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Der Israelit · 1915-08-26 · Heft 36 (26.8.1915) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 36 (26.8.1915)
Date
1915-08-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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26. August 1915 darauf in Petersburg unter Zuziehung des Abgeordneten Frie-mann stattfand, wurde diese Zumutung mit Entrüstung zurnckgewiesen. Man war, in Kenntnis der Lage und in Würdigung der Vorkommnisse, sich vottkommm darüber klar, daß man mit dieser Forderung, den Juden das Eingeständnis einer Schuld, die sie nie begangen, erpressen wollte, um damit die begangenen Schandtaten vor der Welt zu rechtfertigen und es als Ausgangspunkt neuer Judenmetzeleien zu benutzen. Eine mit Bezug auf diese Zumutung an das Ministerium gerichtete Erklärung des Abgeordneten Friedmann blieb, wie aus der Dumarede des Abgeordneten bekannt ist, unbeantwortet. Zum Problem. II. Ueber das Sch ulwesen äußert sich G o t h e i n wie folgt: „Jedem Volksstcnnm bezw. jeder Nationalität müßte es freistehen, eigene Schulen zu unterhalten. in denen der Unterricht in der Muttersprache erteilt >vird. Nur würde eS unerläßlich sein, in allen auch die ReichSsprache zu lehren und von Reichswegen Mindestleismngen festzusetzen, die im Unterricht erzielt werden müßten. Andernfalls würden diese gerade bei den im Bildnngsweien besonders rückständigen Natio'nalitäten zu kläglich sein. Vielleicht ivürde sich - wenigstens hinsichtlich des Unterrichts in der Reichssprache —- ernc Kontrolle durch Reichsvrgane als notluendig erweisen. Konfessionelle Schulen ivürde man — will man nicht einen zu starken Widerstand der alleorts sehr mächtigen Geistlichkeit Hervorrusen — ivohl zulassen müssen; freilich mußte es dem Andersgläubigen, ebenso wie dem Anderssprachigen freistehen, die Schule oer anderen Religion^ oder Sprachgemeinschaft zu besuchen, sofern eine solche der feinigen nicht am Platze ist. Träger der Schullasten würden wohl am besten die Sprachgemeinschaften — die „Nationsuniversitül", wie es im Sievenbürgischen heißt — werden. Ta, wo ihre Angehörigen eine andere Schule besuchen, würde sie für oiese ein entsprechendes Schulgeld zu vergüten haben. Da die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der einzelnen Nationalitäten eine sehr ungleiche ist, würde zweckmäßig von Reichs- oder Landeswegen ein allgemeiner Zuschuß gewährt werden, der nach der Kopfzahl der Schüler zu berechnen wäre." Die grundlegende Frage des Wahlrechts, die wir vor kurzem in zwei Aufsätzen behandelten, will Gothein dadurch lösen, daß er nationale Wahlkataster einführt, innerhalb derselben aber die Verhältniswahl. Dabei kommt ein, wie uns scheint, nicht ganz ungefährlicher Sondervorschlag zum Vorschein: es sollen den „kulturell höher stehenden" Nationalitäten, und als solche werden die Polen und die Deutschen bezeichnet, eine höhere Zahl von Mandaten eingeräumt werden, als ihrer Volkszahl entspricht. Hinsichtlich der Juden sagt Gothein: _Der JSraeltt. „Tb nir die Juden ein besonderes Wählkataster eingerichtet, ooer ne ihrer Sprache wegen in das gemeinsame für die Deutschen einbezogen werden sollten, ist eine schwer zu entscheidende Frage. Da indessen innerhalb des nationalen Katasters die Verhältniswahl Platz greifen würde, ist sie nicht von erheblicher praktischer Bedeutung; eine Majorisiernng der StammeöLeutschen ourch zionistische Juden wäre damit ausgeschlossen." Gothein scheint hier zu vergessen, daß bet aller Fülle von inneren Beziehungen der polnischen Juden zur deutschen Kultur die einfache Einschmelzung der jüdischen Wählerschaft in eine deutsche Wahlkurie eine geradezu lebensgefährliche Steigerung des polnischen Hasses gegen die Juden zur Folge haben müßte! Man kann wohl erwarten, daß sich bei sonst freundschaftlichen Beziehungen die Polen mit einer selbständigen jüdischen Wahlkurie abfinden würden, nimmermehr aber mit einer Beschlagnahme der seit Jahrhunderten in Polen wohnenden „polnischen" Juden für die deutsche Wahlkurie. Und die Vorbereitung von Judenpogromen oder eines wirtschaftlichen Vernichtungskampfes liegt doch wohl nicht in der Absicht der Gothein'schen Vorschläge. Nach kurzer Beleuchtung der wirtschaftlichen Interessen des westslawischen Gebietes widmet Gothein der ukrainischen Frage ein besonderes Kapitel. Er hält die Eingliederung der Ukrainer (Ruthenen) in ein polnisch-litauischlettisches Staatswesen für undurchführbar*) und befürwortet eine selbständige Ukraine (natürlich mit Ausschluß Galiziens). Wichtiger für uns als das Ukraine-Problem, das zur Zeit weit weniger aktuell ist als die polnisch-litauische, ist dagegen die am Schlüsse von Gothein aufgeworfene bedrückende Frage, was aus den bei Rußland verbleiben den „FremdVölkern" werden soll. Sollen sie, sollen die Juden vor allem, den russischen Henkern rettungslos überliefert bleiben? Gothein äußert darüber den folgenden bemerkenswerten Gedanken: _ „Würden aus diese Weise in den neu zu bildenden staatswesen die sprachlichen bezw. nationalen Minderheiten vor Vergewaltigung durch die Mehrheit geschützt, vermöchten ne unter diesem Schutz ihre Nationalität zu bewahren und zu pflegen, so würde diese Sicherung den bei Rußland verbleibenden anderssprachigen Volkssplittern nicht gegeben sein. Es ist im (Gegenteil zu befürchten, daß der <tuf falsche Bahnen geleitete russische Nationalismus nach dem Kriege —f—- *) Instruktiv ist zu diesem Problem eine soeben in der Sammlung „Weltkultur und Weltpolitik" erschienene Broschüre von Stephan Tomasch iwskpi: „Die weltpolitische Bedeutung Galiziens" (München 1915. F. Bruckmann A. G.) Man merkt der Broschüre an, daß sie zu einer Zeit geschrieben wurde, in der die Niederringung des russischen Kolosses noch in weiter Ferne zu liegen schien; aber ihr Tatsachenmaterial ist wertvoü. No. 36 Sette 3 ihre Mißhandlung fortsetzen ivürde. A n ch i m F r rede n s v e r t r a g vorgesehen,. S ch u tz b e st i mitiintgen für inRnßland lebende Deutsche, Juden, Polen, Ruthenen, Letten, Türken u.s.w. dürften im Wesentlichen aus dem Papier stehen bleiben. Wirksam vermöchte man diesen damit zu Helsen, daß man ihnen int Friedensverttag für eine gewisse Duner vielleicht bis 3 Jahre nach Friedensschluß - das Recht nnswirkte, für eines der neu z u bildenden, e v e n t l. auch für eines der d e n Frieden schließenden Staats Wesen zu optieren. Den Optanten müßte eine iücitcrc Frist von vielleicht 3 oder 5 Jahren zugestanden werden, innerhalb welcher sie ihren russischen Besitz liquidieren und auswanderv könnten. Die neu-zu bildenden Staatswesen würden zu verpflichten sein, diese Optanten aufzunehmen, ihnen die Niederlassung überall frei zu gestatten und ihnen die Ansiedlung tunlichst in nationalen Gemeinde» zu ermöglichen. Soweit es sich inn landwirtschaftliche Bevölkerung handelte, würde durch Austeilung übernommenen * Domänenbesitzes die bäuerliche Kolonisation zu befördern sein. Schon der Parität halber müßte das Optionsrecht auf Gegenseitigkeit beruhen, sodatz auch die Russen der ncugebildeten Staaten sAr Rußland, die Ruche - nen in Polen für die Ukraine und umgekehrt optiere;? könnten. Dagegen wird man Deutschland nicht wohl die Verpflichtung auferlegen kömren, alle ihm von dort zuströmenden Elemente ohne Rücksicht aus Stamm es eigen schuft aufzunehmen. Denüchland ist ein nationales Staatswesen: darin liegt seine Stärke; und wenn es auch in Zukunft die heilige Pflicht hat, allen fremdsprachigen Volkssplittern die Pflege ihrer Svrache and sonstigen Kulturgüter zu erleichtern, kann es doch nicht den Wunsch haben, diese Splitter zu vermehren." Auf die Juden angewandt, würde die Gothein'sche Anregung besagen, daß man ihnen das Recht der Auswanderung aus dem heiligen Rußland nach „irgendwohin" sichern müßte. Die Aufgabe der jüdischen Gesamtheit wäre es heute schon, diesem „Wohin?" die Antwort zu suchen, vor allem aber den von Gothein projektierten „westslawischen" Staat so zu gestalten, daß auch die am meisten gehetzten und verfolgten Opfer russischer Barbarei, die Juden, dort ein Stücklein Heimat finden können. Lorrespondenzen und Nachrichten Deutsches Reich. Arankfnrt a. W., 25. August. Seitens des Kriegsministeriums sind bisher allgemein gültige Anordnungen über die Gewährung von Ich bleibe eine Weile im Hose stehen und weide mich an dem hundertstimmigen Thoragesange. Es ist Die kleinere Ieschiwo, die den Namen des großen Rabbi Jzchol Elchonon trägt („Kneseth Beth Izhat") und in der zur Zeit „nur" 250 Jünger dem Talmudstndrum obliegen. Nur die jüngeren Jahrgänge sind anwesend. Alle älteren Bächurim mitsamt den Dozenten und Maschgichim sind der Einladung zur Hochzeit eines Jeschiwohkollegon gefolgt, der sich mit der Frau zugleich auch das Rabbinat in einem Nachbarstädtchen erheiratet. Die Jungen sind sich secbst überlassen, haben aber kein "Auge für mich, so vertieft sind sie in ihre Folianten. Hier und da sieht man eine kleine Gruppe helläugiger Knaben lebhaft und fast handgreiflich über einen schwierigen Taussaus oder „harben Maharschoe" disputieren. Die meisten stehen einzeln vor ihren leichten Ständern, die sich mit ihrem Oberkörper heftig hin und her bewegen ttltd singen sich mit heiter Begeisterung in jenem eigenen bezaubernden „Gemoronigun" die schwierigsten To.lnmdprobleme in den noch sorgen teeren K opf . . Wie wunderwirkend muß doch der hier waltende pädagogische Geist sein, daß er sv aus alle äußeren Disziplittsmittel verzichten kann. Man versuche es einmal in einer modernen schule, mehr als 200 Jungen, zumeist im sogenannten „Flegelalter", einen halben Tag w ohne Aussicht zu lassen! Hier ist es ein großes Ziel, das schon der Jüngsten Blick fesselt und ihr Interesse ganz in Anspruch nimmt, sodaß nicht der geringste Raum in ihrer jungen Seele für anderes Tun und Wollen übrig bleibt. An „Naseweisen", die die aussichtslose Zeit benutzen, um den Lehrern ein Schnippchen zu spielen, fehlt es freilich auch hier nicht. Sie kramen in geheimen Schränken herum und suchen in alten seltenen Kommen.aren Nach unlösbaren >,Kaschjes", mrt denen sie dem Rad ui eine Falle zu stellen hoffen. . . (Anm. d. Red. : Ueber die Neugestaltung der Dinge in dieser anscheinend jetzt fndeureinen Stadt verlautet noch nichts. Doch haben wir Schritte getan, um bald tut Besitze authentischer Berichte zu sein.) (Hill Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Wreschen. Alles Große und BedeMende wirft sein Licht bereits voraus. Nicht tritt es plötzlich und unerwartet ein. Wie die Nacht von dein Morgen nicht durch einen unmittelbaren Uebergang aus dem Dunkel zum Lichte abgelöst wird, so gehen wir von der Werketage Sorgen und Mühen' zu des Sabbats oder des Festes paradiesischen Freuden durch die lichtvollen erwartungsreichen Stunden des Rüsttages über. Will nun der sabbatliche Monat bei uns einziehen, der alle Töne religiöser Empfindungen auf den Saiten unseres Herzens erklingen laßt, dann werden wir schon lange vorher auf die heilige Zeit hingewiesert. Des Schofars allgewaltige Stimme rüttelt uns auf, um unsere Gedanken zu samrneln und unser Herz empfänglich zu machen für die reichen, segensvollen Saaten, die der Tischri ausstreuen soll. Mit den Tönen, die der Dichterfürst seiner wundersamen Leier entlockt, sprechen wir bereits vier Wochen vor dem ersten Festtage täglich morgens und abends: „xnx ’oo W’i nix n, Gott ist mein Licht und mein Heil, vor wem soll ich mich fürchten, Gott die Schutzwehr meines Lebens, vor wem soll ich zagen! . . . nrn ara nrer ’a, denn er birgt mich in seiner Hütte am Tage des Unglücks". Mit ihrer tiefen Gemütsinnigkeit und vollen Gedankenschärfe haben unsere alten Lehrer jeden heiligen Brauch unserm Verständnis und unserem Herzen näher zu^bringen verstanden. Und so sehen fie in den hier angeführten Sätzen bereits die Gaben angedeutet, mit denen uns die Tischrifeste bedenken. „Der Herr ist mein Licht — am Neujahr", wo wie der Mond verdunkelt ist auch über unsere Zukunft völliges Dunkel gebreitet liegt, da ist gar erhebend der Aufblick zu dem, der unser Licht ist, der alle Finsternis zum Schwinden bringt. Und wollen wir in dieser Erkenntnis sodann gegen die finsteren Mächte in unserer eigenen Brust kämpfen und zagen wir bei der Schwere dieses Ringens, dann kommt der *iim av und zeigt uns unsere Kraft und schärft uns ein, einem jeden gleich eindringlich: „Der Herr ist mein Sieg." Dänn kommt das liebliche Sukaus als unser Siegesfest und wir lernen an ihm, daß „im Schatten des Höchsten weilt, der im Schutze des Höchsten lagert", „denn er birgt mich in seiner Hütte am Tage des Unglücks". So bringt uns der Monat Elul bereits die erhabenen Gedanken der kommenden Festzeit näher und versetzt uns in jene Stimmung, die uns befähigt, uns an jenen Tagen mit fühlender Seele und mit sinnendem Geiste um das Panier unserer Religion zn scharen. Der Monat Elul will aber nicht nur unfern Verstand und unser Gemüt mobil machen für das heilige Ringen nach Herzensruhe und Seelenfrieden, er möchte auch auf unfern Willen einwirken. Auch da verdanken wir unseren Alten manch sinnige Deutung. Wir beschränken uns auf zwei ihrer Weisungen. Der Name des Monats Elul, sagen sie, nennt uns die Anfangsbuchstaben der Werte jenes Satzes aus dem „Lied der Lieder", der den Liebesbund zwischen Gott und Israel besingt: „b nni *:x, Ich meinem Trauten und mein Trauter mir." Weihe ich mich voll und ganz dem himmlischen freunde, so gehört auch seine Liebe mir. Und wie wir uns dem Herrn weihen sollen, auch das ist nach denselben Weisen in dem Worte ^x angedeutet. Denn dieses erinnert durch seine einzelnen 1144

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