Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 37 (2.9.1915)
- Date
- 1915-09-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2. September 1015 Der JSraeltt. No. 37 Sette S zuberrit.n. Ein besonderer Kriegs-Arbeitsausschuß ist eifrig mit dieser Aufgabe beschäftigt. Weit reichende Pläne, für die auch die Mithilfe der Regierung schon eingeleitet ist, sind fkstgestrllt. Durch Reiseu von Ausschußmitgliedern in die besonders betroffenen Gemeinden und durch eingehende, schriftliche Befragung aller Gemeindevorstände wurde eine einigermaßen zuverlässige Unterlage für die Neuordnung der Verhältniffe beschafft. Es werden auch schon Verhandlungen mit Beamten zum dereinstigen Eintritt in die neugebildeten Gemeinden geführt. Die größte Sorge bei dem unternommenen Werke der Wiederaufrichtung unserer ostpreußischen jüdischen Gemeinden bildet aber die Beschaffung der nötigen Geldmittel dafür. Wir rechnen dabet neben den vom Staat zu erwartenden Sachentschähigungen, die ja aber nur einen Teil des wirklich entstandenen Schadens betreffen, auch auf die allgemeine Beihilfe der Regierung aus den Mitteln für kirchliche und kommunale Zwecke. Wir hoffen auch, daß unsere ostpreußischen Gemeinden selbst sich für die Wiederaufrichtung des jüdischen Lebens in ihrer Mitte kräftig anstrengen und sobald sie können, . außerordentliche Opfer dafür bringen werden. Es ist aber trotzdem die Schaffung grundlegender Besserungen rn den religiösen Verhältnissen dcr zerstöten Gemeinden nicht möglich, ohne die Beihilfe der wohlhabenderen Gemeinden im Reiche und der deutschen Judenhet im allgemeinen. Wie man beim Wiederaufbau der zerstörteu ostpreußischeu Städte nicht blos die entstandenen Beschädigungen ausbeffern, sondern zugleich zeitgemäße günstige Verhältnisse im Ganzen bereiten will, so kann und darf auch das Streben bei der Wiederaufrichtung dcr jüdischen Gemeinden in Ostpreußen seine Aufgabe nur darin sehen, überall die Grundlagen für ein lebensvolles, kulturhohes und auch äußerlich ansprechendes Judentum auch im kleinen Verbände zu schaffen. Das sind Verhältniffe, die nicht immer mit den billigen Mitteln bisheriger Gemcindeführung erreicht werden können, die aber allein nur erstrebenswert, allein nur den religionsförderlichen Absichten einer großen Gemeinschaft würdig sind. (Schluß folgt). Vermißte Mische Familien. XXXH. Es sucht: Es werden gesucht: Lally Sachs, Gelnhau- Frau Chaua Miller geb sen, Pension M. Stern. Diekeifer aus Wirballen b. Eydtkuhnen. Meldungen sind zu richten an Jüd. Nationalfonds Haag (Holland), Brikade 8a. Nathan Löw, Frank- Schlome (Salom.) Willfurt a. M., Mainstr 23. «er aus Frysztak (Galizien); wurde als Geisel verschleppt. RiskeSchreier,geflüchtet JhrSohn Jsr. Schreier» aus Bohordsani (Galiz.), pr. Adr. Oberrabb. Laz. Schönfeld, Nagykaroly (Ungarn.) Meldungen nimmt auch die Expedition des „Israelit" entgegen. Lorrespondenzen und Aachrichten. Keulsches Ketttz. Die Begehung der jüdifdien Seierfage im tleere und in den Kriegsgefangenenlagern- Isrankfurt a. W., 1. September. Aus dem Büro der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben : Das Kriegsministerium hat durch eine nunmehr an die Generalkommandos ergangene Verfügung die Frage der Dienstbefreiung und des Heimaturlaubes an den bevorstehenden Feiertagen für die jüdischen Mannschaften in wohlwollendem Sinne geregelt. Im einzelnen unterliegt die Bewilligung von Dienstbefreiung und Urlaub dem Urteil der lokalen Kommandobehörden, mit denen sich zweckmäßigerweise die zuständigen Herren Rabbinen in jeden! Falle in Verbindung setzen. Für die jüdischen Kriegsgefangenen ist verfügt, daß durchgängig, sowohl in den Lagern, als an den Arbeitsplätzen für die ganze Dauer des Versöhnungstages volle Arbettsruhe eintritt. Für den ersten Neujahrstag und ersten und achten Tag des Laubhüttensestes sollen Befreiung vom inneren Dienst und, auf Wunsch, Befreiung von sonstiger Arbeit, soweit irgend angängig, stattfinden. Gottesdienste sollen sowohl in den Lagern, als wenn möglich an den Arbeitsplätzen an den genannten vier Feiertagen statt finden. Es wird vorausgesetzt, daß die benachbarten jüdischen Gemeinden, soweit nötig, bereit sind, bei der Durchführung der im religiösen Interesse der jüdischen Kriegsgefangenen zu treffenden Anordnungen den Lagerkommandos sich zur Verfügung zu stellen. Jiidifdie Seldgeifllidie. Berlin, 24. August. In derSitzungderHausHaltskommission des Reichstages kam gestern auch der von zwei Seiten eingebrachte Antrag, den jüdischen Feldgeistlichen die gleiche Aufwandsentschädigung wie den Feldgeistlichen der christlichen Konfessionen zuzubilligen, zur Sprache. Es wurde vom Regierungstifch erklärt, daß diese Angelegenheit voraussichtlich eine befriedigende Lösung finden werde. Aus den okkupierten Gebieten. Lodz, 26. August. Auf der letzten Versammlung der Vertreter der jüdischen Gemeinde verlas der Schriftführer I. Schwarzmann einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit der Gemeindeverwaltung für 10 Kriegsmonate. Daraus geht hervor, daß während dieser Zeit sämtliche jüdischen städtischen Elementarschulen wieder eröffnet und Abendkurse sowie neue Schulgruppen gebildet wurden. Auf Kosten der Gemeinde wurden gegen 1000 Kranke behandelt. Für die Instandsetzung der Jrrenheilanstalt in der Wesola-Straße sind 5000 Rbl. bewilligt worden. Zwecks regelmäßiger Führung der jüdischen Zivilstandsbücher wurde eine Aktion eingelettet, die sehr günstige Ergebntfle hatte. Es würden 2287 Matrikelschrine über Geburten, 183 Akten über Eheschließungen, die bereits in früheren Jahren erfolgt sind, 2016 Akten über Todesfälle und 475 zeitweilige Eheakten für Reservistenfrauen ausgegeben. Eine Reihe jüdischer gemeinnütziger Anstalten erhielt durch Vermittlung der Gemeindeverwaltung größere Unterstützungen vom ehemaligen Bürgerkomitee. Das bet der Verwaltung errichtete städtische Büro trug viel zur Aufklärung in verschiedenen Fragen bei. Da der Etat der Gemeinde seit 2—3 Jahren nicht bestätigt wurde und das Rabbinat sowie die Gemeindebeamten ohne Mittel geblieben wären, erteilte ihnen die Gemeindeverwaltung Vorschüsse in der Höhe bis zu 50% ihres Gehalts. Die Bemühungen der Herren Albert Jaroctnskt, Max Kernbaum und M. A. Wiener ermöglichten der Gemeinde, ein Leihhaus zu eröffnen, das Unbemittelten Darlehen erteilen wird. Die Gesamteinnahmen der Gemeinde beliefen sich aus 60 879 Rbl. 33 Kop., darunter 3? 000 Rbl. vom Bürgerkomttee, die Ausgaben auf 60614 Rbl. 54 Kopeken. Die Jüdische Handwerkerschule, die vom Verein „Talmud-Thora" unterhalten wird, wird in den nächsten Tagen wieder eröffnet. Kleines Feuilleton. Am Sabbat auf der Flucht. (Aus dem Feldpostbriefe eins jüdischen Bataillons- und Assistenz-Arztes im Osten.) L. am Bug, 16. Ang. .... Die Verfolgung des sich dauernd zurückziehenden, aber sich heftig wehrenden Gegners ist so aufreibend, anstrengend und nervenabspannend für alle Beteiligte, wie man es sich kaam vorftellen kann, wenn mans nicht selbst erlebt — 25 - 30 Klm. unausgesetzten Marsch, aufgehalten durch brennende Brücken, unterminierte Chausseen, große Sümpfe, dichte Wälder, täglich im Anschluß daran Gefecht - Zeit zum Ausgehen oder Essen ist nicht vorhanden; in der Zeitung lieft sich alles so einfach, aber unsere Truppen leisten Unglaubliches. Und so sind wir in den letzten Tagen wieder recht schön vorwärts gekommen,' ich befinde mich augenblicklich in einem kleinen Bug-Dorf dicht am Fluß, etwa 36 Klm. südlich Brest-Litowsk. Hier sind wir heute Mittag eingetrossen, um nach diesen Anstrengungen als Bug-Sicherung für weiter vormarschierende Truppen etwas auszuruhen; voraussichtlich für ein paar Tage, — aber, wie so oft, fürchte ich, daß unsere Leute aus ihren eben eingerichteten Quartieren durch Befehl herausgeholt werden zu neuen Taten. Wenn alles nur gut geht und planmäßig Erfolg hat, wollen wir schon zufrieden sein und dem lieben Gott für seinen gütigen Beistand danken. Die Schrecken nd die Schäden des Krieges für ein Land machen ch hier jetzt in ergreifender Weise bemerkbar. Alle Wege sind von den Rußen zerstört, Brücken gesprengt und abgebrannt alle Dörfer, mit eben frisch etngebrachten, reichen Erntevorräten in Flammen aufgegangen, um uns den unaufhaltsamen Vormarsch zu erschweren. Unauslöschlich wird mir der Eindruck von meinem Einmarsch in Wlodawa am 13. August abends 6—7 Uhr bleiben. Es war Freitag Abend, vor Eintritt des heiligen tgp! Wir lagerten auf der Haupt-Chaussee etwa 7 Klm. vor der Stadt und warteten auf die Instandsetzung einer 40 Meter langen, von den abziehenden Russen abgebrannten Brücke. Unsere Pioniere und der Brückenirain wurde sofort vorgezogen und bald konnten die Fußtrnppen einzeln die neue Brücke überschreiten, Pferde und Wagen aus einer Pontonbrücke hinübergehen. Dicke schwarze Rauchwolken wälzten sich unaufhörlich am Horizont gen Himmel und zeugten von der Tätigkeit des Feindes. Als wir drüben waren, trafen wir auf ein großes, freies Feld, auf dem dicht gedrängt die Bewohner Wlodawas und Flüchtlinge mit ihrem bischen Hab und Gut aufgefahren waren. Alles, alles Juden, zum Teil solche, die von den Russen bisher milgesührl worden waren, aus Cholm z. B., denen ich die freudige Mitteilung machen konnte, daß ich vor acht Tagen dort gewesen und sie nun ungehindert zurückkehren könnten. Auf hochbelaöeuett Wagen hatten sie ihre Habseligkeiten bei sich, darauf Frauen, Kinder, Säuglinge — und als wir uns auf diesem Platze sammelten, gingen plötzlich in dem ganzen Flüchtlingslager kleine Flämmchen auf der Wiese aus, Männer, Frauen und Kinder lagerten sich um die Lichtchen, die von mehreren Familien zusammen ausgestellt waren; es sah aus an verschiedenen Stellen, als wenn der 8. Tag des N2un-Festes herangekommen fei — und dabei war es noch hell. Aber — es war rve» geworden und die armen Menschen feierten den Eingang des Sabbat, wahrend kurz hinter ihnen ihre Häuser in nun hell flammenden Bränden in Schutt und Asche zerfielen. Es war mir bitterweh zu Mute, als ich das mitansehen mußte, und doch bewunderte ich das felsenfeste Vertrauen dieser gequälten Menschen, mit dem sie ihr Schicksal ertrugen. Um so größer aber wuchs wieder mal mein Haß gegen den frechen, ruchlosen Unterdrücker. Und nun begrüßen uns die Männer, Frauen, Mädchen, Kinder mit Tränen in den Augen und wünschten jedem unserer rauh und staubig aussehenden vorüberziehenden Soldaten in den dankbarsten Ausdrücken alles Gute für die Zukunst und den Schutz des allgütigen Gottes. Ich selbst unterhielt mich eingehender mit ihnen und konnte erfahren, mit welcher Sehnsucht sie uns erwarteten, wie sie für unsere Sache den Sieg erflehen — ist eS ja auch ihre Befreiung von unendlichem Druck und schwerem Leid. Hier zog nun der res? ein — ich aber mutzte weiter durch das brennende Wlodawa hindurch, von dessen Glut und Flammen die Nacht nun erleuchtet wurde, wie ich es nie gesehen! In dem Rauch das Knattern explodierter Munition, das Krachen einstürzender Gebäude, das Schreien umkommenden Viehs und vereinzelte Schüsse sich zurückziehender Patrouillen auf den scharf verfolgenden Skeger und Ueberwinder. Einige Klm. hinter W/odawa, in einem ebenfalls brennenden Dorf, von dessen Häusern Nichts mehr zu sehen war, gingen wir dann zur Biwakruhe über und waren bald — müde und matt von der anstrengenden Verfolgung — in wohltuenden Schlaf versunken. Das find Eindrücke, meine Lieben, die man nicht vergisst, die betrübend und erhebend zugleich sind, wie überhaupt ja im Krieg Wehtun und Wohltun dicht beieinander wohnen-, ich bin aber froh, daß ich das miteriebe und zwar im Augenblick des Entsetzens solche Momentbilder miterleben darf. Gebe der liebe Gott, dah ich nun bald auch erfreuliche Eindrücke hier schöpfen kann.