausnimmt." Oestevreich.Urrgavn. Bus den Gemeinden. Grosi-Tapolesany. Mit Ergebenheit, die in absolutem Gottvertrauen ihre Quelle hat, ertrug Rabvi Chajim Fürst, der weitbekannte jüdische Jugendbildner, das tiefe Wehe und Leid, das ihm die göttliche Vorsehung zu erdulden bestimmte. Kaum schloß sich das Grab um seinen Sohn Pinchas, den der Krieg fällte, lnußte er sich wieder trauernd aus den Voden setzen um seinen zweiten Sohn Varuch Ji zcho k. In der ersten Jugendblüte, die zu den weitesten Hoffnungen berechtigte, wurde der fromme Preßburger Jeschiwait;2, der schon als rrr glänzte, vom Tode ereilt. Mit riesiger Teilnahme wurde er ins Haus des Lebens begleitet. Alles stand erschüttert, als der ehrwürdige Vater seinen vollkommenen Sohn beklagte. Aus aller Herzen stieg es zum Himmel empor: vn:' D'ptin. S. PKen enburg. Jakob Grünseld, der Präsident der jüdischen Gemeinde, stiftete 200,000 Kronen als Jnvalidensond für die arbeitsunfähigen Kriegsmänner dieses Komitats. Die Halste der Summe solle jüdischen Invaliden zukommen. Z. B. A. Grost-'^JardeiN. Die von der orthodoxen Gemeinde erhaltene, unter Leitung Direktor Gabels stehende höhere Mittelschule, brachte den letzten Schulbericht zur Veröffentlichung. Ans diesem wird ersichtlich, welche große Kulturarbeit dieses Institut in der großen Zeit leistete. lOSt jüdisch' Kinder bekamen eine mustergültige jüdische Erziehung und wurden von erstklassigen Pädagogen in den Geist der Thora eingesührt. Der Pflege der talmudischen Literatur wurde ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt und die Zögstadt entfernten Gebiete von neuem anbauen sollten Freilich sollte jeder Eigentümer reichlich entschädigt rverden. Trotzdem verbreitete dieser Befehl Schrecken. Ahnten doch diese Unglücklichen, was ihnen bevorstand, Ivußten sie doch, was sie von den Versprechungen der Regierung zu halten hatten'. Es wurde eine Abschätzungskommission gebildet, aber sie brachte nichts zustande. Die Regierung machte kurzen Prozeß. Jeder Hauseigentümer mußte sein Hans bl'nnen einer karg bemessenen Frist selber Nbbrechen und sich anderweit Unterkunft beschaffen. Im übrigen wurde er auf den Rechtsweg verwiesen, auf den russischen Rechtsweg. Vorläufig erhielt er keine Kopeke für sein Hab und Gut, er mochte sehen, wie er weiter kani. Wer Geld auftreiben konnte, suchte sich eine Wohnung zu beschaffen. Das gelang aber nur sehr wenigen, die meisten blieben ohne Obdach. Viele wurden zu Bettlern, viele verkarnen oder wunderten aus. Die Entschädignngsprozeffe wurden erst nach 15 Jahren entschieden. Die Frist war verstrichen. Wer sein Haus nicht gerär'.mt hatte, wurde auf die Straße gesetzt. Die Polizei kannte kein Erbarmen. Furchtbare Szenen spiel teil sich dabei ab, wenn die Aermstcn der Armen mit ihren Gerätschaften ins Elend zogen. Es war ein trauriger Zug, der sich in jenen Tagen durch die Straßen der alten Residenz der Fürsten Radziwill bewegte. Dem Zuge des Elends folgte der Zug des Todes. Auch der jüdische Friedhof mit seinen uralten Gedenksteinen und Tafeln sollte geräumt werden. Da half kein Flehen, kein Beten der Gemeinde und ihres Rabbiners, die Stätte zu schonen, in der seit Jahrhunderten die Gebeine ihrer Väter ruhten. Der schrecklichste Fluch der Juden kautet: „Die Erde soll 2. September 1016 j linge der höheren Klassen mit einem reichen Schatz talmudischen Wissens aus der Schule entlassen. Werke der Liebe wurden durch die Lehrerinnen der Töchterschule angeregt und gefördert. In den Handarbeitsstunden wurde ausschließlich für die kranken Krieger gearbeitet und jede freie Minute der Hilfe der Notbedürftigen unserer Zeit gewidmet. Flüchtlinge, Kranke, Hungernde, Krüppel und alle, die auf Hilfe angewiesen waren, wurden durch die intensive Arbeit der jüdischen Kinder unterstützt. Alles, was dort geschah, trägt den Stempel echter Jüdischkett und trug viel dazu bei, dem Judentum Ehre und Anerkennung zu bringen. Budapest. Karl H us z as , der Abgeordnete der Volkspartei, gibt eine Sammlung ungarischer Heldentaten während des Krieges heraus. Zwischen den 100 Namen, die er mit einer Gloriole umgeben will, sollen, wie er an Epy-g schreibt, zehn jüdische Helden Platz finden. „Es soll ein objektives, auf Wahrheit basierendes Werk werden, da kann, dies schreibt der antisemitische Parteimann — es ist einmal nicht anders — der Jude nicht fern bleiben." Z. B. A. Deutsch-Kreutz. Mit dem Heimgang Moses L. Schiffs rry wurde der Stolz unserer altehrwürdigen Gemeinde und die Prachtgestalt des ungarländischen Judentums viel zu früh begraben. Aus einer urjüdischen Patrizierfamilie entstammend, hatte sein Leben nur ein Bestreben, es in Betätigung echter, heiliger Jndrschkett fernen Ahnen gleich zu machen. Seine np'ii“ und *rcn rfr’c: suchte ihres gleichen. Er wurde nie müde zu helfen und zu spenden und kannte nur ein Glück: andere zu beglücken. In der Verehrung von L'vrn und in Liebe zur Thora wurde er von keinem übertroffen. Er wandelte Zeitlebens in den bewährten Spuren der Tradition und führte seine Kinder in den Weg der reinen Gottesfurcht. Rein wie sein Herz war sein Handeln; sein Wort war ein heiliger Begriff, an dem sich nie rütteln und deuteln ließ. Sein idealer Sinn und aufrechter Charakter verschafften ihm tiefe Verehrung in allen Gesellschaftskreisen. Seine irdischen Reste wurden unter gewaltiger Beteiligung nach Kreutz überführt, um an seinem Geburtsorte, wo er Jahre lang Vorsteher der Gemeinde und der p r gewesen, die letzte Ruhe zu finden. Z. V. A. Hie Radie der Bullen Lewöerg, 25. August. Man schreibt uns aus Lemberg: Nach dem Einmarsch der Russen in Lemberg, sahen es diese Befreier besonders auf die Druckereien ab. Diese, sagten sie, seien politische Faktoren, welche ausgerottet werden müssen. Besonders fahndeten sie nach dem Eigentümer der Verlags- und Buchdruckeret „Salat", Herrn Osias Wils, Herausgeber und Redakteur des hebräischen gesetzestreuen Organes „Kol Machsike Hadas." Es wurde ihnen hinterbracht, daß der genannte Herr — dem der Kaiser für seine patriotischen Gesinnungen die allerhöchste Anerkennungdokumentarisch ausgesprochen hat — im Jahre 191 i — als Serbien — von Rußland gehetzt, aus seiner wühlerischen Agitation kein Hehl mehr machte — in seinem Organe unter dem Titel: „Mizof aun ttp osacb Horoo" auf die Gefahr, deine Gebeine Herauswersen?" Diesen Fluch sahen die Unglücklichen ohne jegliche Schuld mit Grausen an ihren Angehörigen erfüllt. Der Tag des Schreckens erschien, alles fastete, jung und alt, reich und arm. In der Synagoge wurde die heilige Schrift verlesen, die Gemeinde betete inbrünstig und begab sich mit Säckchen aus grauer Leinwand nach dem alten Gottesacker. Doch nun will ich die Augenzeugin selber sprechen lassen. „Und diese kleinen Säckchen genügten vollkommen, den ganzen Menschen zu bergen, der einst im Leben so stolz, so unersättlich im Wünschen und Begehren war. Die ganze Gemeinde beteiligte sich daran, den Inhalt der aufgeschaufelten Gräber in die Säckchen zu schütten, mit einem dicken Pindsaden zu verschnüren und auf die bercitstchenden Wagen zu schichten. Hier gab es keinen Unterschied Alle waren gleich. Die ganze Volksmenge war bei dieser Handlung tief ergriffen. Hier trauerte nicht eine Familie um einen Angehörigen, sondern eine ganze Bevölkerung um ihre geschändeten Toten." Endlich waren alle Gräber ausgehoben, die Wagen beladen und mit schwarzen Tüchern verhüllt. Der Kantor stimmte das Totengebet an, und unter militärischer Bedeckung setzte sich der Todeszug in Bewegung. Die Gemeinde folgte in Sinnen und Schweigen. Achtzig Jahre sind seitdem vergangen. Der neue Friedhof hat schon so viele alte Gräber. Jetzt stehen sie unter dem Schutze unserer Feldgrauen. — — Jüdischer- Humor. Die anhaltenden russischen Niederlagen haben auf den wegen feiner starken Würze berühmten ostjüdischen

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