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Der Israelit · 1915-08-26 · Heft 36 (26.8.1915) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 36 (26.8.1915)
Date
1915-08-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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C«id(?ang and Lc^fc yv Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer hehrer Deutschlands. „Anwendung" und „Einübung" der biblischen Geschichten. ' (Bivellesen.) 1.) Daß durch die Biblische Geschichte Gemüt und Wille befruchtet werden sollen, ist eine allgemein .zugestandene pädagogische Forderung. Unklarheit Herrscht Vielfach über das Wie der Behandlung, durch das diese Wirkung erzielt werden soll. Glicht selten .begegnet man der Meinung, daß die 'Nutzbarmachung der Geschichte für Gemüt und Wille aus der letzten Formalstufe, der Stufe der Anwendung, erfolgen müsse. Demgegenüber .stellen wir noch einmal fest, bas; der .Hauptwerk der Geschichte in dieser selbst liegt, nicht in dem Drum und Dran der methodischen Zugabe, daß auch die Hauptwirkung auf Gemüt und Wille erzielt wird durch die „lebendige Darbietung" oder Geschichte. Die frische, sinnliche Anschauung der Darstellung befruchtet Herz und Gemüt, nicht die abstrakte Lehre oder die methodische Nutzanwendung. Wir erwarten von der lebendigen Darstellungbaß den mindern die später auf der Abstraktionsftufe auch zusammenzusassenden religiösen Begriffe erst a nfchaulich werden, daß sie die religiösen Wahrheiten über Zein und Wvken, Wachen und Richten Gottes mit der Wucht wirtlicher Erlebnisse empfinden und von ihnen durchdrungen werden. Demgegenüber bedeutet es wenig, ob die Kinder auch noch das System dieser Begriffe in reihenförmiger Ordnung gedächtnismäßig beherrschen icntut oder nicht. Die biblische Geschichtsstuude ist uns in erster Linie eine Weihestunde religiösen Erlebens, nicht eine Stunde der Vegrifssauf'peicherung vurch Verstand und Gedächtnis. Das Bestreben, aus jeder Geschichte eine oder mehrere „Lehren" herauszuholen und eine „Nutzan- Wendung" anzuschließen, ist aus der (beschichte des christlichen Religionsunterrichtes verständlich. Tie ihm durch den Katechismus auscrlegte Bindung führte dazu, kür das abstrakte Lehrgebäude, das ohnedies auf religiöse Begriffe großen Wert legt, eine für Kinder verständliche anschauliche Grundlage zu suchen, die mau in der Biblischen Geschichte gefunden zu haben glaubt. Daß dem „System" zuliebe manches aus einer Erzählung heraus-, bezw. at dieselbe hineininterpretiert werden muß, was der unbefangene Leser nicht darin sieht, ist erklärlich. Der jüdische Religionsunterricht ist an kern abstraktes „System" gebunden und braucht deshalb auch nicht die einzelne Geschichte als die konkrete Grundlage für eine bestimmte Lehre behandeln. Wir verzichten deshalb in der Geschichte zwar auf die Herausarbeitung von vollständigen Begriffsreihen über die Eigenschaften Gottes, über Sein? Stellung zur Welt u. dgl., ohne jedoch die sprachliche Fixierung eines religiösen Einzelbegrisfs, der sich in der Geschichte aufdrängt, zu unterlassen. So wird gleich bei der Schöpfungsgeschichte die denkende Betrachtung aus der Abstraktrvnsstufe die Begriffe „Allmacht", „Weisheit" nicht übergehen dürfen, eine erschöpfende Aufstellung über Gottes Eigenschaften jedoch weder aus dieser noch aus den folgenden Geschichten ableiten wollen. Ebenso bietet die Geschichte nur in einer beschränkten Zahl von Fällen natürliche Anschauungsbcispielc für ethisch-religiöse Gebote. Es wird an Abraham der „Gehorsam", die „Friedfertigkeit", die „Gastfreundschaft", die Betätigung allgemeinster „Nächstenliebe" 'nicht übersehen werden dürfen, allein Das vollständige System der religiösen Pslichtenlehre -ist für den jüdischen Reeigionsunterrrcht in der „Lehre Moses" in 613 zumeist an recht anschaulichen Bei> spielen demonstrierten Imperativen vorgetragcn und .nicht in der Geschichte. Zu der sogenannten ethischreligiösen Nutzanwendung, d. i. die Anwendung der „Lehre" auf das ethchch-religiöse Leben der Kinder, ist somit nur in einzelnen Fällen Gelegenheit gegeben. Brauchbare Unterlagen bietet hauptsächlich "die Patriarchengcschichte. Wir nutzen diese Gelegenheit zu moralischer Anwendung deshalb, werk auf den unteren Stufen der Volksschule sich der planmäßige. an den Text des Pentateuch anschließende Religionsunterricht noch oerbietet, anderseits aber die Lcbeilspraxis der Kleinen einer ethisch-religiösen Durchleuchtung schon dringend bedarf. Die „Gewöhnung" au ethisch-religiöses Handeln, die dje Grundlage der religiösen Erziehung ausmacht, kann nicht früh genug beginnen. Und bei der religiösen Nutzanwendung der Geschichte soll es sich um gar nichts anderes handeln, als um dre religiöse' Beleuchtung der eigenen Lebensgewo hu beiten der Kinder, um oie denkende Betrachtung dessen, was von ihnen gefchie h t und was geschehen soll. Ter W i l l e wll beeinflußt werden. Das ist nicht zu erreichen durch die abstrakte Lehre und auch nicht durch das angeschaute Beispiel allein. Die ethischen Vorbilder der Geschichte liegen nämlich für das Kind zu hoch. Gewiß erkennt es, ooß Friedfertigkeit und Gastfreundschaft etwas Schönes find, allein, wenn man glaubt, diese theoretische Einsicht bestimme nun auch die Praxis, so Übersicht man, daß das Kind kein Patriarch und kein Herdenbesitzcr ist. Es erkcnntdas Gute an in der Theorie, handelt aber nach egoistischen Motiven in der Praxis. Trum aws Licht mit diesen egoistischen Motiven! An der Hand wirklich vorgekommener oder täglich vorkommender Erlebnisse "aus dem kindlichen Leben ist zu zeigen, wie falsch das egoistische Denken der Kinder (wie auch der meisten Erwachsenen) ist;im kleinen und kleinsten tritt stündlich die ethische Pflicht der Selbstüberwindung im kameradschaftlichen Verkehr an das Schulkind ebenso heran wie in der Geschichte an den Patriarchen. Und ist nicht zur Uebung der Gastfreundschaft gegen Bekannte wie gegen Fremde täglich im eügsten Erfahrungskrcise der Kinder Gelegenheit! Also nicht „phantasiertes Handeln" in Lagen, in welchen das Kind noch reicht war, — denn hier, in der Phantasie, wo der Egoismus leicht zu überwinden ist, trifft es tadellos immer das ethisch Richtige — sondern eine Nutzanwendung, die nur die konkrete Tatsächlichkeit der vom Kinde selbst schon geübten vderder es umgebenden Lebenspraxis in das Licht der sittlicheren Forderungen rückt und der Entschuldigung der Selbstsucht, daß das Gesetz in dem Spezialfall der eigenen Lage nicht gelte, den Schleier des Sophismus dorr den Augen nimmt! Und nicht eine Anwendung, die mit allgemeinen theoretischen Sätzen sich begnügt: „was wirft Tu tun, wenn ein anderer Streit mit Dir ansängt! — wie mußt Du gegen Gäste fein?", sondern die Besprechung eines konkreten Streitfalles mit seinen schlimmen Folgen und Gegenüberstellung des Heldenmutes der Selbstüberwindung mit dem vermeintlichen Mut rücksichtsloser Selbstbehauptung! — Der jüdische Wandersmann — welche Bilder von Leid können da vor den Augen der Kinder entrollt, welche Fälle des Erbarmens in ihnen wachrufen, wie viele selbstcrlebte Worte und Taten gegenüber dem Fremden mit dem Matzstabe sittlicher Liebespflicht gemessen werden! Eine Beugung des Willens durch solche Nutzanwendung ist möglich, wenn auch die „Praxis" der Umgebung des Kindes der sittlichen Willensrichtung günstig ist. Eine andere „Anwendung" ergibt sich aus dem Zusammenhänge einer Reihe pentatestchischer Erzählungen mit den Vorschriften über die Feier- und Festtage. 2.) Allgemein gilt der Grundsatz, daß nur völlig Verstandenes dem Gedächtnis aufgcgeben werden dürfe. Darum wird es das Richtige sein, auch in der Geschichre die Einprägung an das Ende der methodischen Behandlung zu stellen. Erft jetzt haben die Kinder volle Klarheit über den sachlichen und ethischen Gehalt der Erzählung. Sie schöpfen jetzt aus dem Vollen, das Bewußtsein, über dem Stoff zu stehen, gibt ein gewisses Kraftgefühl, das in Verbindung mit den anderen durch die Geschichte erzeugten, ethischen, syenpathischen und ästhetischen Lustgefühlen zum stärksten Reproduktionshebel für die Bilder der Erzählung lvird. Denn je gefühlsmäßiger die Vorstellungen, desto reproduktionsfähiger find sie. Die EivPrägung wird auf den untersten Stufen regelmäßig vurch Wiedererzählen erfolgen. Die Form der Darstellung soll dem objektiven Berichte der Bibel möglichst nahe kommen, wobei in Rücksicht auf sprachliche Flüssigkeit eine gewisse Freiheit gegenüber dem sprachliche'» Ausdruck der wortgetreuen Uebertragnng des Bibeltextes zugestanden werden muß. 3.) Das Zurückgehen auf den reinen Quellentext ist eine Forderung der Pietät gegen die Bibel, im jüdischen Religionsunterricht auch een Gebot von weittragender religivnspüdogogncher Bedeutung. E s m u ß den Kindern zu Bewußtsein kommen, daß, im Gegensätze zu Märchen und anderen Erzäb-- lungen, mit welchen der Profanunterricht und die häusliche freie Beschäftigung die Kinder reichlich überschütten, hier das' Wort Gottes zu ihnen spricht. Es dürfte fick' empfe'hlen, den Kindern den Zusammenhang der biblischen Geschichten mit der Bibel und den Begriff der letzteren als den eines göttlichen Buches möglichst frühe llar zu machen und zu diesem Zwecke am Ende der methodischen Behandlung öfters einen behandelten Abschnitt aus der (deutschen) Bibel noch einmal vorzulefcn. Die gleichen Rücksichten verbieten es. den Kindern Bearbettungen von biblischen Geschichten in die Hand zu geben, welche den Stoff in einer für kindliche Auffassung berechneten Weise frei bearbeiten. Wie dem kindlichen Anschauungsbedürsnis in einer für die Pietät gegen die Bibel unschädlichen Weise Rechnung getragen werden kann, haben wir früher gezeigt. In die Hand der Kinder gehören solche frett Erzählungen Nicht, denn bis das Kind gewandt lesen kann, ist die objektivtreue Darstellung des Bibeltextes für seine Auffassung längst nicht mehr zu hoch, oder darf es wenigstens nach der richtigen methodischen Behandlung nicht mehr sein. Solange das Kind aber nicht flüssig liest, braucht es überhaupt kein Geschichtsbuch. Etwa vom dritten Jahre ab ist das Lesebedürfnis unserer Kinder allgemein so hoch gesteigert, daß wir ihnen die Biblische Geschichte in einer objeltivtreuen Bearbeitung in die Hand geben können. In der Mittelklasse mag die Geschichte nach der Behandlung auch im Buche gelesen werden. An brauchbaren Darstellungen der Biblischen Geschichte fehlt es nicht, wenn auch selbst die besseren Bearbeitungen eine viel zu große Beschränkung im Stoff sich auferlegen. Mag auch mancher Lehrer, dessen Kinder oie Wirkung einer guten Erzählung nie erlebt haben und die Geschichte nur nach dem buchmäßigen Memorieren sich aneignen müssen, von der Ltosffülle der Biblischen Geschichte sprechen, die .Kinder, deren Hunger nach Erzählungen so grost ist, daß unsere Neun- und Zehnjährigen schon Bücher von mehr als Bibelumfang in kaum einem Jahre verichlingen, kennen kein Zuviel des Stoffes, sobald der an sich anziehende Stofs der biblischen Erzählungen durch die dramatische Borerzähtung des Lehrers in ihnen einmal lebendig geworden ist. Das Ideal des Hilfsbuches für die Biblische Gesch'chte ist darum die Bibel selbst, sei es als Vollb ib el oder als (gekürzte) Schulbibel. Schon in der Mittelklasse können Erzählungen aus der Richter- und Königszeit mit Nutzen gelesen werden: es geschieht dies erst nach der methodischen Behandlung. Dre Bücher Ruth. Jona, Esther, die in

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