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Der Israelit · 1915-09-02 · Heft 37 (2.9.1915) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 37 (2.9.1915)
Date
1915-09-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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1. ■ fecist » «r. 37 Dutzende Verblendeter verbrochen haben, das haben andere, schon im Heeresdienste stehende viele Tausende in riesenhafter Vergrößerung getan, ohne daß davon ein Wort in die Oeffentiichkeit gedrungen wäre. Ein Vergleich dieser Verräter mit jenen Feiglingen wäre eine Sünde. So häuft sich der Zündstoff zum Scheiterhaufen für die Juden, den anzuzünden gewisse Kreise nicht erwarten können. Die politischen Folgen, die sich aus dieser Lage der Dinge in Galizien für die dortigen Juden ergeben würden, sind gar nicht abzusehen. Sie sollen der Sündenbock für alles Unheil werden. Wo sind die Augen der führenden Männer im Judentum, daß sie das uicht sehen? Oder gibt es keine Führer? Oder sind die Führer Verführer? Die Regierung der Monarchie kennt die Treue, welche die galtztschen Juden in der Kriegszeit bewiesen haben, sie kennt die Tapferkeit der jüdischen Soldaten, den Opfermut und die Wohltätigkeit aller Juden 11 Oesterreich. All dies reicht nicht hin, um den Mund der Verleumder zu stopfen. Da und dort findet das Gezische der Giftschlangen offenes Ohr, der Schletchertritt hinterlistiger Meuchelmörder offene Türen. Dieses politische Gewölk muß ein ehrltches Auge sehen. Wo sind die Männer, die dem rechtzeitig Vorbeugen? Ihr deutschen Juden helfet uns — wenn es bei uns an Männern fehlt, bestrebet euch Männer zu sein! Daß auch in den großen, nun von deutschen Truppen besetzten Gebieten Rußlands die Juden schwere Qualen erlitten haben, ist bekannt. Es gibt kein Leid, das ihnen nicht widerfuhr. Auch dort aber haben polnische Landesgenoffen die Juden dem Meffer ausgeliefert. Die größten Judenzentren Europas waren und sind Zeugen der Martyrien geworden, gegen welche Spanien und Portugal Paradiese waren. Die Schilderungen der Klagelieder über Palästinas Geschick erreichen an Furchtbarkeit kaum das, was sich mit den Juden Russisch-Polens und der anderen Provinzen Rußlands zugetragen hat, aus denen Mtlltonen Juden vertrieben wurden. Da entsteht ein Judenelend, wie es in der Weltgeschichte noch nicht dagewesen ist. Das Schicksal der kämpfenden Krieger, der in Trauer zurückbleibenden Verwandten Gefallener, ihrer Witwen und Waisen, die Not der Völker sonst, sind beneidenswertes Los g genüber dem Schicksal der Juden. Wie sich die politischen Verhältnisse in Russisch-Polen gestalten werden, kann niemand wissen. Hier tauchen Fragen von weltgeschichtlicher Bedeutung auf, deren Lösung auch die Erlösung der Juden Rußlands werden kann. Sind auch die Juden nur ein Teil der von den großen Weltkrisen betroffenen Völkermaffen, so wird die Judenfrage doch bald zu einer brennenden werden. Bildete Der Ahschiedsgruß des scheidenden Jahres. Bon Rabbiner Dr. D». Lewin in Wreschen. Mit ehernem Griffel hat das Jahr, desfen Räderwerk bald abiäusi, sich in das Gedächtnis der Ewigkeit verzeichnet. Durch die gewaltigen Stimmen seiner Geschehnisse wird die Erinnerung an dasselbe bis in die fernsten Zeiten und Geschlechter fortdauern. Daß ein solcher Jahreswechsel uns, die wir Zeugen dieser furchtbaren Ereignisse gewesen sind, bis ans Herz und an die Seele ergreift, ist mehr als selbstverständlich. Die langen bangen Monate, in denen wir der Kriegsdromete mit bebendem Herzen und erwartungsvoller Seele gelauscht, haben jedoch unser Verständnis geschärft für unsere heilige Lehre, dah wir in ihrem Lichte den Sinn unserer Erlebnisse viel besser verstehen und begreifen, und so sehen wir in dem Schristwort dieser Woche zugleich den Abschiedsgruß des scheidenden Jahres: „D222 cvn D’n*: buk, Ihr stehet heute alle vor Gott eurem Gotte, 121 D2n33B' 03nwn, eure Häupter, Der Israelit. sie doch auch in friedlichsten Zeiten bei den Zentralmächten einen politischen Faktor weit mehr als bei einem Teile der Ententemächte, von denen eigentlich in diesem Betracht nur Rußland in Frage kommt. Darüber darf man sich nicht täuschen. Es wird auch in Deutschland nicht plötzlich alles anders geworden sein, wenn auch dort nirgendwo geradezu antisemüisches Regiment herrscht wie in Wien und Oesterreich. Das Judenproblem tritt mit Macht auf. Für Rußland ist der Untergang von etwa drei Millionen Juden völlig gleichgiltigim Gegenteiledas ist sein sehnlichster Wunsch, dem sich im Stillen und offen gar manche Kresse der Zentralmächte herz ltch gerne anschließen. Wir werden, wie immer, schon selber für uns zu sorgen haben. Wer wird die Sorge rechtzeitig übernehmen? Wo ist der Weise, der für das Kommende Vorsorge trifft? Jüdische patengemeinden für Ostpreußen. Bon Waisenhausdirektor Peritz Königsberg. Die schweren Schädigungen, die ein großer Teil von Ostpreußen durch den Einfall der Russen erlitten hat, haben überall in Deutschland den Wunsch rege gemacht, diesem hart betroffenen Lande und seinen Bewohnern beim Wiederaufbau des zerstörten Heimwesens nach Kräften zu helfen. Ganz Deutschland möchte ihnen gern die Opfer entgelten, die sie um des Vaterlandes willen schwerer als alle anderen in diesem Kriege haben bringen müssen. Patriotische Gesinnung und inniges Mitgefühl verbanden sich für sie schon zu den verschiedensten Werken hilfreicher Nächstenliebe. Aber das immer weitere Eindringen in die Bedürfniffe der entstandenen Notlage macht immer neue Maßnahmen und Veranstaltungen zu ihrer gründlichen Beseitigung notwendig, denen sich der opferreiche Sinn der Bevölkerung bisher nie entzogen hat. Eines der schönsten und großartigsten neueren Hilfswerke für unsere schwer betroffene Provinz, bU et die aus der Anregung des Schöneberger Polizei-Präsidenten, eines früheren ostpreußischen Landrats, hervorgegangene Patenschaftshilfe für die oftpreußischen zerstörten Ortschaften, die neben der staatlichen Hilfe für die betreffenden Kommunen, sich die Schaffung besserer Daseins- und Entwickelungsbedingungen für diese Orte zur Aufgabe macht und ihre Mittel aus besonders d»zu gegründet?« „Kriegshilfsvereinen" zu gewinnen sucht. Der Gedanke einer solchen Hilfe ist auch für eure Stämme, eure Aeltesten und eure Führer, olle Männer Israels ... auf daß du hinübertretest in den Bund des Herrn deines Gottes" In ihrer sinnigen Art bringen unsere Alten diese aufmunternden Worte Moses in eine Gedankenverbindung mit dem Kapitel der Strafandrohung, das kurz zuvor Israel vernommen: „Q'r\v 1« uns non m'rtp nxc bx-an Als Israel die 99- oder 98-sache Fluchverkündigung gehört, da wurden alle starr vor Schrecken und mit zagender Seele sprachen sie: „N7X2 *11216 V21* '2, Wer kann da bei solcher Schicksalsoffenbarung bestehen?" Da berief sogleich Moses das Volk und sprach: „Dvn dos: nrs, Trotz alledem werdet ihr bestehen — wie heute, wie der Tag, der nicht aushört, der wohl bald hell strahlt, bald vom Wolkendunkel getrübt ist - aber bleibt und dauert". Freilich cns? 22^2 22V2. Wie ihr alle vor mir gleich seid, wie der Fürst nicht mehr zählt als der einfache Wafferschöpser, worin euch alle die gleiche Aufgabe adelt, „.in den Bund Goties einzutreten", so N72 TT» 2*2ij> 2222, sollt ihr euch alle jeder dem andern verpflichtet sehen und in der Einmütigkeit eure Stärke, die Wurzel eurer Kraft suchen. Ein Bündel Pfeile verrnag auch der Stärkste nicht zu brechen, einzeln widersteht keiner, nicht einmal der Kraft eines Kindes. Die Wahrheit dieser von unfern Weisen so herrlich ausgesprochenen Gedanken har unsere Gemeinschaft im Lause der Zeilen und im Wandel der Geschlechter an sich erfahren. An sie sollen wir uns alljährlich von neuem erinnern, wenn sich die JahreSsonne dem Untergange neigt, - mehr denn je aber diesmal noch den Erfahrungen de» vergangenen Monate. Mit voller Wehmut gedenken wir der Hundertlausende unserer Glaubensgemeinschaft, denen der Krieg durch die Grausamkeit ihrer geschworenen Todfeinde alle nur erdenklichen Leiden gebracht har. Und wir müßten verzweifeln, ohne die erhebende Ueberzeugung: „Die Ge- 2 September 1915 die geschädigten jüdischen Gemeinden Ostpreußens nützlich und praktisch verwendbar gefunden worden. Mit den Städten haben ja auch unsere jüdischen Gemeinden unter den Berherungen des Krieges und besonders durch den Einfall der Russen schwer gelitten. Fast die Hälfte unserer ostp ceußisch n jüdischen Gemeinden ist durch den Krieg mindestens für längere Zeit zu Grunde gerichtet worden. Das jüdische Leben hat bei vielen seit Kriegsbeginn aufgehört, der wird nur'dürftig in ihnen erhalten. Die Beamten fehlen an vielen Orten. Zahlreiche, zum Teil bisher wohlhabende Gemeinden, können jetzt das Gehalt für einen Beamten nicht mehr aufbringen. Ihre Mitgliederzahl hat sich durch den Krieg, wenn auch vielleicht nur vorübergehend, stark vermindert. Eine reguläre Gemeinde-Verwaltung fehlt zurzeit in verschiedenen Orten. Einzelne Synagogen sind zerstört, verbrannt oder durch innere oder äußere Beschädigungen vorläufig unbrauchbar gemacht. Thorarollen und sonstige gottesdienstliche Gegenstände siltd vielfach geraubt und vernichtet. Der Sachschaden allein, den unsere oftpreußischen Gemeinden durch den Krieg erlitten haben, ist auf 150000 Mark zu schätzm. Dazu kommen dann noch die Ausfälle an Steuern und sonstigen Gemeindeeinnahmen, die ausgehänsten Schuldenlasten aus der Krtegszeit. Und wie stark sind die religiösen Verluste an gewohntem rituellem Leben, tm lang unterbrochenen Religionsunterricht der Jugend, durch Wegfall jedes Gottesdienstes für die Erwachsenen zu schätzen! In einem weiten Teile Ostpreußens ist das Judentum ganz neu aufzubauen. Gemeinden sind neu zu bilden, das Filialwesen ist neu zu organisieren, neue Kleinverbände sind zu schaffen, neue, gebildete, deutsche Lehrer und Kuttusbeamte einzusetzen und Sinn und Interesse für jüdisches Gemeindeleben wieder lebendig zu machen. Der Ostpreußische Synagogenverband, der sich bei der Betätigung seiner Aufgabe für die oftpreußischen Gemeinden stets voll Eifer erwiesen hat, ist vorerst bemüht, sobald als möglich überall provisorische Aushilfen für die religiösen Bedürfniffe der zerstörten Gemeinden zu beschaffen. Da ist unter den gegenwärtigten Verhältnissen in Ostpreußen, bei der schlechten, oft ganz aussetzenden Bahnverbindung, bei der in manchen Orten noch heute bestehender» Schwierigkeit für Unterkunft, dem allgemeinen Mangel an Beamten u. a. in vielen Gemeinden noch immernichtszu erreichen. Doch sucht der Verband auch jetzt schon den künftigen, erst nach glücklich beendetem Kriege wirklich in Eingriff zu nehmenden vollkommenen Wiederaufbau des Judentums in Ostpreußen varsamtheit bleibt, auch wenn der Einzelne von den Pfeilen eines widrigen Geschickes getroffen »vird. „sni }62 Vitr {62 p1«, für die Ewigkeit ist der Träger des Gottesbundes bestimmt", „vdip -112' p'-rati, der Gerechte ist die Säule der Wel', und auch Israel bleibt als der ewige Z' uge der Allmacht Gottes und der ewige Verkünder seines Willens". Was die Ewigkeit zu bewirken vermag, daß sie Berge zu versetzen imstande ist und auch die größten Schwierigkeiten aus dem Wege räu»nt, das zeigt uns mit aller Klarheit das Schicksal unseres deutschen Volkes. In denkwürdiger Stunde schwand der Hader und Streit der Parteien und dieser durch die gemeinsame Sorge geschaffene Gemeinsinn stählte den Willen zum Durchhauen und Siegen. Wir danken gewiß die herrlichen Siege der Gnade des Allgütigcn, wir setzen aber in ihnen auch die Erfüllung der Verheißung: „Ihr steht ausrecht und siegreich da, »nenn ihr geschiossen und einmütig dem Verderben zu wehren sucht." Diese Ueberzeugung sollet» »vir aus dein Abschieosgruß des scheidenden Jahres in die Zukunft hinübcrnehmen. Sie möge uns Juden an unsere gerneinsame Aufgabe erinnern, "7 n,m>22 22"72yb, ben Bund mit Gott ausrecht zu erhalten, und auch das Band der Zusammengehörigkeit i»m uns alle schlingen. So werden wir die Wenigen zu Vielen, und keine Macht in der Welt vern»ag uns zu entwurzeln. Stark in der Einigkeit und fest in der Verfolgung hehrer Ziele dürfen wir mutig und entschlosseu vorwärts schauen und mit Mose sprechen: „vpbx ‘ib nrvwn, das Verborgene sei dem Herrn unfern» Gott anheimgegeben, das Offenbare ist aber unser und unserer Kinder, alle Worte dieser Thora zu üben." *

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