Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 36 (26.8.1915)
- Date
- 1915-08-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 No. 36 Dienstbefreiung oder Heimaturlaub an den bevorstehenden Feiertagen nicht ergangen.; Es dürfte sich daher empfehlen, daß sich die Herren Rabbinen, oder,. wo solche nicht vorhanden, die Gemeindevorsteher, bei den lokalen Kommandobehörden um die Herbeiführung von Nrlaub oder Dienstbefreiung, soweit es die Interessen des Dienstes gestatten, rechtzeitig bemühen. 5oldalenleklüre. Krankfnrt a. M, 23. August. Auf Grund vielfacher Anregungen und Wünsche aus dem Felde hat die „Freie Vereinigung für die Inter essen des orthodoxen Judentums" beschlossen, zur Versorgung der jüdischen Kriegsteilnehmer im Felde und namentlich in den Lazaretten mit geeigneter Lektüre beizutragen. Sie versendet ein Verzeichnis von Schriften, die sie, soweit der Vorratreicht, auf Grund von Bestellungen durch die.Kriegsteilnehmer selbst oder durch ihre Angehörigen und Freunde direkt unentgeltlich franko ins Feld versendet. Für die in den Lazaretten befindlichen jüdischen Krieger hat die Bereinigung Wanderbüchereien zusammen gestellt, die den Lazarettverwaltungen direkt oder durch Vermittlung der zuständigen Rabbinen — soweit vorrätig — leihweise mit der Verpflichtung unversehrter Rückgabe überlassen werden. Bestellungen und Adressenaufgaben sind an das Büro der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" Abteilung K.riegsschriftenversand, Schützenstraße 14 zu richten. Oie religipnsgefefelkhe Wertung der Todes* Meldungen aus dem Felde. Irankfnrt a. M, 22. August. Ein von den Vor sitzenden beider gesetzestreuen Rabbinerverbände unterzeichnetes Rundschreiben an die gesetzestreuen Rabbiner Deutschlands hat folgenden Wortlaut: „Sehr geehrter Herr Kollege! Auf Grund'von Anregungen aus Kollegerrkressen sehen wir uns veranlaßt, Sie darum zu ersuchen, die Unterlagen eines jeden in Ihrem Rabbinat vorkommenden Falles von Todesmeldurrgen aus dem Felde persönlich nachprüsen zü wollen. Die auch von Ihnen gewiß schon gemachte Erfahrung, daß wiederholt amtliche Berichtigungen der amtlichen Verlustlisten erfolgen mutzten, nachdem Todesmeldungen sich als falsch erwiesen hatten, zeigt, daß die Aufnahme in die Liste einen Irrtum nicht ausschließt. Dazu kommt die grundsätzliche Verschiedenheit zwischen dem Religionsgesetz und dem bürgerlichen Gesetz bezüglich der Anforderungen, die an ein Zeugnis zu stellet sind, das zur Todeserklärung berechtigen »oll. Die für manche religionsgesetzliche Entscheidungen Buchstaben an die uns allen wohlvertrauten Worte: „a*J1‘es6 nanoi Hjn^ Jeder seinem Nächsten und Gaben für die Armen". Aus der Esterrolle übernommen sollen sie uns an die heiligste der Pflichten erinnern, die wir als Menschen und Israeliten zu erfüllen haben. Die Gnade des Höchsten und sein verleihendes Erbarmen sichern wir uns nur dann, wenn wir Matz um Matz das Licht unserer Milde und Liebe den Nebenmenschen leuchten lasten. Dem Nächsten wieder nahetreten und beseitigen, was uns von ihm r rennt, das ist der Weg, der zum himmlischen Vater führt. Je mehr wir zrns auf Erden in geschwisterlicher Liebe und Eintracht verbunden füklen, desto sicherer sind wir der Gnadensonne des Himmels. Da Gottes Liebe »ns leuchten will, dürfen wir hoffen, datz bald wieder hrlder Frieden die Welt beglücken wird. Bis dahin gilt es aber, datz wir in kleinerem Kreise die Pfade des Friedens und der Liebe wandeln. Dazu gehört auch, datz wir freudig Herz und Hand öffnen, um jedweder Not zu steuern. Gaben für die Armen! Wir wollen gewitz nicht scheiden und Grenzen ziehen. Wir rermeinen vielmehr, datz es unsere Pflicht ist, wo i inner unsere Hilfe gefordert wird, zur Steile zu sein. Israels Kinder misten, was hier ihre Pflicht ist. Nur mögen wir nicht vergessen, injn? was uns auch i nheliegt, wostir nur wir einstehen können. Die heiligen Feste sotten den Geist der Weihe und Erhebung gerade silier die ausgießen, die die Schatten dieser trüben Zeit besonders empfindlich wahrnehmen. Auch für die kommenden Feste gelle: „Wo immer Glaubensgenoffen »:it uns feiern wollen, da mögen wir ihnen hierzu verhelfen". Denken wir an die Mannschaften in den einzelnen Garnisonen, vergesien wir nicht der Leidenden in den Lazaretten und schließlich auch derer nicht, die in den Banden der Gefangenschaft schmachten. Gerade auch den letzteren gehöre unsere Liebe und Sorgfalt. _ Der JSraelit. ____ notwendigen -Feststellungen müssen aber möglichst bald nach dem Eintreffen der Todesnachricht vorgenommen werden. Denn zu dem Zeitpunkt, wo die betreffende Frage aktuell wird, werden die Materialien in oen seltensten Füllen noch zu beschaffen sein, weil die Wahrnehmungen von Augenzeugen der Vorgänge unerläßlich sind, die Spuren aber, wie die Erfahrung lehrt, schon in kurzer Zeit sich verwischen können. Es ist Ihnen aber auch ohne Zweifel bekannt, daß in vielen Füllen Avelus ohne vorausgegangene rnxtp . gehalten worden ist, während nach den bekannten religionsgesetzlichcn Entscheidungen die Frage zu prüfen gewesen wäre, ob aus Grund der Todesnachricht aus dem Felde ohne Weiteres die religionsgesetzlichen Trauervorschriften in Kraft treten sollten oder nicht. Da infolgedessen die Bcfürchttlng nahe liegt, datz späterhin aus Grund der abgeyaltenen Trauer der Tod als erwiesen angesehen werden könnte, trotzdem den religionsgesetzZchen -Anforderungen über seine Feststellung nicht Genüge geschehen ist, erscheint es, um späteren Michschaulim vorzubeugen, angezeigt, sofort die betreffenden Kreise darauf aufmerksam zu machen, daß in der Abhaltung von Avelus keinerlei Präjudiz für die spätere Entscheidung der Schaalas Agunoh und dergl. enthalten sein kann. Um aber die wirkliche Entscheidung in allen Agunoh - Fällen möglichst gut borzuberciten, haben unsere beiden Verbände beschlossen, eine Zentralstelle zu errichten, welche den Beteiligten bei den Recherchen behilflich sein, gegebenen Falles die Recherchen ihrerseits aussühren und schließlich ein Archiv zur Sammlung der bei den einzelnen Fällen gewonnenen Materialien und Erfahrungen anlegen soll. Wir bitten Sie, alle in Ihrem Rabbinat vorkommenden Fälle an diese Zentralstelle (Adr.: Herr Distriktsrabbiner Tr. P. Kohn, Ansbach in Bayern) zu melden, und dieserIhre übgeschlvssenen Materialien entweder zur Kenntnisnahme, damit sie auch Ihre Erfahrungen für andere Fälle nutzbar machen kann, oder dauernd zu überlasten." Das Schreiben ist unterzeichnet vom Vorsitzenden der „Traditionell-gesetzestreuen Rabbinervereinigung" Dr. D. Hoffmann, Rektor des Rabbiner-Seminars zu Berlin, und dem Vorsitzenden des „Verbandes orthodoxer Rabbiner", Dr. S. Breuer, Rabbiner der Synagogengemeinde „Israel. Religionsgesellschaft" zu Frankfurt a. M. Aus dem deutschen Warschau. Warschau, 20. August. Zwei Mitglieder der jüdischen Hilfs-Kommission, die Herren Wegmeister und Farbstein, haben mit Erlaubnis der deutschen Behörde eine Reise durch die jüdischen Gemeinden auf dem rechten Weichselufer unternommen, um die Lage der jüdischen Bevölkerung zu studieren. Sie besuchen mittels eines ihnen von £er Militärverwaltung zur Verfügung gestellten Dienstautos die Städte Pjassetschno, Gri'tza, Gör, Nmschinow u. w. m. Sie haben die Aufgabe, überall die Voraussetzungen für die Wiederherstellung des Gemeindelebens festzustellen und damit die Grundlage für die weiteren Aktionen des Hilfskomitees zu schaffen. Wir danken es freudig unseren Behörden, daß sie weitgehendes Entgegenkommen zeigen, wo die Seelsorge der Gefangenen in Frage steht. Helfen wir alle, datz auch diesen Armen an ihren Stätten die Feier der heiligen Feste möglich wird und datz ihr Tischri an diesen Tagen nicht der Weihe durch rituelle Speisen entbehrt. Das erfordert große Mittel; wann wäre aber in unseren Reihen eine heilige Aufgabe unterblieben, nur weil man die Aufwendungen scheute? So wird auch unter dem Beistände des Allgütigen diesmal der Opsersinn nicht versagen. Das wird dann die würdigste Vorbereitung für die heiligen Feste sein, wenn wir jeder das Schriftwort anwenden: „bss ’jvbt ':rm “iß\s, Ich habe getan, ganz wie du geboten" und wir dabei im Sinne unserer Weisen vor dem Herrn bekennen dürfen: „Trnonpi Tiner, „Ich habe mich selbst gefreut und der Freuden schönste mir gesichert", indem ich andere erfreut habe." (Zwischen Lodz und Warschau.) Auf eine originelle, durch die Zeitverhältnisse gebotene Art verkehren augenblicklich die Lodzer Juden mit ihren Warschauer Glaubensgenossen „brieflich", nämlich durch Vermittlung des von uns wiederholt erwähnten „Lodzer Bolksblatts". Diese in jeder Nummer den Vermerk „Genehmigt von der Deutschen Militärzensur tragende, täglich zweimal in jüdisch-deutscher Sprache erscheinende Zeitung bringt nämlich in ihrem Anzeigenteil Inserate, die nichts anderes enthalten als kurze „Briefe" von Lodz nach Warschau. Die betreffenden Rubriken tragen die Ueberschrift „Grüßen vun Lodz kein Warschau" und behandeln rein private Angelegenheiten zwischen Absender und Adreffalen. Sie find sämtlich in hebräischen Schriftzeichen gedruckt; mehrfach ist jedoch die Adreffe und Unterschrift in Antiqua beigefügt. 26. August ISIS Die Abwanderung der Flüchtlinge aus Warschau nach der durch die Deutschen befreiten polnischen Heimat hält ununterbrochen an. Fast die Hälfte der Emigranten konnte unter weitgehendster Unterstützung der Behörden und des Hilfskomitees die Heimfahrt antreten. Die Zurückgebliebenen bestehen fast nur noch aus wirklich Heimatlosen, d. h. aus Leuten, deren Heimatorte — wie Sochaschew — gänzlich verwüstet wurden und nicht mehr existieren. Für diese Unglücklichen soll eine eigene Hilfsaktion organisiert werden. Wie zu Anfang in Lodz und anderen Städten, tauchen auch hier jetzt schon schwere Klagen über Uebergrtffe und Gewaltakte der Bürgermiliz auf, deren untere Organe — fast durchwegs Polen — Juden aus nichtigen Gründen oder ganz grundlos tätlich mißhandeln. Mögen die Angaben in den jüdischen Zeitungen auch etwas übertrieben sein, so wird man doch den Eindruck nicht los, daß einige niedere Elemente innerhalb dieser bürgerlichen Körperschaft kraft der ihnen von den Umständen zugefallenen Machtbefugnisse den Judenhaß, der im Kriege von der Boykotthetze zur Angeberei übergegangen war, nun in eine neue Phase zu bringen versuchen. Man darf jedoch zuversichtlich hoffen, daß, wie es anderswo bereits geschehen, auch hier die deutsche Verwaltung diesen Gelüsten bald ein jähes Ende bereitet. Rumänien. Kadi ruffifchem Muster. Bukarest, 16. August. Die Lokalbehörden der an der oft ungarischen Grenze gelegenen Gebiete erhielten von ihrer Regierung einen geheimen Befehl, wonach Juden die betreffenden Grenzgebiete nicht bewohnen dürfen. In der letzten Zeit haben daher in Marmornitza (Bezirk Dorohoi), Bicaz, Bistricioara, Prifecant, Plesesct, Palanca, Predeal, Eaineni, Comanesci usw. Judenausweisungerl stattgefunden. Trotz aller Jnterventionsversuche ist es nicht gelungen, von der Regierung einen Aufschub der Ausweisungen zu erlangen. In manchen Orten mußten die Juden innerhalb weniger Stunden unter Zurücklassung ihres gesamten Besitzes den Ort verlassen, in Marmornitza wurden sie durch Gendarmen verjagt. Auch die naturalisierten Juden mit Bürgerrecht und die Veteranen des UnabhängtgkeitsAteges wurden von der Ausweisung betroffen. Da unter den Ausgewiesenen großes Elend herrscht, ist eine Hilfsaktion eingeleitet worden. Der Grund zu dem Vorgehen der rumänischen Regiegung soll darin zu suchen sein, daß die Juden eine allzu österreichfreundliche Haltung zeigten. Amerika. Der SdilugaM der Sranh-CraoflBie- Werv-Kork) 18. Aug. Die einen starken Einschlag von Antisemitismus verratende Antt- Frank-Partei hat ihre Drohung wahr gemacht. 500 bewaffnete Leute brachen am 17. August in das Gefängnis von Milledgeville in Georgia ein, holten Leo Frank aus dem Gefängnis und hängten ihn an einem Baum auf, der dicht bet dem Hause stand, an dem vor zwei Jahren der Mord an dem Mädchen begangen wurde. Der Gouverneur hatte bekanntlich das Urteil in lebenslängliche Gefängnisstrafe umgeändert, was große Entrüstung unter dem Volke hervorgerufen hatte. Frank galt in den Augen aller Rechtdenkenden als unschuldig. Die Hetze gegen ihn war von langer Hand vorbereitet und hatte politischen Charakter. Personalien. Mainz, 24. Aug. AuS dem südöstlichen KriegSschauplatz kommt die traurige Nachricht vom Heldentode Philipp Kallners. Mtt ihm hat das Judentum wiederum der Besten einen verloren. Wer nur einmal mtt unserem Kallner zusammenkam, lernte in ihm einen feinen, außerordentlich bescheidenen Menschen und Je- * ,,;