Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 36 (26.8.1915)
- Date
- 1915-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Veite 1 fit. 36 Der Sitfteltt. 26. August 1» fc Sache wieder ab ziehen. Das Bild wiederholte sich auf jeder Station, wo die Soldaten, Beamten und anwesenden Christen mit Beschimpfungen und Drohungen die durchfahrenden „Verräter" begrüßten. Was sich inzwischen in den Wagen abspielte, sucht in der Geschichte des finstersten Mittelalters seinesgleichen. Kinder im Alter von 8 und 10 Jahren kamen von Sinnen. Ein achtjähriges Mädchen schrie in einem fort entsetzlich nach der Mutter, die aber nirgends aufzufinden war, und mußte in Wilna ausgesetzt werden. Eine Frau kam unter unsäglichen Leiden ohne Hilfe nieder, vor den Augen aller Mitreisenden. Bis Minsk rollten die Züge unaufhaltsam tagelang weiter. Hier spielte sich eine Szene ab, die dem Ganzen die Krone aufsetzt. Die ganze große Minsker Gemeinde hatte sich in Bewegung gesetzt, um das „vertriebene Kowno" aufzunehmen. Es ging eine telegraphische Bitte ans Ministerium ab, ihnen, den Minskern, die ganzen 30.000 Menschen zu überlassen. Sie wollten brüderlich mit ihnen den letzten Bissen teilen. Alle, ohne Ausnahme, selbst die Aermsten, erklärten sich bereit, eine oder mehrere Familien in ihr Haus aufzunehmen. Keine Antwort. Da rüstete man sich wenigstens, die Durchziehenden gastlich zu verpflegen, und in wenigen Stunden waren ganze Mengen von Kleidern und Lebensmitteln gesammelt, mit denen man an die Bahn hinausfuhr. Hier aber das gleiche Bild wie überall. Der „Judenzug" war von Kosaken und Gendarmen umgeben, und keiner bekam Zutritt. Da drang Plötzlich ein verzweifelter Schrei zum Wagenfenster hinaus und das verstörte Gesicht einer jüngeren Frau wurde sichtbar, die händeringend bat, ihr ihr sterbendes Kind abz«nehmen. Jetzt war ein paar jüdischen Studenten aus Minsk der Geduldfaden gerissen ui d sie drangen durch die Soldatenmauer. Ein hartes Ringen begann und es wurden Schüsse gewechselt, sodaß einige der Jünglinge zu Boden fielen, während es den anderen gelang, sich auf das Wagenbrett zu schwingen und das kranke Kind, einen im Hochfieber glühenden achtjährigen Jungen, aus der Hand der verzweifelten Mutter in Empfang zu nehmen. Rasch wurde das kranke Kind in Betten und Tücher gehüllt, und so schnell sie die Füße trugen, liefen die tapferen Jünglinge mit ihrer heiligen Beute die Straße hinauf, zum jüdischen Spital. Aber schon war der Vorgang von der Wache bemerkt worden und es begann eine witde Aagd der öerittenen Kosaken durch die Straßen Minsks nach dem stervenden Kinde. Bald waren die „Verbrecher" erreicht und das Kind wicder in den Wagen geworfen. Die Studenten wurden blutig geschlagen und in Haft genommen. Oberhalb von Minsk, im Innern Rußlands, Kleines Feuilleton. Zn Kowno. (Schluß.) Allmvrgenlich mit dem Tagesanbrüche werkt mich im raten Ziegelhnuse der hundertstimmige Lernchor im „Alten Beshnmedrasch" nebenan. Und bei diesem Mi Mtgc steigen verschwundene Jahrzehnte aus der Ve:.seut'mlg der Zeit noch einmal vor meinem Geiste aus und hundert verflogene Träume der goldenen Iu-eudzeit verklären wieder die Sinne wie eheöei.r ... Dann richte ub mich im Bette auf und lausche. Wi.vier bei indischen Sehnsucht und Hoffnung in diesen schmelzenden Tönen in den jungen Tag hinausllingen! Das Lernen verstummt. Es ist Zeit zum Morgengebete und das Beshamedrasch gehört jetzt den kleinen Leuten oer Ltrage. Nicht "eigentlich das Beshamedrasch selbst. In ihm haust ein ganzes Heer von Maurern und Zimmerlcnten. Der Ra^bbiners i tz, um den heiße Schlachten ausgefochten werden.. ist zur Zeit besetzt oder richtiger „bestellt" von einem simplen Weißbinder, der auf dem hiftorrschen Platz ohne jede Spur von Respekt klopft und hämmert und rrach rechts und links schmiert. Der ganze Raum ist ein Bild der Zerstörung. Es wird darin alles neu üvertünchl und „nach dem Geschmacke der Zeit" verpinselt. Zwanzig jüdische Hände sind an der Arbeit, alles von Grund auf nmznmodeln. Man muß sich mit den Nebenränmen behelfen. fing man an, die Wagen nach und nach ganz nach Willkür auszuladen. Hier und da wurden 100, 200 oder 500 Stück „abgeworfen." Dann rollte der Zug mit dem „Rest der Fracht" weiter. Weit schlimmer als in Kowno und in den anderen größeren Städten erging es den Unglücklichen in den Städtchen und Dörfern, die weitab von der Eisenbahn liegen. Die ganze Gegend um Schawl, Keidani und Wilkomir herum wurde ganz plötzlich über Nacht von Juden gesäubert. Hier mußte der Weg zu Fuß angetreten werden, oft in Gruppen von mehreren Tausenden. Die Landstraßen waren aber angefüllt von Soldaten, die die Wandernden nach Herzenslust mißhandelten, und die meisten Fälle von Schändungen kamen auf diesen Straßen vor, in einer Weise, daß sich die Feder sträubt, sie nur andeutungsweise wiederzugeben. Ein Trick der Militärverwaltung war es, den Juden angeblich aus Verdacht der Spionage, zu verbieten, die Hauptstraßen zu benutzen. Sie waren auf abgelegene Feldpfade und Waldwege angewiesen, wo sie den aufsichtslos umherziehenden Kosaken einfach auf Gnade und Ungnade ausgeliefert waren. Im Städtchen Serednik, auf dem rechten Njemenufer, in der Mitte zwischen Kowno und Jurburg gelegen, befinden sich etwa 20 jüdische Familien. Als die Deutschen das Städtchen besetzten, zeigte sich, das ist notorisch bewiesen, kein einziger Jude auf der Straße. Als noch am gleichen Abend die Russen wiederkamen, war ihr erstes, sämtliche Juden, die in ihren Kellerverstecken von der Wendung der Dinge noch nichts wußten, auf dem Markte zusammenzutreiben und sie grausam mit Nagaika und Kolben zu bearbeiten. Dann wurden die 19 anwesenden Männer in Reih' und Glied aufgestellt, und es wurde bekanntgegeben, daß sie alle erschossen würden. Mehrere Stunden standen die Delinquenten den Gewehrläufen der Soldaten gegenüber, die des Kommandos zum Abfeuern harrten. Frauen und Kinder standen dabei und mußten die Todesangst der Männer und Väter miterleben. Im letzten Augenblick erklärte der Offizier, daß er von einer Füsilierung vorläufig absehe, sie sollten aber alle einen „Laufm arsch" nach dem zwölf Werst entfernten Städtchen Armenischki antreten. Das verzweifelte Laufen der Geängstigten begann. Hinter ihnen her die Kosaken zu Pferde. Die Alten und Schwachen faßten sich bei den Händen und liefen weiter. Atemlos mit Schweiß und Blut bedeckt in Armenischky angelangt, wurden sie in einen Keller gesperrt, in dem drei Personen erstickten oder ihren Wunden erlagen. Tags darauf wurden sie in der gleichen Weise wieder Wie ein stolzes Schiss am hoher See von einer Menge kleiner und großer Rettungsboote umgeben ist, so rst dem alten Beshamedrasch zu iitilmto eine ganze Flucht von Nebenräumcn, Borsälen „^tüblach" angehängt, in die sich nun die von den Maurern und Weißbindern verdrängte Lehre und Andacht geflüchtet haben, in denen sic sich geborgen füllten. AU diese Räume sind angefüllt von betenden Menschen. Es sind meistens Leute aus den Mederungen -des Lebens, die es sehr eilig haben, Arbeiter und Handwerker, d'e die „Frühminvonim" benutzen. Hier finde ich auch meinen Kutscher wieder. Sein Pelzhavelock ist vom Talis ganz umhüllt und der Blechzylinder hat sich vor dem großen schwarzglänzcnden Tefillingehärrfe respektvoll nach dem Nacken verschoben. Etwas holperig, aber rasch und sicher taumelt er über die schwierigen Gebetpactieen, als wären es Fahrthindermsse auf dem krummen Pflaster.... Minjan auf Minjan folgt, und haben alle Beter die Räume verlassen, nimmt wieder die lernende Jugend von ihnen Besitz. Drei Jeschiwok,abteilungen haben hier ihr Heim. Und w geht es von früh bis spät auch in den anderen Lehr- und Bethüufcrn der Stadt. Im „N eiten Beshamedrasch" lernen morgens und abends die tyoraknudigen „Baale Battim"/ In „N a v j a s e r s K l n u s" arbeiten an hundert „ P e r u s ch i ur " Tag und Nacht an ihren , rabbinischen Ansbilonng. Kerne Straße, kein Bier-» tel, in dem nicht eine solche Stätte wäre, wo sich das Elend hineinflüchten kann, um sich eine Weile selbstvergessen an jüdischem Lichte zu erwärmen und zu ergötzen . . . In den Lehr hü usern zu Slabodko. Gemächlich plätschernd in der leisetroterischen Art des Littauers kommt die „W i l i j a" aus der WilnTer .Gemarkung geschlichen, umkreist, sich diskret durch nach Serednik gepeitscht. Auf diesem Marsche fiel der sechzigjährige Wundarzt Kaplan und stand nicht mehr auf. Den Schluß bildete die Erschießung des 19jährigen Melnik und eines angesehenen Juden aus dem Städtchen, namens Schamanski. Zwölf Tage lang lagen hier Frauen und Kinder im Walde versteckt, wo sie sich förmliche Schützengräben aushoben, um sich den Kosakenaugen zu verbergen. Als man in Petersburg von den Vorgängen erfuhr, bemächtigte sich eine unbeschreibliche Aufregung der Spitzen der jüdischen Bevölkerung. Der Vorsitzende der Gemeinde, Herr Warschawski, begab sich sofort mit einer Deputation zum Minister des Innern. Der Minister empfing sie und legte den Herren nahe, sie möchten dafür sorgen, daß „in Zukuft so etwas bei den Juden nicht vorkomme." Als sie ihn baten, klipp und klar zu sagen, was bet den Juden vorgekommen sei, und wessen er sie bezichtige, berief er sich auf Mitteilungen und Bekanntmachungen der Militärverwaltung und auf den bekannten Fall von Kuzh . . . Aeußerst deprimiert kehrten die Herren heim und mußten zu ihrem Entsetzen erfahren, daß während ihrer Audienz beini Minister, die Militärverwaltung in der Hauptsynagoge zu Petersburg und in der Wohnung des Herrn Warschawski sowie eines Rabbiners Haussuchungen abhalten ließ und besonders nach geheimen Drähten und Telefonapparaten suchte. Es setzten bald große Sammlungen ein, die Hunderttaufende ergaben, und eine Hilfsaktion in großem' Stile (wir haben darüber fortlaufend berichtet, D. Red.) tvar eingeleitet. Die ersten Äusgetriebenen aus Kurland strömten nach Riga. Der Strom aus dem Gouvernement Kowno, aus dem allein 200000 Juden ausgewiesen wurden, ergoß sich zunächst nach Wilna. Die Grenzen dieser beiden Städte wurden aber bald durch Kosakenketten gesperrt. Die Flüchtlinge wurden am Eingänge von Wilna mit Nagaikaschlägen empfangen und auf Seitenwege abgedrängt, sodaß sich die Städtchen um Wilna herum in ganz ungeheurem Maße mit Juden füllten. Nach vollzogener Tat ließ der Generalgouverneur von Wilna, Fürst T u m n o w, der die ganzen Austreibungen, wie man sagt, auf höheren Befehl des Großfürsten, geleitet hatte, die Vorsteher der Gemeinden zu Petersburg und Wilna wissen, daß er bereit sei, die Juden des Gouvernement Kowno, unter Ausschluß der Gouvernementhauptstadt selbst, in die Heimat wiederkehren zu lassen, unter der Bedingung, daß die Genreindcn aus den Kreisen der angesehenen Rabbiner und Vorsteher Geiseln stellen. In einer Komiteesitzung, die die Festungswerke Bahn brechend, die Stadt und sinkt dann am Kopfe derselben etloas wildbruusend dem Vater „Niemen" in die Arme. Unweit ihrer Mündung erhebt sich hoch über ihren Spiegel eine auf steilen Pfeilern ruhende Holzbrücke, die bedenklich wackelt und dumpf ächzt unter der Last der Zeit und der rollenden Fuhrwerke. Ter Fremde schielt verstohlen nach dem Wasser und konstatiert mit einiger Beruhigung, daß es mit denk vietgerühmten Tiefstände in diesem Lande an dieser Stelle keine Gefahr hat.... Drüben beginnt Slabodko. .Es wird eingeleitet durch ein regelrechtes trostloses Sandmeer. Ein vierbeiniges geduldiges ein- oder zweihökeriges Wüstenschiff wäre hier am rechten 'Platze. Unser Wagen — es ist der gleiche, der mit Gummirädern durch die Lust schwebt" - kommt hier nicht vom Flecke. Das mutet unser Fuhrmann dem treuen Tiere auch gar nicht zu. Ersteigt dom Bock herab und Hilst wacker mir, sv gul es geht. Und es geht mit vereinten Kräften wirklich. Endlich haben wir uns ans oem Sande glücklich herausgearbeiret, und eine breite schlechtgepflasterte Straße, zu deren beiden Seiten endlose Reihen kleiner grauer Hol'bäuSchen in der Mittagssonne schlnznmern, empfängt uns. Es ist keine lebende Seele Iveit und breit zu sehen. Und in das fließende Sonnengvld der Straße werft unser Wagen den einzigen störenden Schattenpunrt. Bor einem offenen Hostor macht das Pferd von selber Halt. Es ist ein heller Kopf, ein echter „Litwnk", grundgescheidt und knochig und feinhörig auf die leisesten Geräusche ^reagierend. An den kosenden, lockenden Tönen, die aus diesem Hose in die Friedhofsstille der Straße dringen, gcht es nicht achtlos vorbei...